Kontrast-Begegnungen

In Berlin, wie wohl in den meisten Großstädten, prallen unterschiedliche Lebenswelten hart aufeinander. Das merkt man besonders, wenn man nicht mit dem Auto unterwegs ist, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuß. Beides tue ich hier intensiv und versuche dabei, möglichst vieles um mich herum wahrzunehmen, eben auch die Menschen, denen ich so über den Weg laufe.

Vor ein paar Tagen hab ich vom Zentrum am Hauptbahnhof aus abends nochmal einen Spaziergang ins Regierungsviertel gemacht. Von hier aus brauche ich nur etwa 15 Minuten durch den Hauptbahnhof hindurch über die Spreebrücke, um auf der weiten Freifläche zwischen Bundeskanzleramt (laut Stadtführern auch „Bundeswaschmaschine“ genannt) und Reichstag anzukommen.

Auf diesem Weg im Spreebogen kam mir ein junger Mann entgegen, der mich in gutem Englisch mit osteuropäischem Akzent ansprach: „Es ist nicht leicht, Menschen so anzusprechen, aber vielleicht können Sie mir auch helfen, das Geld für eine Fahrkarte zurück in mein Heimatland zusammenzubekommen.“ Er öffnete seine Hand und zeigte mir die etwa 15 Ein- und Zwei-Euromünzen, die er schon gesammelt hatte.  Ich fragte natürlich nach und erfuhr Folgendes: Er käme aus Bulgarien, sei seit etwa zwei Monaten in Berlin und suche seit dem vergeblich nach Arbeit. Eigentlich wolle er es noch weiter versuchen. Aber wenn er feststellen würde, es hätte keinen Zweck, wolle er dann jedenfalls das Geld für die Rückfahrt zusammen haben. Im Übrigen seien 10 € pro Nacht für ein „hostel“ auf Dauer ziemlich viel.

Was er denn für eine Arbeit suche, fragte ich. „Any job“, war die Anwort, egal was, Hauptsache Arbeit. In Bulgarien hätte er Aquarien eingerichtet und verkauft (also vielleicht in einer Zoohandlung – ich habe nicht genauer nachgehakt), aber damit könne er hier ja wohl nichts anfangen.

Arbeit kann ich ihm natürlich nicht vermitteln. Aber ihm 10 Minuten meine volle Aufmerksamkeit schenken, ihn als Mensch wahrnehmen, ein paar Euro dazulegen, ihm alles Gute wünschen – und auf meinem Weiterweg für ihn beten. Ich denke noch länger darüber nach, was solch eine Begegnung zwischen Reichstag und Bundeskanzleramt eigentlich mit mir macht… Und: Wie unglaublich viel undifferenzierter Schrott über die angeblich bösen Südosteuropäer erzählt wird. Hier treffe ich auf einen gebildeten jungen Mann, der sich für nichts zu schade ist – und (inzwischen?) realistisch sieht, dass er mit seinem Wagnis im Neuland auch scheitern könnte.

 

Als ähnlichen Kontrast erlebte ich zwei „locations“ in der Nähe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis Kirche. Da ich ja beschlossen habe, hier grundsätzlich neugierig zu sein, bin ich in das relativ hässliche Kaufhaus gegenüber gegangen – und stieß zu meiner Überraschung auf ein WP_20140503_18_51_55_Prohochmodernes, futuristisches  Innenleben mit Designerläden, Veranstaltungsräumen und einer gläsernen Rückwand mit Blick auf den Pavianfelsen im Zoo! Auf der obersten Ebene gibt es eine große Dachterrasse mit weiterem Blick in den Zoo, einem ober-stylischen und teuren Designerladen mit angeschlossenem Café: Das Ganze trägt – wohl nach der Form des neuen Grundrisses – den hippen Namen „bikini berlin“. Die Leute, die dort einkauften und Kaffee tranken, passten dazu (ich fühlte mich leicht underdressed und hatte keine coole Sonnenbrille dabei).

Auf dem Heimweg sah ich dann im Bahnhof Zoo diesen Wohnungslosen mit seinen wenigen WP_20140503_19_00_25_ProHabseligkeiten auf einer Bank schlafend – im Sitzen! Wie mag seine vorige Nacht ausgesehen haben. Und wieder kommt die Frage: Was macht das mit mir, der ich einen sicheren Beruf habe, eine Wohnung, eine Familie…

Dieser Kontrast prägt auch die Arbeit der Stadtmission. Zum Beispiel in der Bahnhofsmission am Zoo, die inzwischen regelrecht berühmt ist (und beste Kontakte zur obersten Führungsspitze der Deutschen Bahn hat). Wer darüber mehr wissen möchte, kann sich ja mal folgenden Fernsehbeitrag  anschauen:

http://www.ardmediathek.de/rbb-fernsehen/himmel-und-erde/hummer-oder-wurstbrot-zwei-gastgeber-am-bahnhof-zoo?documentId=21009190

Auf dem Rückweg begegnet mir übrigens auf dem südlichen Bahnhofsvorplatz noch dieser Zeitgenosse, der sein Abendessen – eine Maus – in der Schnauze trägt:

Fuchs auf Bahnhofsvorplatz-compr

Bis zum nächsten Beitrag (wahrscheinlich über eine paradiesische Entdeckung im Grundewald).

Euer/Ihr

Gerold Vorländer

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Ein Gedanke zu „Kontrast-Begegnungen

  1. Ute Hoheisel

    Hallo Gerold,
    voller Interesse habe ich auch diesen Bericht von Dir gelesen. Es hört sich so spannend an. Wenn mich meine Augen nicht täuschen, ist dieser Zeitgenosse auf dem Foto tatsächlich ein Fuchs mitten in Berlin!?!
    Beste Grüße aus dem sommerlichen Köln
    Ute

    Antwort

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