Qualifizierte Minderheit!

„Tschuldijung, wat is det für ne Veranstaltung hier?“WP_20140529_11_11_48_Pro

Wir stehen mit ein paar Hundert Menschen auf dem Vorplatz der Marienkirche direkt am Alexanderplatz und haben gerade weiße Luftballons mit Gebetsanliegen in den Himmel fahren lassen.

Der „Wandelgottesdienst“ zu Christi Himmelfahrt hatte im gut gefüllten Berliner Dom begonnen mit einem hochlutherischen (in England wurde man sagen „anglo-catholic“) Wortgottesdienst mit brausender Orgel und hochwertigem Männerchor. Dass das echt evangelisch war, merkte aber spätestens jeder, als die Dompredigerin die Hochkanzel betrat und in für moderne Menschen verständlichen Worten das Evangelium des lebendigen, gegenwärtigen Christus bezeugte.

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Der Gesang auf dem öffentlichen Weg vom Dom zur Kirche St. Marien (vorbei an der Stadtschloss-Baustelle) wurde begleitet vom Posaunenchor aus Moabit auf einer Pferdekutsche.
Und dann kam eben die Frage der – ich möchte mal sagen – „Beobachterin“. Eine ältere Frau aus der Gemeinde antwortete ihr ein wenig indigniert: „Wissen se nich, wat heut für’n Tag is“. – „Det weiß ik.“ War die ebenso leicht indignierte Antwort. „Aber ikke wohn da hinten. Und det hier jabet noch nie!“
Ich weiß nicht, ob sie uns dann in die Marienkirche gefolgt ist, in der als zweiter Teil die  wunderbar energievolle Himmelfahrts-Kantate von Carl Phillip Emanuel Bach in Auszügen aufgeführt wurde. (Dabei sind die drei Trompeten, Hörner und die Pauke fast im Dauereinsatz).

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Aber ich dachte: Hier in Berlin merkt man fast täglich, dass wir Christen wirklich nur eine kleine Minderheit sind. Aber eine qualifizierte, die keinen Grund hat sich zu verstecken oder ängstlich zu sein.
Am Vorabend hatte ich übrigens meine eigene Premiere bei den Domandachten.

WP_20140528_17_42_55_ProDas hat schon was, diesen riesigen Sakralraum – ob man ihn nun faszinierend findet oder überladen – aus einer Perspektive zu sehen, die man als Tourist niemals einnehmen darf. Vor allem aber hat es was, zu etwa achzig zufällig oder bewusst herein gekommenen Menschen zu sprechen, die hier (größtenteils) sehr aufmerksam an der Andacht teilnehmen. Am Ausgang sprechen mich zwei englische Ladies an (aus London und Canterbury) und bedanken sich herzlich für diesen wundervollen Gottesdienst. Sie hätten zwar die Worte nicht verstanden, aber die Orgelmusik und der Gesang seien so schön gewesen, „and the spirit touched us“ (der Geist hat uns berührt). Die Kommunikation mit dem italienischen Priester, der mich anschließend ebenso begeistert in seiner Sprache zutextet, fällt mir etwas schwerer. Denn im Unterschied zum Englischen kriege ich hier nicht viel mehr als „si“ und „molto grazie“ hin.
Es ist aber nicht nur der große Rahmen, der zu interessanten und geistlich intensiven Begegnungen führt, sondern auch das ganz kleine Format. Täglich hält einer aus dem Stadtmissionsteam eine Andacht in unserem edlen Hotel Albrechtshof, drei Minuten vom Bahnhof Friedrichstraße.

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Bei meiner Andacht gestern Morgen in der Martin-Luther-King Kapelle, dem „Stillen Ort“ des Hotels waren (nur) zwei Gäste: Ein deutsches Ehepaar, das vor längerer Zeit nach Südafrika ausgewandert ist und im Rahmen des jährlichen Verwandtenbesuchs diesmal einen kleinen Berlinaufenthalt eingebaut hatte. Nach der Andacht ergab sich ein längeres Gespräch.
Christen als Minderheit? Mag sein. Aber keine Angst. Denn:

„Jesus Christus herrscht als König, alles wird ihm untertänig, alles legt ihm Gott zu Fuß. Aller Zunge soll bekennen, Jesus sei der Herr zu nennen, dem man Ehre geben muss.“WP_20140528_17_42_22_Pro

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Ein Gedanke zu „Qualifizierte Minderheit!

  1. B u. C Noack

    Lieber Gerold, es ist wirklich ergreifend, welche Erlebnisse du in der Großstadt hast. Ganz herzlich Dank, für die ausführlichen Berichte. Jeder für sich was besonderes, Der über den Grunewald hat mich extra angesprochen, weil wir die Gegend dort kennen. Ich schrieb dir dazu eine E-Mail. Weiter so. Dass das Hotel Albrechtshof eine eigene Kapelle hat, finde ich toll.
    Herzliche Grüße Bernhard

    Antwort

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