„urban gardening“ in Kreuzberg…

… und was Kirche davon lernen kann.

Was unterscheidet einen Schrebergarten von urban gardening?

Z.B. Schrebergärten haben ein Häuschen, Bürgersteig-Gärten nicht. Oder: Schrebergarten ist spießig, urban gardening ist hipp. Vielleicht zu einfach.

Als ich letzte Woche mal wieder durch Kreuzberg lief, fiel mir ein, dass wir hier im März über einen „Platzhalter“ für ein Bürgersteig-Beet gestolpert sind: „Keine Hunde-kake!!!“ (Siehe Titelbild). Ich war gespannt, wie es jetzt dort aussieht, und hab die Stelle in der Hagelberger Str. auch wiedergefunden. Wie erwartet oder erhofft, grünt und blüht es dort. Und das Schild steht auch immer noch da.

WP_20140605_15_01_55_Pro

Ein Stückchen Blumengarten mitten in der Stadt, liebevoll angelegt und gepflegt, aber ungeschützt gegen Verwüstung und eben Hunde-kake (Hunde können ja nicht lesen). Wieder einmal werde ich durch eine Entdeckung aufmerksam und finde im Anschluss eine ganze Reihe kleiner Beete, meistens rund um Bäume im Bürgersteig. Da muss sicher regelmäßig gegossen werden, sonst ist alles schnell vertrocknet. An einer Stelle steht sogar auf eine Gartenbank auf dem Bürgersteig, gleich gegenüber einem Beet mit Mini-Zaun. Irgendwie spießig und hipp in einem.

WP_20140605_15_08_37_Pro WP_20140605_15_08_59_Pro

Die „urban gardener“ (d.h. Stadtgärtner) tun etwas Hochinteressantes: Sie haben ja keinen eigenen Garten, es geht nicht um das Ausgestalten eines geschützten Privatraums. Statt dessen investieren sie in den öffentlichen Raum, lassen es grün und bunt werden, gerade wo man das nicht erwartet und wo es rechts und links daneben trist und schmuddelig ist.

WP_20140605_14_58_56_Pro

Sie vertrauen sozusagen darauf, dass das schutzlos Schöne eine Wirkung hat, nicht nur auf Gartenfans, sondern auf alle, die mit offenen Augen durchs Leben gehen. Dass es vermutlich dann auch noch viele gibt, die da gar keinen Blick für haben, hält sie offenbar nicht ab.

Der Schrebergärtner hingegen hat sein kleines, abgeschlossenes, geschütztes Reich, davor ein hoher Zaun, ein Tor mit Schloss, womöglich ein Sichtschutz. Und eben ein mehr oder weniger festes Häuschen, selbst wenn es nicht so stattlich ausfällt wie bei diesem Foto aus der Laubenkolonie im Grunewald.

IMG_1443

Ich sehe darin ein Gleichnis für verschiedene Formen kirchlicher Arbeit – im Allgemeinen und auch bei der Berliner Stadtmission. Es gibt viele Gemeinden, die sind wie Kleingärtner: Man freut sich wenn man‘s selbst schön hat, wenn man unter sich ist, wenn keiner dazwischen kommt, der stört, wenn man sich einfach wohlfühlen kann. Die Gemeinde ist Heimat, ist zu Hause, ist Familie. Ein geschützter Raum. Dagegen ist zunächst überhaupt nichts einzuwenden. Ja, das neue Leitbild der Berliner Stadtmission sagt ausdrücklich: „Wir wollen, dass Menschen sich bei uns zu Hause fühlen und Heimat finden.“ Viele Kirchengemeinden bieten nicht einmal das.

Allerdings hat das einen großen Nachteil: Hier werden nur solche Menschen „andocken“, die eben ein Zuhause suchen und sich beheimaten wollen. Alle anderen bleiben im wahrsten Sinn „außen vor“.

Und genau das ist der Punkt, weshalb Kirche von den urban gardenern in Kreuzberg (und sonstwo) lernen kann: Hinausgehen in den öffentlichen Raum, Zeichen der Hoffnung und des Glaubens genau dort pflanzen, wo man Kirche nicht erwartet, und sich dem Risiko aussetzten, dass Menschen das nicht besonders schätzen (und „darauf scheißen“, siehe Hunde-Kake). Aber eben dann doch eine Wirkung auf Vorübergehende erzielen, die sonst nichts mit Glauben zu tun haben.

WP_20140605_14_58_05_Pro

Die Stadtmission hat immerhin ein paar solcher Projekte. Die Junge Kirche Berlin-Treptow (in Johannestal) z.B. feiert ihre Gottesdienste im Kino. Die „Komm und Sieh“- Läden der Stadtmission mit ihrem breiten Second-Hand-Sortiment können auch in diese Richtung Akzente setzen. Und es gibt Pläne z.B. in der Gemeinde Britz, auf dem Wochenmarkt präsent zu sein. Auch die Seelsorge an Wohnungslosen gehört sicher zu diesem Spektrum. Usw.

Aus gutem Grund hatte das Projekt der Ev. Brückenschlag-Gemeinde in Köln „Kirche im Veedel – Das mobile Café“ vor zwei Jahren einen Preis der Arbeitsgemeinschaft missionarische Dienste (AMD) für „Phantasie des Glaubens“ gewonnen. Denn im Gemeindehaus sitzen und hoffen dass die Gemeinde wächst, wird keinen Erfolg haben, wenn der Mut, die Bereitschaft, die „Risikofreude“ fehlt, die Schutzräume zu verlassen.

Übrigens: urban gardening verursacht auch nur geringe Kosten.

Also: Lasst es auf der Straße blühen!

WP_20140605_14_56_48_Pro-b

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu „„urban gardening“ in Kreuzberg…

  1. Angela

    Hallo Gerold, ich habe schon einmal versucht einen Kommentar zu schreiben, ist gar nicht so einfach. Hoffentlich klappt es diesmal.
    Gestern habe ich dann auch hier diese Gärten gefunden. In Humbold wachsen Sonnenblumen rund um Verkehrsschilder. Da mußte ich natürlich an deinen Artikel über die Gärten denken. Deine Berichte habe ich oft im Kopf, wenn ich in Köln unterwegs bin, denn groß sind die Unterschiede ja nicht. Es ist immer eine Freude, sie zu lesen. Danke dafür.
    Viele Grüße,
    Angela

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s