Traditionsvereine – und der Kampf um den Klassenerhalt

Wenn im Fußball ein Club „Traditionsverein“ genannt wird, dann schwingt da immer Zweierlei mit. Zum einen der Name, der an eine große Geschichte erinnert. Zum anderen die Realität, dass es in der Gegenwart ein bisschen schwierig ist. Bayern München oder Borussia Dortmund würde man so nicht nennen, obwohl sie eine stolze Tradition haben. Traditionsvereine sind z.B. der Hamburger SV, der gerade mit Hängen und Würgen in der Relegation die Klasse gehalten hat, oder der 1. FC Köln, der mit seinen Ab- und Aufstiegen in den letzten Jahren auch Fahrstuhlmannschaft genannt wird – aber mit dem jetzigen Aufstieg ändert sich das natürlich alles 😉 – oder FC Union Berlin, der den Aufstieg in die 1. Liga in dieser Saison wieder nicht geschafft hat. Ähnliches kann man bei dieser Fußball WM mal wieder über „das Mutterland des Fußballs“, also England sagen, dessen Mannschaft nach zwei verlorenen Spielen sang- und klanglos ausgeschieden ist. Allerdings haben Traditionsvereine zugleich das Potential, wie Phönix aus der Asche aufzustehen und wieder weit oben mitzumischen.

Das Problem ist, dass vergangene glorreiche Zeiten (wie beim 1. FC Köln z.B. mit Pierre Littbarski und Bodo Ilgner) nicht unmittelbar helfen, um die Herausforderungen der Gegenwart zu bestehen. Das Beschwören der guten alten Zeit ist häufig sogar schädlich. Denn es verhindert oft ehrlich wahrzunehmen, was gerade jetzt nötig wäre, und sich voll zu konzentrieren auf das, was die alte Fußballweisheit sagt: „Das nächste Spiel ist immer das Wichtigste“.

Das gilt aber nicht nur für den Fußball, sondern für viele Bereiche des Lebens, für viele Unternehmen und Organisationen – und genauso für Kirche und Gemeinden.

Inzwischen habe ich alle Gemeinden der Berliner Stadtmission kennengelernt (jedenfalls ein bisschen). Und es gibt eine ganze Reihe von „Traditionsvereinen“ darunter. Überall dort traf ich Menschen, die mir wie ein wandelndes Geschichtsbuch Berichte und Anekdoten, Namen und Jahreszahlen erzählen konnten. Und von glorreichen Zeiten berichteten. Insgesamt war ja die Berliner Stadtmission vor dem 2. Weltkrieg noch viel größer und lebendiger und gewichtiger als heute. Die Gemeinden boomten und erreichten viele Menschen in der damals schon nicht besonders christlichen aber an sozialen Problemen reichen Stadt. Der Krieg und danach die Teilung Deutschlands hat sie dann weit zurückgeworfen.

Stadtmissionsgemeinde Lichtenberg, Archenholdstraße

Stadtmissionsgemeinde Lichtenberg, Archenholdstraße

 

Vor und nach der Wende gelang es vielen Gemeinden, neu aufzubrechen. Auch mit der Errichtung neuer Gemeindehäuser.

In der Frankfurter Allee in Lichtenberg z.B. gelang es noch zu DDR-Zeiten eine richtige kleine Kirche zu bauen (allerdings im 2. Hinterhof). Die glorreiche Zeit dieser Gemeinde waren die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen unter Pfr. Erich Schnepel, einem landesweit bekannten Theologen und Buchautor.

Stadtmissionsgemeinde Lichtenberg, Frankfurter Allee (Foto: SM-Archiv)

Stadtmissionsgemeinde Lichtenberg, Frankfurter Allee (Foto: SM-Archiv)

Gestern hat die Gemeinde Pankow – gegründet 1925 – mit einem schönen Gemeindefest das 20jährige Bestehen ihres Neubaus „Haus der Begegnung“ mit Gottesdienstsaal, Gemeindehaus und zwei Stockwerken Wohnhilfe gefeiert.

Pankow2 Pankow1

In Tegel, einer Gemeinde zwischen der Einfamilienhaus Siedlung „Waldidyll“ und dem sozialen Brennpunkt am Emstaler Platz, feierten wir im Mai das 75jährige Gemeindejubiläum. Dort wurde (nach überwundener tiefer Krise) 1999 ein neues Gebäude gekauft und mit einem Erweiterungsbau versehen.

Tegel2 Tegel1

Auch in Friedrichshagen am großen Müggelsee gibt es neue einladende Gebäude, in Britz immerhin ein neues Foyer und renovierte Räume. Wichtige Neuerungen, um als Gemeinde nicht abzusteigen, bzw. den Aufstieg wieder zu schaffen.

Friedrichshagen

Friedrichshagen

Aber die Räumlichkeiten allein sind es natürlich nicht, sondern auch, wie sie „bespielt werden“. Und da gab und gibt es nicht nur die normalen Wellenbewegungen, sondern z.T. schwierige Abbrüche, unglückliche Personalentscheidungen, zu lange Vakanzen, schädliche Umgangsformen, mangelnde Veränderungsbereitschaft usw.: Unterschiedliche Faktoren, die die Weiterentwicklung behindern oder verhindern.

Aber Gott sei Dank gab und gibt es das auch: Beharrliche Entwicklungsschritte, mutige Aufbrüche, treue Beter, neue Mitarbeitende, innovative Projekte, Experimentierfreude, viel und vielfältige Musik, junge Familien – und eben der Wille, sich nicht mit dem Bestehenden zufriedenzugeben oder abzufinden und erst recht, sich nicht auf der Tradition auszuruhen.

Beim Mitarbeitertag sind wir in Friedrichshagen zu Gast und sehen lebendige Gemeindearbeit

Beim Mitarbeitertag sind wir in Friedrichshagen zu Gast und sehen lebendige Gemeindearbeit

„Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“

So hat es Hermann Hesse in seinem berühmten Gedicht „Stufen“ formuliert. Ein Gedicht, in dem ich mich mit meiner Lebens- und Glaubensauffassung wiederfinde; auch die Haltung, die mich zusammen mit meiner Familie jetzt von Köln nach Berlin hat aufbrechen lassen.

Es ist wunderbar, auf eine erfolgreiche, gesegnete Geschichte zurückblicken zu können. Aber Traditionsvereine stehen immer in der Gefahr „lähmender Gewöhnung“.

So freue ich mich in meinem neuen Arbeitsfeld an jeder Bereitschaft zu Aufbruch und Reise. Und hoffe, dass es zusammen mit meinen Leitungsteam-Kollegen für die Schwerpunkte Bildung (Andreas Schlamm) und Diakonie (Jörg Friedl) gelingt, an vielen Stellen die Lust an Neuanfang zu wecken oder zu stärken.

Denn: „jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“

Die Stärke aller Gemeinden, die ich bisher kennengelernt habe (unabhängig von der Größe oder Innovationskraft) ist es aber, dass Menschen hier ganz persönlich begrüßt und wahrgenommen werden, dass sie hier Heimat finden können. Auf meine Frage, warum man hier teilnehme oder sich engagiere, kommt das jedenfalls immer als Antwort: Weil ich mich hier wohlfühle und weil es persönlich zugeht, weil die Gemeinschaft so gut ist. Und genau darum geht ja auch u.a. im Leitbild der Stadtmission: „Wir geben Menschen Heimat und leben Gemeinschaft.“

Im Zeichen des Leitbildes stand übrigens auch der Gottesdienst am Freitag (im Rahmen der Sommerkonferenz), in dem Andreas Schlamm und ich in unseren Dienst eingeführt worden sind. Andreas Schlamm war vorher bei  der Arbeitsgemeinschaft missionarischer Dienste (AMD) hier in Berlin tätig und dort vor allem für Glaubenskurse und das Netzwerk christlicher Cafés zuständig.

 

Nächste Woche – bevor ich mit meinem Blog für 3 Wochen Sommerpause mache – werde ich von einigen jungen Projekten, Gemeinden und „Pflanzungen“  berichten.

Das Titelfoto zeigt übrigens das traditionsreiche Gemeindehaus im Wedding.

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Ein Gedanke zu „Traditionsvereine – und der Kampf um den Klassenerhalt

  1. Marianne Assenmacher

    Lieber Gerold, wieder ein spannender und beeindruckender Bericht. DANKE, dass Du uns an Deinem Leben in Berlin auf diese Weise teilnehmen lässt!! Mich selber fasziniert diese Arbeit der Berliner Stadtmission und viele Erinnerungen aus Kinder- und Jugendzeit kommen auf, denn ich komme ja auch aus der Gemeinschaftsbewegung – ähnlich Stadtmission. Wenn ich das so lese, würde ich am liebsten mich auf den Weg machen, um diese Gemeinden mal zu erleben. Aber – mehr denn je – ist es notwendig, hier vor Ort zu bleiben und nach eigenen Möglichkeiten „anzupacken“.
    Bald hast Du nun Deine Familie in Berlin und ich wünsche Euch als Familie auch eine gutes
    Einleben und „Ankommen“! Gott segne und bewahre Euch!
    Liebe Grüße
    Marianne

    Antwort

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