Verständigung möglich?

Auf dem Rückweg von Treptow, wo ich heute das höchst vitale Gemeindepflanzungsprojekt „Christus-Treff Berlin“ zum Gottesdienst und Brunch besucht habe, beschließe ich, einen kleinen Umweg zu machen und bei der Gerhard-Hauptmann-Schule in Kreuzberg vorbei zu schauen. Nicht-Berlinern sagt das vielleicht nichts. Aber hier sind seit Tagen die Zeitungen und Nachrichten voll davon: „Nervenkrieg in der Flüchtlingsschule“ titelt die Berliner Morgenpost am Samstag. Denn hier geht der verzweifelte Versuch von rund 460 zentralafrikanischen Flüchtlingen weiter, in Deutschland Asyl oder wenigstens Duldung zu erhalten und nicht ausgewiesen zu werden, z.B. zurück in den Sudan. Wer ein wenig mitbekommen hat, was in diesem Land los ist, kann sich leicht zusammenreimen, woher die Verzweiflung dieser Menschen kommt, die jetzt die Schule besetzt halten. Rund 40 sollen es heute noch sein.

Vorher hatten diese Flüchtlinge mit einem Camp und Hungerstreik auf dem Oranienplatz versucht, faire und gemeinsame Verfahren in Berlin zu erhalten. Der Kompromiss, der ausgehandelt worden war, um den Platz zu räumen, wurde aber auf Seiten der Innenverwaltung nicht eingehalten. Mögliche „Ermessensspielräume“ wurden von der Ausländerbehörde nicht genutzt, sondern auf dem übliche Asylverfahren buchstabengetreu beharrt: „Es wird keine Sonderbehandlung der Flüchtlinge geben.“ – Verständigung möglich?

WP_20140629_14_32_33_Pro Die Polizei hat das Gebäude großräumig abgesperrt. Journalisten werden nicht zugelassen. Angeblich sei „Gefahr in Verzug“. So sammeln sich vor der Straßensperre unterschiedlich viele Menschen, die für das Anliegen der Menschen dort drinnen Verständnis haben, und diskutieren miteinander oder mit der Polizei. Ich höre, wie eine Aktivistin zu zwei jungen Polizisten (einem Mann und einer Frau) an der Absperrung sagt: „Wozu brauchen wir Grenzen? Wozu brauchen wir Straßensperren? Wir gehören doch alle zusammen.“ Und das in einem pazifistisch-überfreundlichen Ton, der bei den Uniformierten auf der anderen Seite ratlos-irritierte Blick auslöst. Was soll man darauf antworten, wenn man diesen Job hat. – Verständigung möglich?

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Szenenwechsel: Ich unterbreche am Donnerstag Abend meine Fußboden-Lege-Arbeit in unserer neuen Wohnung in Waidmannslust, um das Fußballspiel der Deutschen Mannschaft gegen die USA anzuschauen. Wo? Im Dönerladen, der im hinteren Raum auf großem Bildschirm das Spiel überträgt. Beim Anpfiff, ruft einer der drei Türken hinter der Theke „Deutschland! Deutschland! Deutschland!“ Eine etwa 60jährige deutsche  Frau , die auch zum Fußballgucken gekommen ist, fragt ihn erstaunt: „Sie sind für Deutschland?“ – „Na klar“, antwortet er, „wofür sonst?“ und dann fügt er hinzu: „Aber Özil schießt ein Tor.“ Zur Halbzeitpause bringt er uns einen leckeren türkischen Tee. Gratis, versteht sich! – Verständigung möglich!

„Deutschland! Deutschland! Deutschland!“ skandieren beim Public Viewing im Jugendgästehaus auch die Flüchtlingskinder aus unserem sogenannten „Haus Leo“ hier auf dem Gelände der Berliner Stadtmission.

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Sie leben in einer völlig anderen Situation als die Flüchtlinge in der Gerhard Hauptmann Schule, obwohl wenn der Status ihrer Familien auch z.T. noch unklar ist. Aber sie sind hier in einer bejahenden Umgebung, bekommen zweimal in der Woche von Freiwilligen der Stadtmission ein super Kinderprogramm und dazu noch ein Gartenprojekt. Und sie himmeln die Jungen Erwachsenen an, die so tolle Sachen mit ihnen machen. Über die Kinder entsteht dann auch Kontakt zu den Eltern, die noch kaum deutsch sprechen. Als ich eben über die Wiese gehe, höre ich mit Erstaunen, dass zwei kleine Mädchen auf deutsch miteinander reden. Aber dann wird mir bewusst, dass sie vermutlich verschiedene Muttersprachen habe. Aber die Sprache des Gastgeberlandes verbindet sie. – Verständigung möglich!

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Zur Zeit wird ein Gebäudetrakt hier auf dem Gelände umgebaut, um noch mehr Flüchtlinge bei uns aufnehmen zu können: „Haus Leo II.“

Bei einer Tagung, die Anfang der Woche hier stattfand, habe ich folgendes Zitat des katholischen Theologen Klaus Hemmerle mitgeschrieben, das mich begeistert und mit dem ich den heutigen Beitrag zum Thema Verständigung abschließen will:

„Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich darin die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“

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