„… sah ich goldene Lichtlein sitzen“

Weihnachtszeit – Lichterzeit. Auch in Berlin  leuchtet, glitzert, blinkt und scheint es allüberall.

Und es ist schon interessant, wenn man sich mal genauer anschaut, was da in Einkaufszentren, im Hauptbahnhof, in Fenstern, an Balkonen und in Vorgärten so alles aufgehängt und aufgestellt wird.

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Ist doch merkwürdig, dieser Trend zu den vielen kleinen Lichtchen. Denn es ist ja nicht so, als ob wir nicht genug Beleuchtung hätten in unseren Städten, als ob es uns an Kunstlicht mangeln würde. Im Dunkeln sitzen wir höchsten mal bei totalem Stromausfall. Und das kommt zum Glück bei uns so gut wie nie vor.

In dem Bedürfnis nach besonderer weihnachtlicher Beleuchtung spiegelt sich eine tiefe Sehnsucht wieder, die vermutlich kaum bewusst ist. Was steckt eigentlich dahinter, dass uns die kleinen Lichtlein im Dunkeln, dass uns elektrische und erst recht lebendige Kerzen irgendwie innerlich berühren? Das ist ja etwas völlig anderes als helle, raumfüllende Ausleuchtung. Nein, es sind die schwachen, zerbrechlichen Lichtlein, die mit ihrer kleinen Kraft doch die schier übermächtige Dunkelheit warm durchdringen. IMG_6282Gegenüber einer grellen Neonbeleuchtung ist Kerzenlicht ein weiches Licht mit dem Nimbus des Geheimnisvollen, Warmen, Liebevollen. Da sehen wir mit einem milden Auge auf unsere oft so harte Realität. Und die Nächte unseres Lebens werden irgendwie verzaubert.

Die Nacht ist seit alters her angstbesetzt. Kinder haben Angst vor der Nacht, vor der Dunkelheit, in der sie sich alleingelassen fühlen. Sie haben Angst vor den Träumen, in denen manchmal Bären und Hunde, Schlangen und Löwen auftauchen und sie bedrohen. Sie brauchen daher Gute-Nacht-Rituale, um die Angst vor dem Unbekannten und Bedrohlichen der Nacht zu bannen. In der Antike hatte man Angst vor dem Bösen, das in der Nacht umherschleicht, vor Räubern und Wegelagerern, vor Dämonen, die Nachts in den Träumen ihr Unwesen treiben. Mehr noch: In der Nacht traute man seinem eigenen Herzen nicht. Da fürchtete man sich davor, dass die Dämonen das Herz besetzen und einen zu Taten drängen, deren man sich am Tag schämen würde.

Die Germanen hatten vor allem in den zwölf Rauhnächten zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar Angst vor dem wilden Heer Wodans, das durch die Wälder stürmte, vor den Toten, die umgingen, und vor allerhand unberechenbaren Mächten, die ihr Unwesen trieben.

Heute können wir durch Knopfdruck die Nacht zum hellen Tag werden lassen. Aber dennoch steckt auch in uns noch die Angst vor der Dunkelheit der Nacht. Wer nachts wachliegt, dessen Gedanken drehen sich im Kreis und ziehen nach unten. Die Nacht ist immer auch ein Symbol. Da sagt jemand, um ihn herum sei nur Nacht. Sein Leben sei ihm zusammengebrochen, alles sei sinnlos. Die Nacht steht für die Depression, in die Menschen immer wieder geraten. Auf einmal wird es dunkel wie in einem Tunnel. Man fühlt sich wie gelähmt. Alles ist schwarz, leer sinnlos.

Gerade weil die Nacht etwas so Gefährliches und Bedrohliches ist, haben die Menschen seit jeher versucht, die Nächte in etwas Heiliges zu verwandeln. Schon die Germanen kannten die geweihten, die heiligen Nächte. Für sie waren es die Mittwinternächte. Mitten im Winter, wenn die Nächte am längsten dauern, haben sie die Nacht den Göttern geweiht, haben sie sie heilig gemacht. In den zwölf „Rauhnächten“ haben sie ihre Häuser und Höfe mit Amuletten, Räucherwerk und Beschwörung zu schützen gesucht. Und sie haben die Götter gebeten, sie sollten die gefährlichen Nächte heilen, so dass sie nicht mehr Unglück bringen, sondern Heil, Glück, Gesundheit, Rettung. Das deutsche Wort „heilig“ meint nicht nur heil und ganz, sondern geht vermutlich auf die Vorstellungsinhalte von „Zauber, günstiges Vorzeichen, Glück“ zurück. Wenn man die Nächte weihte, wollte man sie verzaubern, dass sie Glück bringen.

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Den Christen im germanischen Raum fiel es nicht schwer, die biblische Botschaft von der Geburt Christi, von der Geburt des Wunder-Rates, Gott-Heldes, Ewig-Vaters und Friede-Fürsten für ihre Nachbarn zu übersetzen. Wenn Christus mitten in der Nacht geboren wird, dann wird unsere Nacht wirklich verzaubert, dann wird sie zu einer glückbringenden Nacht, zu einer „Weihe-Nacht“. Weil die Christen damals ihre Weihnachtsbotschaft bewußt in die Angst der Germanen vor den Rauhnächten hineingesprochen haben, haben sie die germanische Seele tief berührt. Deshalb ist verständlich, wenn im germanischen Bereich Weihnachten sich tiefer in die Herzen eingegraben hat als Ostern, das doch das höchste christliche Fest ist. Das Bild der einen „Weihe-Nacht“ in der Jesus Christus geboren wurde, in der er als das Licht der Welt in die Dunkelheit kam, war die befreiende Antwort auf die Angst der Germanen vor ihren dämonischen Nächten. Was für eine Befreiung.- Sie brauchten nicht mehr selbst mit Aufbietung aller erdenklicher Rituale ihre Nächte zu verzaubern, das Dunkle zu bannen und das Glück herbei zu beschwören. Christus hat ihre Nacht verwandelt, der „Heil und Leben mit sich bringt“.

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Und damit komme ich wieder zu den Lichterketten  und -sternen, den Wachskerzen, den elektrischen Kerzen, und all den anderen Formen und familiären Ritualen, mit denen wir modernen „Germanen“ versuchen, mit Aufbietung aller unserer Kräfte Licht in unsere Nächte zu bringen und die Weihnachtstage zu verzaubern. Denn gleicht nicht vieles von dem, was wir in diesen Tagen tun, den verzweifelt hilflosen Versuchen unserer Vorfahren, das Unglück von ihren Häusern zu verbannen, den Ungeist auszutreiben und wenigstens eine Spur von Glück zu erhaschen?

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Am 24./25.12., in der Weihe-Nacht feiern wir den neuen Anfang mit diesem Kind, das unsere Nächte lichtet, den neuen Anfang mit diesem Licht der Welt, das uns nicht bloß stellt, sondern wärmt und von innen her erleuchtet. Und wir sind eingeladen, unseren ganzen weihnachtlichen Hokuspokus beiseite zu legen und uns ganz auf Christus zu konzentrieren, ihn in unsere Häuser, in unser Leben, in unsere Herzen, in die Mitte unserer Existenz zu rufen, damit er die Nacht in uns, in unserem Leben, in unseren Häusern verzaubern kann.

(Auf diese Gedanken bin ich gekommen durch das Büchlein von Jörg Zink: Zwölf Nächte).

WP_20141221_16_17_20_ProNun noch ein paar kurze Einblicke in unsere weihnachtliche Arbeit bei der Berliner Stadtmission. Wie schon in den zurückliegenden Jahren gestalten wir am Heiligen Abend um 22 Uhr im Hauptbahnhof unter diesem mehr oder weniger schönen, jedenfalls riesigen Weihnachtsbaum einen offenen Gottesdienst – nicht nur für Reisende. Thema: „Gott kommt zum Zuge“. Layout 1Diesmal singen wir mit dem Flashmob-Chor drei Titel von unserer CD „Unsre Stadt Berlin Berlin“, und – mit einem Gitarristen zusammen – bin ich für die Liedbegleitung zuständig. Das Flashmobvideo haben übrigens zur Zeit schon über 65.000 Menschen angeschaut. (Hier nochmal der link: http://www.berliner-stadtmission.de/aktuelles/gloria-das-flashmob-video-ist-da/2471d65518cacdd680956ee6102eded4 )

Die Traglufthalle für Flüchtlinge ist –  wie schon seit drei Wochen – bis auf den letzten Platz und manchmal darüber hinaus gefüllt. Eine riesige Herausforderung und kaum zu leistende Arbeit für das eigentlich zu kleine Team (das natürlich an Weihnachten nochmal vorübergehend geschrumpft ist.) Allerdings tauchen auch immer mal wieder unverhofft Ehrenamtliche auf, die mit anpacken. Da muss ständig improvisiert werden.

Genau wie an Heilig Abend in der Bahnhofsmission Zoo. Was da so alles abgeht und was man dabei für Diakonie insgesamt lernen kann, haben der Leiter der Bahnhofsmission Dieter Puhl und ich in einem Artikel für „Unsere Kirche“ erzählt: Niemand soll frieren (Unsere Kirche 2014-51-52)  (Ich finde, der Text eignet sich auch zum Vorlesen unter dem Weihnachtsbaum).

Und so wünsche ich Euch ein gesegnetes Weihnachtsfest, an dem ihr dem menschgewordenen „Gott auf Augenhöhe“ begegnet.

 

 

 

 

 

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