Archiv für den Monat Februar 2015

Positionswechsel

Wenn man nicht Queen of England ist oder Jordanischer König oder Papst, sind Positionen,  Posten und Ämter eher nicht auf Lebenszeit vergeben (wobei das beim Papst ja auch schon nicht mehr gilt). Selbst Angela Merkel wird aller Voraussicht nach nicht bis zu ihrem Tod Bundeskanzlerin bleiben.

Und so dreht sich das Personalkarussell bei der Stadtmission z.Z. auch:

Vor gut zwei Wochen – am 28.1 und 1.2. – haben wir mit einem hochkarätig besetzten Neujahrsempfang (u.a. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe oder Thies Gundlach, Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD )  und einem festlichen Sonntagsgottesdienst mit anschließendem kirchlichen Empfang (u.a. mit Pröpstin von Kirchbach und den Altbischöfen Kruse und Noack) Hans-Georg Filker als Direktor der Berliner Stadtmission und Beauftragten für Mission der EKBO (Ev. Kirche Berlin – Brandenburg – Schlesische Oberlausitz) verabschiedet. Fast 26 Jahre hat er die Arbeit hier geprägt und die Stadtmission aus einem kleinen Verein zu einem mittelständischen Unternehmen mit ca. 850 beruflich und über 1000 ehrenamtlich Mitarbeitenden entwickelt. Natürlich nicht allein, wie er nicht müde wird zu betonen. Aber er ohne Zweifel als Pionier und Eisbrecher mit viel „Entrepreneurship“ immer vorneweg.

Beim Neujahrsempfang hatte ich die schöne Aufgabe, als persönlicher Gastgeber Hermann Gröhe in Empfang zu nehmen und zu begleiten. (10 Minuten vor seiner Ankunft erhielt ich einen Anruf seiner Assistentin: „Wir starten jetzt am Reichstag.“) Das hatte schon was! Sein Grußwort war beeindruckend persönlich, kenntnisreich und theologisch versiert. Immerhin war er ja auch jahrelang Mitglied der EKD-Synode.

IMG_1753 IMG_1765(Fotos: Roberto Belloi)

Am Sonntag drauf war es meine Aufgabe, die Gottesdienstliturgie zu halten und den Empfang zu moderieren. …Und vorher einen großen Teil der Organisation bis – in für mich überraschend viele – Kleinigkeiten hinein zu regeln. Irgendwie wird bei der Stadtmission jede Einzelveranstaltung von der Leitung handgestrickt, was ich ehrlich gesagt keine besonders sinnvolle Aufgabenverteilung finde. In der Brückenschlag-Gemeinde in Köln war das besser geregelt. Aber vielleicht kommen wir hier da auch noch hin ;-).

Insgesamt war es nach einhelligem Feedback ein sehr gelungenes und angemessenes Verabschiedungspaket: würdigend, geistlich, humorvoll und ohne Krokodilstränen.

Hier einige Fotos, die mir dankenswerterweise unsere Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung gestellt hat (Alle Fotos – auch Beitragsbild: Roberto Belloi).

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Beim Gottesdienst: Saal und Kapelle (mit Videoübertragung) brechend voll.

Pröpstin Friederike von KirchbachIMG_1991Pröpstin Friederike von Kirchbach

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Zum Mittagessen kam die Sonne raus

Übernächste Woche Sonntag, am 08.03.2015 wird dann im Jahresfest unser neuer Stadtmissionsdirektor, Layout 1Joachim Lenz eingeführt. Zuletzt war er sechs Jahre lang der Kirchentagspastor, und als solcher bringt er sehr wichtige Netzwerk- und Organisationserfahrung mit ein. Ich kenne ihn locker schon seit vielen Jahren. Ist er doch auch Rheinischer Pfarrer. Und Christiane war mit ihm und Klaus Teschner zusammen schon mal auf einer Citiykirchen-Studienreise in London. – Aber nicht dass einer denkt, es gäbe rheinische Seilschaften. Ich bin wirklich ganz unschuldig! Freue mich aber sehr auf die Zusammenarbeit mit ihm. Er hat bereits Anfang Januar hier seinen Dienst angetreten, sodass Hans-Georg Filker ihn ein Stück weit einarbeiten konnte.

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Aber auch ich habe vorige Woche noch einen neuen PoWP_20150213_10_41_24_Pro-comprsten bekommen (nicht dass ich mich bisher gelangweilt hätte). Der Präses des Gnadauer Verbandes, Michael Diener, hatte bei der Stadtmission angefragt, ob nicht einer aus dem Leitungsteam dort für den Vorstand kandidieren könne. Intern fiel das Los auf mich. Und die Mitgliederversammlung hat mich wahrhaftig mit 49 von 66 in den Vorstand gewählt. Und das obwohl ich noch nie vorher dabei war und bisher mit dem Verband auch kaum was zu tun hatte. Inzwischen habe ich ein genaueres Bild von diesem Dachverband, der im missionarisch-pietistischen Spektrum der Evangelischen Kirche angesiedelt ist.

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Auf der Homepage findet sich folgende Definition:

Der Evangelische Gnadauer Gemeinschaftsverband ist heute die Dachorganisation der landeskirchlichen Gemeinschaftsbewegung in Deutschland, in Österreich und in den Niederlanden. Er ist die größte freie Bewegung im Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Als Dachverband ist er der Zusammenschluss der regionalen Gemeinschaftsverbände und der mit ihnen verbundenen Werke der Mission und Diakonie:
• 38 regionale Gemeinschaftsverbände,
zwei davon in Österreich, einer in den Niederlanden;
• 6 Jugendverbände;
• 11 seminaristisch-theologische Ausbildungsstätten;
• 7 Missionsgesellschaften;
• 16 Diakonissen-Mutterhäuser;
• 10 Werke mit besonderer Aufgabenstellung.

Nach der Wahl habe ich mich bei denen, die mich gewählt haben für das Vertrauen bedankt, das sie mir gegeben haben, obwohl ich ein „Newcommer“ bin. Und zu denen, die mich nicht gewählt haben, habe ich gesagt: “ Ich gebe Ihnen recht, dass Sie mich nicht gewählt haben; denn womöglich bin ich ein Kuckucks-Ei im Gnadauer Nest.“

Neu gewählter Gnadauer Vorstand (14.02.2015 Krelingen), Foto: Kerstin Günther

Neu gewählter Gnadauer Vorstand (14.02.2015 Krelingen), Foto: Kerstin Günther

Wobei – ich habe mich eigentlich überhaupt nicht fremd gefühlt, weiß aber, dass ich bei einigen Themen sehr viel „liberaler“ denke, als die meisten im Verband. Mal schaun, was das bedeutet.

Ich muss jedenfalls daraufhin jetzt nochmal gründlich meine Aufgabenbereiche überprüfen und ein paar Dinge ändern. Aber das wäre jetzt nach dem ersten Dreivierteljahr sowieso langsam dran gewesen.

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Im Zusammenhang mit meinem vorletzten Blog zu Tolerenz und Intoleranz möchte ich euch noch folgenden – wie ich finde mal wieder brillianten und sehr denkwürdigen – Artikel von Harald Martenstein aus dem Tagesspiegel vom 15.02.2015 zu lesen geben:

Toleranz gesucht

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Von Hunden und Menschen

Berlin ist nicht nur die Bundeshauptstadt, sondern auch die Hundehauptstadt, jedenfalls gefühlt. Statistiken habe ich dazu nicht gelesen. Aber ein paar Bemerkungen wollte ich schon immer mal dazu machen. Jetzt gibts noch einen aktuellen Anlass. Aber dazu später.

WP_20140928_18_30_08_ProUrsprünglich wollte ich einen Blog zu diesem Thema nennen „Ein Boxer namens Urmel“, weil ich das irgendwie originell fand. Urmel  hab ich in der S-Bahn kennengelernt. Dass er so heißt, habe ich von der jungen Besitzerin erfahren, mit der ich mich prima unterhalten habe. Denn gelegentlich redet man miteinander in Berlins S-Bahnen. Abe das ist schon wieder ein neues Thema.

Hunde jeder Größe und Machart begegnen einem jedenfalls (fast) überall, eben auch reichlich in der S-Bahn, wo sie geduldig (oder gelangweilt) warten,…

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oder höchst aufmerksam schauen, wann Herrchen oder Frauchen auszusteigen gedenken, um ja den Anschlus nicht zu verpassen…

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oder höchst würdevoll dreinblicken, obwohl oder gerade wenn man (bzw. hund) nicht reinrassig ist.

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Als Hundebesitzer ist man gehalten, seinen Hund ab einer gewissen Größe in Bus und Bahn mit einem Maulkorb zu versehen, was wir anfänglich auch sehr ernst genommen haben. In Bussen bleibt einem auch nicht viel anderes übrig. Ansonsten fragt keiner danach, und entsprechend hält sich auch keiner dran. Genauso wie beim pflichtgemäßen Beseitigen von WP_20150201_17_02_05_ProHInterlassenschaften, die nicht nur – wie hier auf dem Foto – am Wegesrand liegen, sondern auch mitten auf dem Bürgersteig oder auf dem Rasen oder direkt vor der Haustür .

Vielleicht schauen ja auch deshalb soviele Berliner statt in anderer Leute Gesichter auf den Boden, um den allgegenwärtigen Tretminen ausweichen zu können. Gleichzeitig ist auch in Berlin ein Hund – ob in der Bahn oder beim Spaziergang – immer wieder ein hervorragender Gesprächsanküpfer und schon als solcher gesellschaftlich wertvoll.

Bis heute gehörten wir auch zur Spezies der Hundehalter. Aber leider mussten wir heute unseren guten, (fast 13 Jahre) alten Gino einschläfern lassen. Aufgrund eines gravierenden Leberleidens hatte er seit Wochen fast nichts mehr gefressen und war am Ende so schwach, dass er nicht mehr alleine aufstehen konnte und sich auch sonst nur noch herumquälte.

Aber ihn einschläfern zu lassen ist mir so viel schwerer gefallen, als ich es vor einiger Zeit vermutet hätte (z.B. in der Phase voriges Jahr, wo er mit altersseniler Bettflucht unseren Schlaf ruinierte, weil er die ganze Nacht klickklick klickklick herumlief oder chchchs chchchs chchchs auf dem Boden scharrte). Nun hab ich also doch erhebliche Mühe damit, ihn auf die letzte Reise zu schicken und Abschied zu nehmen. Natürlich ist uns dieses „Familienmitglied“ über die Jahre sehr ans Herz gewachsen: Ein begeisterter Bergwanderer wie wir.

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In Köln der „Gemeindehund“. Und besonders bei Kindern, Rafaels Mehrschweinchen und dessen Schabernack unendlich geduldig.

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Den Hund einschläfern zu lassen fällt mir aber auch aus einem anderen Grund schwer, wie mir bewusst geworden ist, nämlich aus Respekt vor dem Leben. Auch wenn es „nur“ ein Tier ist. Aber sein Lebenswille flackerte immer nochmal kurz auf. Dürfen wir unsere Entscheidung der Leidverkürzung darüber setzen?

Ich bin ein vehementer Gegner von aktiver Sterbehilfe bei Menschen. Weil ich als Gemeindepfarrer immer wieder erlebt habe, dass Leidvermeidung alleine ein ganz schlechter Ratgeber ist, dass häufig Linderung der Schmerzen und menschliche Nähe das eigentlich Gebotene wäre – und Sterbehilfe eine höchst problematische „Abkürzung“ ist. Wie oft gab es nach längerer Leidenszeit kurz vor dem Tod nochmal eine unerwartete, intensive Gemeinschaft zwischen Sterbenden und Angehörigen, womit keiner mehr gerechnet hätte.

Allerdings hinkt der Vergleich. Denn ein Hund ist eben kein Mensch. Und die Ebenen zu verwischen, ist auch nicht gesund. Also wir dürfen, wir müssen an dieser Stelle eine „vernünftige Entscheidung“ treffen.

Wieder denke ich, dass unsere Welt völlig aus dem Lot geraten ist. Und allerorten ein gesundes Maß verloren gegangen ist.

Wie würde man sich einen Hauch dieses Respekts vor dem Leben wünschen etwa bei den Massen-Tierhaltern, den Regenwald-Abholzern und noch soviel mehr bei den Ungläubige-Enthauptern. Aber auch umgekehrt ist Balance verloren gegangen. Der Deutsche Tierschutzbund hat mehr als 800.000 Mitglieder, während der Deutsche Kinderschutzbund mit seinen 50.000 Mitgliedern gerade mal nur ein sechzehntel Unterstützer motivieren kann!

Man schwankt zwischen Empörung und Ignoranz. Den gesunden Menschenverstand, die Besonnenheit, das Maß, aufmerksame Gelassenheit sind selten zu finden.

Manchmal haben einem Hunde da vielleicht etwas voraus. Oder?