„Helles Deutschland“

Was für eine schlichte und gleichzeitig geniale Formulierung unseres Bundespräsidenten: „Dunkeldeutschland“ und „Helles Deutschland“. Manchmal können Vereinfachungen auch ungemein hilfreich sein und aus dem politisch-ausgewogen-lavierenden Gequatsche herausführen.

Und wie gut ist es, dass in den letzten Tagen die Medien endlich auch auf den Trichter gekommen sind, nicht nur Horrornachrichten zu bringen, sondern eben auch helles Deutschland zu zeigen: Vorhin in den ZDF, rbb und ARD-Nachrichtensendungen die Bilder vom – ja fast kann man sagen: Flüchtlingsbegrüßungsfest am Münchener Hauptbahnhof.

Wie wichtig sind solche Bilder, die ermutigen, die Lust machen, die ein positives Gefühl vermitteln: Ja, wir sind dazu in der Lage, diese ohne Zweifel riesengroße Aufgabe zu stemmen! Fast hat man den Eindruck, diese Herausforderung  tut unserem Land richtig gut: Wann hatten wir zum letzten Mal ein so großes gemeinsames Thema? Fußball-WM (das „Sommermärchen“ und der letztjährige Titel) war ja schon ganz hilfreich. Aber da konnte man nur zugucken und feiern. Aber jetzt kann man gemeinsam und individuell für eine wirklich anspruchsvolle Geschichte konkret etwas tun. Und plötzlich entwickelt sich eine Solidarität, die man kaum für möglich gehalten hätte. Plötzlich ist Mitmenschlichkeit nicht mehr nur was für unverbesserliche Gutmenschen, sondern entwickelt sich zu einem „Volkssport“. Ist das der schon lange ersehnte „Ruck“ durch Deutschland?

Auf der Kontakte-Liste unserer Flüchtlings-Traglufthalle (Notunterkunft) stehen inzwischen über eintausend Namen von Menschen, die bereit sind, ehrenamtlich anzupacken. Die Anfragen von Privatpersonen, die Flüchtlinge auch bei sich zu Hause unterbringen wollen, steigen. (Wobei das ziemlich schwierig zu organisieren ist. Wir arbeiten bei der Stadtmission und auch anderswo an Beratungsangeboten, die solche Hilfsbereitschaft flankieren, damit sie nicht durch Anfängerfehler und schlechte Erfahrungen zum Bumerang wird.) Und die Menschen, die helfen wollen, fragen erst mal nicht danach, ob Polen oder Spanien auch Flüchtlinge aufnimmt. Wenn Europa pennt: wir sind wach! scheint das Gefühl zu sein.

Also, die Flüchlingsaufgabe tut unserem Land gut, nicht nur weil die Industrie- und Handelskammer sich auf zusätzliche Fachkräfte freut.

Allerdings: Die Aufgabe ist riesig und auch bei den weit nach oben korrigierten Zahlen überhaupt noch nicht einzuschätzen. Und: die Hilfsbereitsschaft muss verstetigt werden (und nicht nur ein „Hilfe-Hype“ sein). Aber genau deshalb brauchen wir kein Gejammer, sondern Konzepte, Entschlossenheit und Kreativität.

Das versuchen wir bei der Stadtmission an vielen Stellen. Und unsere inzwischen im Haus Leo (Flüchtlingsheim), in der Traglufthalle und im Refugio gesammelten Erfahrungen werden von vielen abgefragt. So arbeiten wir nicht nur an Beratungsangeboten für Privatpersonen und Gemeinden, sondern auch für Diakonievertreter, Politiker, Behörden usw.

Und die Medien interessieren sich wie gesagt inzwischen sehr für positive Beispiele.

20150718_143005Noch vor der offiziellen Eröffnung des Refugios am 20. September hat allein der Beginn der Wohngemeinschaft von Flüchtlingen und Einheimischen dort eine für uns vollkommen überraschende Menge von Berichterstattungen angelockt, insgesamt schon 14 mal in Presse, Funk, Internet und Fernsehen bis hin zu ARD und ZDF. Den aktuellen Pressespiegel mit vielen Links findet ihr im Blog des Refugio: https://refugioberlin.wordpress.com/pressepress/

Es lohnt sich unbedingt dort mal hineinzuschauen.

Derweil erfordert die Alltagsarbeit (jenseits der Medienbesuche) viel Aufmerksamkeit. Das fängt bei Themen an, die man aus jeder Studenten-WG kennt:

IMG_20150830_134905Wie hält man eine Gemeinschaftsküche in Ordnung mit somalischen, syrischen, afghanischen und deutschen Köchen plus der siebenköpfigen Romafamilie.

Wie organisiert man das Putzen und, dass die Fahrräder nicht im Treppenhaus stehen usw.

Aber auch: Wie konsequent muss man Deutsch miteinander sprechen, an welcher Stelle darf man sich mit Englisch aushelfen? Wie können die Unsicheren ermutigt werden, sich einzubringen? Wie kommen Gaben und Fähigkeiten zum Vorschein? Welche Verbindlichkeit haben Gemeinschaftsaktionen (wie Café-Möbel bauen oder Tagesausflüge machen)? Wie gelingt es, die auch im Haus wohnenden Studenten zu interessieren (und das in den Semesterferien)? Inzwischen gibt es verschiedene Teams, die sich organisieren: Zum Joggen, zum Schachspielen, zum Möbelbauen usw.. Denn neben Sprache lernen sind sinnvolle Aktivitäten und wachsende Freundschaften so wichtig für die (gegenseitige) Integration.

Ganz wichtig aber ist: Gemeinsam kochen und Essen (möglichst auf dem Dachgarten). Und Raum zu bekommen, um die eigenen Geschichten zu erzählen. Immer wieder stoße ich an den unterschiedlichsten Stellen meiner Arbeit darauf, wie entscheidend es ist, dass Menschen ihre Geschichten erzählen können und ihnen zugehört wird: Beim Obdachlosen-Gesprächsfrühstück wie bei der Fortbildung für Mitarbeitende in der Straffälligen Hilfe, beim Kollegen, der aus dem Urlaub zurück kommt (oder auch bei mir selbst in der Situation) wie beim Glaubensgespräch auf dem Refugio-Dachgarten:
In der wöchentlichen „Lectio divina“, einer Mischung aus schweigender Bibelmeditation und Austausch ging es um Epheser 3,16-19, wo die Rede ist von Gottes Kraft in uns und dem Reichtum seiner Liebe, die wir mit unserem Verstand nicht erfassen können. In der zweiten Austauschrunde erzählt einer der syrischen Flüchtlinge (von Hause aus kein Christ): „Die Kraft Gottes hab ich gespürt. Ich bin zwei Stunden im Mittelmeer geschwommen. Und um mich herum war kein Leben. Aber ich wusste, ich werde leben!“ (Das Boot war gekentert, er hatte sich mit einem frühzeitigen, beherzten Sprung ins Wasser gerettet, aber die meisten anderen waren ertrunken, als das Boot umschlug.) So kam er ins helle Deutschland. Und will hier seinen Teil zu dieser Helligkeit beitragen.

Eine letzte Bemerkung: Zum „hellen Deutschland“ gehören sicher auch die 12 jungen Freiwilligen des letzten Jahrgangs, die sich auf folgende, höchst kreative Weise von ihrem FSJ verabschiedet und die Glastüren zur Geschäftsstelle umdekoriert haben .IMG_20150828_083723

Heute sind die neuen gestartet, wieder ein rundes Dutzend junge Erwachsene aus ganz Deutschland (auch aus der Nähe von Köln). Mit dabei auch die Tochter eines alten Freundes aus meiner Ägidienberger Vikariatszeit. Den haben wir voriges Jahr hier in Berlin wiedergetroffen und danach in Frankfurt/Oder besucht. Aber das wäre jetzt wirklich eine andere Geschichte.

 

 

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Ein Gedanke zu „„Helles Deutschland“

  1. Renate Bloess

    Hallo Gerold,
    man merkt einfach dass ihr in Berlin richtig gut platziert seid. Danke dass du uns durch den Blog daran teilhaben lässt was ihr so alles macht. Ist Lukas jetzt wieder bei euch? Was macht er in Berlin? Gottes Segen euch allen und dass viel „helles Deutschland“ entstehe wo auch immer ihr aktiv seid. Lieben Gruß in die Hauptstadt, Renate

    Antwort

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