Archiv für den Monat September 2017

Autonomes Katalonien 2017-09-30

Am Vortag des geplanten Unabhängigkeits-Referendums in Katalonien sind wir zum Wandern in der Provinz unterwegs. Ca. 25 km nördlich von Barcelona liegt in einem Naturschutzgebiet der 1104 m II hohe Berg La Mola, auf den wir durch ein Buch über Katalonien aufmerksam geworden sind: Nicht so berühmt und nicht so überlaufen wie das bekannteste Bergmassiv ganz in der Nähe mit dem gleichnamigen geschichtsträchtigen Kloster Montserrat, das man von hier sehr schön sieht.
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So einsam und still, wie im Buch beschrieben ist la Mola aber an diesem Samstag bei weitem nicht. Auf dem Hauptweg steigen Hunderte von Spaniern (oder Katalonen – was weiß ich) bergan, und zwar permanent laut mit einander diskutierend. Stille der Berge? Pustekuchen.
Von Weitem schon verfängt sich der Blick an einem senkrechten Felspfeiler in etwa 900 m Höhe. Nicht nur wegen der schroffen Steilheit, sondern weil dort eine riesige katalanische Fahne die Felswand herunter hängt Und gleich daneben ein ca. 5×5 m großes Tuch mit lauter bunten „si“ – Quadraten.
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Beim Abstieg am Nachmittag kommen wir näher vorbei und sehen Kletterer, die genau dort am Fels unterwegs sind.
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Nach einer Rast im ehemaligen Kloster auf dem Gipfel kommen wir an ein paar Mulis vorbei und einem der wohl für die Gegend typischen Großesel (links im Bild). Der ist – im ausdrücklichen Unterschied zum spanischen Stier – das Wappentier Kataloniens: Friedlich und stur.
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Wenig später lernen wir Santi kennen, einen einheimischen jungen Mann, der den Aufstieg auf verschiedenen Wegen mehrfach in der Woche macht und uns eine besonders schöne, aber nicht zu schwierige Abstiegsroute zeigt. Diesmal ist er mit einem Freund unterwegs. Natürlich frage ich ihn (er spricht sehr gut englisch), was er morgen macht. „Meine Ja-Stimme abgeben, was sonst.“ sagt er. Und erklärt mir dann: Wir Katalonier sind ganz friedliche Leute. Aber die Regierung in Madrid hält uns jetzt schon seit bald 15 Jahren immer wieder hin. Immer wieder nur leere Versprechungen. Eine Volksabstimmung, an der alle in Spanien teilnehmen, macht keinen Sinn. Wie können Andalusier für uns mitentscheiden. Wir sind Europäer, aber keine Spanier!“ Ich weise ihn darauf hin, dass das mit Europa auch nicht so einfach ist, und die Unabhängigkeit ja noch lange keine EU Mitgliedschaft bedeutet oder ermöglicht. „Ja, sagt er, das wissen wir doch. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, 10 oder 15 Jahre. Aber das ist es wert.“ Und dann fügt er noch hinzu: „Gesetze müssen doch den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Und deshalb muss man manchmal etwas gegen die Anwendung von Gesetzen tun. Damit sich endlich mal etwas bewegt. Aber wir sind friedliebende Menschen. Und wollen keine Gewalt.“
Wir reden noch über die Flüchtlingskrise und dies und das (z.B. das Konflikte nie mit Rache, sondern nur mit Liebe wirklich zu lösen sind – so kitschig das vielleicht klingt) – und haben irgendwie das Gefühl, in diesen zwei sympathischen jungen Männern so etwas wie Freunde für
eine halbe Stunde gefunden zu haben.
WP_20170930_023 Ich empfinde jedenfalls Sympathie auch zu ihrer Weltsicht. Ob sie im Hinblick auf Katalonien recht haben? Ich weiß es wirklich nicht. Aber dass die Gegendemonstranten in Madrid heute mit ihrem Ruf „Separatisten – Terroristen“ völlig daneben liegen, das weiß ich. Kriminalisierung von Volksgruppen war noch nie eine Lösung.
In der Dorfschulen von Matapedera am Fuße des La Mola sitzen ein paar Erwachsene in der Eingangshalle, diskutieren offenbar miteinander und schieben wohl Wahllokal-Wache. Auf einem Fernseher läuft die Übertragung eines Fußballspiels. Von der örtlichen Polizei, die ihre Wache auf der Rückseite des Gebäudes hat, ist nichts zu sehen.
Zurück in Barcelona:
Das Konzert der 1000 Töpfe heute Abend ist besonders vielstimmig und länger anhaltend als in den letzten Tagen, begleitet von Hupkonzerten und Böllern. Was wird der Tag morgen wohl bringen?
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Autonomes Katalonien 2017-09-28

Während in Deutschland die Parteien immer noch heftig mit der Wahl-Katerstimmung zu kämpfen haben, spitzt sich die Lage in Katalonien vor dem Unabhängigkeits-Referendum zu. D.h. In den vorigen beiden Tagen war relative Ruhe – abgesehen vom eindrucksvollen Töpfeschlagen aus unzähligen Fenstern jeden Abend um 22.00.
Heute aber lag plötzlich viel Energie in der Luft. Eigentlich hatten wir nur eine geführte Fahrradtour durch Barcelona gebucht. IMG-20170928-WA0010

Juliano, unser prima deutsch sprechender Guide hatte allerdings gleich zu Beginn angekündigt, auch über „das Problem zwischen Katalonien und Spanien“ berichten zu wollen. Aber kaum unterwegs, gerieten wir auch mitten hinein: Zunächst in eine Demo gegen die Unabhängigkeit (endlich mal wahrnehmbar). Auf dem Place de Sant Jaume, dort, wo vor drei Tagen noch die katalonische Folklore aufgeführt wurde, demonstrierten vielleicht zwei bis dreihundert Anhänger der Partei DiP vor dem Gebäude der Regionalregierung lautstark gegen die Abspaltung.

Unterwegs erklärt uns Juliano, dass die Katalanische Flagge eigentlich nur gelb rot gestreift sei (und in der Form die älteste der Welt). Das blaue Dreieck mit dem Stern aber sei von der Kubanischen Revolutionsfahne abgeschaut und als Symbol für die Unabhängigkeit verboten. Jedenfalls an öffentlichen Gebäuden.
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Nach einem Abstecher in den Innenhof des frühesten Krankenhauses in Barcelona (heute u.a. ein Kulturzentrum), wo wir die „erlaubte Fahne“ sehen, nähern wir uns der Placa Universität. Und plötzlich ist der Bär los: Der Platz ist schon weitgehend gefüllt mit Tausenden junger Menschen, die die „verbotene“ Fahne schwenken oder sich darin eingehüllt haben. Von der Großbühne dröhnt Rockmusik. Und von allen Seiten strömen unablässig weitere Jugendliche hinzu.

Die Polizei wird später 10.000 Schüler und Studenten zählen. Wahrscheinlich sind es eher 15.000. Partystimmung. Unabhängigkeits -hype. Untermalt von ausgelassenem Hupkonzert in den umgebenden Straßen. (Dabei hat Barca gestern Abend doch gegen Sporting Lissabon in der Championsleague 0:1 verloren). Die ganze Woche schon machen Oberstufenschüler und Studenten blau „aus Protest gegen die Haltung Madrids“.
Juliano kann darüber nur den Kopf schütteln.IMG-20170928-WA0011 Er sei ein unpolitischer Mensch. Und ihn interessiere das Referendum eigentlich nicht, so wie die meisten anderen. Ob er denn dagegen stimmen würde, frage ich ihn. Aber er zuckt nur mit den Schultern.
Problem dabei ist, dass der katalanische Ministerpräsident Charles Puigdemont das Ergebnis werten will, egal wie hoch oder niedrig die Wahlbeteiligung ist und seien es nur 20%. Auf der anderen Seite fällt der Regierung in Madrid auch nichts anderes ein, als alles zu verbieten. Man könnte ja auch mal miteinander reden…
Katalonien, das seit 500 Jahren immer wieder von Spanien unterdrückt und kleingehalten wurde, zuletzt unter der FrankoDiktatur bis 1975!
Die Bürgermeisterin von Barcelona hat heute die EU aufgerufen, in diesem schweren Konflikt zu vermitteln. Und jedem, der ein bisschen weiterdenkt, ist klar, dass ggf. eine Unabhhängigkeitserklärung nächsten Dienstag ein noch ganz anderes Desaster auslösen würde als der Brexit vor einem Jahr.

Am Nachmittag in einer Tappas-Bar lesen wir in einer Zeitung, dass die Unabhängigkeits-Aktivisten Freiwillige suchen, um Schulen als Wahllokale zu besetzen, bevor die Polizei sie sperren kann. Oder wenn das nicht gelingt, wenigstens demonstrative lange Schlangen vor jedem der 2600 geplanten Wahllokale zu bilden.
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(Auch diesen Beitrag habe ich nur auf dem Handy erstellt und bitte erneut etwaige Fehler und technische Pannen zu entschuldigen.)

Autonomes Katalonien 2017-09-25

Es ist reiner Zufall, dass wir gerade jetzt in Katalonien Urlaub machen. Aber wir sind hier in einer extrem spannenden Situation gelandet. Seit Jahren spitzt sich der Streit um ein Unabhängigkeits-Referendum zu: Zwischen der katalonischen Regionalregierung und der spanischen Zentralregierung und es wird mit immer härteren Bandagen gekämpft. Die „“Generalitat de Catalonya“ versucht unter allen Umständen und gegen die Entscheidung des Verfassungsgerichtes, diese Volksbefragung durchzuführen. Und während die „nicht reverendielle Volksbefragung“ 2014 von Madrid aus nur juristisch bekämpft wurde, versucht die Zentralregierung diesmal mit allen Mitteln das Funktionieren eines Referendums zu verhindern. Razzien, Beschlagnahmung von Stimmzetteln, Festnahmen von Politikern, die Regionalpolizei wird durch Madrid der paramilitärischen guardia civil unterstellt, Großdemonstrationen… – Was wir davon in den Straßen Barcelonas und auf dem katalanischen Land in den nächsten zwei Wochen miterleben, davon will ich euch in kurzen Blogs berichten. Technisch steht mir dafür nur mein Smartphone zur Verfügung, was die Arbeit etwas mühsam macht. Und ich bitte jetzt schon mal, eventuelle Rechtschreibfehler und technische Pannen zu entschuldigen. Wenn ihr meinen Blog noch nicht abonniert habt, ist jetzt eine gute Gelegenheit dazu, damit ihr immer sofort Nachricht erhaltet, wenn ich etwas zu berichten habe.

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Das erste verblüffende Erlebnis hatten wir gestern Abend nach unserer Ankunft und einem erlesenen Essen am Sant Pau Recinte Modernista (kleine Portionen, aber Genuss).

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Wir schlenderten über die Avinguda du Gaudi in Richtung Sagrada Famila, als es plötzlich anfing, um uns herum zu scheppern. Aus allen Richtungen, auch von oben. Topfschlagen in vollendeter Quadrophonie. Und dann sahen wir auch manche: Auf dunklem Balkon mit schmiedeeisernem Geländer vor teurem, schwerem Vorhang, dahinter ein herrschaftlicher Salon zu erahnen. Oder auf der anderen Seite aus dem Fenster eines 20. Jahrhundert-Mietshaus. Unzählige Töpfe der unterschiedlichsten Materialien und Größen, jedenfalls der vielfältigsten Klangfarben wurden ausdauernd geschlagen. Gegen 22 Uhr begann dieses merkwürdige Konzert, das so nach 10 – 15 Minuten langsam abebbte.

Am Morgen bestätigte unsere Gastgeberin, was wir schon vermutet hatten: Eine Klangdemonstration der besonderen Art anlässlich der bevorstehenden Volksbefragung. Wobei sie, die offenbar seit Jahrzehnten zwischen Deutschland und Barcelona pendelt (ihr Vater hatte das Haus gekauft) uns  auch nicht sagen konnte, welche Seite den Lärm macht: Die Unabhängigkeits- Befürworter („si“) oder die anderen. Der Verlauf der heutigen Tages machte das aber ziemlich klar. Denn von Gegnern des Referendums war nichts, aber auch gar nichts zu sehen oder zu hören. Statt dessen überall an Balkonen und Häuserfassaden Katalanische Fahnen und si- Transparente. Und wir fragen uns: Verschlafen die Befürworter eines Verbleibens in Spanien (laut Umfragen mehr als die Hälfte) die entscheidende Situation genauso wie im vorigen Jahr in Großbritannien die Brexit-Gegner? Bis es zu spät ist, eine nationalistische Entscheidung gefallen und die Gesellschaft gespalten? „Die Geschichte lehrt, dass die Menschen noch nie aus der Geschichte gelernt haben“. Frankreich hat gelernt. Aber Katalonien nicht?

In der Stadt ist davon nichts zu merken. Am oberen und unteren Ende der Ramblas steht zwar unübersehbar Bereitschaftspolizei der Stadt (municipal). Aber ansonsten drängen sich die Touristen wie wohl immer um die Straßenkünstler.
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Und das Musikfestival zu Ehren der Stadtheiligen Santa Mercé feiert sich selbst mit Bigbandjazz, Worldmusic und katalanischer Folklore auf vielen Bühnen. Denn hier verbindet sich der anti-spanische Nationalismus scheinbar mühelos mit Multikulti, Feminismus und Sozialismus.
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Reformationsjubiläum

So langsam biegt das Reformationsjubiläum in die Zielgerade ein – und mancher ist froh darüber, bzw. kann das Thema langsam nicht mehr hören. Gleichzeitig ist dieses Gedenk- und Aufbruchsjahr trotz allem Aufwand wahrscheinlich an einem großen Teil der Bevölkerung ziemlich wirkungslos vorbei gegangen.

Ich will und kann mit diesem Blog natürlich kein allgemeingültiges Resümee ziehen. (Ich hab zwar viel mitbekommen, aber zugleich doch auch nur einen Bruchteil.)

Aber ein paar Schlaglichter aus meiner Perspektive will ich benennen und illustrieren. Und gerne dürft Ihr mir eure Kommentare dazu schicken:

  1. Winterliches Wittenberg
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Stadtkirche in Wittenberg

Im Januar gab es für mich einen doppelten Auftakt in Wittenberg, den ich in sehr positiver Erinnerung habe. Da war zunächst der Auftaktgottesdienst des Gnadauer Verbandes in der Schlosskirche. An dem Tag war es wirklich bitterkalt in der Lutherstadt und die Straßen verschneit. Aber trotzdem hatten sich ein paar Hundert Gottesdienstbesucher in der Schlosskirche eingefunden, um einen fröhlichen und außerordentlich ermutigenden Gottesdienst zu feiern. Orgelmusik und Gospelchor, Auftritt von des Reformators Johannes Bugenhagen, eine energiegeladende Predigt von Präses Michael Diener, kraftvolle Gebete und viele Begegnungen am Rande machten deutlich: Es geht nicht um Rückwärtsgewandtes, sondern um die Vitalität der Kirche heute und in Zukunft.

Drei Wochen später hatte ich Schulungen für die Mitarbeitenden in unserem Lutherhotel zu halten. Und zu der Gelegenheit besuchten Christiane und ich das Panorama von Asisi, das uns wirklich begeistert hat: Mit den unzähligen lebendigen Szenen aus den Jahren um 1517 im 360-Grad-Rund, den Geräuschen und wechselnden Tageszeiten ist da ein Fenster in die Geschichte gestaltet worden, das unendlich viele, kleine und große Entdeckungen ermöglicht (nicht nur die großen kirchenpolitischen, sondern auch z.B. einen nächtlichen Blick ins Ess- und ins Schlafzimmer der Luthers. Zum Glück bleibt dieses Panorama noch weit über das Jubiläumsjahr hinaus stehen.

2. Kirchentagsabschlussgottesdienst auf den Elbwiesen

wenn ich ehrlich bin, ist das unterm Strich doch die große Enttäuschung des Jahres, obwohl unfassbare Energien und Kosten in die Organisation gesteckt wurden. Wie schon in einem früheren Blog berichtet, lag die Teilnehmerzahl unter einem Drittel der erwarteten, der Gottesdienst war in Ordnung, aber doch auch sehr brav und begrenzt inspirierend. Und dann war es so heiß, dass sich die meisten kurz nach dem Mittag wieder auf den Heimweg machten – und allein der einstündige Fußweg zum Bahnhof Hunderte in gesundheitliche Probleme brachte. Das ganze wirkte auf mich wie der verzweifelte Versuch, evangelischerseits so etwas wie das Fest mit Papst Benedikt zum katholischen Weltjugendtag 2004 auf dem Marienfeld vor den Toren von Köln hinzukriegen. In Wittenberg insgesamt doch ein Flop.

3. Weltausstellung

Also, ich habe mehrfach gesagt: „Weltausstellung“ ist schon ein sehr großes Wort für das, was da geboten wurde. Trotzdem lohnte sich der Besuch aus meiner Sicht. Auch wenn ich – als ich Anfang August dort war – an vielen Stationen als gerade einziger Besucher von den Mitarbeitenden seeehr herzlich begrüßt wurde. In der Stadt war richtig was los, aber die Weltausstellung doch überschaubar besucht.

Den heiß diskutierten „Segens-Roboter“ der Hessen-nassauischen Kirche fand ich vor allem: köstlich. Besonders, wenn er die Arme erhebt und mit leichtem Knacken die Finger spreizt, hat das was von Robby, Tobbi und dem Fliwatüt (wenn noch jemand dieses Kinderbuch kennt). Aber es wurden dadurch höchst interessante Gespräche ausgelöst. Und damit gehörte die mobile Segenskirche mit insgesamt ca. 11.000 Besuchern zu den meistbesuchten Pavillions.

Noch ein wenig besser besucht (11.250) war der Pavillion des Evang. Gnadauer Verbandes. Das lag vermutlich zu einem hohen Teil an der sehr guten Lage, direkt am Anfang neben dem Lutherhaus. Aber das geräumige Zelt mit den drei Themen-Kuben (Mission, Diakonie, Bibel), freundlichen und seelsorgerlich geschulten Mitarbeitenden und z.T. schönem Begleitprogramm lohnte den Besuch auch. Die Berliner Stadtmission war übrigens wesentlich an der Gestaltung des Themenkubus zu Diakonie beteiligt.

Bei der Weltausstellung hatte ich aber z.B. im Pavilion der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa ein hoch interessantes Gespräch mit einem ungarischen Theologieprofessor, der mir sehr differenziert von der Politik Orbans und der Rolle der Reformierten Kirche dort berichtete. Und natürlich hatte ich mir richtig Zeit genommen für den Schweizer Pavillion, denn insgesamt ist das Reformationsjubiläum ja doch viel zu Luther-lastig. Und da lohnt es sich, bewusst auf die besonderheiten der Reformation in Zürich und Genf zu schauen.

Besonders hatten es mir aber die Türen der Freiheit angetan, einer dreistöckigen innen begehbaren Installation, die von Mitarbeitenden und Bewohnern/Klienten verschiedenster diakonische Einrichtungen gestaltet waren.

4. Vorletzen Donnerstag fand dann in Potsdam der offizielle Festgottesdienst und Empfang der EKBO (Landeskirche Berlin-Brandenburg- schlesische Oberlausitz) und des Landes Brandenburg statt. Die prächtige Nikolaikirche, die ich vorher auch noch nicht von innen gesehen hatte, gab eine gute Kulisse für die Predigt von Bischof Dröge und Ministerpräsident Wiodke, beides ansprechende Ansprachen. Vor allem die von Woidke, der nicht nur seinen persönlichen Bezug aus DDR- und Studentenzeiten zur Evangelischen Kirche erzählte, sondern auch hervorhob, wie wichtig die Christen gerade heute für Politik und Staat seien, um die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen.

 

Anschließend wurde dann die Ausstellung „Reformation und Freiheit“ zur Brandenburgischen Reformation feierlich eröffnet. Die steht ja ein bisschen im Schatten der Mitteldeutschen Reformationsgeschichte. Spannend an der brandenburgisch-preußischen ist die enge Verbindung ins heutige Polen. Denn zur Reformationszeit befand sich das unter einer Regierung mit Brandenburg verbundene „Königreich Preußen“  rund um Königsberg.

Die kleine feine Ausstellung lohnt sich jedenfalls zu besuchen. Wegen der besonderen Exponate – und auch der lustigen Zeichentrickfilme zu besonderen Ereignissen, die mit Einfacher Sprache erklärt werden. Diese Ausstellung ist auch noch bis Januar geöffnet.

Zum Schluss bleibt natürlich die Frage, ob der 31.10., der in diesem Jahr in allen Bundesländern staatlicher Feiertag ist, von den Evangelischen wirklich nochmal intensiv dazu genutzt wird, sich versammeln und mit dem Reformationsgedenken im Rücken in die Zukunft aufzuberechen. Oder ob die meisten Evangelischen einfach diesen zusätzlichen freien Tag für sich privat nutzen. Die meisten Veranstaltungen im Jubiläumsjahr litten ja an zu geringer Teilnahme, was (verbunden mit den hohen saatlichen Zuschüssen) gesellschaftlich mit Recht sehr kritisch wahrgenommen wurde. Was für ein Signal wird wohl vom Reformationstag selbst ausgehen?