Archiv für den Monat Oktober 2017

Katalonische Silhouetten

„Nichts ist gewonnen – nur Zeit“ heißt es in einem der vielen Kommentare der vergangenen Woche zur Frage der Unabhängigkeit Kataloniens.

Wir sind inzwischen wieder in Berlin, und so kann ich keine aktuellen Eindrücke von dort mehr einfangen. Aber zum Abschluss dieser kleinen Katalonien-blog-Serie möchte ich einfach ein paar – wie ich finde – besondere Fotos von diesem wunderschönen Stück Spaniens mit euch teilen, zum Genießen und vielleicht auch Schmunzeln, wie bei diesem hier:

Alles weitere sind Silhouetten an verschiedenen Orten. (Es lohnt übrigens, sich die Fotos sich in Groß anzuschauen.)

Zunächst Barcelona, 4 x Sagrada Familia:

Weiter gehts an der Costa Dourada runter nach Sidges, wo besonders die Abendstimmung wunderbar ist:

Eine Wanderung auf den rund 1100 m hohen La Mola nördlich von Barcelona bietet gerade bei dunstigem Wetter faszinierende Aussichten:

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In Tarragona gibt es eine Skulptur von der katalanischen Alternative zum spanischen Stierkampf: Die „Castels“, Menschenpyramiden als Mutprobe mit Gemeinschaftssinn – mit Hunderten von Mitwirkenden und im Wettkampf bis zu einer Höhe von 10 Stockwerken! Hier die Spitze des Denkmals:

Das Montsant Gebirge hat unter anderem Weinberge mit Spitzenwein zu bieten („Priorat“), keltische Kreuze und Gänsegeier, mit 2,50 der zweigrößte Vogel Europas. Wir haben einmal sieben von denen gleichzeitig auf der Thermik segeln sehen:

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Im Ebrodelta findet man Enten, Flamingos und einen natürlichen Zirkel :

Und zum Schluss noch oktobrige Abendstimmung an der Costa Brava nahe Tossa de Mar:

Gute Nacht!

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Katalonische Zukunft ungewiss (2017-10-10)

Vorhin fand die mit großer Spannung erwartete Sitzung des Katalanischen Parlamentes statt. Nach den Großdemonstrationen am Sonntag (endlich meldeten sich auch mal die Gegner unter den Bürgern zu Wort) war es erst mal ruhig. Die Menschen, mit denen ich derweil ausführlich über die Entwicklung sprechen konnte – ein junger Mann in Deltebre, also im Ebrodelta ganz im Süden von Katalonien, und ein mittelalterlicher Mann in Tossa de Mar an der Costa Brava, beide überzeugte Katalanen – meinten übereinstimmend, das sei eine ganz schwierige Situation und keine Lösung in Sicht. Beide forderten, was auch am Sonntag auf vielen Demoplakaten zu lesen war: „Verhandelt – oder tretet zurück!“ Gemeint sind der katalanische regionale Ministerpräsident Puigdemont wie auch der spanische Rajoy. Ersterer hatte ja bereits immer wieder Gespräche mit der Zentralregierung gefordert. Und hat auch heute genau diesen Wunsch bekräftigt und als Zeichen der Deeskalation zwar am Unabhängigkeits-Ziel festgehalten, aber die Abstimmung darüber auf unbestimmte Zeit verschoben.

Leider war aus Madrid bisher wieder nur die altbekannte Leier zu hören: weil das eh ganz  ungesetzlich sei, könne es auch keine Gespräche geben.

Das bedeutsamste politische Erbe von Frank Walter Steinmeier als Außenminister ist für mich, dass er unermüdlich auf Verhandlungen und Gespräche gesetzt hat. Frei nach dem Motto: Ein Gespräch ohne Ergebnis ist immer! besser als keins. Wodurch kam endlich das Atomabkommen mit Iran zustande? Nur durch solche Gespräche! Wodurch wird ein Atomkrieg mit Nordkorea zu einer real bedrohlichen Möglichkeit? Weil es keine Gespräche gibt. In der Politik, der Wirtschaft, bei Kirchens und im Privaten gibt es manchmal Situationen, in denen Gesprächspausen vonnöten sind. Aber wo es dabei bleibt, dass die andere Seite keines Gesprächs mehr gewürdigt wird, ist die Eskalation vorprogrammiert und eine gute Lösung nicht mehr möglich.
Leider, wie gesagt, gibt es zur Zeit keine Anzeichen für diese Einsicht bei der Regierung in Madrid.
Interessanterweise ist es mir nicht gelungen, mit einem Unabhängigkeitsgegner in einen Austausch zu kommen. Da wurde immer nur direkt abgewunken. Manchmal schon bei der Frage, ob jemand katalanisch oder spanisch spreche. „Katalanisch? Niemals!“
Mein einundzwanzigjähriger Gesprächspartner in Deltebre sagte: „Beide haben Fehler gemacht: Puigdemont und Rajoy. Beide müssten daraus lernen.“
Er erzählte auch, dass ihm das Thema vor einem Jahr noch egal gewesen sei. Aber seit er Geschichte studiere, habe sich seine Meinung geändert. Und viele Kinder in der Region könnten Spanisch nur verstehen, aber nicht sprechen. Und: In anderen Teilen Spaniens sei er schon öfter blöd angemacht worden, als man herausbekam, dass er Katalane sei.

Trotzdem, von außen betrachtet würde eine Unabhängigkeit lauter kaum lösbare Probleme schaffen: Für Katalonien, für Spanien und für Europa.
Aber wie gesagt, wo keine Gesprächsbasis mehr ist, blühen die Mythen.

Katalonien, Generalstreik! (2017-10-03)

Zum Glück haben wir gegen Abend noch eine offene Tankstelle mit kleinem Shop gefunden. Sonst müssten wir heute hungrig ins Bett gehen. Denn der Generalstreik in Katalonien ist wirklich so generell, wie wir es uns nicht hätten vorstellen können. Wir sind zur Zeit auf dem tiefsten Lande, aber in keinem der Berg- und Wein-Dörfchen war auch nur irgendetwas geöffnet, kein Geschäftchen, kein Restaurant, keine Bar, kein Weingut, nicht mal die ehemalige Kartäuser-Abtei, von der aus vor knapp 1000 Jahren hier am Montsant mit dem Weinbau begonnen wurde.

Heute zählt „Priorat“ zu den besten Weinregionen der Welt (geringe Mengen, exzellente Qualität).

Aber wie gesagt: Heute alles geschlossen.
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Gestern Abend um viertel vor acht – langsam legte sich stimmungsvolles Abendlicht über die Landschaft (siehe Titelbild) – schmetterte plötzlich sehr laute Musik aus den Lautsprechern am Kirchturm. Und nach einem weiteren Signal kam eine unüberhörbare Durchsage der Gemeindeverwaltung, die ankündigte, dass morgen in Katalonien ein Generalstreik angesetzt sei aus Protest gegen die Gewalt der Spanischen Polizei und zur Verteidigung der Demokratie, und deshalb alle Geschäfte geschlossen bleiben sollten usw.

Wir waren etwas geschockt über diese Direktive vom Kirchturm. Aber Heute stießen wir zufällig auf historischen Schautafeln in einem anderen Ort auf ein Foto mit dem traditionellen Beruf des Dorf-Ausrufers.
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Jedenfalls hat die Landbevölkerung hier den Generalstreik sehr ernst genommen und sich dann aber gegen Abend wieder an zentraler Stelle versammelt. Und der katalanische Fernsehsender zeigte zur Nachrichtenzeit etwa 15 Minuten lang Bilder von Versammlungen und Demonstration aus den unterschiedlichsten Groß- und Kleinstädten – als Kundgebungen vor Rathäusern oder Flaggen schwenkenden Treckerkorsos.

Die Gewalt der Guardia Civil gegen Bürger des eigenen Landes (gestern wurde die Zahl von fast 900 Verletzten bekannt gegeben) hat die Katalanen im Protest viel mehr und tiefer zusammengeschweißt als die Unabhängigkeits-Kampagne es je vermocht hätte. Polizei-Gewalt statt politischer Diskurs sind innenpolitisch ein Desaster. Und Menschengruppen, die notorisch nicht ernstgenommen werden, lassen das nicht endlos mit sich machen. Ein Thema, über das wir in Deutschland nach den hohen Ergebnissen der AfD auch nochmal viel aufmerksamer nachdenken und reden müssen – und zwar differenziert und unideologisch!

Für 21 Uhr war eine Fernsehansprache von König Filipe VI angekündigt. Hoffentlich findet er Worte, die wieder Brücken bauen. Denn die aktuelle Entwicklung bringt nur Verlierer hervor.

Katalanisches Referendum – der 1. Oktober 2017

Es ist noch dunkel, als schon über unserer Ferienwohnung nahe der Sagrada Familia ein Polizeihubschrauber knattert. Als wir gegen 10.30 aufbrechen, ist bereits die übernächste Straße blockiert durch eine große Menschenansammlung. Offenbar gibt es dort ein Wahllokal, vor dem die Leute schon so früh Schlange stehen. Irgendwo davor steht ein recht entspannter Regionalpolizist und: Tut nichts anderes als den Verkehr zu regeln. Ein Bild, das wir an diesem Tag noch häufig sehen werden.
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Wenige Kreuzungen weiter ist die Situation völlig anders. Wir werden von aufgeregt gestikulierenden Verkehrspolizisten gestoppt, und schon kommt von rechts eine schwer gepanzerte Einheit der guardia civil, also der Bereitschaftspolizei der Zentralregierung. Um sie herum laufen zornige Demonstranten, unsortiert und chaotisch das Ganze, guardia civil da schon von einer bedrohlichen Unerbittlichkeit.
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Wie sie später auf Menschen jeden Alters eindreschen werden, die in Sitzblockaden Wahllokale schützen wollen, oder gerade ihre Stimme abgegeben haben, sehen wir erst abends im Fernsehen. „Auftragsgemäß und angemessen“ werden die Einsätze von Madrid genannt, durch die fast 500 Menschen verletzt werden. Die Katalanen aber zeigen sich als friedliche Menschen, protestieren gewaltlos mit erhobenen Händen und teilweise singend. Ein beeindruckendes Beispiel gewaltlosen Widerstandes.

Wir fahren die Costa Durada Richtung Tarragona und stellen irritiert fest, dass in den meisten dieser Seebäder jeder Hinweis auf das Referendum fehlt. Keine Fahnen oder si -Tücher. Eher vereinzelte Spanische Flaggen. Ganz anders dann in Tarragona, der wunderschönen Stadt mit den beeindruckenden römischen Bauwerken. Allein in der überschaubaren Altstadt treffen wir auf vier Orte für Stimmabgabe. Und gleich vor der ersten warten die Menschen in zweihundert Meter langen Schlangen von beiden Seiten. Sie warten stolz, ja fröhlich und völlig entspannt. Es hat was von Familienfest.

Bei dem Wahllokal neben den Ruinen des römischen Zirkus erleben wir, wie der erste nach der Stimmabgabe wieder auf die Straße tritt und von den Wartenden mit frenetischem Applaus bejubelt wird: Ein alter, gebeugter Mann, gestützt von zwei jüngeren Menschen.

Auch in den Orten im Parc National Serra de Montsant, wo wir heute noch hinkommen, immer wieder das gleiche Bild: Ansammlung von Menschen, die sich selbst feiern: selbstbewusst und friedlich, auf der Treppe zum Marktplatz zu einem Dorfgemeinschaftfoto wie in Falset oder an einem longtable neben der Kirche wie in dem eng an die Felsen gekauerten Dörfchen La Vilella Baixa.

Inzwischen wird es Abend und die Menschen sitzen zusammen vor einem auf der Straße aufgebauten Fernseher, um die laufenden Berichte im Katalanischen Sender zu verfolgen. Über 3 Millionen Stimmen sind abgegeben worden. Das ist unter den gegebenen Umständen eine enorm hohe Zahl. Dieweil tritt Ministerpräsident Mariano Rajoy vor die Presse und erklärt ungerührt, er sei der Präsident aller Spanier und das Ganz sei einfach nur illegal und eine wiederrechtliche Provokation. Und überhaupt sei das Recht auf seiner Seite und das Referendum undemokratisch. Und deshalb sei er auch weiterhin als Präsident aller Spanier dafür verantwortlich, dass die Einheit der Nation gewahrt bleibe. Usw. 20 Minuten lang immer das Gleiche. Deutlicher kann ein Präsident nicht sagen, dass ihn die Interessen einer Region definitiv nicht interessieren. Er war es übrigens, der 2010 das vier Jahre vorher zwischen Madrid und Barcelona ausgehandelte Abkommen wieder kippte. Und jetzt schickt er seine paramilitärische Polizei in die Region und lässt sie Menschen zusammenschlagen. Kein Wunder, dass die Katalanen sich schrecklich an die Franko- Diktatur erinnert fühlen, die in Spanien wohl bis heute noch nicht ansatzweise aufgearbeitet worden ist. Nach dem heutigen Tag werden die begründeten Aversionen gegen die Spanische Zentralmacht jedenfalls alles andere als kleiner werden. Und das Töpfeschlagen um 22 Uhr geht weiter auch in dem kleinen Bergdorf im Schein eines ungerührten Mondes.
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