Journey to Peace – Reise zum Frieden

Ich finde, das ist ein sehr passendes Adventsthema, in diesem Jahr vielleicht noch dringlicher als zuvor. Zu wirklichem Frieden, biblisch „Schalom“, werden wir in dieser Welt immer nur unterwegs sein – bestenfalls. Im Moment sind leider viele in der anderen Richtung unterwegs.  Deshalb ist es so wichtig, wach und unbeirrt nicht mit diesem Strom zu schwimmen, sondern immer wieder zu versuchen, eine echte Alternative zu den immer schärferen Tönen und Handlungen zu gestalten. Im biblischen Leitwort der Berliner Stadtmission „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn“ dann steht da im hebräischen „Sucht den Schalom der Stadt“, d.h. sucht nach einem Frieden ohne Verlierer.

Den Titel dieses Blogs habe ich aber von der Awra Amba Community in Äthiopien, von der zu berichten ich ja noch versprochen hatte. Das will ich jetzt endlich nachholen und dann noch von ein paar aktuellen Projekten unserer Arbeit erzählen.

Kurz vor Woreta am Ostufer des Tanasees biegen wir vom Highway 22 ab, um die Kommunität zu besuchen, von der wir in dem wunderbaren Äthiopienbuch „Der Mann, der den Tod auslacht“ (Philipp Hedemann) gelesen hatten. Das Kapitel ist überschrieben mit „Der Philosoph mit der Badehaube“.

Gemeint ist Zumru Nuru, der Gründer und Leiter einer Kommunität, die ihren Sitz in diesem Dorf hat, aber inzwischen Mitglieder in ganz Äthiopien und manchen anderen Teil der Welt zählt. Er ist laut Philipp Hedemann „einer der wenigen Atheisten Äthiopiens und der wohl bekannteste Ungläubige seines Landes.“ Wobei ich mir da gar nicht so sicher bin, ob das voll zutrifft. Aber in der Lebensgemeinschaft, die er aufgebaut hat, spielt Religion keine Rolle. Weshalb, versuche ich gleich zu erklären.

Wir werden von einigen Mitarbeitenden freundlich empfangen und ins Gemeinschaftshaus geführt. Ja, man würde mal fragen, ob sich Zumra Zeit für uns nehme. Bis dahin sollten wir uns ein wenig umschauen. An den Wänden hängen handschriftliche Plakate mit den Kerngedanken Zumras. Ganz schlichte, weisheitliche Sätze, die aber erhebliche Konsequenzen haben, wenn man sie umsetzt. (Siehe Titelbild)

Nach einiger Zeit tritt er würdevoll in den Gemeinschaftsraum und setzt sich auf die einfache Bank uns gegenüber. Und wahrhaftig: Bei seiner merkwürdigen knatschgrünen Kopfbedenkung kann man nicht anders als an Badekappe denken. Sein junger Assistent, der uns vorher schon ein paar Dinge erklärt hat, fungiert jetzt als Übersetzer. Denn Zumra spricht kein Englisch. Er hat auch nie Lesen und Schreiben gelernt. Aber er war wohl schon als Kind das, was wir „emotional hochbegabt“ nennen würden. Mit vier begann er Fragen zu stellen, die seine Familie und sein Dorf völlig irritierten: Warum wird meine Mutter so behandelt, als sein sie weniger wert als mein Vater? Warum dürfen wir von Muslimen kein Rindfleisch kaufen? Haben Kinder keine Rechte?  Muss man Menschen, die zu alt oder schwach zum Arbeiten sind, nicht helfen? Usw.

Als Jugendlicher machte er dann jede Menge Vorschläge, wie man das Leben im Dorf ändern müsste, woraufhin man ihn schlicht für geistesgestört erklärte. Aber er kam von diesen Gedanken nicht los. Und irgendwann über verschiedene schwierige Stationen fand er Menschen, die sich von diesen Gedanken anstecken ließen und bereit waren, sich mit auf die Reise zum Frieden zu machen.

 

Im Kern geht es um 5 Prinzipien:

  1. Gleiche Rechte für Frauen respektieren.
  2. Gleiche Rechte für Kinder respektieren.
  3. Menschen, die zu alt oder schwach zum Arbeiten sind, helfen.
  4. Schlechtes Reden und Handeln vermeiden, statt dessen Zusammenarbeit, Frieden, Liebe und gute Taten üben.
  5. Alle Menschen, ungeachtet ihrer Unterschiede, als Brüder und Schwestern annehmen.

Später werden wir noch durchs Dorf geführt und sehen wie diese Gedanken ganz konkret umgesetzt werden: in Kindergarten und Schule, Werkstätten und betreutem Wohnen für Alte und Schwache oder auch dem selbstentwickelten Holz-sparenden Herd bzw. Backofen. Alles ganz schlicht, aber sauber und funktional.

Auf den ersten Blick wirkt die Kommunität kommunistisch, ist sie aber nicht. Jeder, der kann, arbeitet für sein eigenes Einkommen und hat Privatbesitz. Aber der Erlös von einem Tag in der Woche (also nicht „der Zehnte“, sondern „der Siebte“) ist für die Gemeinschaft und besonders für die Schwachen.

Dazu kommen, wie wir erfahren, klare Methoden zur Partizipation aller an Entscheidungen und gewaltfreien Konfliktlösungen. In diesem Sinne ist Zumra kein Guru, obwohl er auf uns schon so wirkt. Auch wenn sein Wort sicher ein besonderes Gewicht hat, hat er nicht mehr zu sagen, als andere. Reise zum Frieden eben.

Das Ganze verzichtet aber bewusst auf irgendeinen religiösen Überbau.  Zumra erklärt uns: „Falls es ein Leben nach dem Tod gibt, kannst du das aber nicht überprüfen („double check“). So tun wir einfach unser Bestes, ein Stück Paradies vor dem Tod zu leben.“

Im Äthiopischen Kontext hat diese Aussage eine völlig andere Bedeutung, als bei uns. Denn am Horn von Afrika sind im Grunde alle Menschen religiös und glauben an irgendeinen Gott. Und wenn es sich um orthodoxe Christen handelt, dann ist das ganze Leben geprägt durch unendlich viele Regeln, die zu erfüllen sind, 170 Fastentage im Jahr, viele Heilgentage, an denen nicht gearbeitet wird. Hochzeiten und Beerdigungen müssen tagelang gefeiert werden, womit sich die Familien finanziell oft hoffnungslos übernehmen. Das alles ist in der Afra Amba Community extrem reduziert. Auch der Sonntag ist nicht prinzipiell frei. Wobei es jedem freisteht, sich dann auch mal freizunehmen und sowieso auch persönlich religiös zu sein. Offenbar hat Zumra zu oft erlebt, dass gerade auch die christliche Religion die Menschen in Äthiopien davon abhält, die Probleme des Landes konsequent anzupacken.

Zurück nach Deutschland:

Bei der Berliner Stadtmission packen wir weiterhin Probleme konsequent an –  und erleben den christlichen Glauben und besonders das (gemeinsame) Gebet als wesentliche Kraftquelle in all den Herausforderungen. Vor einigen Wochen haben wir z.B. – vom Senat finanziert – eine Clearingstelle für Menschen ohne Krankenversicherung eröffnet. Wie groß dieses Fass ist, hat aber im Vorfeld keiner geahnt: Welche Beträge bisher Krankenhäuser nicht bezahlt kamen und welche Menschen, obwohl sie einen Rechtsanspruch haben, in unserem Land aus irgendwelchen Gründen aus der Versicherung herausgefallen sind!

Um auf die Situation von Obdachlosen aufmerksam zu machen, haben Christoph von Weiztel (Bariton), Uwe Packusch (Klavier) und ich (Sprecher) vor zwei Wochen die „Oper für Obdach“ erneut aufgeführt, diesmal  in München im Hauptbahnhof. (Vgl.mein Blog vom November 2017) Technische Probleme führten in München leider dazu, dass wir nur zwei von vier geplanten Auftritten machen konnten. Trotzdem war das Zuschauer- und Presseecho enorm. Nicht nur, weil es solch eine Performance im Münchener Hauptbahnhof überhaupt noch nie gegeben hat. Auch hier wurde wieder die Kombination von inszenierten Schubert-Liedern (Winterreise) mit Bibeltexten als besonders intensiv erlebt.

Am Samstag (8.12.) gestalte mich mit vier anderen zusammen etwas Neues im Öffentlichen Raum: „First Christmas“ – musikalisch-szenische Weihnachtsperformance auf der Bühne im „Ringcenter“ an der Frankfurter Allee, Berlin Friedrichhain (15.30 und 17.30). Wir sind sehr gespannt, wie das gelingt, und welches Echo das haben wird.

Auf dem Weg zum Frieden waren für mich aber auch die Konzerte mit dem Weihnachtsoratorium in der St. Lukaskirche, bei denen ich eine geistliche Werkeinführung gegeben habe.

 

Und auch: Das Adventskonzert der Stabsmusikkorps der Bundeswehr gestern Abend im Berliner Dom. Ich war geladener Gast, weil die Hälfte der Spenden am Ausgang für die Berliner Stadtmission bestimmt waren. (Am 20. Februar gibt das Stabsmusikkorps in der Universität der Künste ein Benefizkonzert komplett für die Stadtmission, konkret für das neue „Zentrum am Zoo“ mit Beratungsangeboten und Bildungsprogrammen.)

Ich habe die adventliche Musik (von „Es kommt ein Schiff geladen“ bis zur Nussknackersuite) dieses phantastischen symphonischen Blasorchesters genauso genossen wie die einfühlsamen und durchaus geistlichen Zwischenmoderationen des Chefdirigenten. Am Schluss wurde gemeinsam gesungen „Komm, o mein Heiland Jesus Christ, meins Herzens Tür dir offen ist…“

Ganz ehrlich, so faszinierend, wie der Weg zum Frieden von der Afra Amba Community gestaltet wird, – ich möchte ihn nicht ohne die Weihnachtsbotschaft gehen müssen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch eine gesegnete und friedensfördernde Advents- und Weihnachtszeit.

 

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