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Berliner Lebenswelten (Ein Sonntag im Winter)

Als ich neulich an einem Winter-Sonntag früh zum Gottesdienst durch die Stadt fuhr – mit blog-42-21dem Auto und das heißt oberirdisch (nicht mit der U-Bahn und auch nicht S-Bahn, wo man vor allem Bahngelände zu sehen bekommt) – als ich so durch Mitte, Friedrichshain und Lichtenberg fuhr, da sprang mich ein Gefühl an, dass ich früher manchmal auch schon in Köln hatte, ein gedanklicher Schwindel wie beim Betrachten des Sternenhimmels in seiner unendlichen Weite und Tiefe: In allen diesen riesigen Wohnblocks gibt es jeweils Hunderte von Wohnungen. Und in jeder dieser Wohnung leben Menschen – als Familie, gepatchworkt,  mit Partner, viele auch allein (aus sehr unterschiedlichen Gründen). Und jeder einzelne Mensch, Mann, Frau, jung, alt, jugendlich oder midlifig, Greis, Säugling, – jeder einzelne Mensch, arm, reich, mittel, bildungsnah, bildungsfern, – jeder einzelne Mensch ist der Mittelpunkt seiner Lebenswelt, seines Universums. Wir können gar nicht anders, das macht ja gerade das Bewusstsein des Menschen aus: als „Ich“ zu sein, zu denken, zu fühlen, zu handeln. Dreikommasechs Millionen individuelle Lebensmittelpunkte allein in Berlin.

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Jeder einzelne Mensch empfindet anders, hat andere Vorlieben und Abneigungen, Alltags- und Freizeitbeschäftigungen, Stärken und Schwächen, Hoffnungen und Angstpunkte, Lieblingsmusik, Lieblingsbücher, Lieblingsspeisen, Lieblingsfarbe, Lieblingsgeschäfte und Lieblingsbeschäftigungen…

Und so habe ich an dem Morgen beschlossen: Ich fotographiere einfach mal die Lebensräume, denen ich an diesem Sonntag begegne. Berliner Lebenswelten. Und zeige euch jetzt einiges davon. Da ist nichts Spektakuläres bei. – Aber lasst die Bilder mal auf euch wirken, mit meiner gerade beschriebenen „Brille“ in Kopf.

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(Hier wohnen wir übrigens im 13. Stock, tolle Aussicht!)

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Und was mich genauso schwindeln lässt wie ein Blick in den Weltraum ist nun, dass Gott diese Aber-Milliarden Lebenswelten extrem genau kennt, versteht, mitten drin ist – auch wenn die wenigsten das wissen oder ahnen. Wir untereinander können immer nur eine sehr begrenzte Zahl von Menschen mehr oder weniger gut kennen und verstehen lernen. Und selbst bei denen, die sich eine Wohnung teilen, ist das gegenseitige Verständnis oft recht begrenzt.

Gottes Kenntnis geht hingegen tiefer als alle unsere Selbsterkenntnisse. „Du sieht mich“, ist das Motto des diesjährigen Kirchentages hier in Berlin (und anderen Lutherstädten auf dem Weg). Als zentralem Bibeltext geht es dabei um die Geschichte der ägyptischen Sklavin von Sarai und Abraham, Hagar, die mehrfach genau diese Erfahrung macht: „Du bist Gott, der mich sieht“.

Und das gilt eben auch für die Dreikommasechsmillionen individueller Lebensmittelpunkte allein in Berlin und die Guteinemillion in Köln usw.! Bei dem Gedanken platzt mir förmlich das Hirn. Aber ich muss – Gott sei Dank – ja auch nicht Gott sein.

Das mal nur ansatztweise durchzubuchstabieren für die unterschiedlichen Menschen in unserer Stadt, finde ich ausgesprochen faszinierend. Z.B. auch für die rund um den Bahnhof Zoo:

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In der Arbeit der Berliner Stadtmission geht es immer wieder darum, Menschen gerade aus den häufig übersehenen Lebenswelten in den Blick zu nehmen.

Und bei Dynamissio, dem Missionarischen Kongress in Berlin vom 23.-25.3., wird es ein Schwerpunkt sein, unterschiedliche Lebenswelten hier in der Stadt kennenzulernen. (Dazu werde ich übrigens eine kurze Einführung im Plenum geben). Man kann sich noch anmelden!

Zum Schluss noch ein Hinweis: Das Büchlein, weshalb ihr im vorigen Jahr so lange auf meinen Blog verzichten musstet, ist jetzt da:

Brunnen-Verlag
144 Seiten, Paperback
13,8 x 20,8 cm
15,00 €
Bestell-Nr.: 192076
ISBN: 978-3-7655-2076-1
EAN: 9783765520761
1. Auflage

 

 

 

 

 

 

Zu Gast bei Nachbarn

Dies ist kein Weihnachtsblog und auch kein Jahresrück. Obwohl – vielleicht doch ein bisschen von beidem. Ich möchte euch heute nämlich (nachträglich) auf unsere sommerliche und spätsommerliche Entdeckungsreisen zu Nachbarn mitnehmen: Europäischen Nachbarn! Denn mitten in dem Jahr, das von zunehmender Entsolidarisierung und Re-Nationalisierung innerhalb Europas gekennzeichnet war, bin ich zwei Mal in Tschechien, einmal in Polen und einmal in Schottland gewesen – immer auf der Suche nach Begegnungen mit Einheimischen und auf der Suche nach Gemeinsamkeiten, nach Verbindendem.

Dabei war die Tschechische Republik die größte Entdeckung für uns: Ende Juli sind Christiane und ich in unserem Sommerurlaub zwei Wochen lang in Böhmen unterwegs gewesen, von Prag und Umgebung bis ganz in den Süden, ins tschechisch-österreichisch-deutsche Dreiländereck an der jungen Moldau. Und im September waren wir mit einer Delegation der Berliner Stadtmission zur Konferenz der European Association of Urban Missions (EAUM) in Ostrava in Nordost-Mähren, von Einheimischen auch Tschechisch-Preußen genannt.

Abgesehen von einer Konzertreise nach Ungarn und einer Studienreise durch Polen Jahre vor der Wende bin ich noch nie in osteuropäischen Ländern gewesen. Von Köln aus hat es uns immer nach Westeuropa gezogen.

Im Frühsommer war Christiane in einer Frauenzeitschrift auf die Frage gestoßen: „Wann haben Sie zuletzt etwas zum ersten Mal getan?“ Ihr waren antürlich sofort unzählige Dinge eingefallen, die vor allem mit ihrer Arbeit und Berlin zu tun haben. Nun aber: Wir beide zum ersten Mal in Tschechien. Von Berlin aus gerade mal 2 1/2 Stunden bis zur Grenze. Also erheblich „benachbarter“ als das Rheinland.  Natürlich haben wir mit Prag begonnen, der „goldenen Stadt“, von der uns schon so viele vorgeschwärmt hatten. Und das zurecht. Was für eine Stadt! Allein an den unendlich kreativen Häuserfassaden kann man sich gar nicht satt sehen: Jugendstil in immer wieder neuen Farbtönen und Dekorationen, dazwischen auch immer wieder ältere Bauwerke – oder vereinzelt auch postmoderne wie das „Dancing House“ am Ostufer der Jiraskuv-Brücke (In Prag anfänglich heftig angefeindet – aber wir finden’s genial). Oder die gigantische Prager Burg (siehe Titelfoto). Usw. usw.

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Ich will aber jetzt keinen Reiseführer schreiben und auch nicht meine Hunderte von Fotos präsentieren (nur ein paar wenige). Sondern auf das Stichwort „Gemeinsamkeiten“ kommen.

Wie eng nämlich unsere Geschichte – besonders unsere Kulturgeschichte mit der Tschechischen verwoben ist, war uns vorher nicht wirklich klar. Auf Schritt und Tritt vollkommen vertraute Namen:

Jan Hus

Jan Hus

Jan Hus, Reformator 100 Jahre vor Luther, und die daraus hervorgegangen Hussiten bzw. „Böhmischen Brüder“ (von denen wir einige Lieder im Gesangbuch haben).

Wallenstein (eigentlich von Waldstein), Feldherr im 30jährigen Krieg, bekannt durch das Drama von Schiller.

Wolfgang Amadeus Mozart, der Prag wie kaum eine andere Stadt liebte und sein hier lebender Freund und Anton Stadler, für den er das berühmte Klarinettenkonzert geschireben hat.

Smetana

Smetana

Der romantische Komponist Bedrich Smetana, von dessen Zyklus „Mein Vaterland“ wir eine Schallplatte zu Hause hatten. Nicht nur die „Moldau“ hat es mir von Kind auf angetan.

Antonin Dvorak, dessen Sinfonie „Aus der neuen Welt“ ich in Endlosschleife gehört habe, während ich die Trilogie Herr der Ringe las.

Franz Kafka .                  Und so weiter und so weiter.

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Und dann natürlich die Deutsche Botschaft, von deren Balkon Hans-Dietrich Genscher, der damalige BRD-Außenminister im Sommer 1989 die Ausreiseerlaubnis für die dorthingeflüchteten DDR-Bürger verkündete. Was bekanntlich der Anfang der Wende war.

Aber es ist nicht nur eine gemeinsame Kultur- und Freiheitsgeschichte, sondern auch eine tragische voller Abhängigkeiten. Nachdem die Habsburger 1620 in der Schlacht am Weißen Berg die Hussiten (natürlich waren wir auch in deren wichtigster Stadt Tabor) vernichtend geschlagen hatten, wurde Böhmen und Mähren dem Kaiser in Wien unterstellt und es setzte eine beispiellose Rekatholisierung ein nach rund 200 „evangelischen“ Jahren. Gleichzeitig wurde die Tschechische Sprache, erstmals von Jan Hus durch seine Bibelübersetzung in Schriftsprache umgesetzte (bis heute relevant), weitgehend verdrängt. Nur noch die einfache Landbevölkerung sprach tschechisch, wer etwas auf sich hielt, sprach deutsch. Erst im 19. Jhdt. wurde die Sprache im Rahmen des böhmischen Nationalbewusstseins wieder hoffähig, auch wenn viele Prager Autoren wie Franz Kafka bis weit ins 20. Jhdt. Deutsch schrieben. Durch die Vertreibung von über 2,7, Millionen Deutschen nach dem 2. Weltkrieg 1947 und die kommunistische Herrschaft verlor dann die Deutsche Sprache ihre Basis. Die meisten Tschechen, auf die wir trafen, sprachen nur noch ein paar Brocken deutsch. In Prag ist dann Englisch eher die gemeinsame Sprache europäischer Kommunikation.blog-42-11

Wir haben aber auch anderes erlebt. Nach ein paar traumhaftschönen Tagen in Horní Planá am Lipno-Stausee in Südböhmen (einschließlich u.a. einer Radtour entlang der „Kalten Moldau“ mit weiten Mooren und dunklen Wäldern) sind wir in östlicher Richtung Moldau-abwärts in Vyssy Brod gelandet. Auf der Suche nach einem Pensionszimmer oder einer Ferienwohnung, bei der die Touristeninfo nicht besonders hilfreich ist, also Pension nach Pension abklappernd stoßen wir auf ein Café mit dem Türschild „Villa Rauschenberg“. Kein Licht, aber die Tür ist tschechien-2016-518offen und löst ein Schellengebimmel aus. Aus dem Hinterzimmer kommt ein älterer Mann, der auf Christianes vorsichtige Frage, ob er wohl Deutsch oder Englisch spreche, barsch antwortet: „Deutsch natürlich! In der Tschechei spricht ma deutsch!“

Das Café ist ausgesprochen liebevoll eingerichtet, so auch der große Doppelbettraum im ersten Obergeschoss, wo wir uns für ein paar Nächte einquartieren. Und am dritten Tag mit dem Besitzer richtig ins Gespräch kommen…

Szenenwechsel (bevor ich hier doch einen ganzen Reisebericht niederschreibe):

Konferenz der Europäischen Stadtmissionen in Ostrava, also in Mähren, der „zweiten Welt“ Tschechiens. Ostrava, im äußersten Nordosten an der Grenze zu Polen, war über mehr als 200 Jahre eine Wirtschaftsmetropole der Montanindustrie, bis sie seit den 90ern das gleiche Schicksal erlitt, wie das Ruhrgebiet bei uns. Man sieht den Niedergang an allen Ecken und Enden und gleichzeitig viele Zeichen für die Überwindung der Krise. Die drittgrößte Stadt Tschechien ist Verwaltungszentrum der Mährisch-Schlesischen Region. Und: Wir befinden uns deutlich – wie fast überall in Tschechien – mitten in Europa. Nicht nur dass die Infrastruktur mit EU-Mitteln auf ein erstaunliches Niveau gehoben wurde. Hier herrscht europäische Aufbruchsstimmung.

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Die Tagung wird geleitet von einem Team der dortigen Stadtmission (bzw. Sleská Diakonie also Schlesische Diakonie), die innerhalb von 25 Jahren von Null auf ein Werk mit rund 1000 Mitarbeitenden und hoher gesellschaftlicher Reputation gewachsen ist. In der Vorbereitung und Durchführung der Konferenz legen die zwei leitenden Frauen und ihr Team (auch überwiegend junge Frauen) eine Mischung aus höchster Professionalität, Herzlichkeit und Charme an den Tag (und das alles in perfektem Englisch) verbunden mit einer so unverkrampft-lebendigen evangelischen Frömmigkeit, dass wir permanent von den Socken sind. Und am Ende gesteht das Team der Heidelberger Stadtmission, die in vier Jahren mit der Organisation dran sind, dass sie keine Ahnung haben, wie sie dieses Niveau nochmal erreichen sollen.  Beim abschließenden Gospelkonzert in der Kirche erleben wir einen Laienchor mit höchster Intensität und Leidenschaft zusammen mit super Musikern. Und wir sehen in den Gesichtern und lesen in den Texten: Das ist kein happy-clappy-Wellness-Gospel (liebe Gospelfreunde, entschuldigt – aber hierzulande erlebe ich das manchmal so), sondern Ausdruck einer geistlichen Energie, die hilft, schwere Krisen zu bestehen.

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Hier gibt es übrigens den höchsten Prozentsatz von evangelischen Christen in Tschechien und überhaupt sehr zielstrebige, fleißige Menschen, weshalb die Region auch Tschechisch Preußen genannt wird.

Szenenwechsel: Fahrt nach Breslau, der europäischen Kulturhauptstadt 2016, mit dem „Kulturzug direkt von Berlin. Die Regionalbahn ist hoffnunglos überfüllt. Wir zwei befreundete Ehepaare finden gerade noch Platz auf den Notsitzen im Eingangsbereich. Vor uns auf dem Boden platzieren sich einige Junge Erwachsene. Wie sich herausstellt gehören sie zur „Europäischen Union“ (nicht zu verwechseln mit einer der Unionsparteien), einer Jugend-Organisation, die als Ziel hat, Jugendlichen den europäischen Gedanken nahezubringen (und zwar nicht nur EU). Die Bildungs- und Austauschprogramme für Schüler organisieren und selbst ein internationales Netzwerk bilden. Eine Stundentin aus London ist dabei. Die sich in Grund und Boden schämt für den gerade gewählten „Brexit“ und sich erhebliche Sorgen macht. Aber auch zugibt, dass viele Junge Menschen in England zu bequem waren zur Wahl zu gehen. Trotzdem: diese Begegnung macht Mut.

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Letzter Szenenwechsel. Schottlandreise mit einem 5 tägigen Aufenthalt in der Klostergemeinschaft von Iona (, der internationalen Kommunität in Tradition der keltischen Christen), zusammen mit meinem Kollegen Andreas Schlamm, Leiter Bereich Bildung, und Sven Lager, mit dem ich das Refugio entwickelt habe (vgl. frühere blogs).

blog-42-2Auf der Hinreise Ende August nächtigen wir in Glasgow. Und abends wollen wir natürlich einen guten Schottischen Wiskey probieren.

blog-42-5Wir kehren ein im Pub „Ben Nevis“, empfohlen als hundefreundlicher Pub des Jahres. Es ist brechend voll, Menschen jeden Alters und aus mancherlei sozialen Schichten. An der Bar spielen zwei junge Frauen Karten.  Irgendwann ist es uns zu voll und zu laut und wir gehen mit unseren Wiskey-gläsern vor die Tür („Elberfeldy“, ein Tipp von Andreas, ist nur zu empfehlen). Da spricht uns ein junger Schotte an, ob uns der Wiskey schmeckt usw. – Und wir kommen ins Gespräch, natürlich über die Zuklunft Europas. Er meint, dass die Schotten sich da nicht von abbringen lassen und lieber auf England als auf Europa pfeifen. Aber so einfach ist es leider ja auch nicht.

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Für die letzte Nacht der Reise (über Iona erzähle ich vieleicht ein ander Mal) haben wir uns in einer kleinen Ferienwohnung mitten in Edinburgh einquartiert. Andreas und ich wollen (trotz sehr langem Besichtigungstag) abends noch mal schnell in einen Pub. Gleich um die Ecke finden wir einen. Definitiv keine Touristen-Location! Hier treffen sich die Einheimischen. Und nicht die Wohlhabenden…

Eine zwei-Mann-Band spielt mit viel Begeisterung Musik, die zu ihnen passt: Oldies. Wir setzen uns an den ersten Tisch, trinken einen Wiskey, der ziemlich stark nach Torf und Rauch schmeckt, und hören zu. Irgendwann geht Andreas kurz zurück, um Sven zu holen. Die Atmosphäre muss man einfach erlebt haben. Da macht die Band eine Pause und der Bassist setzt sich zu mir an den Tisch und spricht mich an. Schließlich erzählt er von sich, seiner australischen Heimat, wie er vor Jahrzehnten nach Glasgow gekommen sei und die Stadt liebe. Aber das Wichtigste im Leben sei die Musik. Anfang des Jahres habe er einen schweren Herzinfarkt gehabt mit allem drum und dran. Aber jetzt würde er wieder Musik machen. Denn Musik mache lebendig und verbinde die Menschen.

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Zu Gast bei Nachbarn. Ich habe jetzt keinerlei Neigung, Tscheche oder Pole oder Schotte zu werden. Aber ihnen zu begegnen, sich kennenzulernen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten auszutauschen, ist solch eine Bereicherung. Und immer wieder neu zu versuchen, sich gegenseitig zu verstehen.

Nach unserer Tschechienreise haben eine der neuen berliner Freundinnen von Christiane  mit ihrem Mann zum Abendessen eingeladen. Monika Diekert ist Tschechin, die seit 14 Jahren in Berlin lebt (mit ihrem aus Essen stammenden Ehemann). Im Urlaub haben wir Fragen gesammelt: Alles was uns neugierig gemacht oder irritiert hatte und worauf wir keine Antworten gefunden hatten, kam auf den Zettel für Monika. So haben wir im Nachgang nochmal eine Menge verstehen gelernt.

Denn über „die anderen“ zu reden, verhärtet die Fronten. Sich auf Augenhöhe zu begegnen, schafft Vertrauen. Und damit wären wir nun am Ende doch noch bei Weihnachten gelandet, wo Gott sich entschlossen hat, uns auf Augenhöhe zu begegnen, um Vertrauen aufzubauen. Aber ich wollte ja keinen Weihnachtsblog schreiben….

Trotzdem wünsche ich jetzt: Gesegnete Weihnachtstage. Ein Jahresende mit innerem Frieden. Und ein gelassener Start ins Neue Jahr: Lasst euch nicht verrückt machen!

Auch wenn der Friede immer „fragile“ ist.

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„Hass ist krass. Liebe ist krasser“

„Halleluja im Kaufhaus“

Nach einer Pause von wahrhaftig mehr als einem halben Jahr geht es endlich weiter mit meinem Blog. Danke an alle, die geduldig gewartet und in letzter Zeit mal vorsichtig nachgefragt haben. Als Grund für die Pause hatte ich angegeben, dass wir ein Buch über die Flüchtlingsarbeit schreiben. Das ist jetzt in  der Tat fast fertig und wird Anfang Februar im Brunnen-Verlag erscheinen unter dem Titel „Jeder Mensch will ankommen“. Aber davon abgesehen war der Spätsommer und Herbst auch sonst so eng gepackt mit Arbeit, dass ich auch sonst nicht dazu gekommen wäre. Jetzt kommt ein bisschen Luft, und ich kann euch ein Projekt vorstellen, in das ich (im Grund seit dem Frühjahr) einiges an Energie und Kreativität hineingesteckt habe, und das wir vorgestern durchgeführt haben: Unseren zweiten Musik-Flashmob (nach dem „Gloria“ von 2014): „Halleluja im Kaufhaus“.

Diesmal hatte ich die gesamte organisatorische und künstlerische Leitung. Was einserseits schon eine große Herausforderung war: Um Ostern herum habe ich schon am Konzept und den Texten gebastelt. Im Sommer kamen dann nach und nach die Arrangements dazu. Und dann mussten natürlich Mitwirkende gefunden werden für den Chor und die verschiedenen Instrumental-„Register“. – Auf der anderen Seite waren von Ende September an bei den Proben so viele begeisterte und engagierte Sängerinnen, Sänger und verschiedenste Instrumentalisten (aus Stadtmissionsgemeinden, Einrichtungen und Freunden) dabei, dass die wiederum mich sehr beflügelt haben. So war jede der insgesamt nur sechs Proben schon ein Event, das uns allen total viel Spaß gemacht hat.

Am Wochenende vorher fehlten mir allerdings immer noch zwei Saxofonisten. (Natürlich waren alle, zu denen ich Kontakt bekam, völlig ausgebucht o.ä.) Aber mit Hilfe von Christian Bahr (danke!) konnte ich dann doch noch einen Altsaxofonisten (Moritz) und Tenorsaxofonistin (Olympia) finden, die mit Spaß, tollem Sound und ganz feinen kleinen Improvisationen das Sahnehäubchen aufsetzten.

Das Ganze haben wir dann insgesamt viermal aufgeführt, je zwei Mal in der Galeria Kaufhof am Alexenderplatz (wie schon vor zwei Jahren) und in den Wilmersdorfer Arkaden aufgeführt. Letztere haben ein eigenes Kamerateam eingesetzt und werden das wohl in kürze auch auf facebook hochladen. Die Fotos in diesem Blog hat meine Frau Christiane bei den Wilmersdorfer Auftritten am frühen Nachmittag gemacht.

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Am Schluss dieses Blogs findet ihr den Link des You Tube Videos von den beiden Vormittagauftritten, das vom Artrejo-Filmteam produziert worden ist. Die Artjejo-Leute machen seit eineinhalb Jahren sehr schöne und eindruckvolle Kurzfilme von verschiedenen Arbeitszweigen der Berliner Stadtmission, die ihr alle auf der Homepage findet. Auf diese Weise haben wir inzwischen ein regelrechtes „Web-TV“ mit inzwischen 18 Kurzfilmen. Und hier nun erzählen sie zu unserem Flashmob in eine schöne kleine Rahmengeschichte.

Am Samstag habe ich dann bis 23 Uhr mit dem Artrejo-Team zusammengesessen und am Schnitt des Flashmob-Videos gearbeitet. Das Problem dabei war, dass die Bild-Aufnahmen von Cajon (Lukas) und uns drei Gitarristen (außer mir: Stefan und Timo) mit einer Go-Pro-Kamera nur beim ersten Durchgang gemacht wurden, die Tonspur allerdings vom zweiten Durchgang. Trotz stundenlangem Tüfteln wird das dem aufmerksamen musikalischen Betrachter natürlich auffallen. Aber unsere facebook-Freunde wollten das Video natürlich schon am Sonntag sehen. Und deshalb mussten wir fertig werden.

Unser Auftritt am Vormittag stand aber unter dem Eindruck einer schlimmen Tragödie, die dort gerade geschehen war: Am vorhergehenden Nachmittag hatte sich dort ein – wie die Zeitungen berichteten – mexikanischer Tourist in den Tod gestürzt. Schrecklich für ihn, aber natürlich auch für alle, die das miterleben mussten.

Kann man am nächsten Tag dann einfach so einen Auftritt machen? Nach kurzem Überlegen war klar: Gerade jetzt! Und so sah es auch der Geschäftsführer, der meinte: „Ich bin so froh, dass Sie heute hier sind. Es gibt ja keine Zufälle.“ Aber natürlich konnten wir auch nicht so tun, als sei nichts geschehen. Deshalb haben wir beim ersten Durchgang eine kurze Pause eingelegt, in der ich ein paar Gedanken gesagt habe (so laut, dass mindestens die in der Nähe Stehenden, also auch Mitarbeiter, mich hören konnten):

„Wir unterbrechen hier unsere Aktion für einen Augenblick. Und das aus einem sehr, sehr traurigen Grund:
Gestern Nachmittag hat sich hier ein Mensch in den Tod gestürzt. Was für eine Verzweiflung mag ihn dazu getrieben haben. Und wie erschütternd hat sich bewahrheitet, was wir gerade gesungen haben: Wir brauchen Sinn und Hoffnung, wir brauchen Trost und Halt. Und ganz besonders Liebe. Sonst wird das Leben kalt.
Christen vertrauen darauf, dass der Tod nicht das Ende ist, dass wir da nicht ins Bodenlose stürzen, sondern dass Gott uns dann hält. Und dass es bei ihm eine Zukunft nach dem Tod gibt, in der er alle Tränen trocknet und alle Verzweiflung heilt.
Deshalb singen wir jetzt für diesen Menschen, der gestern hier zu Tode gekommen ist. Und für alle, die mit diesem Schock fertig werden müssen. Wir wünschen jedem Verzweifelten, dass er oder sie rechtzeitig einen Gesprächspartner findet, der ihm wieder Mut zum Leben machen kann.“

Bei unserem ersten Durchgang hatten wir also die Aufgabe, die Gute Nachricht von Gottes Liebe und Nähe gerade auf diesem Hintergrund deutlich zu machen, also ureigenste Stadtmissions-Aufgabe.
Beim zweiten hat dann die adventlich frohe Botschaft auch bei uns Mitwirkenden viel deutlicher Raum greifen können.

So und nun auch Euch viel Freude beim Anschauen:

Bis ganz bald (versprochen!)

Euer Gerold Vorländer

 

 

Herzlich willkommen

Unser Leben in Berlin bleibt spannend. DeshGerold Vorländer 2016alb gibts hier weiterhin etwa einmal im Monat Berichte und Fotos von den Begegnungen mit Menschen und Entdeckungen in und um Berlin und aus der Arbeit der Berliner Stadtmission

Gerold Vorländer

Meine nächsten (öffentlichen) Termine (März – April 2017): Weiterlesen

Myfest

1. Mai in Berlin. Die Stadt brummt. Mal wieder mehr als eh schon. Erst recht bei diesem Traumwetter. Die Gewerkschaften haben eine Demontration vom Hackischen Markt zum Brandenburger Tor organisiert, woran einige Tausend teilnehmen. Aber richtig voll ist es in Kreuzberg beim sogenannten „Myfest“ (gesprochen wie Maifest, aber mit der englischen Bedeutung: Das ist mein Fest). So richtig Kreuzberg! Schrill. Laut. Links. Die Organisatoren haben in Ihrem Flyer (früher hieß sowas Flugblatt) parolenmäiß formuliert, worum es ihnen geht.

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Das Ganze auf 8 Bühnen zwischen Görlitzer Bahnhof und Moritzplatz, Skalitzer Straße und Mariannenplatz.

Ich habe mich circa drei Stunden lang unters Volk gemischt, die allergrößte Mehrheit davon 20 – 30 Jahre jünger als ich. Allerdings musste ich das Politische dann echt suchen.

Bei dieser Bürgersteig-Kunst hier in der Oranienstraße fällt es mir jedenfalls schwer, das politisch zu interpretieren:

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Also weiter. Ich spar mir jetzt erst mal meine Kommentare und zeige euch statt dessen meine Fotoserie. Macht euch selbst ein Bild.

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Also eigentlich eine Partymeile mit türkisch-arabischer Musik und unzähligen Rauchopfer-Grills. Auf dem Mariannenplatz mischen sich dann unter die Fress-Stände doch ein paar linke Infozelte.

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Was Waffeln mit dem Türkei-Deal zu tun haben, frage ich mich allerdings schon.

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Hinter der Bühne der Linken: Die St.-Thomas-Kirche. So wie Heilig-Kreuz beim Karneval der Kulturen am Pfingstmontag ist auch diese hier jetzt geöffnet. Und permanent gehen Menschen dort ein und aus. Innen ein modern gestaltetes Kirchenschiff (wobei man beim Blick nach oben genau sieht, bis zu welcher Höher das Renovierungsgeld gereicht hat). Deutlich weniger Trubel. Ein Tisch für Gebete, der intensiv genutzt wird.

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Das richtig alternative Kreuzberg gibts natürlich auch noch, wie hier das wilde Camp hinter dem Zaun mit den merkwürdigsten Wohnmobilen.

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Und natürlich darf die Einladung zur Hanfmesse Berlin in dem ebenso wilden Camp an der Schillingbrücke an so einem Tag auch nicht fehlen. (Hier findet man jetzt schon eine Weiterverarbeitung dieses Rohstoffes)

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Genauso wenig darf das riesige Polizeiaufgebot fehlen (Da kommen sogar auch nochmal die grünen Mannschaftsbusse zum Einsatz). In früheren Jahren gab es zum 1. Mai immer heftige Ausschreitungen.

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Dieses Jahr bleibt alles ruhig, jedenfalls zunächst.

Wie revolutionär ist Kreuzberg heute noch? Nicht nur Soziologen beobachten deutliche Verschiebungen. Auch diese Ladenbesitzer in der Oranienstraße, die die Kommerzialisierung und Partysierung des Myfestes als Abfall vom wahren Kreuzbergtum entlarven:

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Immerhin startet gegen 18 Uhr am Oranienplatz dann doch noch eine ziemlich spontane, aber genehmigte „Revolutionäre 1.-Mai-Demo“: Laut, mit Antifa-Fahnen, Böllern, dem Ruf „Refugees are welcome here“. In der Köpeniker Straße zählt die Polizei inzwischen 13.000 Teilnehmer. Am Ende, am Lausitzer Platz, fliegen dann doch noch an die 100 Flaschen auf die Polizei (nicht nur von Demonstranten, sondern auch von Touristen, wie der Tagesspiegel berichtet). Ansonsten gibt es offenbar kaum Übergriffe. Auf der Oberbaumbrücke geht die Musikparty jedenfalls ungestört weiter.

Vernünftig – oder läppsch geworden?

Kontrastprogramm am Morgen:

Heute haben wir vom missionarischen Team der Stadtmission ein neues Veranstaltungsformat gestartet:

Mit_Gott_auf_der_Spree-2016-1_02_9ba01a525dAb dem 1. Mai findet an den ersten Sonntagen im Monat nicht mehr der traditionelle Schiffsgottesdienst statt, sondern diese 90-minütige Bootsfahrt mit überraschenden Entdeckungen, Live-Musik und den eben etwas anderen touristischen Hintergrundinformationen während der Bootsfahrt. Zum Abschluss gibt es ein Friedensgebet und eine Strophe „Geh aus mein Herz“.

Obwohl die Reederei die Werbung verschnarcht hatte, war das Schiff fast voll. Und die Gäste waren von unseren Erklärungen und Anekdoten, der Musik von Sebastian Bailey (Saxofon, z.T. von mir auf Gitarre begleitet), dem Quizz und den geistlichen Inhalten begeistert. Den Löwenanteil der inhaltlichen Vorbereitung hatte Lorenz Bührmann übernommen, der aber als ausgebildeter Domführer auch besonders befähigt ist. Und immer noch ne Story in Reserve hat! Das war auch gut so, denn zwischendurch blieben wir fast eine halbe Stunde am Nikolaiviertel mit Motorschaden liegen – was aber die Stimmung überhaupt nicht trübte.

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Die nächsten Termine (gleiches Programm, aber andere Mitwirkende) findet ihr auf der Homepage: http://www.berliner-stadtmission.de/aktuelles/mit-gott-auf-der-spree/

Dort findet ihr wie immer auch das Spendenkonto, falls ihr diese Veranstaltung finanziell unterstützen mögt.

Zum Schluss noch ein wichtiger Hinweis:

Bis  August werde ich jetzt mit dem Blog pausieren. Sven Lager und ich schreiben gerade an einem Buch mit Geschichten aus unserer Flüchtlingsarbeit mit Erläuterungen zur Praxis und zum theologischen Hintergrund. Und das hat jetzt Vorrang, damit es Anfäng nächsten Jahres erscheinen kann (Brunnen-Verlag). – Meine öffentlichen Termine aktualisiere ich aber weiterhin.

 

Wenn Neujahr und Ostern zusammenfallen…

Mit der Überschrift will ich nicht auf das immer noch nasskalte Wetter über Ostern anspielen. (Am Osterdienstag auf der Rückfahrt von den Osterbesuchen in NRW kamen wir im Sauerland noch in eine Schneeregen-Schauer.) Ich möchte euch vielmehr von einem persischen Neujahrsfest erzählen, bei dem ich Montag vor Ostern teilnehmen durfte. Eingeladen hatte mich der iranische Bibelkreis, der vor knapp einem Jahr in unserem ersten Flüchtlingsheim „Haus Leo 1“  von vier Personen gegründet wurde und inzwischen auf ca. 40 angewachsen ist.

In Persien wird Neujahr zum Frühlingsanfang gefeiert. Das Jahr beginnt, wenn auch die Natur wieder neu auflebt. Im Titelbild seht ihr einen nach traditionellem Persischen Brauch aufgebauten Neujahrs-„Altar“. Dazu gehören sieben verschiedenen Symbole für das Leben, die auf Farsi alle mit dem Buchstaben „S“ anfangen. Aber denkt jetzt nicht, ich hätte mir auch nur eine dieser Vokabeln merken können. – Immerhin habe ich an dem Nachmittag gelernt, dass es auf Farsi verschiedene Worte für „Danke“ gibt, unter anderem „sepass“ (mit scharfem Anlaut-s). – Auf den Neujahrsaltar gehören jedenfalls Dinge, die wir auch als Lebenssymbol kennen, wie das frische Gras und das Ei. Natürlich gibts auch spezielles Neujahrsgebäck (leicht und lecker). Aber es darf auch ein Glas mit drei Goldfischen nicht fehlen. Die werden übrigens später in ein freies Gewässer entlassen.Blog 39-12

 

 

Das besondere an diesem persischen Neujahrsfest war aber jetzt, dass es von persischen Christen gefeiert wurde und zwar in der Kapelle im Zentrum der Stadtmission. Und wenn wie in diesem Jahr nur wenige Tage zwischen Frühlingsanfang und Ostern liegen, dann ist für die iranischen Christen klar, dass sie ihr traditionelles Brauchtum auf die Christusgeschichte deuten. Das neue Jahr und das neue Leben beginnt mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen.

Und so haben sie auch ohne große Mühe die traditionellen Farben der Tischdecke umgedeutet und zusätzlich als Fahnen im Tanz durch den Raum getragen:Blog 39-1 Rot als Symbol für das Blut, das Christus vergossen hat, Gold als Farbe seiner Königsherrschaft nach der Auferstehung. Ich fühle mich erinnert daran, was ich vor Jahren über die frühen keltischen Christen gelesen habe: Wie sie auch sehr offensiv – aber nicht aggressiv – heidnisch-keltische Bräuche einfach umgedeutet haben. Aus dem geisterbeschwörenden, angstbesetzten Halloween wurde das Fest zu Ehren der verstorbenen christlichen Heiligen, die uns im Glauben Rückenwind geben, usw.

Überhaupt hatte ich bei meinen Begegnungen mit diesen persischen Christen in den letzten Wochen mehrfach den Gedanken, dass deren Glaubensweg etwas Urchristliches hat.

Von etablierter Kirche, klaren Strukturen oder gar Ausbildungsstandards jedenfalls keine Spur. Statt dessen begann alles im Iran mit einem Traum, in dem einer muslimischen Frau Jesus begegnet ist und ihr gesagt hat: „Ich will was mit dir anfangen.“ Nach dem Aufwachen hatte sie diesen Traum noch sehr präsent und zugleich kaum eine Ahnung, von wem sie da eigentlich geträumt hatte. Also begannen sie und ihr Mann im Internet zu recherchieren, was es eigentlich mit diesem Jesus auf sich hat. So sind sie Christen geworden, besorgten sich (verbotener Weise) eine Bibel, ließen sich (in einer anderen Stadt) taufen und begannen höchst kreativ ihren Glauben an Christus zu verbreiten. – Bis eines Tages jemand vor ihrer Tür stand und sagte: „Ihr seid Christen geworden und missioniert. Das werdet ihr noch bereuen.“ Daraufhin haben sie alles stehen und liegen lassen und das nächste Flugzeug nach Europa genommen…

Und jetzt bauen sie hier eine neue persische Gemeinde auf, mit Iranern, die schon lange in Deutschland sind, Flüchtlingen der letzten Jahre (wie sie selbst), die inzwischen anerkannt sind und in regulären Wohnungen leben, und Neuankömmlingen, die seit ein paar Monaten in irgendwelchen Turnhallen untergebracht sind. Nicht alle sind Christen. Für manche ist dieses Neujahrsfest einfach ein Stück Heimat, egal ob in christlicher Variante.

In der gottesdienstlichen Feier gibt es zwei Blog 39-4Predigten, mehrere Lebensberichte und Glaubenszeugnisse – und viele Lieder. Die werden größtenteils von einem etwa 13jährigen Jungen souverän auf der Geige begleitet.

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Die Frische des Glaubens, ohne die Schwierigkeiten auszublenden, und die Aufmerksamkeit, mit der aufeinander gehört und füreinander gebetet wird, ist für uns in Deutschland aufgewachsene Christen eine überraschende Ermutigung

Nach dem Gottesdienst gibt es Tee und Gebäck. Und dann wird zu traditioneller persischer Musik getanzt, dass die Bude wackelt. Blog 39-15Eine fröhliche, ja ausgelassene Stimmung. Und die Frauen stehen nicht (wie z.B. bei den Syrern) am Rand, sondern tanzen selbstbewusst mit. Iranische Frauen – jedenfalls in den Städten – sind ziemlich emanzipiert, bekomme ich erklärt. Und nun in der Diaspora und in christlichen Kontext entsteht für sie noch viel mehr Freiraum.

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Nach Musik und Tanz gibt es endlich Abendessen. Wir sind bereits 5 Stunden zusammen, und ein fleißiges Team um einen fähigen Koch hat traditionelles persisches Essen zubereitet, mit Safranreis und einer Art Lammgulasch mit grüner Kräutersoße. Sieht zwar etwas merkwürdig aus, ist aber sehr, sehr lecker.

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Und so verwandelt sich die Kapelle in einen Festsaal der Dankbarkeit. „Herzlichen Blog 39-27Glückwünsch zu Neujahr. Christus ist auferstanden.“

Natürlich muss ich mich am Neujahrsaltar zusammen mit dem schon seit 50 Jahren in Deutschland lebenden „Gemeindeübersetzer“ (beruflich Ingenieur) und dem jungen Gemeindeleiter Blog 39-11fotographieren lassen. Immerhin bin ich „Ehrengast“.

Ich gehe davon aus, dass die iranische Bibelgruppe nur der Anfang eines neuen Schwerpunktes der geistlichen Arbeit bei der Berliner Stadtmission ist. Denn es gibt immer mehr Migrationsgemeinden, die nicht ganz auf sich allein gestellt sein wollen, auch nicht nur Raum-Mieter sein wollen, sondern Anschluss suchen zu einheimischen Christen und Gemeinden.

Ich bin jedenfalls ausgesprochen gespannt, was sich in diesem Bereich entwickeln wird. Ihr werdet davon erfahren. Morgen ist in der iranischen Bibelgruppe jedenfalls das nächste reguläre Treffen und ich bin eingeladen, die Bibelarbeit zu halten.

Eine ganz besondere Begegnung von Einheimischen und Flüchtlingen gab es beim Jahresfest der Stadtmission am 6. März, das wir diesmal in unserem Flüchtlingszentrum

Berliner Stadtmission Jahresfestgottesdienst 2016, Foto: Jan-Eri

So können Flüchtlinge und Einheimische miteinander feiern (Foto: Beriner Stadtmission)

in der Mertensstraße in Spandau gefeiert haben. Leider ist dort die Infrastruktur immer noch längst nicht so, wie sie sein sollte. Alle notwendigen Maßnahmen sind unendlich zäh. Aber dieser Tag war ein echtes Begegnungsfest. Mit der Projektband, die ich zusammengestellt hatte, konnten wir richtig Stimmung machen. Nach dem Gottesdienst und dem arabischen Mittagessen setzte die Big Band der Bundespolizei dann musikalisch nochmal richtig einen drauf.

Am Schluss möchte ich euch noch auf etwas anderes hinweisen: Im Winter konnte über unserer Ambulanz für Obdachlose noch eine kleine stationäre Krankenstation mit vier Betten eingerichtet werden. Die Leiterin Svetlana Krasovski hat erzählt, wie groß die Hilfe ist, die obdachlose Menschen hier erfahren: Ein paar Tage medizinisch aufgepäppelt werden, sich nicht im täglichen Überlebenskampf über Wasser halten müssen, wie ein „normaler Kranker“ gepflegt zu werden – das hat unglaublich ermutigende Wirkung. Bei mehreren hat der Aufenthalt in der Krankenstation gleich zu den nächsten Schritten einer Stabilisierung im Leben geführt: Aufnahme in eine Wohneinrichtung, Wiedereinstieg in die Krankenkasse, betreutes Wohnen oder auch ein Ende von Selbstverletzungen.

Finanziert wird das Ganze über Spenden. Gerade läuft eine Spendenverdoppelungs-Aktion für diese Arbeit, unterstützt durch die Deutsche Bahn Stiftung:

Ab dem 21. März  wird jede Spende bis 200€ von der DB-Stiftung verdoppelt, bis der bereitgestellte Betrag von 5000,-€ ausgeschöpft ist. Helft mit und spendet über den Link  für medizinische Versorgung für obdachlose Menschen: Gutes tun: Ambulanz

Mit einem Foto von der gestrigen Wanderung um den frühlingshaften Schlachtensee wünsche ich euch mancherlei Erfahrungen von erwachendem Leben.

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„This Land is My Land…“?

Erinnert Ihr Euch an diesen wunderbaren Folksong von Woody Guthrie, bereits 1940 geschrieben, aber bis heute immer wieder aufgelegt. Ich hab besonders die Fassung von Joan Baez im Ohr. Dieses Lied, das Freiheit und Weite atmet: „“From California, to the New York Island, from the redwood forest, to the gulf stream waters. This land is made for you and me.“
Wer’s nicht im Ohr hat, hier ein schöner Zusammenschnitt der verschiedensten Interpreten: https://www.youtube.com/watch?v=OZiMNBqVlEI)

Aber Woody Guthrie hatte in seiner ursprünglichen Fassung nicht nur die Schönheit Amerikas im Sinn, sondern zielte zugleich auf die krassen sozialen Ungerechtigkeiten:

„And some are grumblin‘ and some are wonderin‘
If this land’s still made for you and me.“

(Manche murren und manche fragen sich, ob das Land immer noch für dich und mich ist.) Diese Stophen sind aber nie veröffentlicht worden.
„This Land is My Land!“ – Wie es den anderen geht, interessiert mich nicht. Und vor allem soll es mir keiner wegnehmen, es soll keiner eindringen, der hier nicht hingehört.

Eine weitere unveröffentlichte und erst 1997 entdeckte Zeile lautet:
„There was a big high wall there that tried to stop me;
Sign was painted, it said private property“
(Da war eine große hohe Wand, die mich stoppen wollte,
Zeichen waren darauf gemalt, die sagten: Privatbesitz)
Also. This Land is MY Land!

Klingelt was bei Euch?
Vielleicht erstens, dass ich den Liedtitel falsch wiedergegeben habe: Richtig beginnt er mit „This Land is Your Land“ – Dein Land. Und danach komme ich erst mit meinem Land(-anspruch).
Und wohl zweitens: Das ist ja in unserem Land gerade die Frage, wie sehr und ausschließlich es unseres ist – oder vielleicht doch auch das Land für Menschen aus unbeschreiblichen Katastrophen?
Die Flüchtlings-Bus-Blockierer von Clausnitz und die Flüchtlingsheim-Anzünder und Brand-Applaudierer in Bautzen sind davon überzeugt, dass das Land  ihnen gehört, nur ihnen. Das Unrechtsbewusstsein für ihr Handeln ist dementsprechend unterentwickelt.

„This Land is my Land“ and not Your Land scheint jetzt aber inzwischen auch die Haltung fast aller europäischer Regierungen zu sein. Besteht nicht ein Recht darauf, das eigene Land zu schützen, zu verteidigen?
Schützen doch sogar die 10 Gebote das Eigentum („du sollst nicht stehlen“) vor allen möglichen Begehrlichkeiten („Du sollst nicht begehren, was deinem Nächsten gehört“).

Auf der anderen Seite wird im Alten Testament das Volk Gottes immer und immer wieder daran erinnert, welche Flucht- und Migrationsvergangenheit es selbst durchgemacht hat: „Ihr seid Fremdlinge gewesen in Ägypten.“ Und auch dass die Erde Gott gehört, und das Land den Menschen nur geliehen ist. Sollte deshalb nicht jeder Mensch auf Gottes Erde einfach da leben können, wo er leben möchte? Habe ich mehr Recht auf Wohlstand und Sicherheit, nur weil ich schon mit dem Bonus geboren bin, Mitteleuropäer zu sein?

Andererseits, wieviel verträgt unser Land, um nicht auch in einen Sog nach unten gerissen zu werden, und am Ende hat keiner mehr Wohlstand und Sicherheit?

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Der aktuellen Diskussion stünde es gut an, die Spannung zwischen diesen Polen  auszuhalten, ehrlich zu sich selbst und zu anderen zu werden, die Würde des Menschen nicht anzutasten und zugleich Probleme zu benennen, um sie zu lösen – statt vollmundige und zugleich völlig unsachgemäße Propaganda und Schuldzuweisungen von sich zu geben.

Wie leicht geht in der Diskussion und im Handeln verloren, dass wir es mit Menschengeschwistern zu tun haben. Amnesty International beklagt heute, dass die Staatengemeinschaft völlig versage und die Einhaltung der Menschenrechtung in hohem Maße vernachlässigt werde.

Ahnungslosigkeit, bewusste Fehlinformation und Ignoranz übernehmen statt dessen die Führung. Darüber zu lamentieren oder zu schimpfen, bringt allerdings überhaupt nichts und verschärft nur die unselige Schubladisierung.

WP_20160218_009In Schwäbisch Gmünd benutze ich ausnahmsweise ein Taxi, um vom Bahnhof zu den Christlichen Gästehäusern „auf dem Schönblick“ zu kommen: Gnadauer Mitgliederversammlung mit dem (zumindest ursprünglich als solches gedachten) Hauptthema der Flüchtlings-Aufgabe.

Der Taxifahrer erzählt mir auf meine Nachfrage stolz, welche Verbesserungen die Landesgartanschau seiner Stadt gebracht habe. Da sehe ich im Vorbeifahren zu meinem Erstaunen eine imposante Moschee.

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Moschee in Schwäbisch Gmünd

Natürlich befrage ich ihn dazu. Er erzählt, dass da Freitagnachmittags Hunderte Männer vor der Moschee stehen: „Ich hätte da überhaupt keine Zeit.“ Über meinen Hinweis, dass wir in Deutschland Religionsfreiheit haben, und die das Recht haben, sich auf der Arbeit freizunehmen, zuckt er nur die Schulter. Ich erzähle ihm von Angela Merkels Antwort auf die Frage, was sie gegen Islamisierung zu tun gedenke: Dass die Christen deutlicher zu ihrem Glauben stehen sollten. Darauf der Taxifahrer: „Ja meine Sie, des die Leut in d’Kirch neihoppe sollet?“ Nein, sage ich, dass sie ihren Glauben im Alltag erkennbar leben.

Und wie wir in Berlin erleben, dass syrische Flüchtlinge häufig sehr interessiert daran sind  zu verstehen, was der christliche Glaube eigentlich bedeutet.

Er wird aufmerksam und fragt weiter, wie das denn in Berlin mit den Flüchtlingen sei und überhaupt den Parallelgesellschaften, wo sich die Polizei nicht mehr hintraut. Seinen Fragen entnehme ich, wie wenige Skandalmeldungen der Medien sein gesamtes Weltbild prägen. Dass ich abends kein Problem damit habe, allein durch Neuköllln zu laufen, oder früher in Köln Mülheim durch die Keupstraße, kann er sich kaum vorstellen. Ich verschweige oder verharmlose die Probleme nicht, aber ordne sie in die Realität ein, wie ich sie beobachte. Ich erzähle ihm, dass die Mischung an ehrlichen und andere ausnutzenden Flüchtlingen nicht viel anders sei, als bei den Einheimischen. – Und das Faszinierende: Er glaubt mir und ist erleichtert. Ganz so schlimm ist alles ja doch nicht, wie die Medien es darstellen. Seine Angst ist kleiner geworden!

Ich glaube, dass vor allem solche Gespräche geführt werden müssen, täglich, bei jeder Gelegenheit. In Michael Endes unendlicher Geschichte ist der Riese Turtur nur von der Entfernung furchteinflößend riesig und entpuppt sich beim Näherkommen als Scheinriese.

Lasst uns die Scheinriesen entzaubern, damit wir uns wieder den wirklichen Problemen zuwenden können. Denn sie sind schon von der Art, dass sie unsere ganze Kraft fordern.

In unserem Flüchtlingzentrum in Spandau werden endlich nach monatelangen zähen Verhandlungen und mühsamstem Behörden-Dschungel die notwendigen Sanitäranlage und „Kabinendörfer“ eingebaut, WP_20160214_017und die Infrastruktur für Sprach-, Bildungs-, Kinderprogramme und geistliche Angebote geschaffen. Wenn alles eingebaut ist, werden dort ab Sommer 2000 Flüchtlinge (Not)Unterkunft erhalten.

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Am 06. März werden wir das Jahresfest der Stadtmission genau dort feiern und zu Gast sein bei den Flüchtlingen. This Land is Your Land, this Land is My Land.

Wieviel Unkenntnis und Vorurteile entlarve ich aber auch immer wieder bei mir.

Ich lese gerade ein sehr bewegendes Buch über die Roma in Berlin, geschrieben von einer Dolmetscherin, die seit einigen Jahren Beratungsarbeit macht und Roma zu Behörden, ins Krankenhaus, zur Caritas usw. begleitet. Lauter kleine Episoden, die meisten erschütternd. Manche aber auch von wunderbarem, kindlichen Charme.  WP_20160224_003

Ich erfahre etwas über die (in diesem Fall) rumänische Heimat und den Grund für die Flucht aus diesem schönen Land: Während der Ceaucescu-Diktatur hatten die Roma Arbeit in staatlichen Fabriken. Nach dem Zusammenbruch aber wurden sie alle auf die Straße gesetzt – ohne Chance, wieder Arbeit zu finden. Und ich erfahre, dass es in Berlin eine Sonderkommission der Polizei gibt zur Aufklärung von Straftaten, die an! Roma begangen werden: Betrug mit Wohnungen, nicht ausgezahlte Löhne nach monatelanger (Schwarz-)Arbeit auf dem BER-Flughafen, Haustürverkäufer, die die Unsicherheit und Sprachunkenntnisse schamlos ausnutzen. Und über den tagtäglichen Kampf um die paar Euro zum Überleben: Metallsammeln, Zeitungen verkaufen, Straßenmusik machen. Denn wer vom Jobcenter nichts bekommt, bekommt auch sonst keine Unterstützung.

Ich denke an die junge Romafrau, die täglich auf der Fußgängerbrücke unter der S Bahn am Bahnhof Friedrichstraße auf dem Boden sitzt und Akkordeon spielt: Immer über dem gleichen Bass traurige Melodien improvisierend, alles andere als virtuos. Ich hab ihr noch nie was gegeben, obwohl Staßenmusiker bei mir sonst ganz gute Chancen haben. (Habe ja selbst im Studium zusammen mit einem befreundeten Geiger meine knappe Kasse aufgebessert – ausgerechnet mit Zigeunermusik.)

WP_20160222_001-ausschnitt 2Am Montag, auf dem Weg zur Albrechtshofandacht, ist sie nicht dort. Statt dessen sitzt da eine ältere Frau mit dem Akkordeon, die ihre Mutter sein könnte – und die noch weniger Musik zustande bringt. Ich traue mich nicht sie anzusprechen und zu fragen. Warum eigentlich nicht? Wenn sie mich nicht versteht, ist doch nicht schlimm.
Auf dem Rückweg von der Andacht lege ich 2 € in ihre Dose. Aber wieviele begegnen mir allein an diesem Tag noch in wahrscheinlich ähnlicher Situation. Abends sagt Christiane: „Heute war jede Fahrt anstrengend, keine Bahn, keine Station, wo ich nicht angebettelt wurde.“ Lösbar ist das überhaupt nicht.

This Land is Your Land, this Land is My Land? Das Gefühl haben auch viele Einheimische nicht. Ein Bewohner aus unserem Obdachlosenheim in der Kopenhagenerstraße ist im Januar an Organversagen wegen Alkoholismus gestorben. Ich mache (auf dem katholischen Friedhof in Mariendorf im Berliner Süden) die Beerdigung mit einer kleinen Trauerfeier am Grab. Anwesend außer dem Friedhofsmitarbeiter und mir ist noch ein Bewohner aus dem Heim und die Leiterin der Einrichtung. Immerhin. Die vorigen beiden Urnen hat der Friedhofmitarbeiter ganz allein in die Erde versenkt. Er ruft dann laut über den Friedhof: „In Gottes Namen“.

Als wir fertig sind (also über 20 Minuten zu spät), kommt der beste Freund, der ihn tot im Zimmer gefunden hat, mit seiner Familie. Mit denen nochmal zum Grab. Als wir dann alle zusammen wieder an der Bushaltestelle stehen, kommen nochmal 4 Heimbewohner, denen man die gleiche Krankheit ansieht und -riecht, wie sie der Verstorbene hatte…

WP_20160223_001Am Ende bleiben Grasstücke mit Namenstäfelchen und vereinzelten Blumen.

Ich predige über: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst: Mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt (Ps. 8). Ist doch der Mensch gleich wie nichts (Psalm 144).“ Unsere Würde, wie auch immer das Leben verläuft: „Dass Gott ihn ansieht und sich seiner erbarmt.“ Die Heimleiterin fühlt sich sehr getröstet. Die letzte Beisetzung aus dem Haus war ohne geistliche Begleitung. „Fürchterlich deprimierend“.

Ist das meine Aufgabe? Eigentlich nicht. Aber wenn sonst keiner kann.
Die Würde des Menschen ist unantastbar…
This Land is Your Land!