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Summer and the City

In den Sommerferien nicht oder nur wenige Tage in Urlaub zu fahren, hat auch gewisse Vorteile. Auf der Arbeit ist die tägliche Mailbox nur zu 30% des sonst Üblichen gefüllt – weil halt die anderen in Urlaub sind und keine Arbeit machen ;-). Die Wochenarbeitszeit lässt sich in die Näher einer 40-Stundenwoche senken. Und: Endlich mal wieder Zeit zu berliner Entdeckungsreisen. Wenn das Wetter dabei schön ist, ist schön. Wenn nicht – auch nicht so schlimm.

Das heißt: Die Regenmassen, die Ende Juni hier innerhalb von zwei Tage fielen, füllten nicht nur viele Unterführungen, Keller, Gärten und U-Bahnstationen. Sie ließen auch die Spree um über 60 cm ansteigen. Auf dem Rhein wäre das nicht der Rede wert (da ist Platz für einige Meter). Aber hier führt das dazu, dass die Spreeschiffe einfach nicht mehr unter den Brücken her passen. Und so fiel auch unsere Juli-Ausgabe von „Mit Gott auf der Spree“ (unsere touristischen Schiffstour mit religiösen Hintergrundgeschichten und Anekdoten) am 2. Juli in Wasser.

Bei uns am Tegeler Fließ ist der Grundwasserspiegel inzwischen auch so hoch, dass ein heftiger Regentag wie vergangenen Dienstag direkt wieder zu neuen Überflutungen führen. Auf so einem Uferweg muss man entweder die Schuhe ausziehen, oder einen weiten Umweg machen.

Allerdings bieten die extremen Wetterlagen auch immer wieder eindrucksvolle Naturschauspiele. Jedenfalls, wenn man – wie wir – vom 13 Stock aus beobachten kann, wie die Gewitter über Berlin ziehen. Oder wie sich nach einem langen Regentag am Abend plötzlich eine irgendwie romantische Nebelstimmung einstellt, so wie bei diesem Blick aus unserem Treppenhaus über Berlin-Hermsdorf:

Ganz anders das zurückliegende hochsommerliche Wochenende, wo wir mit Freunden aus Köln durch Berlin gestreift sind. Die kannten z.B. die Eastside-Gallery noch nicht, dieses erhaltene Mauerstück, dass 1990 in einem großen Kunstprojekt gestaltet und seit dem bereits viermal „renoviert“ wurde (das Titelbild hab ich da fotographiert).

Hier drängeln sich natürlich die Touristen. Unzählige Selfies und gegenseitige Fotos werden geschossen. An einigen Stellen geht der Blick über die Spree ins immer noch ganz schon verranzte Kreuzberg.

 

Aber dazwischen erhebt sich inzwischen ein hochmoderner Wohnblock mit unbezahlbaren Eigentumswohnungen, für die es aber offenbar doch finanzkräftige Käufer gibt.

Und gleich gegenüber werden rund um die Mercedes-Benz-Arena im großen Stil Büros und Gewerberäume gebaut.

Zum Sommer in der City gehört natürlich der Raddampfer genauso wie total versiffte Grünstreifen und Parks. Barfuß sollte man hier nicht unterwegs sein.

 

Und dazwischen: Osteuropäische Trickbetrüger, immer mit der gleichen Masche („Unter welchem Deckel ist die Kugel“), wobei es immer ein paar im „Team“ gibt, die sich als Touristen ausgeben, Lockvogel-mäßig mitspielen und natürlich 50 € gewinnen. Taucht jemand auf, der eine Zivilstreife sein könnte, löst sich die Gruppe in Sekunden auf und verschwindet samt Unterlage und Spielsteinen im Touri-Volk.

Interessante Typen gibt es in Berlin ohne Ende zu beobachten, wie das Pärchen am Eingang zu einem Boothotel auf der Spree oder die „Gesprächsgruppen“ am Eingang zum berühmt-berüchtigten Görlitzer Park („Görli“).

 

Wunderbare Menschen, konkret Musiker haben wir erlebt am Freitag vor einer Woche in der Musiklaunch („locis loft“) hier in Waidmannslust, versteckt hinterm Obi. Eine spontan organisierte „Jam-session“ afrikanischer Musiker war im Internet angekündigt worden. Und weil wir dort immer schon mal hin wollten und auch keine Lust hatten, noch mal in die Stadt zu fahren, haben wir die Gelegenheit genutzt. Getränke: ziemlich teuer. Flammkuchen: Nicht teuer und riesig. Musik: begeisternd.

Zunächst begann der vor vier Jahren aus dem Tschad gekommene jetzt berliner Gitarrist, Sänger und Bassis mit dem Künstlernamen „Willy Sahel“. Brilliant auf der Gitarre, samtige, extrem flexible Stimme, tolle Songs.

Willy Sahel moderierte auch den ganzen Abend, wo die Band aus unterschiedlichen afrikanischen Ländern nach und nach wuchs:

Ein Percussionist, ein Gitarrist aus Mosambique , eine Sängerin (für einen Song) aus Lesotho und schließlich der als Haupt-Gast angekündigte ivorische Sänger und Gitarrist: David ToyaraultAlles improvisiert, auf Zuruf, häufig unter Einbeziehung des Publikums, das (natürlich) die vocal-Kapriolen nicht vollständig nachsingen konnte – und total viel Spaß, extrem entspannt! Irgendwann hat es einen nicht mehr auf den Stühlen gehalten. Und es wurde ausgelassen getanzt. Dabei waren höchsten 25 Leute in der Loft, allerdings offenbar die Hälfte irgendwelche Freunde und Bekannten.

Nach gut 1 1/2 Stunden ging die Truppe von der Bühne, nicht ohne dass Willy Sahel einlud: „Hier gibts bestimmt noch mehr tolle Musiker. Hier stehen die Instrumente. Jetzt seid ihr dran mit Jam-Session.“

Auf diese Weise hatte auch ich die Gelegenheit, zum ersten Mal überhaupt auf einer „Bass-Ukulele“ zu spielen. Sehr leicht zu bedienen und wunderbar pelziger Sound.

Afrikanische Akkordwechsel sind ja nicht wirklich kompliziert. Und so durfte ich zwei improvisierte Titel mit-jammen, was mir natürlich tierisch Spaß gemacht hat, wie ihr euch vorstellen könnt:

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Ein besonderes Sommererlebnis kann man in Berlin aber jeden Abend öffentlich zugänglich machen: Nach Einbruch der Dunkelheit wird auf die Fassade des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses (Bundestagsbibliothek) eine 30 Minütige Präsentation über die Geschichte des Reichtages und zugleich die wechselvolle Geschichte der Demokratie in Deutschland projeziert. Abgesehen von der Faszination, was heute medientechnisch alles möglich ist, bewegen einen die Bilder und Original-Töne aus den zurückliegenden 123 Jahren seit dem Bau des Reichstages. Und pro Aufführung sitzen Hunderte auf den Spreetreppen neben dem Reichstag und bekommen eine grundlegende Schulung in Demokratie, u.a. über die Bedeutung der Gewaltenteilung – und wie entscheidend es ist, als Demokratie immer selbstkritisch zu bleiben, wie Bundestagspräsident Norbert Lammert es formuliert hat.

Wer in diesem Sommer noch Gelegenheit hat, sich das anzuschauen, sollte sich das jedenfalls nicht entgehen lassen.

Zu diesem Sommer gehören aber auch einige Veränderungen in der Stadtmission:

In unserer St. Lukas-Kirche, wo ich monatlich predige, wird endlich der marode Boden rausgerissen, unter dem neuen eine Fußbodenheizung und Kabelkanäle gelegt und die dringend nötige Renovierung durchgeführt.

Im Zentrum am Hauptbahnhof wird zunächst eine große Regenwasser-Rigole im Innenhof versenkt, bevor dann die Bauarbeiten für zusätzliche Büros beginnen.

 

Das Refugio bekommt eine neue Farbe um den Eingang und endlich vernünftige Sitzmöbel für das Straßen-Café vor der Tür.

Hier unser neuer Refugio-Leiter Harut (Harutyun Harutyunyan) beim Leiter-Halten.

 

Und: Nach zweieinhalb Jahren ist am vorigen  Montag die Traglufthalle im Poststadion als erste berliner Notunterkunft für Flüchtlinge geschlossen worden.
„Ca. 23.000 Menschen haben in der Traglufthalle gelebt. Mit 22 Monaten wohnte ein Bewohner den längsten Zeitraum in der Kruppstraße. Der älteste Bewohner war 83 Jahre alt, die größte Familie hatte acht Mitglieder und in der Zeit sind 20 Babys geboren. Für viele Kinder war die deutsche Sprache die erste Sprache, die sie gehört und gelernt haben.“ Heißt es dazu auf unserer Homepage: ( https://www.berliner-stadtmission.de/aktuelles/schliessung-der-traglufthalle-fuer-fluechtlinge/8116e6c44655ddf0c18939e8ab6f31a8 )

Da musste innerhalb weniger Tage alles rausgeräumt und abgebaut werden, damit keine unnötigen Kosten entstehen. Natürlich wurde in verschiedenen Formen Abschied gefeiert, manchmal auch mit Tränen. Und alle sind sich einig: Das war ein ganz besonderes, ein einzigartiges Projekt, das durch die große menschliche Zugenwandheit des ganzen Teams (einschließich Security) zu Recht im vorigen Jahr den Integrationspreis von Berlin Mitte gewonnen hat.

Foto: Berliner Stadtmission

Foto: Berliner Stadtmission

So haben nicht alle einen Luftsprung gemacht, wie diese beiden nach geschaffter Aufräumarbeit.

 

 

 

 

Aber zur Zeit bewirbt sich die Stadtmission (mit dem Kern des Teams und so auch Christiane) um die Leitung einer regulären Flüchtlingsunterkunft.

Foto: Berliner Stadtmission

 

Wie auch immer: By by, balloon…

Unterwegs auf verschiedenen Bühnen

Jetzt ist es schon wieder ein viertel Jahr her, dass ich von unserer „Oper für Obdach“ berichtet habe. (Die ist übrigens so eingeschlagen, dass wir das Projekt voraussichtlich am 3. November wiederholen werden.)

Seit dem habe ich mich in unterschiedlichen Funktionen auf verschiedenen Bühnen herumgetrieben, wovon ich heute erzählen möchte. Denn das macht einen wichtigen Teil meiner Arbeit aus – auch wenn es bei weitem nicht den Löwenanteil der Zeit beansprucht. Das sind eher die „Management-Aufgaben“: Organisation, Personalentwicklung, unzählige Mails, Meetings, Konzepte und Berichte schreiben, Sitzungen vorbereiten…

Dazwischen sind dann die Predigten, Vorträge und Musikprojekte eine willkommene Abwechslung.

I. Den ersten schönen Musikauftritt habt ihr schon im Beitragsbild gesehen. Das war (noch vor der Oper für Obdacht) beim Jahresfestgottesdienst der Berliner Stadtmission am ersten Sonntag im März. Inzwischen habe ich eine fast konstante Projekt-Band, mit der ich nun schon zum dritten Mal diesen großen Gottesdienst musikalisch begleitet habe: Die Kolleginnen Carolin und Dörte mit tollen Stimmen, Tom (Architekt bei Sauerbruch & Hutton) am Keybord, Lukas an der Cajon und ich mit E-Bass und Gesang. 2016 waren wir damit in der Halle unserer großen Flüchtlingsunterkonft in der Mertensstraße. (Vielleicht erinnern sich einige.) Dieses Mal fand der Gottesdienst wieder im Saal im Zentrum am Hauptbahnhof statt. Und ich konnte die Band erstmals um zwei Bläser erweitern. Mit Trompete und Tenorsaxophon hat man gleich ganz andere Arrangement-Möglichkeiten. Und weil FSJlerin Eva und Sozialarbeiter Jürgen das richtig gut gemacht haben, waren die Rückmeldungen entsprechend begeistert.

Foto: Berliner Stadtmission

Hinzu kommt sicher, dass die thematisch ausgerichtete, musikalisch abwechslungsreiche Liedauswahl in ihrer Mischung aus Kirchentagsliedern, Lobpreis, Choral usw.  viele Menschen auf die eine oder andere Art anspricht. (Ihr wisst ja: Ich liebe „cross-over“, also die Kombination von Elementen, die man nicht unbedingt miteinander erwarten würde.) Uns hat es jedenfalls auch richtig viel Spaß gemacht.

II. Vom 23.bis zum 25. März fand in Berlin der Gemeinde-Ermutigungs-Kongress „Dynamissio“ statt. (…leider mit 2000 Teilnehmern fast zwei Drittel weniger als erwartet. Aber das war ja beim Kirchentags-Schluss-Gottesdienst in Wittenberg auch nicht besser – wenn da mal 1/3 der ursprünglich erhofften oder phantasierten Besucherzahl von 300.000 gekommen waren! Kirchentag wäre auch noch ein Thema unter dieser Überschrift. Aber das lass ich jetzt mal aus.)

Foto: Mara Feßmann

Wie auch immer. Zusammen mit Claudia Filker und Tobias Faix (CVJM-Hochschule Kassel, im Bild Mitte) hatten wir die Aufgabe, in drei Kurzbeiträgen Konkretionen zum Tagesthema „Die Stadt und die Welt wahrnehmen“ zu liefern. Meinen Beitrag „Berliner Lebenswelten“ wie auch alle anderen findet ihr unter diesem link: http://dynamissio.de/infos/downloads/

Insgesamt gab es auch hier viele positive Rückmeldungen. Allerdings konnte der Kongress insgesamt die Freude an urbaner Theologie und geistlichen Entdeckungsreisen durch die Stadt nicht so recht wecken. In Programmheft und Moderation nicht erklärt, blieb es für viele unverständlich, warum sie zwischendurch zu Seminaren und Foren durch ganz Berlin geschickt wurden.  Eigentlich war es – im Unterschied zu Zentral-Veranstaltungen wie einem Willow-Creek-Kongress – als ein didaktischen Kernstück gedacht gewesen, die Stadt auch wirklich mit allen Sinnen zu erleben. Aber – wie gesagt – leider ist das nicht richtig rüber gekommen und wurde von vielen dann nur als lästig empfunden.

Durch das sehr breite Spektrum von Rednern – vom EKD Ratsvorsitzenden Heinrich Bedfort-Strom bis zum Pfingstpastor aus Braunschweig Heinrich Christian Rust sowie einigen Gästen aus der angelsächsischen Welt – war aus meiner Sicht das inoffizelle Hauptthema: Wir Evangelischen aus Landeskirche, Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste, Pietismus und diverse Freikirchen können es doch irgendwie ganz gut miteinander.
Allerdings war durch diese Mischung irgendwie auch die „ownership“ nicht richtig klar, also welche kirchliche Richtung identifiziert sich wirklich mit dem Kongress. Unsere Landeskirche Berllin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) z.B. hatte sich komplett ausgeklinkt. Und das lag sicher nicht nur am ebenfalls bevorstehenden Kirchentag.

III. Weiter gings (nach einer Woche Skiurlaub) im April als Prediger bei Gottesdiensten in verschiedenen Stadtmissions-Gemeinden sowie dem Passionsgottesdienst für die Mitarbeitenden der Stadtmission. Dazwischen der erste Schnuppertag für Interessierte an unserem neuen Bachelor-Studiengang „Theologie, Sozialraum und Innovation“, den wir zusammen mit anderen Verbänden als sog. „An-Institut“ an die Evangelische Hochschule Tabor (Marbug) entwickelt haben.

Im Oktober startet das erste Semester bei uns in der Lehrterstraße.

Schnuppervorlesung im zukünftigen Seminarraum

Ziel ist es, Menschen für Gemeindegründungen und -neubelebungen auszubilden, die einerseits eine solide theologische Ausbildung haben, andererseits sich kompetent in verschiedenen Sozialräumen bewegen können und das notwendige Handwerkszeug für geistliche „Start-ups“ gelernt haben. Und die brauchen wir dringend. Dann die herkömmlichen Formen von Gemeindearbeit erreichen immer weniger Menschen, weil es keine Verbindung zu ihrer Lebenswelt gibt. (Hier berühren sich Studiengang und mein Dynamissio-Referat.)

Weitere Infos zum Studiengang findet ihr hier:
http://www.tsberlin.org/.    Jetzt ist übrigens ein guter Zeitpunkt, um sich für das Studium zu bewerben 😉

IV. Berührung mit den Lebenswelten ist auch das entscheidende Thema für unsere Stadtmissionsgemeinden. Und bedeutet jetzt im Frühsommer: Gestaltung von oder Beteiligung an Kiez-Festen. So wie vorletztes Wochenende gkleich zweimal: Zunächst in Lichtenberg beim kommunalen Fest im Weidling-Kiez, wo ich mit Thomas Hoffmann zusammen gleich nach der Eröffnung durch den Bezirksbürgermeister Musik für Kinder und Erwachsene gemacht habe.

Foto: Andreas Schlamm

 

 

 

 

 

 

Und am Sonntag beim Hoffest an der St. Lukaskirche in Kreuzberg, an dem außer unserer Gemeinde, den Chören,  unseren pädagogischen Projekten auch die dort ansässige Gehörlosengemeinde und verschiedene Partner aus der Straße beteiligt waren (kommunales Jugendzentrum „Alte Feuerwache“, Mövenpick usw.).

Foto: Alexander Moeck

Ein „zweisprachiger“ Kurzgottesdienst mit der Gehörlosengemeinde hat dabei inzwischen schon Tradition.

Foto: Alexander Moeck

Und wir sind sehr gespannt, wie sich die hochengagierte iranische Gemeinde und die kleine anatolische Gemeinde in St. Lukas weiterentwickeln werden, die beim Fest natürlich auch mitgemacht haben.

 

V. Eine ganz andere Bühne hatte ich ein Wochenende vorher im Kloster Altenberg bei Wetzlar. Dort war ich als Festprediger der Kreiskirchentage (der Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels) eingeladen. Am Sonntagmorgen fanden unter der gigantischen Blutbuche 200 – 300 Besucher einen wunderbaren Schattenplatz.

In meiner Predigt zum Thema „erlöst, vergügt, befreit – so geht evangelisch“ habe ich anhand der unglaublich köstlichen Geschichte von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis (Apg 12,1-9) mit gemacht zu fröhlicher Gelassenheit, die ihre Kraft aus dem Vertrauen auf Gott zieht.

Foto: Uta Barnikol-Lübeck

Foto: Uta Barnikol-Lübeck

 

 

 

 

 

 

Am Vortag hat mein Kollege und Freund aus Kölner zeiten, Reiner Fischer den Hauptvortrag. Und es war richtig schön, ihn mal wieder zu sehen und sich mit ihm auszutauschen. Genauso wie mit Pfr. Armin Kistenbrügge (dem Autor der genialen Bibel-Nacherzählung für junge Leute: #gottesgeschichte. Das Buch ist m.E. ein Muss in der Jugendarbeit wie als Zugang für Ahnungslose zur Bibel) und seiner Frau Kerstin Offermann, auch Pfarrerin (bei der Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste in Berlin).

Armin ist Pfarrer in Greifenstein (bei Wetzlar). Eine seiner beiden Kirchen ist dieses barocke Bauwerk (Foto unten) auf einem 500 m hohen Berg gleich neben der gleichnamigen Burgruine – mit 80 km Aussicht in alle Richtungen.

Und mit diesem Ausblick will ich für diesmal auch schließen. Seid gegrüßt!

 

Berliner Lebenswelten (Ein Sonntag im Winter)

Als ich neulich an einem Winter-Sonntag früh zum Gottesdienst durch die Stadt fuhr – mit blog-42-21dem Auto und das heißt oberirdisch (nicht mit der U-Bahn und auch nicht S-Bahn, wo man vor allem Bahngelände zu sehen bekommt) – als ich so durch Mitte, Friedrichshain und Lichtenberg fuhr, da sprang mich ein Gefühl an, dass ich früher manchmal auch schon in Köln hatte, ein gedanklicher Schwindel wie beim Betrachten des Sternenhimmels in seiner unendlichen Weite und Tiefe: In allen diesen riesigen Wohnblocks gibt es jeweils Hunderte von Wohnungen. Und in jeder dieser Wohnung leben Menschen – als Familie, gepatchworkt,  mit Partner, viele auch allein (aus sehr unterschiedlichen Gründen). Und jeder einzelne Mensch, Mann, Frau, jung, alt, jugendlich oder midlifig, Greis, Säugling, – jeder einzelne Mensch, arm, reich, mittel, bildungsnah, bildungsfern, – jeder einzelne Mensch ist der Mittelpunkt seiner Lebenswelt, seines Universums. Wir können gar nicht anders, das macht ja gerade das Bewusstsein des Menschen aus: als „Ich“ zu sein, zu denken, zu fühlen, zu handeln. Dreikommasechs Millionen individuelle Lebensmittelpunkte allein in Berlin.

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Jeder einzelne Mensch empfindet anders, hat andere Vorlieben und Abneigungen, Alltags- und Freizeitbeschäftigungen, Stärken und Schwächen, Hoffnungen und Angstpunkte, Lieblingsmusik, Lieblingsbücher, Lieblingsspeisen, Lieblingsfarbe, Lieblingsgeschäfte und Lieblingsbeschäftigungen…

Und so habe ich an dem Morgen beschlossen: Ich fotographiere einfach mal die Lebensräume, denen ich an diesem Sonntag begegne. Berliner Lebenswelten. Und zeige euch jetzt einiges davon. Da ist nichts Spektakuläres bei. – Aber lasst die Bilder mal auf euch wirken, mit meiner gerade beschriebenen „Brille“ in Kopf.

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(Hier wohnen wir übrigens im 13. Stock, tolle Aussicht!)

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Und was mich genauso schwindeln lässt wie ein Blick in den Weltraum ist nun, dass Gott diese Aber-Milliarden Lebenswelten extrem genau kennt, versteht, mitten drin ist – auch wenn die wenigsten das wissen oder ahnen. Wir untereinander können immer nur eine sehr begrenzte Zahl von Menschen mehr oder weniger gut kennen und verstehen lernen. Und selbst bei denen, die sich eine Wohnung teilen, ist das gegenseitige Verständnis oft recht begrenzt.

Gottes Kenntnis geht hingegen tiefer als alle unsere Selbsterkenntnisse. „Du sieht mich“, ist das Motto des diesjährigen Kirchentages hier in Berlin (und anderen Lutherstädten auf dem Weg). Als zentralem Bibeltext geht es dabei um die Geschichte der ägyptischen Sklavin von Sarai und Abraham, Hagar, die mehrfach genau diese Erfahrung macht: „Du bist Gott, der mich sieht“.

Und das gilt eben auch für die Dreikommasechsmillionen individueller Lebensmittelpunkte allein in Berlin und die Guteinemillion in Köln usw.! Bei dem Gedanken platzt mir förmlich das Hirn. Aber ich muss – Gott sei Dank – ja auch nicht Gott sein.

Das mal nur ansatztweise durchzubuchstabieren für die unterschiedlichen Menschen in unserer Stadt, finde ich ausgesprochen faszinierend. Z.B. auch für die rund um den Bahnhof Zoo:

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In der Arbeit der Berliner Stadtmission geht es immer wieder darum, Menschen gerade aus den häufig übersehenen Lebenswelten in den Blick zu nehmen.

Und bei Dynamissio, dem Missionarischen Kongress in Berlin vom 23.-25.3., wird es ein Schwerpunkt sein, unterschiedliche Lebenswelten hier in der Stadt kennenzulernen. (Dazu werde ich übrigens eine kurze Einführung im Plenum geben). Man kann sich noch anmelden!

Zum Schluss noch ein Hinweis: Das Büchlein, weshalb ihr im vorigen Jahr so lange auf meinen Blog verzichten musstet, ist jetzt da:

Brunnen-Verlag
144 Seiten, Paperback
13,8 x 20,8 cm
15,00 €
Bestell-Nr.: 192076
ISBN: 978-3-7655-2076-1
EAN: 9783765520761
1. Auflage

 

 

 

 

 

 

Zu Gast bei Nachbarn

Dies ist kein Weihnachtsblog und auch kein Jahresrück. Obwohl – vielleicht doch ein bisschen von beidem. Ich möchte euch heute nämlich (nachträglich) auf unsere sommerliche und spätsommerliche Entdeckungsreisen zu Nachbarn mitnehmen: Europäischen Nachbarn! Denn mitten in dem Jahr, das von zunehmender Entsolidarisierung und Re-Nationalisierung innerhalb Europas gekennzeichnet war, bin ich zwei Mal in Tschechien, einmal in Polen und einmal in Schottland gewesen – immer auf der Suche nach Begegnungen mit Einheimischen und auf der Suche nach Gemeinsamkeiten, nach Verbindendem.

Dabei war die Tschechische Republik die größte Entdeckung für uns: Ende Juli sind Christiane und ich in unserem Sommerurlaub zwei Wochen lang in Böhmen unterwegs gewesen, von Prag und Umgebung bis ganz in den Süden, ins tschechisch-österreichisch-deutsche Dreiländereck an der jungen Moldau. Und im September waren wir mit einer Delegation der Berliner Stadtmission zur Konferenz der European Association of Urban Missions (EAUM) in Ostrava in Nordost-Mähren, von Einheimischen auch Tschechisch-Preußen genannt.

Abgesehen von einer Konzertreise nach Ungarn und einer Studienreise durch Polen Jahre vor der Wende bin ich noch nie in osteuropäischen Ländern gewesen. Von Köln aus hat es uns immer nach Westeuropa gezogen.

Im Frühsommer war Christiane in einer Frauenzeitschrift auf die Frage gestoßen: „Wann haben Sie zuletzt etwas zum ersten Mal getan?“ Ihr waren antürlich sofort unzählige Dinge eingefallen, die vor allem mit ihrer Arbeit und Berlin zu tun haben. Nun aber: Wir beide zum ersten Mal in Tschechien. Von Berlin aus gerade mal 2 1/2 Stunden bis zur Grenze. Also erheblich „benachbarter“ als das Rheinland.  Natürlich haben wir mit Prag begonnen, der „goldenen Stadt“, von der uns schon so viele vorgeschwärmt hatten. Und das zurecht. Was für eine Stadt! Allein an den unendlich kreativen Häuserfassaden kann man sich gar nicht satt sehen: Jugendstil in immer wieder neuen Farbtönen und Dekorationen, dazwischen auch immer wieder ältere Bauwerke – oder vereinzelt auch postmoderne wie das „Dancing House“ am Ostufer der Jiraskuv-Brücke (In Prag anfänglich heftig angefeindet – aber wir finden’s genial). Oder die gigantische Prager Burg (siehe Titelfoto). Usw. usw.

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Ich will aber jetzt keinen Reiseführer schreiben und auch nicht meine Hunderte von Fotos präsentieren (nur ein paar wenige). Sondern auf das Stichwort „Gemeinsamkeiten“ kommen.

Wie eng nämlich unsere Geschichte – besonders unsere Kulturgeschichte mit der Tschechischen verwoben ist, war uns vorher nicht wirklich klar. Auf Schritt und Tritt vollkommen vertraute Namen:

Jan Hus

Jan Hus

Jan Hus, Reformator 100 Jahre vor Luther, und die daraus hervorgegangen Hussiten bzw. „Böhmischen Brüder“ (von denen wir einige Lieder im Gesangbuch haben).

Wallenstein (eigentlich von Waldstein), Feldherr im 30jährigen Krieg, bekannt durch das Drama von Schiller.

Wolfgang Amadeus Mozart, der Prag wie kaum eine andere Stadt liebte und sein hier lebender Freund und Anton Stadler, für den er das berühmte Klarinettenkonzert geschireben hat.

Smetana

Smetana

Der romantische Komponist Bedrich Smetana, von dessen Zyklus „Mein Vaterland“ wir eine Schallplatte zu Hause hatten. Nicht nur die „Moldau“ hat es mir von Kind auf angetan.

Antonin Dvorak, dessen Sinfonie „Aus der neuen Welt“ ich in Endlosschleife gehört habe, während ich die Trilogie Herr der Ringe las.

Franz Kafka .                  Und so weiter und so weiter.

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Und dann natürlich die Deutsche Botschaft, von deren Balkon Hans-Dietrich Genscher, der damalige BRD-Außenminister im Sommer 1989 die Ausreiseerlaubnis für die dorthingeflüchteten DDR-Bürger verkündete. Was bekanntlich der Anfang der Wende war.

Aber es ist nicht nur eine gemeinsame Kultur- und Freiheitsgeschichte, sondern auch eine tragische voller Abhängigkeiten. Nachdem die Habsburger 1620 in der Schlacht am Weißen Berg die Hussiten (natürlich waren wir auch in deren wichtigster Stadt Tabor) vernichtend geschlagen hatten, wurde Böhmen und Mähren dem Kaiser in Wien unterstellt und es setzte eine beispiellose Rekatholisierung ein nach rund 200 „evangelischen“ Jahren. Gleichzeitig wurde die Tschechische Sprache, erstmals von Jan Hus durch seine Bibelübersetzung in Schriftsprache umgesetzte (bis heute relevant), weitgehend verdrängt. Nur noch die einfache Landbevölkerung sprach tschechisch, wer etwas auf sich hielt, sprach deutsch. Erst im 19. Jhdt. wurde die Sprache im Rahmen des böhmischen Nationalbewusstseins wieder hoffähig, auch wenn viele Prager Autoren wie Franz Kafka bis weit ins 20. Jhdt. Deutsch schrieben. Durch die Vertreibung von über 2,7, Millionen Deutschen nach dem 2. Weltkrieg 1947 und die kommunistische Herrschaft verlor dann die Deutsche Sprache ihre Basis. Die meisten Tschechen, auf die wir trafen, sprachen nur noch ein paar Brocken deutsch. In Prag ist dann Englisch eher die gemeinsame Sprache europäischer Kommunikation.blog-42-11

Wir haben aber auch anderes erlebt. Nach ein paar traumhaftschönen Tagen in Horní Planá am Lipno-Stausee in Südböhmen (einschließlich u.a. einer Radtour entlang der „Kalten Moldau“ mit weiten Mooren und dunklen Wäldern) sind wir in östlicher Richtung Moldau-abwärts in Vyssy Brod gelandet. Auf der Suche nach einem Pensionszimmer oder einer Ferienwohnung, bei der die Touristeninfo nicht besonders hilfreich ist, also Pension nach Pension abklappernd stoßen wir auf ein Café mit dem Türschild „Villa Rauschenberg“. Kein Licht, aber die Tür ist tschechien-2016-518offen und löst ein Schellengebimmel aus. Aus dem Hinterzimmer kommt ein älterer Mann, der auf Christianes vorsichtige Frage, ob er wohl Deutsch oder Englisch spreche, barsch antwortet: „Deutsch natürlich! In der Tschechei spricht ma deutsch!“

Das Café ist ausgesprochen liebevoll eingerichtet, so auch der große Doppelbettraum im ersten Obergeschoss, wo wir uns für ein paar Nächte einquartieren. Und am dritten Tag mit dem Besitzer richtig ins Gespräch kommen…

Szenenwechsel (bevor ich hier doch einen ganzen Reisebericht niederschreibe):

Konferenz der Europäischen Stadtmissionen in Ostrava, also in Mähren, der „zweiten Welt“ Tschechiens. Ostrava, im äußersten Nordosten an der Grenze zu Polen, war über mehr als 200 Jahre eine Wirtschaftsmetropole der Montanindustrie, bis sie seit den 90ern das gleiche Schicksal erlitt, wie das Ruhrgebiet bei uns. Man sieht den Niedergang an allen Ecken und Enden und gleichzeitig viele Zeichen für die Überwindung der Krise. Die drittgrößte Stadt Tschechien ist Verwaltungszentrum der Mährisch-Schlesischen Region. Und: Wir befinden uns deutlich – wie fast überall in Tschechien – mitten in Europa. Nicht nur dass die Infrastruktur mit EU-Mitteln auf ein erstaunliches Niveau gehoben wurde. Hier herrscht europäische Aufbruchsstimmung.

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Die Tagung wird geleitet von einem Team der dortigen Stadtmission (bzw. Sleská Diakonie also Schlesische Diakonie), die innerhalb von 25 Jahren von Null auf ein Werk mit rund 1000 Mitarbeitenden und hoher gesellschaftlicher Reputation gewachsen ist. In der Vorbereitung und Durchführung der Konferenz legen die zwei leitenden Frauen und ihr Team (auch überwiegend junge Frauen) eine Mischung aus höchster Professionalität, Herzlichkeit und Charme an den Tag (und das alles in perfektem Englisch) verbunden mit einer so unverkrampft-lebendigen evangelischen Frömmigkeit, dass wir permanent von den Socken sind. Und am Ende gesteht das Team der Heidelberger Stadtmission, die in vier Jahren mit der Organisation dran sind, dass sie keine Ahnung haben, wie sie dieses Niveau nochmal erreichen sollen.  Beim abschließenden Gospelkonzert in der Kirche erleben wir einen Laienchor mit höchster Intensität und Leidenschaft zusammen mit super Musikern. Und wir sehen in den Gesichtern und lesen in den Texten: Das ist kein happy-clappy-Wellness-Gospel (liebe Gospelfreunde, entschuldigt – aber hierzulande erlebe ich das manchmal so), sondern Ausdruck einer geistlichen Energie, die hilft, schwere Krisen zu bestehen.

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Hier gibt es übrigens den höchsten Prozentsatz von evangelischen Christen in Tschechien und überhaupt sehr zielstrebige, fleißige Menschen, weshalb die Region auch Tschechisch Preußen genannt wird.

Szenenwechsel: Fahrt nach Breslau, der europäischen Kulturhauptstadt 2016, mit dem „Kulturzug direkt von Berlin. Die Regionalbahn ist hoffnunglos überfüllt. Wir zwei befreundete Ehepaare finden gerade noch Platz auf den Notsitzen im Eingangsbereich. Vor uns auf dem Boden platzieren sich einige Junge Erwachsene. Wie sich herausstellt gehören sie zur „Europäischen Union“ (nicht zu verwechseln mit einer der Unionsparteien), einer Jugend-Organisation, die als Ziel hat, Jugendlichen den europäischen Gedanken nahezubringen (und zwar nicht nur EU). Die Bildungs- und Austauschprogramme für Schüler organisieren und selbst ein internationales Netzwerk bilden. Eine Stundentin aus London ist dabei. Die sich in Grund und Boden schämt für den gerade gewählten „Brexit“ und sich erhebliche Sorgen macht. Aber auch zugibt, dass viele Junge Menschen in England zu bequem waren zur Wahl zu gehen. Trotzdem: diese Begegnung macht Mut.

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Letzter Szenenwechsel. Schottlandreise mit einem 5 tägigen Aufenthalt in der Klostergemeinschaft von Iona (, der internationalen Kommunität in Tradition der keltischen Christen), zusammen mit meinem Kollegen Andreas Schlamm, Leiter Bereich Bildung, und Sven Lager, mit dem ich das Refugio entwickelt habe (vgl. frühere blogs).

blog-42-2Auf der Hinreise Ende August nächtigen wir in Glasgow. Und abends wollen wir natürlich einen guten Schottischen Wiskey probieren.

blog-42-5Wir kehren ein im Pub „Ben Nevis“, empfohlen als hundefreundlicher Pub des Jahres. Es ist brechend voll, Menschen jeden Alters und aus mancherlei sozialen Schichten. An der Bar spielen zwei junge Frauen Karten.  Irgendwann ist es uns zu voll und zu laut und wir gehen mit unseren Wiskey-gläsern vor die Tür („Elberfeldy“, ein Tipp von Andreas, ist nur zu empfehlen). Da spricht uns ein junger Schotte an, ob uns der Wiskey schmeckt usw. – Und wir kommen ins Gespräch, natürlich über die Zuklunft Europas. Er meint, dass die Schotten sich da nicht von abbringen lassen und lieber auf England als auf Europa pfeifen. Aber so einfach ist es leider ja auch nicht.

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Für die letzte Nacht der Reise (über Iona erzähle ich vieleicht ein ander Mal) haben wir uns in einer kleinen Ferienwohnung mitten in Edinburgh einquartiert. Andreas und ich wollen (trotz sehr langem Besichtigungstag) abends noch mal schnell in einen Pub. Gleich um die Ecke finden wir einen. Definitiv keine Touristen-Location! Hier treffen sich die Einheimischen. Und nicht die Wohlhabenden…

Eine zwei-Mann-Band spielt mit viel Begeisterung Musik, die zu ihnen passt: Oldies. Wir setzen uns an den ersten Tisch, trinken einen Wiskey, der ziemlich stark nach Torf und Rauch schmeckt, und hören zu. Irgendwann geht Andreas kurz zurück, um Sven zu holen. Die Atmosphäre muss man einfach erlebt haben. Da macht die Band eine Pause und der Bassist setzt sich zu mir an den Tisch und spricht mich an. Schließlich erzählt er von sich, seiner australischen Heimat, wie er vor Jahrzehnten nach Glasgow gekommen sei und die Stadt liebe. Aber das Wichtigste im Leben sei die Musik. Anfang des Jahres habe er einen schweren Herzinfarkt gehabt mit allem drum und dran. Aber jetzt würde er wieder Musik machen. Denn Musik mache lebendig und verbinde die Menschen.

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Zu Gast bei Nachbarn. Ich habe jetzt keinerlei Neigung, Tscheche oder Pole oder Schotte zu werden. Aber ihnen zu begegnen, sich kennenzulernen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten auszutauschen, ist solch eine Bereicherung. Und immer wieder neu zu versuchen, sich gegenseitig zu verstehen.

Nach unserer Tschechienreise haben eine der neuen berliner Freundinnen von Christiane  mit ihrem Mann zum Abendessen eingeladen. Monika Diekert ist Tschechin, die seit 14 Jahren in Berlin lebt (mit ihrem aus Essen stammenden Ehemann). Im Urlaub haben wir Fragen gesammelt: Alles was uns neugierig gemacht oder irritiert hatte und worauf wir keine Antworten gefunden hatten, kam auf den Zettel für Monika. So haben wir im Nachgang nochmal eine Menge verstehen gelernt.

Denn über „die anderen“ zu reden, verhärtet die Fronten. Sich auf Augenhöhe zu begegnen, schafft Vertrauen. Und damit wären wir nun am Ende doch noch bei Weihnachten gelandet, wo Gott sich entschlossen hat, uns auf Augenhöhe zu begegnen, um Vertrauen aufzubauen. Aber ich wollte ja keinen Weihnachtsblog schreiben….

Trotzdem wünsche ich jetzt: Gesegnete Weihnachtstage. Ein Jahresende mit innerem Frieden. Und ein gelassener Start ins Neue Jahr: Lasst euch nicht verrückt machen!

Auch wenn der Friede immer „fragile“ ist.

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„Hass ist krass. Liebe ist krasser“

„Halleluja im Kaufhaus“

Nach einer Pause von wahrhaftig mehr als einem halben Jahr geht es endlich weiter mit meinem Blog. Danke an alle, die geduldig gewartet und in letzter Zeit mal vorsichtig nachgefragt haben. Als Grund für die Pause hatte ich angegeben, dass wir ein Buch über die Flüchtlingsarbeit schreiben. Das ist jetzt in  der Tat fast fertig und wird Anfang Februar im Brunnen-Verlag erscheinen unter dem Titel „Jeder Mensch will ankommen“. Aber davon abgesehen war der Spätsommer und Herbst auch sonst so eng gepackt mit Arbeit, dass ich auch sonst nicht dazu gekommen wäre. Jetzt kommt ein bisschen Luft, und ich kann euch ein Projekt vorstellen, in das ich (im Grund seit dem Frühjahr) einiges an Energie und Kreativität hineingesteckt habe, und das wir vorgestern durchgeführt haben: Unseren zweiten Musik-Flashmob (nach dem „Gloria“ von 2014): „Halleluja im Kaufhaus“.

Diesmal hatte ich die gesamte organisatorische und künstlerische Leitung. Was einserseits schon eine große Herausforderung war: Um Ostern herum habe ich schon am Konzept und den Texten gebastelt. Im Sommer kamen dann nach und nach die Arrangements dazu. Und dann mussten natürlich Mitwirkende gefunden werden für den Chor und die verschiedenen Instrumental-„Register“. – Auf der anderen Seite waren von Ende September an bei den Proben so viele begeisterte und engagierte Sängerinnen, Sänger und verschiedenste Instrumentalisten (aus Stadtmissionsgemeinden, Einrichtungen und Freunden) dabei, dass die wiederum mich sehr beflügelt haben. So war jede der insgesamt nur sechs Proben schon ein Event, das uns allen total viel Spaß gemacht hat.

Am Wochenende vorher fehlten mir allerdings immer noch zwei Saxofonisten. (Natürlich waren alle, zu denen ich Kontakt bekam, völlig ausgebucht o.ä.) Aber mit Hilfe von Christian Bahr (danke!) konnte ich dann doch noch einen Altsaxofonisten (Moritz) und Tenorsaxofonistin (Olympia) finden, die mit Spaß, tollem Sound und ganz feinen kleinen Improvisationen das Sahnehäubchen aufsetzten.

Das Ganze haben wir dann insgesamt viermal aufgeführt, je zwei Mal in der Galeria Kaufhof am Alexenderplatz (wie schon vor zwei Jahren) und in den Wilmersdorfer Arkaden aufgeführt. Letztere haben ein eigenes Kamerateam eingesetzt und werden das wohl in kürze auch auf facebook hochladen. Die Fotos in diesem Blog hat meine Frau Christiane bei den Wilmersdorfer Auftritten am frühen Nachmittag gemacht.

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Am Schluss dieses Blogs findet ihr den Link des You Tube Videos von den beiden Vormittagauftritten, das vom Artrejo-Filmteam produziert worden ist. Die Artjejo-Leute machen seit eineinhalb Jahren sehr schöne und eindruckvolle Kurzfilme von verschiedenen Arbeitszweigen der Berliner Stadtmission, die ihr alle auf der Homepage findet. Auf diese Weise haben wir inzwischen ein regelrechtes „Web-TV“ mit inzwischen 18 Kurzfilmen. Und hier nun erzählen sie zu unserem Flashmob in eine schöne kleine Rahmengeschichte.

Am Samstag habe ich dann bis 23 Uhr mit dem Artrejo-Team zusammengesessen und am Schnitt des Flashmob-Videos gearbeitet. Das Problem dabei war, dass die Bild-Aufnahmen von Cajon (Lukas) und uns drei Gitarristen (außer mir: Stefan und Timo) mit einer Go-Pro-Kamera nur beim ersten Durchgang gemacht wurden, die Tonspur allerdings vom zweiten Durchgang. Trotz stundenlangem Tüfteln wird das dem aufmerksamen musikalischen Betrachter natürlich auffallen. Aber unsere facebook-Freunde wollten das Video natürlich schon am Sonntag sehen. Und deshalb mussten wir fertig werden.

Unser Auftritt am Vormittag stand aber unter dem Eindruck einer schlimmen Tragödie, die dort gerade geschehen war: Am vorhergehenden Nachmittag hatte sich dort ein – wie die Zeitungen berichteten – mexikanischer Tourist in den Tod gestürzt. Schrecklich für ihn, aber natürlich auch für alle, die das miterleben mussten.

Kann man am nächsten Tag dann einfach so einen Auftritt machen? Nach kurzem Überlegen war klar: Gerade jetzt! Und so sah es auch der Geschäftsführer, der meinte: „Ich bin so froh, dass Sie heute hier sind. Es gibt ja keine Zufälle.“ Aber natürlich konnten wir auch nicht so tun, als sei nichts geschehen. Deshalb haben wir beim ersten Durchgang eine kurze Pause eingelegt, in der ich ein paar Gedanken gesagt habe (so laut, dass mindestens die in der Nähe Stehenden, also auch Mitarbeiter, mich hören konnten):

„Wir unterbrechen hier unsere Aktion für einen Augenblick. Und das aus einem sehr, sehr traurigen Grund:
Gestern Nachmittag hat sich hier ein Mensch in den Tod gestürzt. Was für eine Verzweiflung mag ihn dazu getrieben haben. Und wie erschütternd hat sich bewahrheitet, was wir gerade gesungen haben: Wir brauchen Sinn und Hoffnung, wir brauchen Trost und Halt. Und ganz besonders Liebe. Sonst wird das Leben kalt.
Christen vertrauen darauf, dass der Tod nicht das Ende ist, dass wir da nicht ins Bodenlose stürzen, sondern dass Gott uns dann hält. Und dass es bei ihm eine Zukunft nach dem Tod gibt, in der er alle Tränen trocknet und alle Verzweiflung heilt.
Deshalb singen wir jetzt für diesen Menschen, der gestern hier zu Tode gekommen ist. Und für alle, die mit diesem Schock fertig werden müssen. Wir wünschen jedem Verzweifelten, dass er oder sie rechtzeitig einen Gesprächspartner findet, der ihm wieder Mut zum Leben machen kann.“

Bei unserem ersten Durchgang hatten wir also die Aufgabe, die Gute Nachricht von Gottes Liebe und Nähe gerade auf diesem Hintergrund deutlich zu machen, also ureigenste Stadtmissions-Aufgabe.
Beim zweiten hat dann die adventlich frohe Botschaft auch bei uns Mitwirkenden viel deutlicher Raum greifen können.

So und nun auch Euch viel Freude beim Anschauen:

Bis ganz bald (versprochen!)

Euer Gerold Vorländer

 

 

Herzlich willkommen

Unser Leben in Berlin bleibt spannend. DeshGerold Vorländer 2016alb gibts hier weiterhin etwa einmal im Monat Berichte und Fotos von den Begegnungen mit Menschen und Entdeckungen in und um Berlin und aus der Arbeit der Berliner Stadtmission

Gerold Vorländer

Meine nächsten (öffentlichen) Termine (Juli- August 2017): Weiterlesen

Myfest

1. Mai in Berlin. Die Stadt brummt. Mal wieder mehr als eh schon. Erst recht bei diesem Traumwetter. Die Gewerkschaften haben eine Demontration vom Hackischen Markt zum Brandenburger Tor organisiert, woran einige Tausend teilnehmen. Aber richtig voll ist es in Kreuzberg beim sogenannten „Myfest“ (gesprochen wie Maifest, aber mit der englischen Bedeutung: Das ist mein Fest). So richtig Kreuzberg! Schrill. Laut. Links. Die Organisatoren haben in Ihrem Flyer (früher hieß sowas Flugblatt) parolenmäiß formuliert, worum es ihnen geht.

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Das Ganze auf 8 Bühnen zwischen Görlitzer Bahnhof und Moritzplatz, Skalitzer Straße und Mariannenplatz.

Ich habe mich circa drei Stunden lang unters Volk gemischt, die allergrößte Mehrheit davon 20 – 30 Jahre jünger als ich. Allerdings musste ich das Politische dann echt suchen.

Bei dieser Bürgersteig-Kunst hier in der Oranienstraße fällt es mir jedenfalls schwer, das politisch zu interpretieren:

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Also weiter. Ich spar mir jetzt erst mal meine Kommentare und zeige euch statt dessen meine Fotoserie. Macht euch selbst ein Bild.

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Also eigentlich eine Partymeile mit türkisch-arabischer Musik und unzähligen Rauchopfer-Grills. Auf dem Mariannenplatz mischen sich dann unter die Fress-Stände doch ein paar linke Infozelte.

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Was Waffeln mit dem Türkei-Deal zu tun haben, frage ich mich allerdings schon.

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Hinter der Bühne der Linken: Die St.-Thomas-Kirche. So wie Heilig-Kreuz beim Karneval der Kulturen am Pfingstmontag ist auch diese hier jetzt geöffnet. Und permanent gehen Menschen dort ein und aus. Innen ein modern gestaltetes Kirchenschiff (wobei man beim Blick nach oben genau sieht, bis zu welcher Höher das Renovierungsgeld gereicht hat). Deutlich weniger Trubel. Ein Tisch für Gebete, der intensiv genutzt wird.

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Das richtig alternative Kreuzberg gibts natürlich auch noch, wie hier das wilde Camp hinter dem Zaun mit den merkwürdigsten Wohnmobilen.

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Und natürlich darf die Einladung zur Hanfmesse Berlin in dem ebenso wilden Camp an der Schillingbrücke an so einem Tag auch nicht fehlen. (Hier findet man jetzt schon eine Weiterverarbeitung dieses Rohstoffes)

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Genauso wenig darf das riesige Polizeiaufgebot fehlen (Da kommen sogar auch nochmal die grünen Mannschaftsbusse zum Einsatz). In früheren Jahren gab es zum 1. Mai immer heftige Ausschreitungen.

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Dieses Jahr bleibt alles ruhig, jedenfalls zunächst.

Wie revolutionär ist Kreuzberg heute noch? Nicht nur Soziologen beobachten deutliche Verschiebungen. Auch diese Ladenbesitzer in der Oranienstraße, die die Kommerzialisierung und Partysierung des Myfestes als Abfall vom wahren Kreuzbergtum entlarven:

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Immerhin startet gegen 18 Uhr am Oranienplatz dann doch noch eine ziemlich spontane, aber genehmigte „Revolutionäre 1.-Mai-Demo“: Laut, mit Antifa-Fahnen, Böllern, dem Ruf „Refugees are welcome here“. In der Köpeniker Straße zählt die Polizei inzwischen 13.000 Teilnehmer. Am Ende, am Lausitzer Platz, fliegen dann doch noch an die 100 Flaschen auf die Polizei (nicht nur von Demonstranten, sondern auch von Touristen, wie der Tagesspiegel berichtet). Ansonsten gibt es offenbar kaum Übergriffe. Auf der Oberbaumbrücke geht die Musikparty jedenfalls ungestört weiter.

Vernünftig – oder läppsch geworden?

Kontrastprogramm am Morgen:

Heute haben wir vom missionarischen Team der Stadtmission ein neues Veranstaltungsformat gestartet:

Mit_Gott_auf_der_Spree-2016-1_02_9ba01a525dAb dem 1. Mai findet an den ersten Sonntagen im Monat nicht mehr der traditionelle Schiffsgottesdienst statt, sondern diese 90-minütige Bootsfahrt mit überraschenden Entdeckungen, Live-Musik und den eben etwas anderen touristischen Hintergrundinformationen während der Bootsfahrt. Zum Abschluss gibt es ein Friedensgebet und eine Strophe „Geh aus mein Herz“.

Obwohl die Reederei die Werbung verschnarcht hatte, war das Schiff fast voll. Und die Gäste waren von unseren Erklärungen und Anekdoten, der Musik von Sebastian Bailey (Saxofon, z.T. von mir auf Gitarre begleitet), dem Quizz und den geistlichen Inhalten begeistert. Den Löwenanteil der inhaltlichen Vorbereitung hatte Lorenz Bührmann übernommen, der aber als ausgebildeter Domführer auch besonders befähigt ist. Und immer noch ne Story in Reserve hat! Das war auch gut so, denn zwischendurch blieben wir fast eine halbe Stunde am Nikolaiviertel mit Motorschaden liegen – was aber die Stimmung überhaupt nicht trübte.

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Die nächsten Termine (gleiches Programm, aber andere Mitwirkende) findet ihr auf der Homepage: http://www.berliner-stadtmission.de/aktuelles/mit-gott-auf-der-spree/

Dort findet ihr wie immer auch das Spendenkonto, falls ihr diese Veranstaltung finanziell unterstützen mögt.

Zum Schluss noch ein wichtiger Hinweis:

Bis  August werde ich jetzt mit dem Blog pausieren. Sven Lager und ich schreiben gerade an einem Buch mit Geschichten aus unserer Flüchtlingsarbeit mit Erläuterungen zur Praxis und zum theologischen Hintergrund. Und das hat jetzt Vorrang, damit es Anfäng nächsten Jahres erscheinen kann (Brunnen-Verlag). – Meine öffentlichen Termine aktualisiere ich aber weiterhin.