Archiv der Kategorie: Aus der Arbeit

Hier berichte ich aus meiner Entdeckungsreise durch die Berliner Stadtmission vor allem, was meine eigenen Arbeitsbereiche angeht.

Journey to Peace – Reise zum Frieden

Ich finde, das ist ein sehr passendes Adventsthema, in diesem Jahr vielleicht noch dringlicher als zuvor. Zu wirklichem Frieden, biblisch „Schalom“, werden wir in dieser Welt immer nur unterwegs sein – bestenfalls. Im Moment sind leider viele in der anderen Richtung unterwegs.  Deshalb ist es so wichtig, wach und unbeirrt nicht mit diesem Strom zu schwimmen, sondern immer wieder zu versuchen, eine echte Alternative zu den immer schärferen Tönen und Handlungen zu gestalten. Im biblischen Leitwort der Berliner Stadtmission „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn“ dann steht da im hebräischen „Sucht den Schalom der Stadt“, d.h. sucht nach einem Frieden ohne Verlierer.

Den Titel dieses Blogs habe ich aber von der Awra Amba Community in Äthiopien, von der zu berichten ich ja noch versprochen hatte. Das will ich jetzt endlich nachholen und dann noch von ein paar aktuellen Projekten unserer Arbeit erzählen.

Kurz vor Woreta am Ostufer des Tanasees biegen wir vom Highway 22 ab, um die Kommunität zu besuchen, von der wir in dem wunderbaren Äthiopienbuch „Der Mann, der den Tod auslacht“ (Philipp Hedemann) gelesen hatten. Das Kapitel ist überschrieben mit „Der Philosoph mit der Badehaube“.

Gemeint ist Zumru Nuru, der Gründer und Leiter einer Kommunität, die ihren Sitz in diesem Dorf hat, aber inzwischen Mitglieder in ganz Äthiopien und manchen anderen Teil der Welt zählt. Er ist laut Philipp Hedemann „einer der wenigen Atheisten Äthiopiens und der wohl bekannteste Ungläubige seines Landes.“ Wobei ich mir da gar nicht so sicher bin, ob das voll zutrifft. Aber in der Lebensgemeinschaft, die er aufgebaut hat, spielt Religion keine Rolle. Weshalb, versuche ich gleich zu erklären.

Wir werden von einigen Mitarbeitenden freundlich empfangen und ins Gemeinschaftshaus geführt. Ja, man würde mal fragen, ob sich Zumra Zeit für uns nehme. Bis dahin sollten wir uns ein wenig umschauen. An den Wänden hängen handschriftliche Plakate mit den Kerngedanken Zumras. Ganz schlichte, weisheitliche Sätze, die aber erhebliche Konsequenzen haben, wenn man sie umsetzt. (Siehe Titelbild)

Nach einiger Zeit tritt er würdevoll in den Gemeinschaftsraum und setzt sich auf die einfache Bank uns gegenüber. Und wahrhaftig: Bei seiner merkwürdigen knatschgrünen Kopfbedenkung kann man nicht anders als an Badekappe denken. Sein junger Assistent, der uns vorher schon ein paar Dinge erklärt hat, fungiert jetzt als Übersetzer. Denn Zumra spricht kein Englisch. Er hat auch nie Lesen und Schreiben gelernt. Aber er war wohl schon als Kind das, was wir „emotional hochbegabt“ nennen würden. Mit vier begann er Fragen zu stellen, die seine Familie und sein Dorf völlig irritierten: Warum wird meine Mutter so behandelt, als sein sie weniger wert als mein Vater? Warum dürfen wir von Muslimen kein Rindfleisch kaufen? Haben Kinder keine Rechte?  Muss man Menschen, die zu alt oder schwach zum Arbeiten sind, nicht helfen? Usw.

Als Jugendlicher machte er dann jede Menge Vorschläge, wie man das Leben im Dorf ändern müsste, woraufhin man ihn schlicht für geistesgestört erklärte. Aber er kam von diesen Gedanken nicht los. Und irgendwann über verschiedene schwierige Stationen fand er Menschen, die sich von diesen Gedanken anstecken ließen und bereit waren, sich mit auf die Reise zum Frieden zu machen.

 

Im Kern geht es um 5 Prinzipien:

  1. Gleiche Rechte für Frauen respektieren.
  2. Gleiche Rechte für Kinder respektieren.
  3. Menschen, die zu alt oder schwach zum Arbeiten sind, helfen.
  4. Schlechtes Reden und Handeln vermeiden, statt dessen Zusammenarbeit, Frieden, Liebe und gute Taten üben.
  5. Alle Menschen, ungeachtet ihrer Unterschiede, als Brüder und Schwestern annehmen.

Später werden wir noch durchs Dorf geführt und sehen wie diese Gedanken ganz konkret umgesetzt werden: in Kindergarten und Schule, Werkstätten und betreutem Wohnen für Alte und Schwache oder auch dem selbstentwickelten Holz-sparenden Herd bzw. Backofen. Alles ganz schlicht, aber sauber und funktional.

Auf den ersten Blick wirkt die Kommunität kommunistisch, ist sie aber nicht. Jeder, der kann, arbeitet für sein eigenes Einkommen und hat Privatbesitz. Aber der Erlös von einem Tag in der Woche (also nicht „der Zehnte“, sondern „der Siebte“) ist für die Gemeinschaft und besonders für die Schwachen.

Dazu kommen, wie wir erfahren, klare Methoden zur Partizipation aller an Entscheidungen und gewaltfreien Konfliktlösungen. In diesem Sinne ist Zumra kein Guru, obwohl er auf uns schon so wirkt. Auch wenn sein Wort sicher ein besonderes Gewicht hat, hat er nicht mehr zu sagen, als andere. Reise zum Frieden eben.

Das Ganze verzichtet aber bewusst auf irgendeinen religiösen Überbau.  Zumra erklärt uns: „Falls es ein Leben nach dem Tod gibt, kannst du das aber nicht überprüfen („double check“). So tun wir einfach unser Bestes, ein Stück Paradies vor dem Tod zu leben.“

Im Äthiopischen Kontext hat diese Aussage eine völlig andere Bedeutung, als bei uns. Denn am Horn von Afrika sind im Grunde alle Menschen religiös und glauben an irgendeinen Gott. Und wenn es sich um orthodoxe Christen handelt, dann ist das ganze Leben geprägt durch unendlich viele Regeln, die zu erfüllen sind, 170 Fastentage im Jahr, viele Heilgentage, an denen nicht gearbeitet wird. Hochzeiten und Beerdigungen müssen tagelang gefeiert werden, womit sich die Familien finanziell oft hoffnungslos übernehmen. Das alles ist in der Afra Amba Community extrem reduziert. Auch der Sonntag ist nicht prinzipiell frei. Wobei es jedem freisteht, sich dann auch mal freizunehmen und sowieso auch persönlich religiös zu sein. Offenbar hat Zumra zu oft erlebt, dass gerade auch die christliche Religion die Menschen in Äthiopien davon abhält, die Probleme des Landes konsequent anzupacken.

Zurück nach Deutschland:

Bei der Berliner Stadtmission packen wir weiterhin Probleme konsequent an –  und erleben den christlichen Glauben und besonders das (gemeinsame) Gebet als wesentliche Kraftquelle in all den Herausforderungen. Vor einigen Wochen haben wir z.B. – vom Senat finanziert – eine Clearingstelle für Menschen ohne Krankenversicherung eröffnet. Wie groß dieses Fass ist, hat aber im Vorfeld keiner geahnt: Welche Beträge bisher Krankenhäuser nicht bezahlt kamen und welche Menschen, obwohl sie einen Rechtsanspruch haben, in unserem Land aus irgendwelchen Gründen aus der Versicherung herausgefallen sind!

Um auf die Situation von Obdachlosen aufmerksam zu machen, haben Christoph von Weiztel (Bariton), Uwe Packusch (Klavier) und ich (Sprecher) vor zwei Wochen die „Oper für Obdach“ erneut aufgeführt, diesmal  in München im Hauptbahnhof. (Vgl.mein Blog vom November 2017) Technische Probleme führten in München leider dazu, dass wir nur zwei von vier geplanten Auftritten machen konnten. Trotzdem war das Zuschauer- und Presseecho enorm. Nicht nur, weil es solch eine Performance im Münchener Hauptbahnhof überhaupt noch nie gegeben hat. Auch hier wurde wieder die Kombination von inszenierten Schubert-Liedern (Winterreise) mit Bibeltexten als besonders intensiv erlebt.

Am Samstag (8.12.) gestalte mich mit vier anderen zusammen etwas Neues im Öffentlichen Raum: „First Christmas“ – musikalisch-szenische Weihnachtsperformance auf der Bühne im „Ringcenter“ an der Frankfurter Allee, Berlin Friedrichhain (15.30 und 17.30). Wir sind sehr gespannt, wie das gelingt, und welches Echo das haben wird.

Auf dem Weg zum Frieden waren für mich aber auch die Konzerte mit dem Weihnachtsoratorium in der St. Lukaskirche, bei denen ich eine geistliche Werkeinführung gegeben habe.

 

Und auch: Das Adventskonzert der Stabsmusikkorps der Bundeswehr gestern Abend im Berliner Dom. Ich war geladener Gast, weil die Hälfte der Spenden am Ausgang für die Berliner Stadtmission bestimmt waren. (Am 20. Februar gibt das Stabsmusikkorps in der Universität der Künste ein Benefizkonzert komplett für die Stadtmission, konkret für das neue „Zentrum am Zoo“ mit Beratungsangeboten und Bildungsprogrammen.)

Ich habe die adventliche Musik (von „Es kommt ein Schiff geladen“ bis zur Nussknackersuite) dieses phantastischen symphonischen Blasorchesters genauso genossen wie die einfühlsamen und durchaus geistlichen Zwischenmoderationen des Chefdirigenten. Am Schluss wurde gemeinsam gesungen „Komm, o mein Heiland Jesus Christ, meins Herzens Tür dir offen ist…“

Ganz ehrlich, so faszinierend, wie der Weg zum Frieden von der Afra Amba Community gestaltet wird, – ich möchte ihn nicht ohne die Weihnachtsbotschaft gehen müssen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch eine gesegnete und friedensfördernde Advents- und Weihnachtszeit.

 

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Äthiopien – Reise zwischen Faszination und Irritation II.

Wenn wir ein neues Land bereisen, möchten wir immer auch die Menschen kennenlernen, die gesellschaftliche Situation und Lebensweise, die Hoffnungen und Ängste, die Herausforderungen und Lösungsansätze.

So war es für uns ausgesprochen schön und hilfreich, dass unsere Gastgeber ihre Beobachtungen und Erfahrungen mit uns geteilt haben. Die Art und Weise, wie sie aufmerksam und wertschätzend mit ihren Hausangestellten und mit den Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft umgehen (ihr Haus steht mitten in einem Stadtteil aus Wellblechhütten), hat uns beeindruckt. Und die Ungezwungenheit der Begegnungen hat uns die Unsicherheit genommen.

Blick über die Gartenmauer auf Straßenbaustelle und Nachbarschaft

Danach hatten wir für die zwei Tage in den Semien Mountains und dann für die weitere Reise zu den historischen Städten im Norden jeweils einen wunderbaren Guide, der uns auch wiederum sehr persönlich sein Land vorgestellt hat: Sammy in den Bergen, nicht nur ein guter Wanderführer sondern mit seinem kleinen Team im Outback ein aufmerksamer „Dienstleister“ (Fotos)

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Dreigängemenü mit Gaskochern – und in voller Koch-Montur auf 3200 m Höhe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Danach hat uns Andy (mit einem Fahrer) bei der Rundreise durch die historischen Städte des Nordens geführt. Besonders bewegt hat uns, wie Andy, der lange in Leipzig gelebt hat, uns auch durch sein persönliches Zeugnis den äthiopisch- orthodoxen Glauben nahegebracht hat. (Auch wenn uns vieles an dieser sehr archaischen Form des Christentums mehr irritiert als überzeugt hat.)

Aber natürlich wollten wir nicht nur touristische Höhepunkte besuchen, sondern auch verschiedene Hilfswerke kennenlernen. Es gibt davon so viele in Äthiopien, dass wir nur eine kleine Auswahl in Addis Abeba besuchen konnten.

Das war zunächst die „Addis Ababa Leprosy Victims Rehabilitation Association“ (Siehe Titelbild). Dort leben und arbeiten Menschen, die von ihrer Leprakrankheit geheilt sind, aber nicht mehr in ihre Dörfer und Familien zurück können (oder wollen). Hier in der Webwerkstatt wird Baumwolle gesponnen, daraus wunderschöne Tüchern gewebt und zum Teil bestickt.

 

Natürlich haben wir uns hier einen Tischläufer gekauft, auf dem jetzt zu Hause weitere Souvenirs stehen.

 

Als nächstes besuchten wir ein ganz spannendes, von Schweizern gegründetes Projekt:

Addis Guzo Wheelchair Center“. Addis Guzo heißt auf amharisch „Neue Reise“ oder „neue Fahrt“.

Dieses Projekt kümmert sich auf zweifache Weise um Menschen, die z.B. durch einen Unfall auf einen Rollstuhl angewiesen sind. Zum einen ist hier ein kleines Rehazentrum, dass ihnen hilft, mit der Behinderung umzugehen. Zum anderen werden in einer kleinen, feinen Werkstatt ausrangierte Rollstühle oder Rollstuhlteile aus der Schweiz oder Deutschland neu und funktionsgerecht zusammengebaut. Seit der Gründung im Jahr 2010 haben sie dort 2000 Rollstühle zusammengebaut und 4000 repariert. Das ist kostengünstig und schafft Arbeitsplätze.

Eine Gruppe von 8 jungen Erwachsenen spielt im Innenhof auf dem Hartplatz höchst engagiert Rollstuhl-Basketball in schnittigen, tiefergelegten Sport-Rollstühlen.

Nicht besucht, aber ganz oft gehört haben wir von dem von Karl-Heinz Böhm aufgebauten Hilfswerk „Menschen für Menschen“, von dem inzwischen über fünf Millionen Äthiopierinnen und Äthiopier in zwölf aktiven und acht bereits abgeschlossenen Projektgebieten profitieren: Landwirtschaft, Wasser, Bildung, Gesundheit, Einkommen, Nothilfe sind die Arbeitsfelder, in denen die Organisation arbeitet.

Nun, weiter zur „German Church School“:

Vor 45 Jahren wurde diese Einrichtung von der deutschen evangelischen Gemeinde gegründet, die ihre Kirche mitten in einem ziemlich armen Viertel von Addis Abeba hat.

   

Dort treffen wir uns mit dem Pfarrer und weiteren Interessierten aus Deutschland.

 

Blick von der Schulterasse auf den Stadtteil

Gleich dahinter ist das Gelände der Schule, eine Hilfseinrichtung, wie sie im Buche steht. Denn das ist nicht die deutsche Schule für Diplomatenkinder, sondern eine Förderschule für Kinder der allerärmsten Familien aus der Umgebung sowie eine begrenzte Zahl von blinden, körper- oder geistig behinderten Kindern.

Dabei kommt aus jeder Familien immer nur ein Kind zum Zuge. Das klingt zunächst hart, wird aber sofort plausibel durch das Sozialarbeiter-Konzept der Schule.  Denn über das eine Kind erhält die ganze Familie Förderung, d.h. Sozial- und Gesundheitsberatung, punktuell auch medizinische und sogar finanzielle Unterstützung.

Die Eingliederung der Blinden (die in jeder Hinsicht bei Null anfangen) ist sehr durchdacht und methodisch ausgefeilt, sodass jedes Kind seinen eigenen Lernweg gehen kann.

Bei der 45-jährigen Jubiläumsveranstaltung im Frühjahr hatte ein ehemaliger Schüler die Festrede gehalten, der als Blinder inzwischen Rechtsanwalt ist, Familie gegründet hat und nun neue Schüler fördert. Wie mutmachend!

Als höchstes Ziel nennt der Schuldirektor: „Unsere Kinder sollen selbstbewusst werden.“

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Interessante Sprüche an der Pinnwand des leitenen Sozialarbeites

 

 

 

Lustig ist dann unser Klassenbesuch im Matheunterricht, wo die Schüler, die auch Deutsch lernen, sich wirklich trauen, uns auf unserer Sprache ein paar einfache Fragen zu stellen.

Die Schule bekommt keine Förderung vom Staat. Dringend müsste sie erweitert werden, aber leider ist der Kauf des Nachbargrundstücks im Moment noch blockiert. Schade, denn die pädagogische Arbeit ist wirklich absolut brilliant.

 

Apropos pädagogische Arbeit. Zum Schluss kurz zurück nach Berlin.

Denn nach drei Jahren Planungen, Fördermittelaquise, Kalkulationen, Planungsänderungen (weil inzwischen die Baukosten um 30 % gestiegen sind) konnten wir ab Donnerstag endlich die Grundsteinlegung für KiTa, Familien- und Gemeindezentrum in Lichtenberg feiern. Ein Großprojekt, das vor allem mein Kollege für den Bildungsbereich, Andreas Schlamm, vorangebracht hat, während ich im Hintergrund die Gemeinde ermutigt habe, sich auf diesen höchst innovativen Weg zu begeben.

(In ein paar Wochen wird es noch einen 3. Äthiopien-Blog geben. Dann über die Felsenkirchen im Norden und die Afra Amba Community.)

Äthiopien – Reise zwischen Faszination und Irritation I.

Viel ist geschehen seit meinem letzten Blog. So viel, dass ich mal wieder monatelang nicht zum Schreiben gekommen bin. Einen aktuellen Bericht über mein Arbeitsfeld bei der Berliner Stadtmission habe ich überschrieben mit „Jahr der Innovationen“. Und bevor ich von unserer Äthiopienreise berichte, möchte ich stichtwortartig die neuen Projekte und sonstigen Innovationen aufzählen, die seit letzem Sommer allein im Bereich Mission auf den Weg gebracht worden sind:

  1. Gründung der Iranischen Gemeinde
    2017-09-09 16.18.36

    Überreichung der Gründungsurkunde durch Stadtmissionsdirektor J.Lenz

    am 9.9.2017 (mit inzwischen bis zu 70 Teilnehmenden, davon in den letzten drei Jahren fast 30 ehemalige Muslime getauft.)

  2. Missionarische Bildungsarbeit mit benachteiligten Kids im Gesundbrunnenkiez (Gemeinde Wedding, Stettinerstraße) mit der Theologin und Tanz- und Theaterpädagogin Rebecca Aßmann. Gleichzeitig Wiederaufnahme einer überregionalen Netzwerkarbeit „Winterspielplatz“ (eine geschützte Wortmarke der Berliener Stadtmission).
  3. Einführung der neuen Gemeindeordnung zum 1.1.2018 (zur Erprobung) mit 5 verschiedenen Gemeindeformen und gestufter Zugehörigkeit.
  4. Umwandlung der Gemeinde Wilmersdorf zu einer „Einrichtungsgemeinde“ der Citystation zum 1.1.2018, d.h. die geistliche Arbeit ist integraler Bestandteil der Einrichtung. An einer gesamten Neukonzeption des Standortes wird weiterhin fachbereichsübergreifend gearbeitet.
  5. Friedrichshagen: Kauf des angrenzenden Grundstücks. Erste Konzeptionsüberlegungen für einen Neubau: Geistliches Zentrum für Einkehrtage u.ä. und neue Wohneinheiten für Eingliederungshilfe.
  6. Umwandlung des Studentenwohnheims in der Lehrterstr. in „Junges Wohnen“ für Studierende und Azubis als Wohngemeinschaft mit gemeinsamem geistlichen Leben, durch Mentoren begleitet. IMG_20180608_162714_resized_20180623_013423126(In Verbindung damit: Das von Simon Klaas selbst gebaute Tinyhouse „Tabernakle“ im Innenhof als Communityprojekt und Gestaltungsraum, zusammen mit „water 2 wine“)
  7. zeit.laden: Lichtenberg (Friedrichsfelde, Sewanstraße), Anmietung eines Ladenlokals für familienorientierte Nachbarschaftsarbeit (im Vorfeld des Familienzentrums in der Archenholdstraße) zum 1.1.2018. Konzeptionsentwicklung einer offenen Lebensberatungsstelle. Kombination beider Projekte an dem einem Standort als „zeit.laden“. Eröffnung am 17.5.2018 mit hochrangigen Vertretern aus dem Bezirk. Die Leitung hat Stadtmissionar Pfr. Ole Jaeckel-Engler, ausgebildeter Psychotherapeut und Supervisor.
  8. „Geistliche Präsenz in der Heidestraße“: Gemeinsame Planungen mit der Ev. Gemeinde Tiergarten, um im Neubaugebiet nördlich des Hauptbahnhofes (mit 3800 neuen Wohnungen) früh einen „Fuß in die Tür“ zu bekommen für ein Projekt zur Communityentwicklung, Einsamkeitsüberwindung und geistlichen Angeboten.
  9. Wohnungslosenseelsorge: Nach jahrelangem Suchen haben wir mit Helga Stamm-Berg endlich eine geeignete Person für diese Aufgabe in verschiedenen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe gefunden, die ihre Arbeit sehr strukturiert und engagiert angeht.
  10. 140 Jahre Gemeinde Frankfurter Allee (Friedrichshain). Das klingt nur nach Jubiläum und nicht nach Innovation. Aber in den letzten zwei Jahren hat sich die Gemeinde für Nachbarschaft und Kiez interessiert und geöffnet in einer Art und Weise, die zu rasanter Neubelebung und missionarischer Entwicklung geführt hat. Wir sind gerade dabei, finanziert durch unsere Innovationsbudget zusätzliches Personal einzustellen, um die wachsende Gemeinwesenarbeit besonders mit Kindern bzw. Familien  überhaupt stemmen zu können.
  11. Refugio: Das Refugio (gemeinsames Wohnen von Geflüchteten und Einheimischen u.v.m.) ist offiziell zum 1.6.2018 vom Bereich Mission in den Bereich Diakonie gewechselt (was Budget, Personalverantwortung und strategische Entwicklung angeht). Weitere Fachkompetenz aus dem Bereich Begegnung engagiert sich in der Weiterentwicklung von Café und Tagungsbereich. Ich bleibe beratend insbesondere für die geistliche Entwicklung und Kooperation mit dem Kreuzbergprojekt beteiligt (aber eben ab jetzt ohne den Hut aufzuhaben). Das ist eine wirkliche Erleichterung für mich, nachdem ich in den zurückliegenden drei Jahren sehr viel Zeit und Kraft dort hineingesteckt habe. Wir hoffen, dass die breite Fachkompetenz das Refugio als einen Leuchtturm der Stadtmission nochmal wirklich voranbringt.

So, aber jetzt ab nach Äthiopien. Wobei auch diese Reise einen Stadtmissions-Hintergrund hat. Denn eingeladen wurden wir vom derzeitigen Gesandten (also stellvertretenden Botschafter) der Bundesrepublik in Addis Abeba, Matthias Schauer und seiner Frau Katharina, die vorher ehrenamtlich bei der Stadtmission im Trägerkreis der „Frühschicht“ engagiert waren (dem Gesprächsfrühstück für Ministerialbeamte und Menschen aus ähnlichen Arbeitsfeldern).

In einem faszinierenden Land mit sehr freundlichen und zugleich stolzen Menschen sind wir da gelandet. Im einzigen afrikanische Land, das nie kolonialisiert worden ist (abgesehen von einigen Jahren italienischer Besetzung während des 2. Weltkrieges). Ein Land, das die Wurzeln seines König- bzw. Kaisertums auf Menelik I. zurückführt, der Überlieferung nach dem gemeinsamen Sohn von König Salomo und der Königin von Saba. Ein Land mit großer Geschichte und schwieriger Gegenwart unter der sozialistischen Regierung mit Planwirtschaft. Ein Land in dem Steinzeit (bei den indigenen Volksgruppen im Süden, wo wir nicht waren), Mittelalter (in der Landwirtschaft) und Generation Smartphone gleichzeitig nebeneinander existieren; in dem als Transportmittel wahlweise Lastenträger, Esel oder Kamele, Tuktuks, Minibusse, LKWs oder modernste Propellerflugzeuge in Frage kommen (je nach Budget).

Aber eins nach dem anderen und alles mit Bildern:

Der Überlieferung nach hat Makeda, die Königin von Saba, ihren Sohn Menelik als jungen Erwachsenen für drei Jahre zum royalen Praktikum nach Jerusalem geschickt, von wo er dem Befehl eines Engels folgend und unter dessen Schutz die Bundeslade aus dem Tempel stibitzt und nach Äthiopien überführt hat. Blog 55-29

Daraufhin musste Salomo in Jerusalem leider eine Kopie anfertigen und aufstellen lassen. (Jede orthodoxe Kirche in Äthiopien hat übrigens auch eine Modell der Bundeslade. Ohne Lade keine Kirchweihe.)

Blog 55-13Nach verschiedenen Stationen steht die angebliche originale heute in Axum in  diesem im 1965 zwischen alter und neuer Kathedrale errichteten Gebäude mit der grünen Kuppel, dem höchsten Heiligtum der äthiopisch -orthodoxen Kirche. Diese Kirche, zu der heute 60% der Äthiopier gehören, hat von jeher eine ganz enge Beziehung zum Judentum wie wohl keine andere christliche Denomination.

Axum (in der nördlichsten Provinz Tigray) wurde im 1. Jahrhundert n.Chr. zu einer bedeutenden Stadt und wohl bald auch zur Hauptstadt Äthiopiens. Die berühmten Stelen, Teile von Grabmälern, stammen aus dieser Zeit und sind über 20 m hoch.

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Im 17. und 18. Jahrhundert trat dann Gondar als Königsstadt in den Vordergrund. Heute besichtigt man dort die Ruinen einer beeindruckenden weitläufigen Schlossanlage. Der Legende nach hatte sich Kaiser Fasilidas in den Bergen verirrt, als aus einem Teich ein alter Mann aufstieg und ihn anwies, genau hier ein Schloss zu bauen. Später bekam er auch noch die Anweisung, viele Kirchen zu bauen – und zwar als Strafe für die vielen Konkubinen, die er hatte.

Hier einige Eindrücke der phantastischen Bauwerke aus dieser Zeit:

Fast der gesamte Norden Äthiopiens von Addis Abeba bis zur eritreischen Grenze ist Hochland zwischen 1800 m (Tanasee) und 4500 m (Semien Mountains). Und davon wiederum ist ein großer Teil landwirtschaftliche Nutzfläche. 80% der Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft, die aber je nach Berechnung nur 30 – 50% der Wirstchaftsleitung erbringt. Kein Wunder. Denn das meiste ist Subsistenzwirtschaft, d.h. zur Selbstversorgung oder zum Verkauf auf dem Markt im nächstgrößeren Dorf. Das sieht dann so aus:

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Am Tekezefluss im Norden und am Blauen Nil gibt es auch bewässerte Landwirtschaft, die natürlich ganz andere Erträge generieren kann.

Noch gibt es in der Regenzeit reichlich Niederschläge. Aber die Trockenzeit ist viel heißer als früher, sodass die Wasservorräte längst nicht mehr so lange halten, wie vor Beginn des Klimawandels.

Ein echtes Erlebnis ist in jedem Fall der Verkehr. Nicht so sehr durch Hektik (das ist anderswo erheblich schlimmer), sondern durch die verrückte Mischung. Da trifft auch in der Großstadt einfach alles aufeinander – siehe Titelbild (abgesehen von Flugzeugen, modernen Bombardier-Propellermaschinen, die im Inland kleine feine Flughäfen verbinden). Hier einfach eine Serie von Fotos zu diesem Thema:

Blog 55-32An den Flughäfen haben wir dann auch die modernsten Äthiopier(innen) getroffen, wie z.B. diese junge Frau, die zwischen der touristischen Dienstleistung einer traditionellen Kaffee-Zeremonie intensiv mit ihrem Smartphone beschäftigt war.

So  bunt und verrückt wie der Verkehr sind auch die Märkte, unglaublich eng und wuselig und trotzdem „thematisch“ gut sortiert. Und das schöne: Wir konnten da als Weiße ganz entspannt durch schlendern. Natürlich wurden wir häufig angesprochen, um uns etwas zu verkaufen. Aber wenn wir deutlich und klar abgelehnt haben, war es auch gut.

Auffällig ist übrigens auch, wie schnell die Äthiopier gehen, jedenfalls im Vergleich zu dem, was wir in Südafrika so erlebt haben. Aber vielleicht liegt das auch an dem angenehmen Klima des Hochlandes.

Immer wieder haben wir große Freundlichkeit erlebt. Schulkinder, denen wir begegneten, riefen uns zu: „Welcome in Ethiopia. What`s your Name?“ – „My name is Gerold“ – „How do you like Ethiopia?“ Und dann streckte mindestens eins von ihnen die Hand aus, um mit dem freundlichen Weißen abzuklatschen. Ähnliches hab ich auch mit Erwachsenen bei einem Spaziergang durch eine ziemlich ärmliche Wellblech-Siedlung (immerhin mit Elektrizität und Satelitenschüsseln) in Addis erlebt.

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In der nächsten Folge werde ich demnächst über eine faszinierende nicht-religiöse Kommunität und beeindruckende Hilfsorganisationen in Äthiopien berichten.

Oper für Obdach II

Nach unserem ausgesprochen erfolgreichen Pilotprojekt im März (siehe meinen Blog vom März 2017) haben wir am 3. November die „Oper für Obdach“ ein zweites Mal im Berliner Hauptbahnhof aufgeführt . Genauer ein fünftes bis achtes Mal. Denn auch diesmal sind wir mit dem gut halbstündigen Programm der inszenierten Winterreise von Schubert (Plus Interviews) wieder alle zwei Stunden zwischen 11 und 17 Uhr aufgetreten. Und wieder konnten wir Tausende Menschen mit der Botschaft erreichen: „Lass dich berühren vom Leben anderer – und von der solidarischen Nähe Gottes.“ („Wunderlicher Alter, willst du mit mir gehn…“)

Im Vergleich zum Premierentag haben wir nochmal einiges verbessert. So war in Ulrich Pakusch diesmal der langjährige feste Pianist des Baritons Christoph von Weitzel dabei. Und im direkten Vergleich merkte man, dass die beiden einfach noch viel besser aufeinander eingespielt sind. Im Interview meinte Ulrich Pakusch übrigens auf den enormen Lärm im Hauptbahnhof angesprochen (sinngemäß): Ich finde den Aufführungsort perfekt. Die ganzen Geräusche sind gar keine Konkurrenz, sondern ergänzen den Klang. Besonders schön war das, als oben eine S-Bahn auf dem Ton D bremste, genau als ich den gleichen Ton auf dem Klavier spielte.

Und Christoph von Weitzel fühlte sich auch, wie er erzählte, bei diesem Durchgang deutlich wohler und konnte klarer unterscheiden, wann er als Sänger (bzw. Obdachloser) ganz konzentriert bei sich und in seiner Geschichte blieb –  und wann er bewusst mit dem Publikum kommunizierte. Letzteres z.B. bei der Strophe (aus dem Lied „Wegweiser“):

„Habe ja doch nichts begangen,
dass ich Menschen sollte scheu’n.
Welch ein törichtes Verlangen
treibt mich in die Wüstenei’n?“

Das Ganze wurde auch dadurch nochmal erleichtert, dass diesmal ein Mitarbeiter der Technikfirma den Sound machte, der selbst Musiker ist und von daher nochmal andere Feinheiten in den Klang brachte.

Aber auch an der Rezitation meiner Bibeltexte hatten wir nochmal gearbeitet. So dass ich nicht nur als Sprecher auf die Bühne getreten bin, sondern in die Szene rein gegangen und die Texte fast gespielt habe.
Dadurch wurde die enge Verflechtung noch deutlicher und viele Zuschauer noch stärker berührt.

Das wiederum haben die Mitarbeitenden der Stadtmission, die die Textflyer verteilten aufgreifen können. Denn beim ersten Mal waren das vor allem FSJler, diesmal aber in drei der vier Vorstellungen Seelsorger und Seelsorgerinnen, die dann direkt am Rande leise kurze Gespräche führen konnten und diese Chance sehr bewusst wahrgenommen haben.
Denn es geht uns ja nicht nur darum, auf die immer dramatischer werden Situation der Obdachlosen in Berlin aufmerksam zu machen, sondern eben auch biblische Inhalte im öffentlichen Raum so zu präsentieren, dass Menschen spüren und verstehen, dass es auch für sie relevant ist. Eben: „Ein Dach überm Kopf und ein Dach über der Seele.“

Dass an diesem Tag insgesamt fast 1200,- € an Spenden für die Kältehilfe zusammen gekommen sind, war dabei natürlich ein erfreulicher Nebeneffekt. (Wieder hatte ja die Deutsche Bahn die gesamten Kosten der Veranstaltung getragen.)

Auch diesmal hat unser „Artrejo“ Filmteam wieder bewegende Bilder eingefangen einen schönen Trailer erstellt, der nochmal andere Elemente als im März zeigt. Schaut ihn euch an.
Hier ist der Link: https://www.youtube.com/watch?v=mvupeKlKodM

Ich empfehle euch aber auch wärmstens die aktuellen Filmbeiträge rund um die Themen der Kältehilfe der Berliner Stadtmission:

 

  • über die Ambulanz für Obdachlose

  • oder aus dem vorigen Jahr den Film über unser Übergangshaus, der zugleich viele Hintergründe deutlich macht:

Im übrigen sind wir angefragt worden, die Oper für Obdach auch im Münchener Hauptbahnhof voraussichtlich Ende Februar 2018 aufzuführen. Mal schaun, ob das klappt.

Reformationsjubiläum

So langsam biegt das Reformationsjubiläum in die Zielgerade ein – und mancher ist froh darüber, bzw. kann das Thema langsam nicht mehr hören. Gleichzeitig ist dieses Gedenk- und Aufbruchsjahr trotz allem Aufwand wahrscheinlich an einem großen Teil der Bevölkerung ziemlich wirkungslos vorbei gegangen.

Ich will und kann mit diesem Blog natürlich kein allgemeingültiges Resümee ziehen. (Ich hab zwar viel mitbekommen, aber zugleich doch auch nur einen Bruchteil.)

Aber ein paar Schlaglichter aus meiner Perspektive will ich benennen und illustrieren. Und gerne dürft Ihr mir eure Kommentare dazu schicken:

  1. Winterliches Wittenberg
Blog 46-5

Stadtkirche in Wittenberg

Im Januar gab es für mich einen doppelten Auftakt in Wittenberg, den ich in sehr positiver Erinnerung habe. Da war zunächst der Auftaktgottesdienst des Gnadauer Verbandes in der Schlosskirche. An dem Tag war es wirklich bitterkalt in der Lutherstadt und die Straßen verschneit. Aber trotzdem hatten sich ein paar Hundert Gottesdienstbesucher in der Schlosskirche eingefunden, um einen fröhlichen und außerordentlich ermutigenden Gottesdienst zu feiern. Orgelmusik und Gospelchor, Auftritt von des Reformators Johannes Bugenhagen, eine energiegeladende Predigt von Präses Michael Diener, kraftvolle Gebete und viele Begegnungen am Rande machten deutlich: Es geht nicht um Rückwärtsgewandtes, sondern um die Vitalität der Kirche heute und in Zukunft.

Drei Wochen später hatte ich Schulungen für die Mitarbeitenden in unserem Lutherhotel zu halten. Und zu der Gelegenheit besuchten Christiane und ich das Panorama von Asisi, das uns wirklich begeistert hat: Mit den unzähligen lebendigen Szenen aus den Jahren um 1517 im 360-Grad-Rund, den Geräuschen und wechselnden Tageszeiten ist da ein Fenster in die Geschichte gestaltet worden, das unendlich viele, kleine und große Entdeckungen ermöglicht (nicht nur die großen kirchenpolitischen, sondern auch z.B. einen nächtlichen Blick ins Ess- und ins Schlafzimmer der Luthers. Zum Glück bleibt dieses Panorama noch weit über das Jubiläumsjahr hinaus stehen.

2. Kirchentagsabschlussgottesdienst auf den Elbwiesen

wenn ich ehrlich bin, ist das unterm Strich doch die große Enttäuschung des Jahres, obwohl unfassbare Energien und Kosten in die Organisation gesteckt wurden. Wie schon in einem früheren Blog berichtet, lag die Teilnehmerzahl unter einem Drittel der erwarteten, der Gottesdienst war in Ordnung, aber doch auch sehr brav und begrenzt inspirierend. Und dann war es so heiß, dass sich die meisten kurz nach dem Mittag wieder auf den Heimweg machten – und allein der einstündige Fußweg zum Bahnhof Hunderte in gesundheitliche Probleme brachte. Das ganze wirkte auf mich wie der verzweifelte Versuch, evangelischerseits so etwas wie das Fest mit Papst Benedikt zum katholischen Weltjugendtag 2004 auf dem Marienfeld vor den Toren von Köln hinzukriegen. In Wittenberg insgesamt doch ein Flop.

3. Weltausstellung

Also, ich habe mehrfach gesagt: „Weltausstellung“ ist schon ein sehr großes Wort für das, was da geboten wurde. Trotzdem lohnte sich der Besuch aus meiner Sicht. Auch wenn ich – als ich Anfang August dort war – an vielen Stationen als gerade einziger Besucher von den Mitarbeitenden seeehr herzlich begrüßt wurde. In der Stadt war richtig was los, aber die Weltausstellung doch überschaubar besucht.

Den heiß diskutierten „Segens-Roboter“ der Hessen-nassauischen Kirche fand ich vor allem: köstlich. Besonders, wenn er die Arme erhebt und mit leichtem Knacken die Finger spreizt, hat das was von Robby, Tobbi und dem Fliwatüt (wenn noch jemand dieses Kinderbuch kennt). Aber es wurden dadurch höchst interessante Gespräche ausgelöst. Und damit gehörte die mobile Segenskirche mit insgesamt ca. 11.000 Besuchern zu den meistbesuchten Pavillions.

Noch ein wenig besser besucht (11.250) war der Pavillion des Evang. Gnadauer Verbandes. Das lag vermutlich zu einem hohen Teil an der sehr guten Lage, direkt am Anfang neben dem Lutherhaus. Aber das geräumige Zelt mit den drei Themen-Kuben (Mission, Diakonie, Bibel), freundlichen und seelsorgerlich geschulten Mitarbeitenden und z.T. schönem Begleitprogramm lohnte den Besuch auch. Die Berliner Stadtmission war übrigens wesentlich an der Gestaltung des Themenkubus zu Diakonie beteiligt.

Bei der Weltausstellung hatte ich aber z.B. im Pavilion der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa ein hoch interessantes Gespräch mit einem ungarischen Theologieprofessor, der mir sehr differenziert von der Politik Orbans und der Rolle der Reformierten Kirche dort berichtete. Und natürlich hatte ich mir richtig Zeit genommen für den Schweizer Pavillion, denn insgesamt ist das Reformationsjubiläum ja doch viel zu Luther-lastig. Und da lohnt es sich, bewusst auf die besonderheiten der Reformation in Zürich und Genf zu schauen.

Besonders hatten es mir aber die Türen der Freiheit angetan, einer dreistöckigen innen begehbaren Installation, die von Mitarbeitenden und Bewohnern/Klienten verschiedenster diakonische Einrichtungen gestaltet waren.

4. Vorletzen Donnerstag fand dann in Potsdam der offizielle Festgottesdienst und Empfang der EKBO (Landeskirche Berlin-Brandenburg- schlesische Oberlausitz) und des Landes Brandenburg statt. Die prächtige Nikolaikirche, die ich vorher auch noch nicht von innen gesehen hatte, gab eine gute Kulisse für die Predigt von Bischof Dröge und Ministerpräsident Wiodke, beides ansprechende Ansprachen. Vor allem die von Woidke, der nicht nur seinen persönlichen Bezug aus DDR- und Studentenzeiten zur Evangelischen Kirche erzählte, sondern auch hervorhob, wie wichtig die Christen gerade heute für Politik und Staat seien, um die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen.

 

Anschließend wurde dann die Ausstellung „Reformation und Freiheit“ zur Brandenburgischen Reformation feierlich eröffnet. Die steht ja ein bisschen im Schatten der Mitteldeutschen Reformationsgeschichte. Spannend an der brandenburgisch-preußischen ist die enge Verbindung ins heutige Polen. Denn zur Reformationszeit befand sich das unter einer Regierung mit Brandenburg verbundene „Königreich Preußen“  rund um Königsberg.

Die kleine feine Ausstellung lohnt sich jedenfalls zu besuchen. Wegen der besonderen Exponate – und auch der lustigen Zeichentrickfilme zu besonderen Ereignissen, die mit Einfacher Sprache erklärt werden. Diese Ausstellung ist auch noch bis Januar geöffnet.

Zum Schluss bleibt natürlich die Frage, ob der 31.10., der in diesem Jahr in allen Bundesländern staatlicher Feiertag ist, von den Evangelischen wirklich nochmal intensiv dazu genutzt wird, sich versammeln und mit dem Reformationsgedenken im Rücken in die Zukunft aufzuberechen. Oder ob die meisten Evangelischen einfach diesen zusätzlichen freien Tag für sich privat nutzen. Die meisten Veranstaltungen im Jubiläumsjahr litten ja an zu geringer Teilnahme, was (verbunden mit den hohen saatlichen Zuschüssen) gesellschaftlich mit Recht sehr kritisch wahrgenommen wurde. Was für ein Signal wird wohl vom Reformationstag selbst ausgehen?

 

Unterwegs auf verschiedenen Bühnen

Jetzt ist es schon wieder ein viertel Jahr her, dass ich von unserer „Oper für Obdach“ berichtet habe. (Die ist übrigens so eingeschlagen, dass wir das Projekt voraussichtlich am 3. November wiederholen werden.)

Seit dem habe ich mich in unterschiedlichen Funktionen auf verschiedenen Bühnen herumgetrieben, wovon ich heute erzählen möchte. Denn das macht einen wichtigen Teil meiner Arbeit aus – auch wenn es bei weitem nicht den Löwenanteil der Zeit beansprucht. Das sind eher die „Management-Aufgaben“: Organisation, Personalentwicklung, unzählige Mails, Meetings, Konzepte und Berichte schreiben, Sitzungen vorbereiten…

Dazwischen sind dann die Predigten, Vorträge und Musikprojekte eine willkommene Abwechslung.

I. Den ersten schönen Musikauftritt habt ihr schon im Beitragsbild gesehen. Das war (noch vor der Oper für Obdacht) beim Jahresfestgottesdienst der Berliner Stadtmission am ersten Sonntag im März. Inzwischen habe ich eine fast konstante Projekt-Band, mit der ich nun schon zum dritten Mal diesen großen Gottesdienst musikalisch begleitet habe: Die Kolleginnen Carolin und Dörte mit tollen Stimmen, Tom (Architekt bei Sauerbruch & Hutton) am Keybord, Lukas an der Cajon und ich mit E-Bass und Gesang. 2016 waren wir damit in der Halle unserer großen Flüchtlingsunterkonft in der Mertensstraße. (Vielleicht erinnern sich einige.) Dieses Mal fand der Gottesdienst wieder im Saal im Zentrum am Hauptbahnhof statt. Und ich konnte die Band erstmals um zwei Bläser erweitern. Mit Trompete und Tenorsaxophon hat man gleich ganz andere Arrangement-Möglichkeiten. Und weil FSJlerin Eva und Sozialarbeiter Jürgen das richtig gut gemacht haben, waren die Rückmeldungen entsprechend begeistert.

Foto: Berliner Stadtmission

Hinzu kommt sicher, dass die thematisch ausgerichtete, musikalisch abwechslungsreiche Liedauswahl in ihrer Mischung aus Kirchentagsliedern, Lobpreis, Choral usw.  viele Menschen auf die eine oder andere Art anspricht. (Ihr wisst ja: Ich liebe „cross-over“, also die Kombination von Elementen, die man nicht unbedingt miteinander erwarten würde.) Uns hat es jedenfalls auch richtig viel Spaß gemacht.

II. Vom 23.bis zum 25. März fand in Berlin der Gemeinde-Ermutigungs-Kongress „Dynamissio“ statt. (…leider mit 2000 Teilnehmern fast zwei Drittel weniger als erwartet. Aber das war ja beim Kirchentags-Schluss-Gottesdienst in Wittenberg auch nicht besser – wenn da mal 1/3 der ursprünglich erhofften oder phantasierten Besucherzahl von 300.000 gekommen waren! Kirchentag wäre auch noch ein Thema unter dieser Überschrift. Aber das lass ich jetzt mal aus.)

Foto: Mara Feßmann

Wie auch immer. Zusammen mit Claudia Filker und Tobias Faix (CVJM-Hochschule Kassel, im Bild Mitte) hatten wir die Aufgabe, in drei Kurzbeiträgen Konkretionen zum Tagesthema „Die Stadt und die Welt wahrnehmen“ zu liefern. Meinen Beitrag „Berliner Lebenswelten“ wie auch alle anderen findet ihr unter diesem link: http://dynamissio.de/infos/downloads/

Insgesamt gab es auch hier viele positive Rückmeldungen. Allerdings konnte der Kongress insgesamt die Freude an urbaner Theologie und geistlichen Entdeckungsreisen durch die Stadt nicht so recht wecken. In Programmheft und Moderation nicht erklärt, blieb es für viele unverständlich, warum sie zwischendurch zu Seminaren und Foren durch ganz Berlin geschickt wurden.  Eigentlich war es – im Unterschied zu Zentral-Veranstaltungen wie einem Willow-Creek-Kongress – als ein didaktischen Kernstück gedacht gewesen, die Stadt auch wirklich mit allen Sinnen zu erleben. Aber – wie gesagt – leider ist das nicht richtig rüber gekommen und wurde von vielen dann nur als lästig empfunden.

Durch das sehr breite Spektrum von Rednern – vom EKD Ratsvorsitzenden Heinrich Bedfort-Strom bis zum Pfingstpastor aus Braunschweig Heinrich Christian Rust sowie einigen Gästen aus der angelsächsischen Welt – war aus meiner Sicht das inoffizelle Hauptthema: Wir Evangelischen aus Landeskirche, Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste, Pietismus und diverse Freikirchen können es doch irgendwie ganz gut miteinander.
Allerdings war durch diese Mischung irgendwie auch die „ownership“ nicht richtig klar, also welche kirchliche Richtung identifiziert sich wirklich mit dem Kongress. Unsere Landeskirche Berllin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) z.B. hatte sich komplett ausgeklinkt. Und das lag sicher nicht nur am ebenfalls bevorstehenden Kirchentag.

III. Weiter gings (nach einer Woche Skiurlaub) im April als Prediger bei Gottesdiensten in verschiedenen Stadtmissions-Gemeinden sowie dem Passionsgottesdienst für die Mitarbeitenden der Stadtmission. Dazwischen der erste Schnuppertag für Interessierte an unserem neuen Bachelor-Studiengang „Theologie, Sozialraum und Innovation“, den wir zusammen mit anderen Verbänden als sog. „An-Institut“ an die Evangelische Hochschule Tabor (Marbug) entwickelt haben.

Im Oktober startet das erste Semester bei uns in der Lehrterstraße.

Schnuppervorlesung im zukünftigen Seminarraum

Ziel ist es, Menschen für Gemeindegründungen und -neubelebungen auszubilden, die einerseits eine solide theologische Ausbildung haben, andererseits sich kompetent in verschiedenen Sozialräumen bewegen können und das notwendige Handwerkszeug für geistliche „Start-ups“ gelernt haben. Und die brauchen wir dringend. Dann die herkömmlichen Formen von Gemeindearbeit erreichen immer weniger Menschen, weil es keine Verbindung zu ihrer Lebenswelt gibt. (Hier berühren sich Studiengang und mein Dynamissio-Referat.)

Weitere Infos zum Studiengang findet ihr hier:
http://www.tsberlin.org/.    Jetzt ist übrigens ein guter Zeitpunkt, um sich für das Studium zu bewerben 😉

IV. Berührung mit den Lebenswelten ist auch das entscheidende Thema für unsere Stadtmissionsgemeinden. Und bedeutet jetzt im Frühsommer: Gestaltung von oder Beteiligung an Kiez-Festen. So wie vorletztes Wochenende gkleich zweimal: Zunächst in Lichtenberg beim kommunalen Fest im Weidling-Kiez, wo ich mit Thomas Hoffmann zusammen gleich nach der Eröffnung durch den Bezirksbürgermeister Musik für Kinder und Erwachsene gemacht habe.

Foto: Andreas Schlamm

 

 

 

 

 

 

Und am Sonntag beim Hoffest an der St. Lukaskirche in Kreuzberg, an dem außer unserer Gemeinde, den Chören,  unseren pädagogischen Projekten auch die dort ansässige Gehörlosengemeinde und verschiedene Partner aus der Straße beteiligt waren (kommunales Jugendzentrum „Alte Feuerwache“, Mövenpick usw.).

Foto: Alexander Moeck

Ein „zweisprachiger“ Kurzgottesdienst mit der Gehörlosengemeinde hat dabei inzwischen schon Tradition.

Foto: Alexander Moeck

Und wir sind sehr gespannt, wie sich die hochengagierte iranische Gemeinde und die kleine anatolische Gemeinde in St. Lukas weiterentwickeln werden, die beim Fest natürlich auch mitgemacht haben.

 

V. Eine ganz andere Bühne hatte ich ein Wochenende vorher im Kloster Altenberg bei Wetzlar. Dort war ich als Festprediger der Kreiskirchentage (der Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels) eingeladen. Am Sonntagmorgen fanden unter der gigantischen Blutbuche 200 – 300 Besucher einen wunderbaren Schattenplatz.

In meiner Predigt zum Thema „erlöst, vergügt, befreit – so geht evangelisch“ habe ich anhand der unglaublich köstlichen Geschichte von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis (Apg 12,1-9) mit gemacht zu fröhlicher Gelassenheit, die ihre Kraft aus dem Vertrauen auf Gott zieht.

Foto: Uta Barnikol-Lübeck

Foto: Uta Barnikol-Lübeck

 

 

 

 

 

 

Am Vortag hat mein Kollege und Freund aus Kölner zeiten, Reiner Fischer den Hauptvortrag. Und es war richtig schön, ihn mal wieder zu sehen und sich mit ihm auszutauschen. Genauso wie mit Pfr. Armin Kistenbrügge (dem Autor der genialen Bibel-Nacherzählung für junge Leute: #gottesgeschichte. Das Buch ist m.E. ein Muss in der Jugendarbeit wie als Zugang für Ahnungslose zur Bibel) und seiner Frau Kerstin Offermann, auch Pfarrerin (bei der Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste in Berlin).

Armin ist Pfarrer in Greifenstein (bei Wetzlar). Eine seiner beiden Kirchen ist dieses barocke Bauwerk (Foto unten) auf einem 500 m hohen Berg gleich neben der gleichnamigen Burgruine – mit 80 km Aussicht in alle Richtungen.

Und mit diesem Ausblick will ich für diesmal auch schließen. Seid gegrüßt!

 

Oper für Obdach

Am Freitag haben wir ein ganz besonderes Projekt durchgeführt, dass es wahrscheinlich sonst in der Form überhaupt noch nie gegeben hat: Die Winterreise von Schubert (in Auszügen) inszeniert als „Ein-Mann-Oper“ im Hauptbahnhof. Der Bariton Christoph von Weitzel hatte die Idee schon vor über 10 Jahren, das Ganze mit dem Regisseur Hugo Scholter ausgearbeitet und damals die Komplett-Aufführung in 12 verschiedenen Konzertsälen aufgeführt. Sein Anliegen: Menschen auf die Situation von Obdachlosen aufmerksam machen, nicht so sehr die äußerliche Bedürftigkeit, sondern die menschliche Situation.

Unter diesem Aspekt bekomment die Text dieses romantischen Liederzyklus eine unglaublich aktuelle Bedeutung: Ein Mensch, der zerbrochenen Liebensbeziehungen nachtrauert, heimatlos ist, einsam, ruhelos und zwischen Verzweiflung, Aufbegehren und Illusion hin und her schwankt. Und genau das spielt Christoph von Weitzel singend zur Klavierbegleitung höchst einfühlsam und eindrucksvoll.

Im vorigen Jahr haben wir uns kennengelernt (vermittelt durch unsere Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit, Ortrud Wohlwend) und seit dem an der Idee gebastelt, das nun in einer Kurzfassung, kombiniert mit der Lesung von passenden Bibeltexten nicht in einem geschützten Saal aufzuführen, sondern mitten im Hauptbahnhof: Dort, wo täglich 300.000 Menschen unterwegs sind, wo die Bahnen über und unter einem herfahren, wo das Leben pulsiert, wo es laut und zugig ist und keinen Schutzraum gibt.

Foto: DB Station&Service AG

Der Veranstaltungsmanager der DB, Martin Libutzki war sofort Feuer und Flamme, als ich ihm die Idee vorstellte, Geschäftführung und DB-Stiftung ebenfalls. Und so konnte das Projekt als Kooperation von Christoph von Weizel, Berliner Stadtmission und Deutsche Bahn durchgeführt werden. Mit von der Partie der Pianist Frank Wasser, der sich der extremen Herausforderung stellte, die ausgesprochen heikle Klavierbegleitung mit kalten Fingern auf einem E-Piano! zu spielen. Und das heißt, einen hohen künstlerischen Selbstanspruch zurückzustellen, um  in diesem gewagten Projekt gemeinsamMenschenherzen zu bewegen!

Foto: DB Station&Service AG

Mit welcher Hingabe und Begeisterung die beiden Künstler sich in dieses Projekt investiert haben, war einfach nur großartig.

Und ich durfte Teil des Ganzen sein, indem ich zwischen einzelnen Liedern kurze Bibeltexte gelesen habe, die genau die Erfahrungen des vorhergehenden Liedes aufgegriffen und weitergeführt haben.

 

Foto: DB Station&Service AG

Zum Beispiel gleich nach dem ersten Stück „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus…“ das Jesuswort: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.“

Oder nach dem Lied „Täuschung“, wo der Heimatlose sich mittels einer Schnuffeltüte berauscht und Halluzinationen hat: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk. Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«“ (Psalm 22,7-9).

Foto: DB Station&Service AG

Foto: DB Station&Service AG

Aber dann auch mit angedeuteten Fenstern der Hoffnung, wie zum Beispiel nach dem Lied „Wirtshaus“. Das ist erschütternd dramatisch: Der Heimatlose gerät auf einen „Totenacker“, also Friedhof, und wünscht sich in diesem „kühlen Wirtshaus“ einzukehren, also zu sterben. Aber er stellt fest, dass er auch hier keinen Platz hat: „Sind denn in diesem Hause / die Kammern all besetzt? / Bin matt zum Niedersinken, / Bin tödlich schwer verletzt. / O unbarmherzge Schenke, / Doch weisest du mich ab? / Nun weiter dann, nur weiter, / Mein treuer Wanderstab!“ Er schleudert das Kruzifix, das er bei sich trug weg, legt sich den rauhen Wanderstab wagerecht über die Schultern und taumelt weiter, wie ein Gekreuzigter.

Foto: DB Station&Service AG

Dazu dann die Bibelworte, dass kein Mensch in keiner Situation wirklich „gottverlassen“ ist: „Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten!“ (Psalm 139,8-10)

Und zum Schluss im berühmten Lied vom Leiermann, das Christoph von Weitzel und Frank Wasser in einem erschütternd langsamen Tempo gestaltet haben, ins Zwischenspiel eingefügt eine theologisch sicher gewagte Gedankenverknüpfung: „So steht uns der Geist da bei, wo wir selbst unfähig sind. Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen. Doch der Geist selbst tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein – in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist.“ (Römer 8,26, Basisbibel)

Und dann die Schlusstrophe: „Wunderlicher Alter! Soll ich mit dir gehn? Willst zu meinen Liedern / Deine Leier dreh’n?“

 

Und nun stellt euch vor: Das Ganze auf einer kleinen Bühne mitten im Lärm und Getümmel des größten Kreuzungsbahnhofs Eurapas! Geht das? Hört da einer zu – länger als einen Augenblick?

Foto: DB Station&Service AG

Foto: DB Station&Service AG

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Umwerfende war, dass zu jeder der vier gut halbstündigen Aufführung (um 11.00, 13.00, 15.00 und 17.00 Uhr) mehr als 200 Menschen direkt vor und um die Bühne stehengeblieben sind und mit großer Aufmerksamkeit und Ausdauer oft bis zum Schluss zugehört und zugeschaut haben. Die 1000 Flyer, die wir gedruckt hatten, reichten gerade aus für diese Zuschauer. Dazu kamen aber weitere Tausende, die nur kurz dabei blieben, oder auch von den höheren Ebenen, die sich wie Ränge um die Aufführungsfläche gruppieren, zum Teil auch einen ganzen Durchgang verfolgten (Martin Libutzki meinte, es hätten zwischen 5 und 10 Tausend etwas von der Aufführung mitbekommen). Und immer wieder konnte ich sehen, wie Menschen sich ergriffen die Augen wischten oder sogar ein Taschentuch brauchten. Oder wie der Berliner sagt: „Die hatten Pippi in den Augen“.

Foto: DB Station&Service AG

Foto: DB Station&Service AG

Und das Fasziniernede für uns alle, Aufführende und Zuhörende: Der Kontext brachte den Text erst zum Leuchten. Genau diese Lieder und Texte hierhin zu bringen, eben in diese laute Unbehaustheit, rief eine Autentizität hervor, die in einem Konzertsaal unmöglich ist.

Allerdings musste Christoph von Weitzel wirklich sängerische und schauspielerisch Schwerstarbeit leisten, und das, ohne sich wirklich selbst gut hören zu können. – Eine Leistung, vor der man nur den Hut ziehen kann.

Abgerundet wurde jede Vorstellung durch anschließende kurze Interviews z.T. mit uns, aber auch Vertretern der Bahn oder einem früheren Obdachlosen, der aber schon seit Jahren wieder Boden unter den Füßen hat und bei uns arbeitet.

Foto: DB Station&Service AG

Noch drei Eindrücke vom Rande:

Bei der ersten Aufführung kam, nachdem ich meinen ersten Text gelesen und wieder von der Bühne getreten war, eine Frau mittleren Alters zu mir, die mich energisch fragte: „Sind Sie Schauspieler oder Pfarrer?“ Ich sagte: „Pfarrer“. – „Dann ist das zynisch, was Sie hier machen. Die Kirchen sind die größten Gebäudebesitzer in Deutschland“, schimpfte sie los. Ich unterbrach sie und sagte: „Entschuldigung, aber ich arbeite bei der Berliner Stadtmission.“ – „Ach soo“, sagte sie und ihre Empörung war wie weggewischt. Und dann „Sammeln Sie auch hier?“ Ich: „Nein, wir wollen Menschen nur aufmerksam machen. Aber Sie können gerne etwas überweisen.“ Worauf Sie zufrieden weiterging.

Aber nicht alle fanden die Aufführung toll. Eine Mutter schob ihre beiden Mädchen im  Grundschulalter an mir vorbei nach vorne. Nach zwei Liedern kamen sie aber zu ihrer Mutter zurück: „Mama, lass uns gehen. Das ist soo traurig.“ Die Mutter erklärte ihnen aber dann sehr gut den Zusammenhang, bevor sie weitergingen. So werden auch die sich wohl erstmalig über die Situation von Obdachlosen Gedanken machen.

Wie gesagt, eigentlich wollten wir bewusst keine Spenden sammeln. Aber schon nach dem ersten Auftritt kamen verschiedene Menschen, die uns Geld in die Hand drückten. So hat Ortrud Wohlwend noch schnell eine Spendenbox geholt, in der sich bis zum Abend über 1000,- € sammelten.

Foto: DB Station&Service AG

So und hier könnt Ihr euch jetzt den kurzen Dokumentarfilm unseres Artrejo Film-Teams anschauen:

Natürlich haben wir den extrem gelungenen, wenn auch echt anstrengenden Tag mit einem gemütlichen und sehr leckeren Abendessen im Hotel Albrechtshof gemeinsam ausklingen lassen. Und der gemeinsame Spirit, der uns schon bei der Vorbereitung und Durchführung bewegt hat, war auch hier einfach wunderbar. So dass es noch recht spät wurde.

Übrigens: Frank Wasser ist nicht nur Pianist, sondern Geschäftsführer von Schloss Ribbeck im Havelland und Intendant der gleichnamigen Musikfestspiele. Wir haben schon ein bisschen rumgesponnen, was man vielleicht da 2019 anlässlich des Fontane-Jahres an überraschender Performance gestalten kann. Mal schaun.

Auf die Einladung zu einem Besuch dort werde ich jedenfalls nicht erst in zwei Jahren eingehen. Und das ist ja dann auch schon wieder eine neue Entdeckungsreise, auf die ihr euch mit mir schon freuen könnt.