Archiv der Kategorie: Aus der Arbeit

Hier berichte ich aus meiner Entdeckungsreise durch die Berliner Stadtmission vor allem, was meine eigenen Arbeitsbereiche angeht.

Reformationsjubiläum

So langsam biegt das Reformationsjubiläum in die Zielgerade ein – und mancher ist froh darüber, bzw. kann das Thema langsam nicht mehr hören. Gleichzeitig ist dieses Gedenk- und Aufbruchsjahr trotz allem Aufwand wahrscheinlich an einem großen Teil der Bevölkerung ziemlich wirkungslos vorbei gegangen.

Ich will und kann mit diesem Blog natürlich kein allgemeingültiges Resümee ziehen. (Ich hab zwar viel mitbekommen, aber zugleich doch auch nur einen Bruchteil.)

Aber ein paar Schlaglichter aus meiner Perspektive will ich benennen und illustrieren. Und gerne dürft Ihr mir eure Kommentare dazu schicken:

  1. Winterliches Wittenberg
Blog 46-5

Stadtkirche in Wittenberg

Im Januar gab es für mich einen doppelten Auftakt in Wittenberg, den ich in sehr positiver Erinnerung habe. Da war zunächst der Auftaktgottesdienst des Gnadauer Verbandes in der Schlosskirche. An dem Tag war es wirklich bitterkalt in der Lutherstadt und die Straßen verschneit. Aber trotzdem hatten sich ein paar Hundert Gottesdienstbesucher in der Schlosskirche eingefunden, um einen fröhlichen und außerordentlich ermutigenden Gottesdienst zu feiern. Orgelmusik und Gospelchor, Auftritt von des Reformators Johannes Bugenhagen, eine energiegeladende Predigt von Präses Michael Diener, kraftvolle Gebete und viele Begegnungen am Rande machten deutlich: Es geht nicht um Rückwärtsgewandtes, sondern um die Vitalität der Kirche heute und in Zukunft.

Drei Wochen später hatte ich Schulungen für die Mitarbeitenden in unserem Lutherhotel zu halten. Und zu der Gelegenheit besuchten Christiane und ich das Panorama von Asisi, das uns wirklich begeistert hat: Mit den unzähligen lebendigen Szenen aus den Jahren um 1517 im 360-Grad-Rund, den Geräuschen und wechselnden Tageszeiten ist da ein Fenster in die Geschichte gestaltet worden, das unendlich viele, kleine und große Entdeckungen ermöglicht (nicht nur die großen kirchenpolitischen, sondern auch z.B. einen nächtlichen Blick ins Ess- und ins Schlafzimmer der Luthers. Zum Glück bleibt dieses Panorama noch weit über das Jubiläumsjahr hinaus stehen.

2. Kirchentagsabschlussgottesdienst auf den Elbwiesen

wenn ich ehrlich bin, ist das unterm Strich doch die große Enttäuschung des Jahres, obwohl unfassbare Energien und Kosten in die Organisation gesteckt wurden. Wie schon in einem früheren Blog berichtet, lag die Teilnehmerzahl unter einem Drittel der erwarteten, der Gottesdienst war in Ordnung, aber doch auch sehr brav und begrenzt inspirierend. Und dann war es so heiß, dass sich die meisten kurz nach dem Mittag wieder auf den Heimweg machten – und allein der einstündige Fußweg zum Bahnhof Hunderte in gesundheitliche Probleme brachte. Das ganze wirkte auf mich wie der verzweifelte Versuch, evangelischerseits so etwas wie das Fest mit Papst Benedikt zum katholischen Weltjugendtag 2004 auf dem Marienfeld vor den Toren von Köln hinzukriegen. In Wittenberg insgesamt doch ein Flop.

3. Weltausstellung

Also, ich habe mehrfach gesagt: „Weltausstellung“ ist schon ein sehr großes Wort für das, was da geboten wurde. Trotzdem lohnte sich der Besuch aus meiner Sicht. Auch wenn ich – als ich Anfang August dort war – an vielen Stationen als gerade einziger Besucher von den Mitarbeitenden seeehr herzlich begrüßt wurde. In der Stadt war richtig was los, aber die Weltausstellung doch überschaubar besucht.

Den heiß diskutierten „Segens-Roboter“ der Hessen-nassauischen Kirche fand ich vor allem: köstlich. Besonders, wenn er die Arme erhebt und mit leichtem Knacken die Finger spreizt, hat das was von Robby, Tobbi und dem Fliwatüt (wenn noch jemand dieses Kinderbuch kennt). Aber es wurden dadurch höchst interessante Gespräche ausgelöst. Und damit gehörte die mobile Segenskirche mit insgesamt ca. 11.000 Besuchern zu den meistbesuchten Pavillions.

Noch ein wenig besser besucht (11.250) war der Pavillion des Evang. Gnadauer Verbandes. Das lag vermutlich zu einem hohen Teil an der sehr guten Lage, direkt am Anfang neben dem Lutherhaus. Aber das geräumige Zelt mit den drei Themen-Kuben (Mission, Diakonie, Bibel), freundlichen und seelsorgerlich geschulten Mitarbeitenden und z.T. schönem Begleitprogramm lohnte den Besuch auch. Die Berliner Stadtmission war übrigens wesentlich an der Gestaltung des Themenkubus zu Diakonie beteiligt.

Bei der Weltausstellung hatte ich aber z.B. im Pavilion der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa ein hoch interessantes Gespräch mit einem ungarischen Theologieprofessor, der mir sehr differenziert von der Politik Orbans und der Rolle der Reformierten Kirche dort berichtete. Und natürlich hatte ich mir richtig Zeit genommen für den Schweizer Pavillion, denn insgesamt ist das Reformationsjubiläum ja doch viel zu Luther-lastig. Und da lohnt es sich, bewusst auf die besonderheiten der Reformation in Zürich und Genf zu schauen.

Besonders hatten es mir aber die Türen der Freiheit angetan, einer dreistöckigen innen begehbaren Installation, die von Mitarbeitenden und Bewohnern/Klienten verschiedenster diakonische Einrichtungen gestaltet waren.

4. Vorletzen Donnerstag fand dann in Potsdam der offizielle Festgottesdienst und Empfang der EKBO (Landeskirche Berlin-Brandenburg- schlesische Oberlausitz) und des Landes Brandenburg statt. Die prächtige Nikolaikirche, die ich vorher auch noch nicht von innen gesehen hatte, gab eine gute Kulisse für die Predigt von Bischof Dröge und Ministerpräsident Wiodke, beides ansprechende Ansprachen. Vor allem die von Woidke, der nicht nur seinen persönlichen Bezug aus DDR- und Studentenzeiten zur Evangelischen Kirche erzählte, sondern auch hervorhob, wie wichtig die Christen gerade heute für Politik und Staat seien, um die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen.

 

Anschließend wurde dann die Ausstellung „Reformation und Freiheit“ zur Brandenburgischen Reformation feierlich eröffnet. Die steht ja ein bisschen im Schatten der Mitteldeutschen Reformationsgeschichte. Spannend an der brandenburgisch-preußischen ist die enge Verbindung ins heutige Polen. Denn zur Reformationszeit befand sich das unter einer Regierung mit Brandenburg verbundene „Königreich Preußen“  rund um Königsberg.

Die kleine feine Ausstellung lohnt sich jedenfalls zu besuchen. Wegen der besonderen Exponate – und auch der lustigen Zeichentrickfilme zu besonderen Ereignissen, die mit Einfacher Sprache erklärt werden. Diese Ausstellung ist auch noch bis Januar geöffnet.

Zum Schluss bleibt natürlich die Frage, ob der 31.10., der in diesem Jahr in allen Bundesländern staatlicher Feiertag ist, von den Evangelischen wirklich nochmal intensiv dazu genutzt wird, sich versammeln und mit dem Reformationsgedenken im Rücken in die Zukunft aufzuberechen. Oder ob die meisten Evangelischen einfach diesen zusätzlichen freien Tag für sich privat nutzen. Die meisten Veranstaltungen im Jubiläumsjahr litten ja an zu geringer Teilnahme, was (verbunden mit den hohen saatlichen Zuschüssen) gesellschaftlich mit Recht sehr kritisch wahrgenommen wurde. Was für ein Signal wird wohl vom Reformationstag selbst ausgehen?

 

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Unterwegs auf verschiedenen Bühnen

Jetzt ist es schon wieder ein viertel Jahr her, dass ich von unserer „Oper für Obdach“ berichtet habe. (Die ist übrigens so eingeschlagen, dass wir das Projekt voraussichtlich am 3. November wiederholen werden.)

Seit dem habe ich mich in unterschiedlichen Funktionen auf verschiedenen Bühnen herumgetrieben, wovon ich heute erzählen möchte. Denn das macht einen wichtigen Teil meiner Arbeit aus – auch wenn es bei weitem nicht den Löwenanteil der Zeit beansprucht. Das sind eher die „Management-Aufgaben“: Organisation, Personalentwicklung, unzählige Mails, Meetings, Konzepte und Berichte schreiben, Sitzungen vorbereiten…

Dazwischen sind dann die Predigten, Vorträge und Musikprojekte eine willkommene Abwechslung.

I. Den ersten schönen Musikauftritt habt ihr schon im Beitragsbild gesehen. Das war (noch vor der Oper für Obdacht) beim Jahresfestgottesdienst der Berliner Stadtmission am ersten Sonntag im März. Inzwischen habe ich eine fast konstante Projekt-Band, mit der ich nun schon zum dritten Mal diesen großen Gottesdienst musikalisch begleitet habe: Die Kolleginnen Carolin und Dörte mit tollen Stimmen, Tom (Architekt bei Sauerbruch & Hutton) am Keybord, Lukas an der Cajon und ich mit E-Bass und Gesang. 2016 waren wir damit in der Halle unserer großen Flüchtlingsunterkonft in der Mertensstraße. (Vielleicht erinnern sich einige.) Dieses Mal fand der Gottesdienst wieder im Saal im Zentrum am Hauptbahnhof statt. Und ich konnte die Band erstmals um zwei Bläser erweitern. Mit Trompete und Tenorsaxophon hat man gleich ganz andere Arrangement-Möglichkeiten. Und weil FSJlerin Eva und Sozialarbeiter Jürgen das richtig gut gemacht haben, waren die Rückmeldungen entsprechend begeistert.

Foto: Berliner Stadtmission

Hinzu kommt sicher, dass die thematisch ausgerichtete, musikalisch abwechslungsreiche Liedauswahl in ihrer Mischung aus Kirchentagsliedern, Lobpreis, Choral usw.  viele Menschen auf die eine oder andere Art anspricht. (Ihr wisst ja: Ich liebe „cross-over“, also die Kombination von Elementen, die man nicht unbedingt miteinander erwarten würde.) Uns hat es jedenfalls auch richtig viel Spaß gemacht.

II. Vom 23.bis zum 25. März fand in Berlin der Gemeinde-Ermutigungs-Kongress „Dynamissio“ statt. (…leider mit 2000 Teilnehmern fast zwei Drittel weniger als erwartet. Aber das war ja beim Kirchentags-Schluss-Gottesdienst in Wittenberg auch nicht besser – wenn da mal 1/3 der ursprünglich erhofften oder phantasierten Besucherzahl von 300.000 gekommen waren! Kirchentag wäre auch noch ein Thema unter dieser Überschrift. Aber das lass ich jetzt mal aus.)

Foto: Mara Feßmann

Wie auch immer. Zusammen mit Claudia Filker und Tobias Faix (CVJM-Hochschule Kassel, im Bild Mitte) hatten wir die Aufgabe, in drei Kurzbeiträgen Konkretionen zum Tagesthema „Die Stadt und die Welt wahrnehmen“ zu liefern. Meinen Beitrag „Berliner Lebenswelten“ wie auch alle anderen findet ihr unter diesem link: http://dynamissio.de/infos/downloads/

Insgesamt gab es auch hier viele positive Rückmeldungen. Allerdings konnte der Kongress insgesamt die Freude an urbaner Theologie und geistlichen Entdeckungsreisen durch die Stadt nicht so recht wecken. In Programmheft und Moderation nicht erklärt, blieb es für viele unverständlich, warum sie zwischendurch zu Seminaren und Foren durch ganz Berlin geschickt wurden.  Eigentlich war es – im Unterschied zu Zentral-Veranstaltungen wie einem Willow-Creek-Kongress – als ein didaktischen Kernstück gedacht gewesen, die Stadt auch wirklich mit allen Sinnen zu erleben. Aber – wie gesagt – leider ist das nicht richtig rüber gekommen und wurde von vielen dann nur als lästig empfunden.

Durch das sehr breite Spektrum von Rednern – vom EKD Ratsvorsitzenden Heinrich Bedfort-Strom bis zum Pfingstpastor aus Braunschweig Heinrich Christian Rust sowie einigen Gästen aus der angelsächsischen Welt – war aus meiner Sicht das inoffizelle Hauptthema: Wir Evangelischen aus Landeskirche, Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste, Pietismus und diverse Freikirchen können es doch irgendwie ganz gut miteinander.
Allerdings war durch diese Mischung irgendwie auch die „ownership“ nicht richtig klar, also welche kirchliche Richtung identifiziert sich wirklich mit dem Kongress. Unsere Landeskirche Berllin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) z.B. hatte sich komplett ausgeklinkt. Und das lag sicher nicht nur am ebenfalls bevorstehenden Kirchentag.

III. Weiter gings (nach einer Woche Skiurlaub) im April als Prediger bei Gottesdiensten in verschiedenen Stadtmissions-Gemeinden sowie dem Passionsgottesdienst für die Mitarbeitenden der Stadtmission. Dazwischen der erste Schnuppertag für Interessierte an unserem neuen Bachelor-Studiengang „Theologie, Sozialraum und Innovation“, den wir zusammen mit anderen Verbänden als sog. „An-Institut“ an die Evangelische Hochschule Tabor (Marbug) entwickelt haben.

Im Oktober startet das erste Semester bei uns in der Lehrterstraße.

Schnuppervorlesung im zukünftigen Seminarraum

Ziel ist es, Menschen für Gemeindegründungen und -neubelebungen auszubilden, die einerseits eine solide theologische Ausbildung haben, andererseits sich kompetent in verschiedenen Sozialräumen bewegen können und das notwendige Handwerkszeug für geistliche „Start-ups“ gelernt haben. Und die brauchen wir dringend. Dann die herkömmlichen Formen von Gemeindearbeit erreichen immer weniger Menschen, weil es keine Verbindung zu ihrer Lebenswelt gibt. (Hier berühren sich Studiengang und mein Dynamissio-Referat.)

Weitere Infos zum Studiengang findet ihr hier:
http://www.tsberlin.org/.    Jetzt ist übrigens ein guter Zeitpunkt, um sich für das Studium zu bewerben 😉

IV. Berührung mit den Lebenswelten ist auch das entscheidende Thema für unsere Stadtmissionsgemeinden. Und bedeutet jetzt im Frühsommer: Gestaltung von oder Beteiligung an Kiez-Festen. So wie vorletztes Wochenende gkleich zweimal: Zunächst in Lichtenberg beim kommunalen Fest im Weidling-Kiez, wo ich mit Thomas Hoffmann zusammen gleich nach der Eröffnung durch den Bezirksbürgermeister Musik für Kinder und Erwachsene gemacht habe.

Foto: Andreas Schlamm

 

 

 

 

 

 

Und am Sonntag beim Hoffest an der St. Lukaskirche in Kreuzberg, an dem außer unserer Gemeinde, den Chören,  unseren pädagogischen Projekten auch die dort ansässige Gehörlosengemeinde und verschiedene Partner aus der Straße beteiligt waren (kommunales Jugendzentrum „Alte Feuerwache“, Mövenpick usw.).

Foto: Alexander Moeck

Ein „zweisprachiger“ Kurzgottesdienst mit der Gehörlosengemeinde hat dabei inzwischen schon Tradition.

Foto: Alexander Moeck

Und wir sind sehr gespannt, wie sich die hochengagierte iranische Gemeinde und die kleine anatolische Gemeinde in St. Lukas weiterentwickeln werden, die beim Fest natürlich auch mitgemacht haben.

 

V. Eine ganz andere Bühne hatte ich ein Wochenende vorher im Kloster Altenberg bei Wetzlar. Dort war ich als Festprediger der Kreiskirchentage (der Kirchenkreise Wetzlar und Braunfels) eingeladen. Am Sonntagmorgen fanden unter der gigantischen Blutbuche 200 – 300 Besucher einen wunderbaren Schattenplatz.

In meiner Predigt zum Thema „erlöst, vergügt, befreit – so geht evangelisch“ habe ich anhand der unglaublich köstlichen Geschichte von der Befreiung des Petrus aus dem Gefängnis (Apg 12,1-9) mit gemacht zu fröhlicher Gelassenheit, die ihre Kraft aus dem Vertrauen auf Gott zieht.

Foto: Uta Barnikol-Lübeck

Foto: Uta Barnikol-Lübeck

 

 

 

 

 

 

Am Vortag hat mein Kollege und Freund aus Kölner zeiten, Reiner Fischer den Hauptvortrag. Und es war richtig schön, ihn mal wieder zu sehen und sich mit ihm auszutauschen. Genauso wie mit Pfr. Armin Kistenbrügge (dem Autor der genialen Bibel-Nacherzählung für junge Leute: #gottesgeschichte. Das Buch ist m.E. ein Muss in der Jugendarbeit wie als Zugang für Ahnungslose zur Bibel) und seiner Frau Kerstin Offermann, auch Pfarrerin (bei der Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste in Berlin).

Armin ist Pfarrer in Greifenstein (bei Wetzlar). Eine seiner beiden Kirchen ist dieses barocke Bauwerk (Foto unten) auf einem 500 m hohen Berg gleich neben der gleichnamigen Burgruine – mit 80 km Aussicht in alle Richtungen.

Und mit diesem Ausblick will ich für diesmal auch schließen. Seid gegrüßt!

 

Oper für Obdach

Am Freitag haben wir ein ganz besonderes Projekt durchgeführt, dass es wahrscheinlich sonst in der Form überhaupt noch nie gegeben hat: Die Winterreise von Schubert (in Auszügen) inszeniert als „Ein-Mann-Oper“ im Hauptbahnhof. Der Bariton Christoph von Weitzel hatte die Idee schon vor über 10 Jahren, das Ganze mit dem Regisseur Hugo Scholter ausgearbeitet und damals die Komplett-Aufführung in 12 verschiedenen Konzertsälen aufgeführt. Sein Anliegen: Menschen auf die Situation von Obdachlosen aufmerksam machen, nicht so sehr die äußerliche Bedürftigkeit, sondern die menschliche Situation.

Unter diesem Aspekt bekomment die Text dieses romantischen Liederzyklus eine unglaublich aktuelle Bedeutung: Ein Mensch, der zerbrochenen Liebensbeziehungen nachtrauert, heimatlos ist, einsam, ruhelos und zwischen Verzweiflung, Aufbegehren und Illusion hin und her schwankt. Und genau das spielt Christoph von Weitzel singend zur Klavierbegleitung höchst einfühlsam und eindrucksvoll.

Im vorigen Jahr haben wir uns kennengelernt (vermittelt durch unsere Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit, Ortrud Wohlwend) und seit dem an der Idee gebastelt, das nun in einer Kurzfassung, kombiniert mit der Lesung von passenden Bibeltexten nicht in einem geschützten Saal aufzuführen, sondern mitten im Hauptbahnhof: Dort, wo täglich 300.000 Menschen unterwegs sind, wo die Bahnen über und unter einem herfahren, wo das Leben pulsiert, wo es laut und zugig ist und keinen Schutzraum gibt.

Foto: DB Station&Service AG

Der Veranstaltungsmanager der DB, Martin Libutzki war sofort Feuer und Flamme, als ich ihm die Idee vorstellte, Geschäftführung und DB-Stiftung ebenfalls. Und so konnte das Projekt als Kooperation von Christoph von Weizel, Berliner Stadtmission und Deutsche Bahn durchgeführt werden. Mit von der Partie der Pianist Frank Wasser, der sich der extremen Herausforderung stellte, die ausgesprochen heikle Klavierbegleitung mit kalten Fingern auf einem E-Piano! zu spielen. Und das heißt, einen hohen künstlerischen Selbstanspruch zurückzustellen, um  in diesem gewagten Projekt gemeinsamMenschenherzen zu bewegen!

Foto: DB Station&Service AG

Mit welcher Hingabe und Begeisterung die beiden Künstler sich in dieses Projekt investiert haben, war einfach nur großartig.

Und ich durfte Teil des Ganzen sein, indem ich zwischen einzelnen Liedern kurze Bibeltexte gelesen habe, die genau die Erfahrungen des vorhergehenden Liedes aufgegriffen und weitergeführt haben.

 

Foto: DB Station&Service AG

Zum Beispiel gleich nach dem ersten Stück „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus…“ das Jesuswort: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.“

Oder nach dem Lied „Täuschung“, wo der Heimatlose sich mittels einer Schnuffeltüte berauscht und Halluzinationen hat: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk. Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«“ (Psalm 22,7-9).

Foto: DB Station&Service AG

Foto: DB Station&Service AG

Aber dann auch mit angedeuteten Fenstern der Hoffnung, wie zum Beispiel nach dem Lied „Wirtshaus“. Das ist erschütternd dramatisch: Der Heimatlose gerät auf einen „Totenacker“, also Friedhof, und wünscht sich in diesem „kühlen Wirtshaus“ einzukehren, also zu sterben. Aber er stellt fest, dass er auch hier keinen Platz hat: „Sind denn in diesem Hause / die Kammern all besetzt? / Bin matt zum Niedersinken, / Bin tödlich schwer verletzt. / O unbarmherzge Schenke, / Doch weisest du mich ab? / Nun weiter dann, nur weiter, / Mein treuer Wanderstab!“ Er schleudert das Kruzifix, das er bei sich trug weg, legt sich den rauhen Wanderstab wagerecht über die Schultern und taumelt weiter, wie ein Gekreuzigter.

Foto: DB Station&Service AG

Dazu dann die Bibelworte, dass kein Mensch in keiner Situation wirklich „gottverlassen“ ist: „Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten!“ (Psalm 139,8-10)

Und zum Schluss im berühmten Lied vom Leiermann, das Christoph von Weitzel und Frank Wasser in einem erschütternd langsamen Tempo gestaltet haben, ins Zwischenspiel eingefügt eine theologisch sicher gewagte Gedankenverknüpfung: „So steht uns der Geist da bei, wo wir selbst unfähig sind. Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen. Doch der Geist selbst tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein – in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist.“ (Römer 8,26, Basisbibel)

Und dann die Schlusstrophe: „Wunderlicher Alter! Soll ich mit dir gehn? Willst zu meinen Liedern / Deine Leier dreh’n?“

 

Und nun stellt euch vor: Das Ganze auf einer kleinen Bühne mitten im Lärm und Getümmel des größten Kreuzungsbahnhofs Eurapas! Geht das? Hört da einer zu – länger als einen Augenblick?

Foto: DB Station&Service AG

Foto: DB Station&Service AG

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Umwerfende war, dass zu jeder der vier gut halbstündigen Aufführung (um 11.00, 13.00, 15.00 und 17.00 Uhr) mehr als 200 Menschen direkt vor und um die Bühne stehengeblieben sind und mit großer Aufmerksamkeit und Ausdauer oft bis zum Schluss zugehört und zugeschaut haben. Die 1000 Flyer, die wir gedruckt hatten, reichten gerade aus für diese Zuschauer. Dazu kamen aber weitere Tausende, die nur kurz dabei blieben, oder auch von den höheren Ebenen, die sich wie Ränge um die Aufführungsfläche gruppieren, zum Teil auch einen ganzen Durchgang verfolgten (Martin Libutzki meinte, es hätten zwischen 5 und 10 Tausend etwas von der Aufführung mitbekommen). Und immer wieder konnte ich sehen, wie Menschen sich ergriffen die Augen wischten oder sogar ein Taschentuch brauchten. Oder wie der Berliner sagt: „Die hatten Pippi in den Augen“.

Foto: DB Station&Service AG

Foto: DB Station&Service AG

Und das Fasziniernede für uns alle, Aufführende und Zuhörende: Der Kontext brachte den Text erst zum Leuchten. Genau diese Lieder und Texte hierhin zu bringen, eben in diese laute Unbehaustheit, rief eine Autentizität hervor, die in einem Konzertsaal unmöglich ist.

Allerdings musste Christoph von Weitzel wirklich sängerische und schauspielerisch Schwerstarbeit leisten, und das, ohne sich wirklich selbst gut hören zu können. – Eine Leistung, vor der man nur den Hut ziehen kann.

Abgerundet wurde jede Vorstellung durch anschließende kurze Interviews z.T. mit uns, aber auch Vertretern der Bahn oder einem früheren Obdachlosen, der aber schon seit Jahren wieder Boden unter den Füßen hat und bei uns arbeitet.

Foto: DB Station&Service AG

Noch drei Eindrücke vom Rande:

Bei der ersten Aufführung kam, nachdem ich meinen ersten Text gelesen und wieder von der Bühne getreten war, eine Frau mittleren Alters zu mir, die mich energisch fragte: „Sind Sie Schauspieler oder Pfarrer?“ Ich sagte: „Pfarrer“. – „Dann ist das zynisch, was Sie hier machen. Die Kirchen sind die größten Gebäudebesitzer in Deutschland“, schimpfte sie los. Ich unterbrach sie und sagte: „Entschuldigung, aber ich arbeite bei der Berliner Stadtmission.“ – „Ach soo“, sagte sie und ihre Empörung war wie weggewischt. Und dann „Sammeln Sie auch hier?“ Ich: „Nein, wir wollen Menschen nur aufmerksam machen. Aber Sie können gerne etwas überweisen.“ Worauf Sie zufrieden weiterging.

Aber nicht alle fanden die Aufführung toll. Eine Mutter schob ihre beiden Mädchen im  Grundschulalter an mir vorbei nach vorne. Nach zwei Liedern kamen sie aber zu ihrer Mutter zurück: „Mama, lass uns gehen. Das ist soo traurig.“ Die Mutter erklärte ihnen aber dann sehr gut den Zusammenhang, bevor sie weitergingen. So werden auch die sich wohl erstmalig über die Situation von Obdachlosen Gedanken machen.

Wie gesagt, eigentlich wollten wir bewusst keine Spenden sammeln. Aber schon nach dem ersten Auftritt kamen verschiedene Menschen, die uns Geld in die Hand drückten. So hat Ortrud Wohlwend noch schnell eine Spendenbox geholt, in der sich bis zum Abend über 1000,- € sammelten.

Foto: DB Station&Service AG

So und hier könnt Ihr euch jetzt den kurzen Dokumentarfilm unseres Artrejo Film-Teams anschauen:

Natürlich haben wir den extrem gelungenen, wenn auch echt anstrengenden Tag mit einem gemütlichen und sehr leckeren Abendessen im Hotel Albrechtshof gemeinsam ausklingen lassen. Und der gemeinsame Spirit, der uns schon bei der Vorbereitung und Durchführung bewegt hat, war auch hier einfach wunderbar. So dass es noch recht spät wurde.

Übrigens: Frank Wasser ist nicht nur Pianist, sondern Geschäftsführer von Schloss Ribbeck im Havelland und Intendant der gleichnamigen Musikfestspiele. Wir haben schon ein bisschen rumgesponnen, was man vielleicht da 2019 anlässlich des Fontane-Jahres an überraschender Performance gestalten kann. Mal schaun.

Auf die Einladung zu einem Besuch dort werde ich jedenfalls nicht erst in zwei Jahren eingehen. Und das ist ja dann auch schon wieder eine neue Entdeckungsreise, auf die ihr euch mit mir schon freuen könnt.

 

 

Berliner Lebenswelten (Ein Sonntag im Winter)

Als ich neulich an einem Winter-Sonntag früh zum Gottesdienst durch die Stadt fuhr – mit blog-42-21dem Auto und das heißt oberirdisch (nicht mit der U-Bahn und auch nicht S-Bahn, wo man vor allem Bahngelände zu sehen bekommt) – als ich so durch Mitte, Friedrichshain und Lichtenberg fuhr, da sprang mich ein Gefühl an, dass ich früher manchmal auch schon in Köln hatte, ein gedanklicher Schwindel wie beim Betrachten des Sternenhimmels in seiner unendlichen Weite und Tiefe: In allen diesen riesigen Wohnblocks gibt es jeweils Hunderte von Wohnungen. Und in jeder dieser Wohnung leben Menschen – als Familie, gepatchworkt,  mit Partner, viele auch allein (aus sehr unterschiedlichen Gründen). Und jeder einzelne Mensch, Mann, Frau, jung, alt, jugendlich oder midlifig, Greis, Säugling, – jeder einzelne Mensch, arm, reich, mittel, bildungsnah, bildungsfern, – jeder einzelne Mensch ist der Mittelpunkt seiner Lebenswelt, seines Universums. Wir können gar nicht anders, das macht ja gerade das Bewusstsein des Menschen aus: als „Ich“ zu sein, zu denken, zu fühlen, zu handeln. Dreikommasechs Millionen individuelle Lebensmittelpunkte allein in Berlin.

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Jeder einzelne Mensch empfindet anders, hat andere Vorlieben und Abneigungen, Alltags- und Freizeitbeschäftigungen, Stärken und Schwächen, Hoffnungen und Angstpunkte, Lieblingsmusik, Lieblingsbücher, Lieblingsspeisen, Lieblingsfarbe, Lieblingsgeschäfte und Lieblingsbeschäftigungen…

Und so habe ich an dem Morgen beschlossen: Ich fotographiere einfach mal die Lebensräume, denen ich an diesem Sonntag begegne. Berliner Lebenswelten. Und zeige euch jetzt einiges davon. Da ist nichts Spektakuläres bei. – Aber lasst die Bilder mal auf euch wirken, mit meiner gerade beschriebenen „Brille“ in Kopf.

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(Hier wohnen wir übrigens im 13. Stock, tolle Aussicht!)

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Und was mich genauso schwindeln lässt wie ein Blick in den Weltraum ist nun, dass Gott diese Aber-Milliarden Lebenswelten extrem genau kennt, versteht, mitten drin ist – auch wenn die wenigsten das wissen oder ahnen. Wir untereinander können immer nur eine sehr begrenzte Zahl von Menschen mehr oder weniger gut kennen und verstehen lernen. Und selbst bei denen, die sich eine Wohnung teilen, ist das gegenseitige Verständnis oft recht begrenzt.

Gottes Kenntnis geht hingegen tiefer als alle unsere Selbsterkenntnisse. „Du sieht mich“, ist das Motto des diesjährigen Kirchentages hier in Berlin (und anderen Lutherstädten auf dem Weg). Als zentralem Bibeltext geht es dabei um die Geschichte der ägyptischen Sklavin von Sarai und Abraham, Hagar, die mehrfach genau diese Erfahrung macht: „Du bist Gott, der mich sieht“.

Und das gilt eben auch für die Dreikommasechsmillionen individueller Lebensmittelpunkte allein in Berlin und die Guteinemillion in Köln usw.! Bei dem Gedanken platzt mir förmlich das Hirn. Aber ich muss – Gott sei Dank – ja auch nicht Gott sein.

Das mal nur ansatztweise durchzubuchstabieren für die unterschiedlichen Menschen in unserer Stadt, finde ich ausgesprochen faszinierend. Z.B. auch für die rund um den Bahnhof Zoo:

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In der Arbeit der Berliner Stadtmission geht es immer wieder darum, Menschen gerade aus den häufig übersehenen Lebenswelten in den Blick zu nehmen.

Und bei Dynamissio, dem Missionarischen Kongress in Berlin vom 23.-25.3., wird es ein Schwerpunkt sein, unterschiedliche Lebenswelten hier in der Stadt kennenzulernen. (Dazu werde ich übrigens eine kurze Einführung im Plenum geben). Man kann sich noch anmelden!

Zum Schluss noch ein Hinweis: Das Büchlein, weshalb ihr im vorigen Jahr so lange auf meinen Blog verzichten musstet, ist jetzt da:

Brunnen-Verlag
144 Seiten, Paperback
13,8 x 20,8 cm
15,00 €
Bestell-Nr.: 192076
ISBN: 978-3-7655-2076-1
EAN: 9783765520761
1. Auflage

 

 

 

 

 

 

Myfest

1. Mai in Berlin. Die Stadt brummt. Mal wieder mehr als eh schon. Erst recht bei diesem Traumwetter. Die Gewerkschaften haben eine Demontration vom Hackischen Markt zum Brandenburger Tor organisiert, woran einige Tausend teilnehmen. Aber richtig voll ist es in Kreuzberg beim sogenannten „Myfest“ (gesprochen wie Maifest, aber mit der englischen Bedeutung: Das ist mein Fest). So richtig Kreuzberg! Schrill. Laut. Links. Die Organisatoren haben in Ihrem Flyer (früher hieß sowas Flugblatt) parolenmäiß formuliert, worum es ihnen geht.

Myfest-Flyer-01

Myfest-Flyer-02 Myfest-Flyer-03 Myfest-Flyer-04

Das Ganze auf 8 Bühnen zwischen Görlitzer Bahnhof und Moritzplatz, Skalitzer Straße und Mariannenplatz.

Ich habe mich circa drei Stunden lang unters Volk gemischt, die allergrößte Mehrheit davon 20 – 30 Jahre jünger als ich. Allerdings musste ich das Politische dann echt suchen.

Bei dieser Bürgersteig-Kunst hier in der Oranienstraße fällt es mir jedenfalls schwer, das politisch zu interpretieren:

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Also weiter. Ich spar mir jetzt erst mal meine Kommentare und zeige euch statt dessen meine Fotoserie. Macht euch selbst ein Bild.

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Also eigentlich eine Partymeile mit türkisch-arabischer Musik und unzähligen Rauchopfer-Grills. Auf dem Mariannenplatz mischen sich dann unter die Fress-Stände doch ein paar linke Infozelte.

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Was Waffeln mit dem Türkei-Deal zu tun haben, frage ich mich allerdings schon.

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Hinter der Bühne der Linken: Die St.-Thomas-Kirche. So wie Heilig-Kreuz beim Karneval der Kulturen am Pfingstmontag ist auch diese hier jetzt geöffnet. Und permanent gehen Menschen dort ein und aus. Innen ein modern gestaltetes Kirchenschiff (wobei man beim Blick nach oben genau sieht, bis zu welcher Höher das Renovierungsgeld gereicht hat). Deutlich weniger Trubel. Ein Tisch für Gebete, der intensiv genutzt wird.

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Das richtig alternative Kreuzberg gibts natürlich auch noch, wie hier das wilde Camp hinter dem Zaun mit den merkwürdigsten Wohnmobilen.

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Und natürlich darf die Einladung zur Hanfmesse Berlin in dem ebenso wilden Camp an der Schillingbrücke an so einem Tag auch nicht fehlen. (Hier findet man jetzt schon eine Weiterverarbeitung dieses Rohstoffes)

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Genauso wenig darf das riesige Polizeiaufgebot fehlen (Da kommen sogar auch nochmal die grünen Mannschaftsbusse zum Einsatz). In früheren Jahren gab es zum 1. Mai immer heftige Ausschreitungen.

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Dieses Jahr bleibt alles ruhig, jedenfalls zunächst.

Wie revolutionär ist Kreuzberg heute noch? Nicht nur Soziologen beobachten deutliche Verschiebungen. Auch diese Ladenbesitzer in der Oranienstraße, die die Kommerzialisierung und Partysierung des Myfestes als Abfall vom wahren Kreuzbergtum entlarven:

Myfest 18

Myfest 17

Immerhin startet gegen 18 Uhr am Oranienplatz dann doch noch eine ziemlich spontane, aber genehmigte „Revolutionäre 1.-Mai-Demo“: Laut, mit Antifa-Fahnen, Böllern, dem Ruf „Refugees are welcome here“. In der Köpeniker Straße zählt die Polizei inzwischen 13.000 Teilnehmer. Am Ende, am Lausitzer Platz, fliegen dann doch noch an die 100 Flaschen auf die Polizei (nicht nur von Demonstranten, sondern auch von Touristen, wie der Tagesspiegel berichtet). Ansonsten gibt es offenbar kaum Übergriffe. Auf der Oberbaumbrücke geht die Musikparty jedenfalls ungestört weiter.

Vernünftig – oder läppsch geworden?

Kontrastprogramm am Morgen:

Heute haben wir vom missionarischen Team der Stadtmission ein neues Veranstaltungsformat gestartet:

Mit_Gott_auf_der_Spree-2016-1_02_9ba01a525dAb dem 1. Mai findet an den ersten Sonntagen im Monat nicht mehr der traditionelle Schiffsgottesdienst statt, sondern diese 90-minütige Bootsfahrt mit überraschenden Entdeckungen, Live-Musik und den eben etwas anderen touristischen Hintergrundinformationen während der Bootsfahrt. Zum Abschluss gibt es ein Friedensgebet und eine Strophe „Geh aus mein Herz“.

Obwohl die Reederei die Werbung verschnarcht hatte, war das Schiff fast voll. Und die Gäste waren von unseren Erklärungen und Anekdoten, der Musik von Sebastian Bailey (Saxofon, z.T. von mir auf Gitarre begleitet), dem Quizz und den geistlichen Inhalten begeistert. Den Löwenanteil der inhaltlichen Vorbereitung hatte Lorenz Bührmann übernommen, der aber als ausgebildeter Domführer auch besonders befähigt ist. Und immer noch ne Story in Reserve hat! Das war auch gut so, denn zwischendurch blieben wir fast eine halbe Stunde am Nikolaiviertel mit Motorschaden liegen – was aber die Stimmung überhaupt nicht trübte.

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Die nächsten Termine (gleiches Programm, aber andere Mitwirkende) findet ihr auf der Homepage: http://www.berliner-stadtmission.de/aktuelles/mit-gott-auf-der-spree/

Dort findet ihr wie immer auch das Spendenkonto, falls ihr diese Veranstaltung finanziell unterstützen mögt.

Zum Schluss noch ein wichtiger Hinweis:

Bis  August werde ich jetzt mit dem Blog pausieren. Sven Lager und ich schreiben gerade an einem Buch mit Geschichten aus unserer Flüchtlingsarbeit mit Erläuterungen zur Praxis und zum theologischen Hintergrund. Und das hat jetzt Vorrang, damit es Anfäng nächsten Jahres erscheinen kann (Brunnen-Verlag). – Meine öffentlichen Termine aktualisiere ich aber weiterhin.

 

Wenn Neujahr und Ostern zusammenfallen…

Mit der Überschrift will ich nicht auf das immer noch nasskalte Wetter über Ostern anspielen. (Am Osterdienstag auf der Rückfahrt von den Osterbesuchen in NRW kamen wir im Sauerland noch in eine Schneeregen-Schauer.) Ich möchte euch vielmehr von einem persischen Neujahrsfest erzählen, bei dem ich Montag vor Ostern teilnehmen durfte. Eingeladen hatte mich der iranische Bibelkreis, der vor knapp einem Jahr in unserem ersten Flüchtlingsheim „Haus Leo 1“  von vier Personen gegründet wurde und inzwischen auf ca. 40 angewachsen ist.

In Persien wird Neujahr zum Frühlingsanfang gefeiert. Das Jahr beginnt, wenn auch die Natur wieder neu auflebt. Im Titelbild seht ihr einen nach traditionellem Persischen Brauch aufgebauten Neujahrs-„Altar“. Dazu gehören sieben verschiedenen Symbole für das Leben, die auf Farsi alle mit dem Buchstaben „S“ anfangen. Aber denkt jetzt nicht, ich hätte mir auch nur eine dieser Vokabeln merken können. – Immerhin habe ich an dem Nachmittag gelernt, dass es auf Farsi verschiedene Worte für „Danke“ gibt, unter anderem „sepass“ (mit scharfem Anlaut-s). – Auf den Neujahrsaltar gehören jedenfalls Dinge, die wir auch als Lebenssymbol kennen, wie das frische Gras und das Ei. Natürlich gibts auch spezielles Neujahrsgebäck (leicht und lecker). Aber es darf auch ein Glas mit drei Goldfischen nicht fehlen. Die werden übrigens später in ein freies Gewässer entlassen.Blog 39-12

 

 

Das besondere an diesem persischen Neujahrsfest war aber jetzt, dass es von persischen Christen gefeiert wurde und zwar in der Kapelle im Zentrum der Stadtmission. Und wenn wie in diesem Jahr nur wenige Tage zwischen Frühlingsanfang und Ostern liegen, dann ist für die iranischen Christen klar, dass sie ihr traditionelles Brauchtum auf die Christusgeschichte deuten. Das neue Jahr und das neue Leben beginnt mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen.

Und so haben sie auch ohne große Mühe die traditionellen Farben der Tischdecke umgedeutet und zusätzlich als Fahnen im Tanz durch den Raum getragen:Blog 39-1 Rot als Symbol für das Blut, das Christus vergossen hat, Gold als Farbe seiner Königsherrschaft nach der Auferstehung. Ich fühle mich erinnert daran, was ich vor Jahren über die frühen keltischen Christen gelesen habe: Wie sie auch sehr offensiv – aber nicht aggressiv – heidnisch-keltische Bräuche einfach umgedeutet haben. Aus dem geisterbeschwörenden, angstbesetzten Halloween wurde das Fest zu Ehren der verstorbenen christlichen Heiligen, die uns im Glauben Rückenwind geben, usw.

Überhaupt hatte ich bei meinen Begegnungen mit diesen persischen Christen in den letzten Wochen mehrfach den Gedanken, dass deren Glaubensweg etwas Urchristliches hat.

Von etablierter Kirche, klaren Strukturen oder gar Ausbildungsstandards jedenfalls keine Spur. Statt dessen begann alles im Iran mit einem Traum, in dem einer muslimischen Frau Jesus begegnet ist und ihr gesagt hat: „Ich will was mit dir anfangen.“ Nach dem Aufwachen hatte sie diesen Traum noch sehr präsent und zugleich kaum eine Ahnung, von wem sie da eigentlich geträumt hatte. Also begannen sie und ihr Mann im Internet zu recherchieren, was es eigentlich mit diesem Jesus auf sich hat. So sind sie Christen geworden, besorgten sich (verbotener Weise) eine Bibel, ließen sich (in einer anderen Stadt) taufen und begannen höchst kreativ ihren Glauben an Christus zu verbreiten. – Bis eines Tages jemand vor ihrer Tür stand und sagte: „Ihr seid Christen geworden und missioniert. Das werdet ihr noch bereuen.“ Daraufhin haben sie alles stehen und liegen lassen und das nächste Flugzeug nach Europa genommen…

Und jetzt bauen sie hier eine neue persische Gemeinde auf, mit Iranern, die schon lange in Deutschland sind, Flüchtlingen der letzten Jahre (wie sie selbst), die inzwischen anerkannt sind und in regulären Wohnungen leben, und Neuankömmlingen, die seit ein paar Monaten in irgendwelchen Turnhallen untergebracht sind. Nicht alle sind Christen. Für manche ist dieses Neujahrsfest einfach ein Stück Heimat, egal ob in christlicher Variante.

In der gottesdienstlichen Feier gibt es zwei Blog 39-4Predigten, mehrere Lebensberichte und Glaubenszeugnisse – und viele Lieder. Die werden größtenteils von einem etwa 13jährigen Jungen souverän auf der Geige begleitet.

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Die Frische des Glaubens, ohne die Schwierigkeiten auszublenden, und die Aufmerksamkeit, mit der aufeinander gehört und füreinander gebetet wird, ist für uns in Deutschland aufgewachsene Christen eine überraschende Ermutigung

Nach dem Gottesdienst gibt es Tee und Gebäck. Und dann wird zu traditioneller persischer Musik getanzt, dass die Bude wackelt. Blog 39-15Eine fröhliche, ja ausgelassene Stimmung. Und die Frauen stehen nicht (wie z.B. bei den Syrern) am Rand, sondern tanzen selbstbewusst mit. Iranische Frauen – jedenfalls in den Städten – sind ziemlich emanzipiert, bekomme ich erklärt. Und nun in der Diaspora und in christlichen Kontext entsteht für sie noch viel mehr Freiraum.

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Nach Musik und Tanz gibt es endlich Abendessen. Wir sind bereits 5 Stunden zusammen, und ein fleißiges Team um einen fähigen Koch hat traditionelles persisches Essen zubereitet, mit Safranreis und einer Art Lammgulasch mit grüner Kräutersoße. Sieht zwar etwas merkwürdig aus, ist aber sehr, sehr lecker.

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Und so verwandelt sich die Kapelle in einen Festsaal der Dankbarkeit. „Herzlichen Blog 39-27Glückwünsch zu Neujahr. Christus ist auferstanden.“

Natürlich muss ich mich am Neujahrsaltar zusammen mit dem schon seit 50 Jahren in Deutschland lebenden „Gemeindeübersetzer“ (beruflich Ingenieur) und dem jungen Gemeindeleiter Blog 39-11fotographieren lassen. Immerhin bin ich „Ehrengast“.

Ich gehe davon aus, dass die iranische Bibelgruppe nur der Anfang eines neuen Schwerpunktes der geistlichen Arbeit bei der Berliner Stadtmission ist. Denn es gibt immer mehr Migrationsgemeinden, die nicht ganz auf sich allein gestellt sein wollen, auch nicht nur Raum-Mieter sein wollen, sondern Anschluss suchen zu einheimischen Christen und Gemeinden.

Ich bin jedenfalls ausgesprochen gespannt, was sich in diesem Bereich entwickeln wird. Ihr werdet davon erfahren. Morgen ist in der iranischen Bibelgruppe jedenfalls das nächste reguläre Treffen und ich bin eingeladen, die Bibelarbeit zu halten.

Eine ganz besondere Begegnung von Einheimischen und Flüchtlingen gab es beim Jahresfest der Stadtmission am 6. März, das wir diesmal in unserem Flüchtlingszentrum

Berliner Stadtmission Jahresfestgottesdienst 2016, Foto: Jan-Eri

So können Flüchtlinge und Einheimische miteinander feiern (Foto: Beriner Stadtmission)

in der Mertensstraße in Spandau gefeiert haben. Leider ist dort die Infrastruktur immer noch längst nicht so, wie sie sein sollte. Alle notwendigen Maßnahmen sind unendlich zäh. Aber dieser Tag war ein echtes Begegnungsfest. Mit der Projektband, die ich zusammengestellt hatte, konnten wir richtig Stimmung machen. Nach dem Gottesdienst und dem arabischen Mittagessen setzte die Big Band der Bundespolizei dann musikalisch nochmal richtig einen drauf.

Am Schluss möchte ich euch noch auf etwas anderes hinweisen: Im Winter konnte über unserer Ambulanz für Obdachlose noch eine kleine stationäre Krankenstation mit vier Betten eingerichtet werden. Die Leiterin Svetlana Krasovski hat erzählt, wie groß die Hilfe ist, die obdachlose Menschen hier erfahren: Ein paar Tage medizinisch aufgepäppelt werden, sich nicht im täglichen Überlebenskampf über Wasser halten müssen, wie ein „normaler Kranker“ gepflegt zu werden – das hat unglaublich ermutigende Wirkung. Bei mehreren hat der Aufenthalt in der Krankenstation gleich zu den nächsten Schritten einer Stabilisierung im Leben geführt: Aufnahme in eine Wohneinrichtung, Wiedereinstieg in die Krankenkasse, betreutes Wohnen oder auch ein Ende von Selbstverletzungen.

Finanziert wird das Ganze über Spenden. Gerade läuft eine Spendenverdoppelungs-Aktion für diese Arbeit, unterstützt durch die Deutsche Bahn Stiftung:

Ab dem 21. März  wird jede Spende bis 200€ von der DB-Stiftung verdoppelt, bis der bereitgestellte Betrag von 5000,-€ ausgeschöpft ist. Helft mit und spendet über den Link  für medizinische Versorgung für obdachlose Menschen: Gutes tun: Ambulanz

Mit einem Foto von der gestrigen Wanderung um den frühlingshaften Schlachtensee wünsche ich euch mancherlei Erfahrungen von erwachendem Leben.

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„Das Beste an Weihnachten ist…“

Berlin ist immer wieder für eine Überraschung gut. Und zwar nicht nur Überraschungen, die zum „alles-ist-möglich“-Klischee passen oder zum „Berlin-is-ne-riesen-Party“-Klischee. Letzteres wird natürlich auch in der Adventszeit intensiv bedient. So zum Beispiel auf der Kirmes an der Jannowitzbrücke, die zu Recht nicht Weihnachtsmarkt heißt. Wobei ich den offiziellen Titel „Wintertraum“ jetzt auch nicht unbedingt passender finde. Aber das liegt wahrscheinlich an mir.

Blog 37-10Das gnadenlosen Nebeneinanderstellen von sehr unterschiedlicher Bildsprache bei dieser Volksbelustigung hat mich allerdings schon ein bisschen sprachlos gemacht: Gebrannte Mandeln und Horror-Achterbahn, Nikolaus und Revolverheld.

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So grotesk mir das auf den ersten Blick erschien, so kann man genau dieses Aufeinanderprallen aber auch als treffenden Spiegel unserer aktuellen Lage sehen.
Die Welt ist aus den Fugen geraten. Gut und Böse, Krieg und Frieden lassen sich immer weniger auseinander sortieren.

Wir sind im Krieg. So jedenfalls muss man es doch verstehen, wenn jetzt unsere Soldaten und Flugzeuge an der Seite Frankreichs und anderer den Feind IS mit militärischen Mitteln zu vernichten, mindestens zu schwächen versuchen.
Wir sind im Krieg, wenn schwarz-weiß-Propaganda – egal ob von rechts oder links außen – jede differenzierte Wahrnehmung der Wirklichkeit verhindert.
Wir sind im Krieg, wenn wir womöglich fürchten müssen, dass neben uns eine Bombe explodiert. Wenn in einem Jahr über 500 Anschläge auf Flüchtlingswohnheime ausgeübt werden und auf facebook die menschenverachtendsten Dinge gepostet, „geliked“ und geteilt werden.
Wir sind im Krieg, wenn der Hass auch bei uns in die Köpfe einzieht, der Hass, der im Flüchtling nicht mehr den Mitmenschen sieht, sondern nur die Gefahr, oder der ideologische Hass, der im angstbesetzten und überforderten Einheimischen nur noch den Nazi sieht.

Lukas-Kantorei in der St. Lukas Kirche

Adventskonzert der Lukas-Kantorei  in der St. Lukas Kirche

„Tochter Zion, freue dich, jauchze laut Jerusalem … ja er kommt, der Friedefürst“, haben wir in der Adventszeit gesungen, in Gottesdiensten und Adventskonzerten. Aber ist das nicht nur ein Pfeifen im Wald angesichts des zunehmenden Unfriedens – auch zwischen den unterschiedlichen Gruppen in unserem eigenen Land. In der Adventsfeier für die Mitarbeitenden der Stadtmission bin ich in meiner Predigt über Sacharja 9,9-11 zu folgenden Schlüssen gekommen:

Plötzlich wird das Trostwort zu einer klaren Herausforderung: Auf welche Seite stellen wir uns mit unserem Denken, Reden und Handeln?
Auf die Seite derer, die um sich schießen – und sei es mit Worten? Oder auf die Seite des Messias-Königs, dessen Reich sich ganz anders ausbreitet?
Er bedient sich eben nicht der Mittel der anderen Machthaber und Gebieter. Er reitet eben nicht auf einem Ross oder auf einem Kriegswagen ein. Er benutzt nicht Böses zur Eindämmung des Bösen. Er arbeitet nicht mit Druck und Drohung. Und doch hat er die stärkeren Argumente. Weil er selbst frei ist von Hass und Angst, entsteht um ihn herum ein immer größerer hass- und angstfreier Raum.

Durch seine Versöhnung und die Kraft seines Wortes sind Menschen aus allen Völkern zu Liebhabern des Friedens geworden, zu Boten von Gerechtigkeit und Hilfe, die jetzt schon ein messianisches Versöhnungs-Netzwerk bilden „von einem Meer bis zum anderen.“ Und wir dürfen und sollen dazugehören.
An seiner Seite weicht die Angst, auch wenn die Verhältnisse noch beängstigen sind.
An seiner Seite fällt Menschenverachtung ziemlich schwer, selbst wenn andere uns als Hunde bezeichnen.
An seiner Seite wird Hass als Sackgasse enttarnt, weil Liebe den Hass ins Leere laufen lässt.
An seiner Seite entstehen verblüffende Handlungs-Alternativen, auf die die Feinde niemals kommen würden: „Tut wohl denen, die euch hassen.“

Das ist das Beste an Weihnachten, dass wir freien Zugang zu solchen Alternativen bekommen haben, die transformierende Kraft haben. Damit kommen wir vielleicht auch mal über das alljährliche Gejammere über den ganzen Weihnachtskonsum hinaus, das nichts ändert. Nicht ändern kann, solange man sich auch damit immer nur um sich selbst dreht. Blog 37-7Ich finde jedenfalls, der Adventskalender der Geschäfte im Hauptbahnhof hat etwas entwaffnend Ehrliches.

Welche transformierende Kraft die Versöhnungsbotschaft aber haben kann, war vor wenigen Wochen in der neuen von der Stadtmission betriebenen Notunterkunft für etwa 1000 Flüchtlinge in Spandau zu erleben. Zum Hintergrund muss zunächst erklärt werden, dass wir erst ganz frisch die Erlaubnis des Landesamtes haben „unsere Standards“ einbauen zu dürfen, d.h. ausreichend Sanitäranlagen, Waschmaschinen, Raum-in Raum-Kabinen (statt riesiger nur mit Bauzäunen abgetrennter Schlafbereiche), Spiel- und Betreuungsräume für Kinder usw.. Nicht mal das Licht war in der Nacht auszuschalten, weil es keine Notbeleuchtung gab. Also total stressige Umstände. Dazu die Ungewissheit, das Warten, die Fremdheit…

Durch irgendeinen letzten Tropfen lief das Fass über und es gab in der Nacht zum 1. Advent eine Massenschlägerei mit Einsatz von Polizei und Krankenwagen.

(Foto: Berliner Stadtmission)

(Foto: Berliner Stadtmission)

Feuerlöscher wurden zweckentfremdet und einiges ging zu Bruch. Die Einrichtungsleitung und weitere Mitarbeitende der Berliner Stadtmission waren aber vor Ort und begannen sofort mit Deeskalation und Aufräumarbeiten – die ersten, die mit anpackten, waren die Flüchtlinge selbst.

Schon am nächsten Vormittag wurde mit den Instandsetzungsarbeiten begonnen – zusammen mit den Bewohnern. Gemeinsam traten Vertreter aus den verschiedenen Volksgruppen vor die Bewohner und riefen zum Frieden auf. Pakistanis, Syrer, Kurden, Iraker, Afghanen, Männer wie Frauen und Kinder reichten sich die Hände. Beteiligte der Auseinandersetzung entschuldigten sich.

(Foto: Berliner Stadtmission)

Versöhnungsfest (Foto: Berliner Stadtmission)

„Wir alle wollen Frieden. Es gibt immer ein paar Wenige, die Schaden anrichten – in jeder Gruppe“, war die einhellige Meinung in den Gesprächen.

Am Nachmittag, schon 16 Stunden nach Beginn der Aufräumarbeiten, fand ein Fest des Friedens statt, bei dem sich diejenigen, die als erste ausgerastet waren, bei allen entschuldigten.

Zurück zu den Berliner Überraschungen. Im Rheinland waren wir es gewohnt, dass man beim Einkaufen an der Kasse usw. nicht etwa „Frohe Weihnachten“ gewünscht bekam, sondern weltanschaulich neutral „Schöne Feiertage“ (wie auch an Ostern und Pfingsten). Wie überrascht waren wir jetzt in Berlin, beim Brötchenholen oder Wochenendeinkauf oder im Fahrstuhl als Gruß „Einen schönen 1. Advent“ zu hören.

Und man denkt: Ganz so gottlos ist Berlin doch nicht.

afrikanische Krippe beim "Markt der Kontinente" in den Dahlemer Museen

Afrikanische Krippe beim „Markt der Kontinente“ in den Dahlemer Museen

Wobei dann auch schnell wieder eindrückliche Gegenbeispiele kommen. Bei der Weihnachtsfeier der Wohnhilfen (Eingliederungshilfe für ehemalige Obdachlose bzw. von Obdachlosigkeit bedrohte) habe ich gefragt, wer eine Krippe kennt von zu Hause oder aus der Kirche. Von den 25 Personen (einschließlich Mitarbeiter) meldeten sich vielleicht sechs und nur eine, die zu Hause eine Krippe hatten.

Gleichzeitig ist diese geringe religiöse Vorprägung auch immer wieder ein schöne Gelegenheit, Interesse zu wecken, sozusagen brachliegenden Boden zu bestellen.

Daran arbeiten wir, d.h. mein Kollege Andreas Schlamm und ich, auch in den verschiedenen innerbetrieblichen Fortbildungen.

Und darum geht es natürlich auch in der Heilig Abend Feier für Wohnungs- und Obdachlose heute Nachmittag im Zentrum am Hauptbahnhof. Inzwischen sind ca. 60 % der Obdachlosen in Berlin Osteuropäaer, die bei dem Versuch, hier ihr Glück zu machen, gestrandet sind. D.h. in dem Kurzgottesdienst muss möglichst vieles auf Polnisch und Russisch übersetzt werden. Rumänisch wär auch gut. Und die Botschaft von der Nähe Gottes zu unserem Leben muss sichtbar werden. So sieht unsere Bethlehem-Szene zur Weihnachtsgeschichte auch ein bisschen anders aus, als sonst in Krippenspielen.Blog 37-33

Für Obdachlose haben wir übrigens jetzt im Dezember neben der Bahnhofsmission Zoo (wieder einmal finanziert durch die Deutsche Bahn Stiftung sowie den Berliner Senat) ein Hygienezentrum eingerichtet, in dem Menschen von der Straße, zur Toilette gehen, duschen, waschen und sich die Haare schneiden lassen können. Wie viel Wertschätzung liegt darin, so gebeutelten Menschen ein solch edles Ambiente bereitzustellen!

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Im Refugio in Neukölln entwickelt sich inzwischen eine geistliche WeggemeinschaftBlog 37-30 als Keimzelle des geplanten Stadtklosters:

Jeden Dienstag und Freitag gibt es um 8 Uhr ein offenes liturgisches Morgengebet. Einmal im Monat (an einem Abend in der Woche) feiern wir einen internen Abendmahlsgottesdienst mit viel Stille.

Blog 37-31Dann essen wir als Weggemeinschaft mit zur Zeit 8 Personen gemeinsam Abend. Und einer erzählt seine geistliche Lebensgeschichte.

Aber auch die Gemeinschaft von Einheimischen und Neuankömmlingen im Refugio entwickelt sich positiv weiter. Genauso wie das Café und die programmatische Reflexion der Arbeit:

Sharehaus Refugio ist ein Ort, wo man Zuflucht finden kann, d.h. Schutz und Heimat, wo Gemeinschaft in gegenseitiger Wertschätzung und Unterstützung gelebt wird und Raum ist, Erneuerung zu erfahren und zur Erneuerung der Gesellschaft beizutragen.

Zum Schluss noch zwei musikalische Leckerbissen des Advents:

  1. Das Benefizkonzert (für unsere Kältehilfe) der Soulsängerin Jocelyn B. Smith in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche. Sie ist inzwischen nicht mehr die Jüngste, aber verströmt dermaßen viel Energie und Menschenfreundlichkeit, dass die rappelvolle Kirche innerhalb von gefühlten 30 Sekunden auf den Beinen ist, mitsingt und – tanzt.Blog 37-17 Blog 37-19
  1. Ein ganz kleines Format in der S-Bahn. Blog 37-22Häufig gibt es Musiker oder Gruppen, die reinkommen, ganz kurz Musik machen, 36 Takte später schon mit ihrem Becher rumziehen, um Geld zu sammeln, und bei der nächsten Station wieder verschwunden sind. Ein osteuropäischer Gitarrist morgens machte es anders. In aller Ruhe und Bescheidenheit spielte er drei oder vier virtuose klassische Gitarrenstücke. Nach und nach schauten immer mehr von ihren Handys, Zeitungen und Büchern auf, Stöpsel wurden aus Ohren gezogen und man lächelte sich an. Einige verzauberte Minuten. (Übrigens: Ein durchaus geschicktes Geschäftsmodell, wie mir scheint, jedenfalls im Bezug auch auf meine Bereitschaft, nicht nur 50 Cent zu geben.)

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Alles in allem gibt es für uns viel Grund, mit großer Dankbarkeit auf eine Jahr zurückzublicken, das so voller Leben war.

Ich danke Euch fürs Lesen, Anteilnehmen und alle Rückmeldungen. Und wünsche Euch jetzt gesegnete Weihnachten, erfreuliche Jahresrückblicke und Gottes Segen für das Kommende.