Archiv der Kategorie: Begegnungen

Mit offenen Augen Menschen begegnen, hinschauen, vielleicht ins Gespräch kommen und jedenfalls darüber nachdenken.
Um einige solcher Beispiele geht es unter dieser Überschrift

Oper für Obdach

Am Freitag haben wir ein ganz besonderes Projekt durchgeführt, dass es wahrscheinlich sonst in der Form überhaupt noch nie gegeben hat: Die Winterreise von Schubert (in Auszügen) inszeniert als „Ein-Mann-Oper“ im Hauptbahnhof. Der Bariton Christoph von Weitzel hatte die Idee schon vor über 10 Jahren, das Ganze mit dem Regisseur Hugo Scholter ausgearbeitet und damals die Komplett-Aufführung in 12 verschiedenen Konzertsälen aufgeführt. Sein Anliegen: Menschen auf die Situation von Obdachlosen aufmerksam machen, nicht so sehr die äußerliche Bedürftigkeit, sondern die menschliche Situation.

Unter diesem Aspekt bekomment die Text dieses romantischen Liederzyklus eine unglaublich aktuelle Bedeutung: Ein Mensch, der zerbrochenen Liebensbeziehungen nachtrauert, heimatlos ist, einsam, ruhelos und zwischen Verzweiflung, Aufbegehren und Illusion hin und her schwankt. Und genau das spielt Christoph von Weitzel singend zur Klavierbegleitung höchst einfühlsam und eindrucksvoll.

Im vorigen Jahr haben wir uns kennengelernt (vermittelt durch unsere Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit, Ortrud Wohlwend) und seit dem an der Idee gebastelt, das nun in einer Kurzfassung, kombiniert mit der Lesung von passenden Bibeltexten nicht in einem geschützten Saal aufzuführen, sondern mitten im Hauptbahnhof: Dort, wo täglich 300.000 Menschen unterwegs sind, wo die Bahnen über und unter einem herfahren, wo das Leben pulsiert, wo es laut und zugig ist und keinen Schutzraum gibt.

Foto: DB Station&Service AG

Der Veranstaltungsmanager der DB, Martin Libutzki war sofort Feuer und Flamme, als ich ihm die Idee vorstellte, Geschäftführung und DB-Stiftung ebenfalls. Und so konnte das Projekt als Kooperation von Christoph von Weizel, Berliner Stadtmission und Deutsche Bahn durchgeführt werden. Mit von der Partie der Pianist Frank Wasser, der sich der extremen Herausforderung stellte, die ausgesprochen heikle Klavierbegleitung mit kalten Fingern auf einem E-Piano! zu spielen. Und das heißt, einen hohen künstlerischen Selbstanspruch zurückzustellen, um  in diesem gewagten Projekt gemeinsamMenschenherzen zu bewegen!

Foto: DB Station&Service AG

Mit welcher Hingabe und Begeisterung die beiden Künstler sich in dieses Projekt investiert haben, war einfach nur großartig.

Und ich durfte Teil des Ganzen sein, indem ich zwischen einzelnen Liedern kurze Bibeltexte gelesen habe, die genau die Erfahrungen des vorhergehenden Liedes aufgegriffen und weitergeführt haben.

 

Foto: DB Station&Service AG

Zum Beispiel gleich nach dem ersten Stück „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus…“ das Jesuswort: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.“

Oder nach dem Lied „Täuschung“, wo der Heimatlose sich mittels einer Schnuffeltüte berauscht und Halluzinationen hat: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volk. Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«“ (Psalm 22,7-9).

Foto: DB Station&Service AG

Foto: DB Station&Service AG

Aber dann auch mit angedeuteten Fenstern der Hoffnung, wie zum Beispiel nach dem Lied „Wirtshaus“. Das ist erschütternd dramatisch: Der Heimatlose gerät auf einen „Totenacker“, also Friedhof, und wünscht sich in diesem „kühlen Wirtshaus“ einzukehren, also zu sterben. Aber er stellt fest, dass er auch hier keinen Platz hat: „Sind denn in diesem Hause / die Kammern all besetzt? / Bin matt zum Niedersinken, / Bin tödlich schwer verletzt. / O unbarmherzge Schenke, / Doch weisest du mich ab? / Nun weiter dann, nur weiter, / Mein treuer Wanderstab!“ Er schleudert das Kruzifix, das er bei sich trug weg, legt sich den rauhen Wanderstab wagerecht über die Schultern und taumelt weiter, wie ein Gekreuzigter.

Foto: DB Station&Service AG

Dazu dann die Bibelworte, dass kein Mensch in keiner Situation wirklich „gottverlassen“ ist: „Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten!“ (Psalm 139,8-10)

Und zum Schluss im berühmten Lied vom Leiermann, das Christoph von Weitzel und Frank Wasser in einem erschütternd langsamen Tempo gestaltet haben, ins Zwischenspiel eingefügt eine theologisch sicher gewagte Gedankenverknüpfung: „So steht uns der Geist da bei, wo wir selbst unfähig sind. Wir wissen ja nicht einmal, was wir beten sollen. Doch der Geist selbst tritt mit Flehen und Seufzen für uns ein – in einer Weise, die nicht in Worte zu fassen ist.“ (Römer 8,26, Basisbibel)

Und dann die Schlusstrophe: „Wunderlicher Alter! Soll ich mit dir gehn? Willst zu meinen Liedern / Deine Leier dreh’n?“

 

Und nun stellt euch vor: Das Ganze auf einer kleinen Bühne mitten im Lärm und Getümmel des größten Kreuzungsbahnhofs Eurapas! Geht das? Hört da einer zu – länger als einen Augenblick?

Foto: DB Station&Service AG

Foto: DB Station&Service AG

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Umwerfende war, dass zu jeder der vier gut halbstündigen Aufführung (um 11.00, 13.00, 15.00 und 17.00 Uhr) mehr als 200 Menschen direkt vor und um die Bühne stehengeblieben sind und mit großer Aufmerksamkeit und Ausdauer oft bis zum Schluss zugehört und zugeschaut haben. Die 1000 Flyer, die wir gedruckt hatten, reichten gerade aus für diese Zuschauer. Dazu kamen aber weitere Tausende, die nur kurz dabei blieben, oder auch von den höheren Ebenen, die sich wie Ränge um die Aufführungsfläche gruppieren, zum Teil auch einen ganzen Durchgang verfolgten (Martin Libutzki meinte, es hätten zwischen 5 und 10 Tausend etwas von der Aufführung mitbekommen). Und immer wieder konnte ich sehen, wie Menschen sich ergriffen die Augen wischten oder sogar ein Taschentuch brauchten. Oder wie der Berliner sagt: „Die hatten Pippi in den Augen“.

Foto: DB Station&Service AG

Foto: DB Station&Service AG

Und das Fasziniernede für uns alle, Aufführende und Zuhörende: Der Kontext brachte den Text erst zum Leuchten. Genau diese Lieder und Texte hierhin zu bringen, eben in diese laute Unbehaustheit, rief eine Autentizität hervor, die in einem Konzertsaal unmöglich ist.

Allerdings musste Christoph von Weitzel wirklich sängerische und schauspielerisch Schwerstarbeit leisten, und das, ohne sich wirklich selbst gut hören zu können. – Eine Leistung, vor der man nur den Hut ziehen kann.

Abgerundet wurde jede Vorstellung durch anschließende kurze Interviews z.T. mit uns, aber auch Vertretern der Bahn oder einem früheren Obdachlosen, der aber schon seit Jahren wieder Boden unter den Füßen hat und bei uns arbeitet.

Foto: DB Station&Service AG

Noch drei Eindrücke vom Rande:

Bei der ersten Aufführung kam, nachdem ich meinen ersten Text gelesen und wieder von der Bühne getreten war, eine Frau mittleren Alters zu mir, die mich energisch fragte: „Sind Sie Schauspieler oder Pfarrer?“ Ich sagte: „Pfarrer“. – „Dann ist das zynisch, was Sie hier machen. Die Kirchen sind die größten Gebäudebesitzer in Deutschland“, schimpfte sie los. Ich unterbrach sie und sagte: „Entschuldigung, aber ich arbeite bei der Berliner Stadtmission.“ – „Ach soo“, sagte sie und ihre Empörung war wie weggewischt. Und dann „Sammeln Sie auch hier?“ Ich: „Nein, wir wollen Menschen nur aufmerksam machen. Aber Sie können gerne etwas überweisen.“ Worauf Sie zufrieden weiterging.

Aber nicht alle fanden die Aufführung toll. Eine Mutter schob ihre beiden Mädchen im  Grundschulalter an mir vorbei nach vorne. Nach zwei Liedern kamen sie aber zu ihrer Mutter zurück: „Mama, lass uns gehen. Das ist soo traurig.“ Die Mutter erklärte ihnen aber dann sehr gut den Zusammenhang, bevor sie weitergingen. So werden auch die sich wohl erstmalig über die Situation von Obdachlosen Gedanken machen.

Wie gesagt, eigentlich wollten wir bewusst keine Spenden sammeln. Aber schon nach dem ersten Auftritt kamen verschiedene Menschen, die uns Geld in die Hand drückten. So hat Ortrud Wohlwend noch schnell eine Spendenbox geholt, in der sich bis zum Abend über 1000,- € sammelten.

Foto: DB Station&Service AG

So und hier könnt Ihr euch jetzt den kurzen Dokumentarfilm unseres Artrejo Film-Teams anschauen:

Natürlich haben wir den extrem gelungenen, wenn auch echt anstrengenden Tag mit einem gemütlichen und sehr leckeren Abendessen im Hotel Albrechtshof gemeinsam ausklingen lassen. Und der gemeinsame Spirit, der uns schon bei der Vorbereitung und Durchführung bewegt hat, war auch hier einfach wunderbar. So dass es noch recht spät wurde.

Übrigens: Frank Wasser ist nicht nur Pianist, sondern Geschäftsführer von Schloss Ribbeck im Havelland und Intendant der gleichnamigen Musikfestspiele. Wir haben schon ein bisschen rumgesponnen, was man vielleicht da 2019 anlässlich des Fontane-Jahres an überraschender Performance gestalten kann. Mal schaun.

Auf die Einladung zu einem Besuch dort werde ich jedenfalls nicht erst in zwei Jahren eingehen. Und das ist ja dann auch schon wieder eine neue Entdeckungsreise, auf die ihr euch mit mir schon freuen könnt.

 

 

„Das Beste an Weihnachten ist…“

Berlin ist immer wieder für eine Überraschung gut. Und zwar nicht nur Überraschungen, die zum „alles-ist-möglich“-Klischee passen oder zum „Berlin-is-ne-riesen-Party“-Klischee. Letzteres wird natürlich auch in der Adventszeit intensiv bedient. So zum Beispiel auf der Kirmes an der Jannowitzbrücke, die zu Recht nicht Weihnachtsmarkt heißt. Wobei ich den offiziellen Titel „Wintertraum“ jetzt auch nicht unbedingt passender finde. Aber das liegt wahrscheinlich an mir.

Blog 37-10Das gnadenlosen Nebeneinanderstellen von sehr unterschiedlicher Bildsprache bei dieser Volksbelustigung hat mich allerdings schon ein bisschen sprachlos gemacht: Gebrannte Mandeln und Horror-Achterbahn, Nikolaus und Revolverheld.

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So grotesk mir das auf den ersten Blick erschien, so kann man genau dieses Aufeinanderprallen aber auch als treffenden Spiegel unserer aktuellen Lage sehen.
Die Welt ist aus den Fugen geraten. Gut und Böse, Krieg und Frieden lassen sich immer weniger auseinander sortieren.

Wir sind im Krieg. So jedenfalls muss man es doch verstehen, wenn jetzt unsere Soldaten und Flugzeuge an der Seite Frankreichs und anderer den Feind IS mit militärischen Mitteln zu vernichten, mindestens zu schwächen versuchen.
Wir sind im Krieg, wenn schwarz-weiß-Propaganda – egal ob von rechts oder links außen – jede differenzierte Wahrnehmung der Wirklichkeit verhindert.
Wir sind im Krieg, wenn wir womöglich fürchten müssen, dass neben uns eine Bombe explodiert. Wenn in einem Jahr über 500 Anschläge auf Flüchtlingswohnheime ausgeübt werden und auf facebook die menschenverachtendsten Dinge gepostet, „geliked“ und geteilt werden.
Wir sind im Krieg, wenn der Hass auch bei uns in die Köpfe einzieht, der Hass, der im Flüchtling nicht mehr den Mitmenschen sieht, sondern nur die Gefahr, oder der ideologische Hass, der im angstbesetzten und überforderten Einheimischen nur noch den Nazi sieht.

Lukas-Kantorei in der St. Lukas Kirche

Adventskonzert der Lukas-Kantorei  in der St. Lukas Kirche

„Tochter Zion, freue dich, jauchze laut Jerusalem … ja er kommt, der Friedefürst“, haben wir in der Adventszeit gesungen, in Gottesdiensten und Adventskonzerten. Aber ist das nicht nur ein Pfeifen im Wald angesichts des zunehmenden Unfriedens – auch zwischen den unterschiedlichen Gruppen in unserem eigenen Land. In der Adventsfeier für die Mitarbeitenden der Stadtmission bin ich in meiner Predigt über Sacharja 9,9-11 zu folgenden Schlüssen gekommen:

Plötzlich wird das Trostwort zu einer klaren Herausforderung: Auf welche Seite stellen wir uns mit unserem Denken, Reden und Handeln?
Auf die Seite derer, die um sich schießen – und sei es mit Worten? Oder auf die Seite des Messias-Königs, dessen Reich sich ganz anders ausbreitet?
Er bedient sich eben nicht der Mittel der anderen Machthaber und Gebieter. Er reitet eben nicht auf einem Ross oder auf einem Kriegswagen ein. Er benutzt nicht Böses zur Eindämmung des Bösen. Er arbeitet nicht mit Druck und Drohung. Und doch hat er die stärkeren Argumente. Weil er selbst frei ist von Hass und Angst, entsteht um ihn herum ein immer größerer hass- und angstfreier Raum.

Durch seine Versöhnung und die Kraft seines Wortes sind Menschen aus allen Völkern zu Liebhabern des Friedens geworden, zu Boten von Gerechtigkeit und Hilfe, die jetzt schon ein messianisches Versöhnungs-Netzwerk bilden „von einem Meer bis zum anderen.“ Und wir dürfen und sollen dazugehören.
An seiner Seite weicht die Angst, auch wenn die Verhältnisse noch beängstigen sind.
An seiner Seite fällt Menschenverachtung ziemlich schwer, selbst wenn andere uns als Hunde bezeichnen.
An seiner Seite wird Hass als Sackgasse enttarnt, weil Liebe den Hass ins Leere laufen lässt.
An seiner Seite entstehen verblüffende Handlungs-Alternativen, auf die die Feinde niemals kommen würden: „Tut wohl denen, die euch hassen.“

Das ist das Beste an Weihnachten, dass wir freien Zugang zu solchen Alternativen bekommen haben, die transformierende Kraft haben. Damit kommen wir vielleicht auch mal über das alljährliche Gejammere über den ganzen Weihnachtskonsum hinaus, das nichts ändert. Nicht ändern kann, solange man sich auch damit immer nur um sich selbst dreht. Blog 37-7Ich finde jedenfalls, der Adventskalender der Geschäfte im Hauptbahnhof hat etwas entwaffnend Ehrliches.

Welche transformierende Kraft die Versöhnungsbotschaft aber haben kann, war vor wenigen Wochen in der neuen von der Stadtmission betriebenen Notunterkunft für etwa 1000 Flüchtlinge in Spandau zu erleben. Zum Hintergrund muss zunächst erklärt werden, dass wir erst ganz frisch die Erlaubnis des Landesamtes haben „unsere Standards“ einbauen zu dürfen, d.h. ausreichend Sanitäranlagen, Waschmaschinen, Raum-in Raum-Kabinen (statt riesiger nur mit Bauzäunen abgetrennter Schlafbereiche), Spiel- und Betreuungsräume für Kinder usw.. Nicht mal das Licht war in der Nacht auszuschalten, weil es keine Notbeleuchtung gab. Also total stressige Umstände. Dazu die Ungewissheit, das Warten, die Fremdheit…

Durch irgendeinen letzten Tropfen lief das Fass über und es gab in der Nacht zum 1. Advent eine Massenschlägerei mit Einsatz von Polizei und Krankenwagen.

(Foto: Berliner Stadtmission)

(Foto: Berliner Stadtmission)

Feuerlöscher wurden zweckentfremdet und einiges ging zu Bruch. Die Einrichtungsleitung und weitere Mitarbeitende der Berliner Stadtmission waren aber vor Ort und begannen sofort mit Deeskalation und Aufräumarbeiten – die ersten, die mit anpackten, waren die Flüchtlinge selbst.

Schon am nächsten Vormittag wurde mit den Instandsetzungsarbeiten begonnen – zusammen mit den Bewohnern. Gemeinsam traten Vertreter aus den verschiedenen Volksgruppen vor die Bewohner und riefen zum Frieden auf. Pakistanis, Syrer, Kurden, Iraker, Afghanen, Männer wie Frauen und Kinder reichten sich die Hände. Beteiligte der Auseinandersetzung entschuldigten sich.

(Foto: Berliner Stadtmission)

Versöhnungsfest (Foto: Berliner Stadtmission)

„Wir alle wollen Frieden. Es gibt immer ein paar Wenige, die Schaden anrichten – in jeder Gruppe“, war die einhellige Meinung in den Gesprächen.

Am Nachmittag, schon 16 Stunden nach Beginn der Aufräumarbeiten, fand ein Fest des Friedens statt, bei dem sich diejenigen, die als erste ausgerastet waren, bei allen entschuldigten.

Zurück zu den Berliner Überraschungen. Im Rheinland waren wir es gewohnt, dass man beim Einkaufen an der Kasse usw. nicht etwa „Frohe Weihnachten“ gewünscht bekam, sondern weltanschaulich neutral „Schöne Feiertage“ (wie auch an Ostern und Pfingsten). Wie überrascht waren wir jetzt in Berlin, beim Brötchenholen oder Wochenendeinkauf oder im Fahrstuhl als Gruß „Einen schönen 1. Advent“ zu hören.

Und man denkt: Ganz so gottlos ist Berlin doch nicht.

afrikanische Krippe beim "Markt der Kontinente" in den Dahlemer Museen

Afrikanische Krippe beim „Markt der Kontinente“ in den Dahlemer Museen

Wobei dann auch schnell wieder eindrückliche Gegenbeispiele kommen. Bei der Weihnachtsfeier der Wohnhilfen (Eingliederungshilfe für ehemalige Obdachlose bzw. von Obdachlosigkeit bedrohte) habe ich gefragt, wer eine Krippe kennt von zu Hause oder aus der Kirche. Von den 25 Personen (einschließlich Mitarbeiter) meldeten sich vielleicht sechs und nur eine, die zu Hause eine Krippe hatten.

Gleichzeitig ist diese geringe religiöse Vorprägung auch immer wieder ein schöne Gelegenheit, Interesse zu wecken, sozusagen brachliegenden Boden zu bestellen.

Daran arbeiten wir, d.h. mein Kollege Andreas Schlamm und ich, auch in den verschiedenen innerbetrieblichen Fortbildungen.

Und darum geht es natürlich auch in der Heilig Abend Feier für Wohnungs- und Obdachlose heute Nachmittag im Zentrum am Hauptbahnhof. Inzwischen sind ca. 60 % der Obdachlosen in Berlin Osteuropäaer, die bei dem Versuch, hier ihr Glück zu machen, gestrandet sind. D.h. in dem Kurzgottesdienst muss möglichst vieles auf Polnisch und Russisch übersetzt werden. Rumänisch wär auch gut. Und die Botschaft von der Nähe Gottes zu unserem Leben muss sichtbar werden. So sieht unsere Bethlehem-Szene zur Weihnachtsgeschichte auch ein bisschen anders aus, als sonst in Krippenspielen.Blog 37-33

Für Obdachlose haben wir übrigens jetzt im Dezember neben der Bahnhofsmission Zoo (wieder einmal finanziert durch die Deutsche Bahn Stiftung sowie den Berliner Senat) ein Hygienezentrum eingerichtet, in dem Menschen von der Straße, zur Toilette gehen, duschen, waschen und sich die Haare schneiden lassen können. Wie viel Wertschätzung liegt darin, so gebeutelten Menschen ein solch edles Ambiente bereitzustellen!

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Im Refugio in Neukölln entwickelt sich inzwischen eine geistliche WeggemeinschaftBlog 37-30 als Keimzelle des geplanten Stadtklosters:

Jeden Dienstag und Freitag gibt es um 8 Uhr ein offenes liturgisches Morgengebet. Einmal im Monat (an einem Abend in der Woche) feiern wir einen internen Abendmahlsgottesdienst mit viel Stille.

Blog 37-31Dann essen wir als Weggemeinschaft mit zur Zeit 8 Personen gemeinsam Abend. Und einer erzählt seine geistliche Lebensgeschichte.

Aber auch die Gemeinschaft von Einheimischen und Neuankömmlingen im Refugio entwickelt sich positiv weiter. Genauso wie das Café und die programmatische Reflexion der Arbeit:

Sharehaus Refugio ist ein Ort, wo man Zuflucht finden kann, d.h. Schutz und Heimat, wo Gemeinschaft in gegenseitiger Wertschätzung und Unterstützung gelebt wird und Raum ist, Erneuerung zu erfahren und zur Erneuerung der Gesellschaft beizutragen.

Zum Schluss noch zwei musikalische Leckerbissen des Advents:

  1. Das Benefizkonzert (für unsere Kältehilfe) der Soulsängerin Jocelyn B. Smith in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche. Sie ist inzwischen nicht mehr die Jüngste, aber verströmt dermaßen viel Energie und Menschenfreundlichkeit, dass die rappelvolle Kirche innerhalb von gefühlten 30 Sekunden auf den Beinen ist, mitsingt und – tanzt.Blog 37-17 Blog 37-19
  1. Ein ganz kleines Format in der S-Bahn. Blog 37-22Häufig gibt es Musiker oder Gruppen, die reinkommen, ganz kurz Musik machen, 36 Takte später schon mit ihrem Becher rumziehen, um Geld zu sammeln, und bei der nächsten Station wieder verschwunden sind. Ein osteuropäischer Gitarrist morgens machte es anders. In aller Ruhe und Bescheidenheit spielte er drei oder vier virtuose klassische Gitarrenstücke. Nach und nach schauten immer mehr von ihren Handys, Zeitungen und Büchern auf, Stöpsel wurden aus Ohren gezogen und man lächelte sich an. Einige verzauberte Minuten. (Übrigens: Ein durchaus geschicktes Geschäftsmodell, wie mir scheint, jedenfalls im Bezug auch auf meine Bereitschaft, nicht nur 50 Cent zu geben.)

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Alles in allem gibt es für uns viel Grund, mit großer Dankbarkeit auf eine Jahr zurückzublicken, das so voller Leben war.

Ich danke Euch fürs Lesen, Anteilnehmen und alle Rückmeldungen. Und wünsche Euch jetzt gesegnete Weihnachten, erfreuliche Jahresrückblicke und Gottes Segen für das Kommende.

Gemeinsam für Berlin? – Bürgerschaftsengangement und Anderes

Olympia ist ja nun definitiv weg. Der Flughafen immer noch nicht fertig. Das ist aber eigentlich ganz praktisch, denn die Baustelle macht sich immer noch gut als running gag. Eine verbindende Zukunftsvision für diese Stadt gibt es nicht wirklich. Wenn man fragt, was die in Berlin Wohnenden miteinander verbindet, sagen viele: Außer dem Namen Berlin – nichts! Die Stadt ist einfach zu groß, zu vielgestaltig, zu disparat. Dementsprechend orientieren sich die meisten vor allem an dem Ort, in dem sie wohnen, und dem Ort, in dem sie arbeiten (was durchaus eine Fahrtstunde auseinander liegen kann).
Man sagt auch: „Berlin ist nicht eine Stadt, es ist 86 Städte“. Ich weiß nicht ob die Zahl stimmt, aber gemeint sind die Stadtteile. Denn auch die 12 Bezirke sind schon wieder zu groß und nochmal unterteilt in Lebensräume, Kieze, Siedlungen,  die oft nur wenige Straßen umfassen. So wohnen wir am Rande der Rollberge-Siedlung in Waidmannslust, was wiederum einer von 10 Stadtteilen im Bezirk Reinikendorf ist. Und so hat nicht nur jeder Bezirk oder jeder Stadtteil, sondern jeder Kiez seinen eigenen Charakter, seine Chancen und Probleme.
Was also verbindet?
Die Berliner Stadtmission folgt dem Biblischen Leitwort „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn“.WP_20150407_13_28_21_Pro -compr
Kein Wunder, dass die Stadtmissionsarbeit in dieser Stadt so extrem vielgestaltig ist.

Aber wenn man das nicht dem Zufall überlassen will, sondern durchdenken, womöglich theologisch durchdenken, wird das zu einer hoch komplexen Angelegenheit. So gibt es seit einem guten Jahr ein Netzwerk für Theologie der Großstadt, oder auch „urbane Theologie“, koordiniert von einer Sonderstelle im Kirchenkreis Schöneberg. Vor einigen Wochen haben wir in diesem Zusammenhang einen kleinen Lesekreis „urbane Theologie“ gegründet. Da lesen und diskutieren wir wissenschaftliche Texte zum Thema und versuchen zu klären, welche theologischen Fragen, Ansatzpunkte und Aufgaben sich aus eben dieser komplizierten Zusammenballung von Lebensräumen, Sozialräumen und Gestaltungsräumen ergibt.
Früher dachte man einfach: eine Stadt prägt ihre Menschen. Inzwischen aber fragt man genauso in umgekehrte Richtung: Wie prägen Menschen eine Stadt?

Und damit sind wir nun vielleicht doch bei dem, was viele in den unterschiedlichsten Teilen von Berlin miteinander verbindet: Die Frage, wie man gemeinschaftlich das Leben im Kiez (und darüber hinaus) prägen kann.

So war ich vorletzte Woche auf zwei verschiedenen Veranstaltungen von Bürgerschaftsengagement. Zunächst haben Sven Lager vom ShareHaus und ich an einem Treffen des „Quartiersmanagements“ Reuterkiez in Neukölln teilgenommen, weil wir in Kürze unser traditionsreiches, 5stöckiges Gebäude Lenaustraße 4 mit einem ganz neuen Konzept füllen möchten: „ShareHaus Refugio“ – eine Kombination aus Kiez-Café, ShareHaus, Stadtkloster sowie Wohnungen für Flüchtllinge und andere, die sich an Gemeinschaftsaufgaben beteiligen und einen Akzent im Kiez setzen wollen. Und weil der ShareHaus-Gedanke im Kern davon ausgeht, mit anderen zusammen Leben, Ideen, Gaben, Zeit zu teilen, müssen wir uns natürlich entsprechend im Kiez vernetzen.

Diese Quartiersmanagement-Versammlung war aber ein Treffen ausschließlich von „Sozial-Profis“ mit entsprechend etwas merkwürdigem Flair. Denn dabei geht´s immer auch um  Pfründe, die jeder wahren bzw. vom Bezirk abgraben will. Obwohl wir zum ersten Mal dabei waren, merkten wir relativ schnell, welche Diskussionen zwischen welchen Personen offenbar nicht zum ersten Mal so abliefen.

WP_20150324_19_08_12_ProGanz anders bei dem anschließenden gemeinsamen Abend der Bürgerplattformen Südost, Neukölln und Wedding-Moabit in der „Alten Försterei“, genauer: einem Veranstaltungssaal im Stadion von Union Berlin. Das war – abgesehen von Susanne Sander, der zierlichen, aber extrem umtriebigen Organisatorin vom Institut für Community-Organizing – überwiegend ein „Laientheater“. HiWP_20150324_19_28_15_Proer stellten sich die verschiedenen Bürgerplattformen mit ihren aktuellen Projekten vor. Das sind echte Bürgerinitiativen, die vor der eigenen Haustüre kehren. Da geht es um fehlende Parkmöglichkeiten und Ergänzungsstraßenbahnen bei Großveranstaltungen, um Wege durch die „Wuhlheide“ in Köpenick usw. .

Oder – und das hat mich wirklich berührt – um eine Initiative in Neukölln für einen islamischen Friedhof. Vehement beschwor ein türkisch-stämmiger Bestatter die Notwendigkeit: „Wir sind hier zu Hause! Wir sind keine Gastarbeiter mehr! Wir wollen da beerdigt werden, wo wir zu Hause sind!“ Und ein junger Mann aus Bangladesh erzählte unter Tränen von der Totgeburt, die seine Frau vor einem halben Jahr hatte. Nach langer Suche habe sich ein islamischer Friedhof am anderen Rand von Berlin für die Bestattung des Babies gefunden. WP_20150324_19_44_19_Pro

Und plötzlich entstand eine Bürgerschafts-Solidarisierung zwischen den urberliner, eher konservativen Köpenickern und den Muslimen aus Neukölln: „Danke, dass wir hier bei euch in Köpenick unser Anliegen vorstellen durften“, sagten die einen unter dem Riesenapplaus der rund 250 Teilnehmer. Und die Organisatorin aus Köpenick antwortete: „Danke, dass ihr hier zu uns raus gekommen seid. So können wir zeigen: In Köpenick sind längst nicht alle Rassisten.“ Und wieder riesiger Applaus.

Die einzelnen Beiträge waren wirklich sehr laienhaft. Aber das störte hier keinen. Ganz deutlich überwog das Gefühl: Wir unternehmen gemeinsam etwas für Berlin!

Nebenbei fand ich höchst interessant, dass sich die Bürgerplattform Südost (also Köpenick) etwa zur Hälfte aus verschiedenen kirchlichen Gruppen zusammensetzt.

Gemeinsam für Berlin“ ist aber nun nicht nur ein Motto, sondern auch der Name eines christlichen Netzwerkes (e.V.), das versucht, die unterschiedlichsten christlichen Kirchen, Gemeinden und Denominationen in Berlin miteinander zu verknüpfen, um so gemeinsam in Berlin auch deutliche christliche Zeichen setzen zu können.WP_20150321_17_31_05_ProAm Samstag, dem 21. März fand in der Baptisten-Gemeinde in Schöneberg das „Gemeinsam für Berlin Fest“ statt. Selbstbewusste Überschrift „Berlin von seinen besten Seiten“. Auch hier wurden unterschiedliche Projekte vorgestellt. Eine hochinteressante, hoch professionelle und zugleich sehr lockere und kommunikative Veranstaltung, bei der viele Christen aus allen Kontinenten selbstverständlich dazu gehörten. Berliner und Neuberliner mit einer großen Gemeinsamkeit: den Glauben an Christus – und einem gemeinsamen Ziel: die Liebe Gottes in der Stadt erfahrbar zu machen.

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Auch wenn der Veranstaltungsort nicht so ganz mein Ding ist – eine sehr amerikanisch geprägte Baptistenkirche – und mir ein paar Voten einen etwas zu frommen Zungenschlag hatten: Eine solche interkulturelle Gemeinschaft sehr unterschiedlicher Menschen macht Hoffnung: für Berlin und vielleicht auch darüber hinaus.

Von Hunden und Menschen

Berlin ist nicht nur die Bundeshauptstadt, sondern auch die Hundehauptstadt, jedenfalls gefühlt. Statistiken habe ich dazu nicht gelesen. Aber ein paar Bemerkungen wollte ich schon immer mal dazu machen. Jetzt gibts noch einen aktuellen Anlass. Aber dazu später.

WP_20140928_18_30_08_ProUrsprünglich wollte ich einen Blog zu diesem Thema nennen „Ein Boxer namens Urmel“, weil ich das irgendwie originell fand. Urmel  hab ich in der S-Bahn kennengelernt. Dass er so heißt, habe ich von der jungen Besitzerin erfahren, mit der ich mich prima unterhalten habe. Denn gelegentlich redet man miteinander in Berlins S-Bahnen. Abe das ist schon wieder ein neues Thema.

Hunde jeder Größe und Machart begegnen einem jedenfalls (fast) überall, eben auch reichlich in der S-Bahn, wo sie geduldig (oder gelangweilt) warten,…

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oder höchst aufmerksam schauen, wann Herrchen oder Frauchen auszusteigen gedenken, um ja den Anschlus nicht zu verpassen…

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oder höchst würdevoll dreinblicken, obwohl oder gerade wenn man (bzw. hund) nicht reinrassig ist.

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Als Hundebesitzer ist man gehalten, seinen Hund ab einer gewissen Größe in Bus und Bahn mit einem Maulkorb zu versehen, was wir anfänglich auch sehr ernst genommen haben. In Bussen bleibt einem auch nicht viel anderes übrig. Ansonsten fragt keiner danach, und entsprechend hält sich auch keiner dran. Genauso wie beim pflichtgemäßen Beseitigen von WP_20150201_17_02_05_ProHInterlassenschaften, die nicht nur – wie hier auf dem Foto – am Wegesrand liegen, sondern auch mitten auf dem Bürgersteig oder auf dem Rasen oder direkt vor der Haustür .

Vielleicht schauen ja auch deshalb soviele Berliner statt in anderer Leute Gesichter auf den Boden, um den allgegenwärtigen Tretminen ausweichen zu können. Gleichzeitig ist auch in Berlin ein Hund – ob in der Bahn oder beim Spaziergang – immer wieder ein hervorragender Gesprächsanküpfer und schon als solcher gesellschaftlich wertvoll.

Bis heute gehörten wir auch zur Spezies der Hundehalter. Aber leider mussten wir heute unseren guten, (fast 13 Jahre) alten Gino einschläfern lassen. Aufgrund eines gravierenden Leberleidens hatte er seit Wochen fast nichts mehr gefressen und war am Ende so schwach, dass er nicht mehr alleine aufstehen konnte und sich auch sonst nur noch herumquälte.

Aber ihn einschläfern zu lassen ist mir so viel schwerer gefallen, als ich es vor einiger Zeit vermutet hätte (z.B. in der Phase voriges Jahr, wo er mit altersseniler Bettflucht unseren Schlaf ruinierte, weil er die ganze Nacht klickklick klickklick herumlief oder chchchs chchchs chchchs auf dem Boden scharrte). Nun hab ich also doch erhebliche Mühe damit, ihn auf die letzte Reise zu schicken und Abschied zu nehmen. Natürlich ist uns dieses „Familienmitglied“ über die Jahre sehr ans Herz gewachsen: Ein begeisterter Bergwanderer wie wir.

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In Köln der „Gemeindehund“. Und besonders bei Kindern, Rafaels Mehrschweinchen und dessen Schabernack unendlich geduldig.

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Den Hund einschläfern zu lassen fällt mir aber auch aus einem anderen Grund schwer, wie mir bewusst geworden ist, nämlich aus Respekt vor dem Leben. Auch wenn es „nur“ ein Tier ist. Aber sein Lebenswille flackerte immer nochmal kurz auf. Dürfen wir unsere Entscheidung der Leidverkürzung darüber setzen?

Ich bin ein vehementer Gegner von aktiver Sterbehilfe bei Menschen. Weil ich als Gemeindepfarrer immer wieder erlebt habe, dass Leidvermeidung alleine ein ganz schlechter Ratgeber ist, dass häufig Linderung der Schmerzen und menschliche Nähe das eigentlich Gebotene wäre – und Sterbehilfe eine höchst problematische „Abkürzung“ ist. Wie oft gab es nach längerer Leidenszeit kurz vor dem Tod nochmal eine unerwartete, intensive Gemeinschaft zwischen Sterbenden und Angehörigen, womit keiner mehr gerechnet hätte.

Allerdings hinkt der Vergleich. Denn ein Hund ist eben kein Mensch. Und die Ebenen zu verwischen, ist auch nicht gesund. Also wir dürfen, wir müssen an dieser Stelle eine „vernünftige Entscheidung“ treffen.

Wieder denke ich, dass unsere Welt völlig aus dem Lot geraten ist. Und allerorten ein gesundes Maß verloren gegangen ist.

Wie würde man sich einen Hauch dieses Respekts vor dem Leben wünschen etwa bei den Massen-Tierhaltern, den Regenwald-Abholzern und noch soviel mehr bei den Ungläubige-Enthauptern. Aber auch umgekehrt ist Balance verloren gegangen. Der Deutsche Tierschutzbund hat mehr als 800.000 Mitglieder, während der Deutsche Kinderschutzbund mit seinen 50.000 Mitgliedern gerade mal nur ein sechzehntel Unterstützer motivieren kann!

Man schwankt zwischen Empörung und Ignoranz. Den gesunden Menschenverstand, die Besonnenheit, das Maß, aufmerksame Gelassenheit sind selten zu finden.

Manchmal haben einem Hunde da vielleicht etwas voraus. Oder?

 

 

 

Toleranz und Intoleranz

Theaterbesuch im „Berliner Ensemble“. Kurz vor Weihnachten hatten wir es endlich geschafft, den Abschiedsgutschein vom Arbeitskreis Stadtteilbüro in Köln-Flittart einzulösen. Denn die bekannten Stücke sind in diesem traditionsreichen Brecht-Theater schnell ausgebucht.

WP_20141216_19_20_16_Pro-comprNun also: Nathan der Weise von Schiller.

Das große, klassische Stück zum Thema Toleranz, berühmt u.a. durch die Ringparabel, die der Jude Nathan – trotz schlimmsten Pogromerfahrungen durch christliche Tempelherren nicht zynisch geworden – dem Sultan erzählt: Drei Königssöhne haben von ihrem sterbenden Vater jeder einen baugleichen Ring erhalten. Dabei dürfte es doch nur einen echten Königsring geben, der „vor Gott und Menschen angenehm macht“. Mit ihrem Streit gehen sie zum weisen Richter, der ihnen sagt, jeder dürfe sich der Liebe des Vaters gewiss sein und die Echtheit seines Ringes annehmen. Ihre Aufgabe sei es nun einfach, „den Beweis des Geistes und der Kraft“ anzutreten.

Zurück ins Berliner Ensemble. Zu unserer sehr begrenzten Begeisterung füllen sich Parkett und Logen zu ca. 2/3 mit Schülern. Oberstufenschülern, aber was heißt das schon. Fünf Minuten vor Beginn tritt ein Mann – vermutlich der Intendant – vor die Bühne und bittet in das Getöse hinein um Ruhe. Es dauert, bis er gehört wird. Und dann hält er eine flammende Rede an die Schülerinnen und Schüler, von denen, wie er sagt, die meisten wohl nicht freiwillig da seien. Aber nun sollten sie die Handies ausmachen, alles andere beiseite schieben und sich auf das Theaterstück einlassen. Es  könne für ihr Leben große Bedeutung bekommen. Wer sich darauf aber nicht einstellen wolle, solle lieber direkt nach Hause gehen! Werbende, aber zugleich kompromisslos klare Worte vorneweg: Läppisches, unangemessenes Verhalten, mit dem man sich und anderen den Abend verdirbt, wird hier beim großen Toleranz-Theater nicht toleriert.

WP_20141216_19_20_44_Pro comprIst das nicht ein Widerspruch? Aber: siehe da, es wird still. Und nicht nur wir, sondern auch die Schüler verfolgen eine eindrückliche, z.T. humoristische, aber oft auch unter die Haut gehende Inszenierung, bei der die Botschaft sehr deutlich wird.

Ein Theaterbesuch, der sich gelohnt hat aus mehreren Gründen.

Toleranz ohne Intoleranz ist eine unbrauchbare, ja gefährliche Tugend. Aber Intoleranz ohne Toleranz ist Diktatur.

MAUER-Panorama im asisi Panometer beim Checkpoint Charlie

MAUER-Panorama im asisi Panometer beim Checkpoint Charlie

Ich lese gerade einen hochinteressanten, neuen Aufsatzband der Kirchlichen Hochschule Wuppertal: „Was heißt hier Toleranz. Interdisziplinäre Zugänge“ (Hg. von A. Bieler / H. Wrogemann). Vieles davon finde ich sehr hilfreich für das, was in diesen Wochen in Deutschland und erst recht in Frankreich los ist. Ereignisse, die uns alle wohl sehr beschäftigen, die ich hier aber nicht direkt kommentieren will. Es wird m.E. dazu genug gesagt und geschrieben.

Statt dessen will ich ein paar Auszüge aus dem Buch zitieren bzw. zusammenfassen.

1. Begriffsbestimmungen:

Der Begriff Toleranz ist mehr als schillernd. Deshalb macht es Sinn sich jeweils klar zu machen, was gerade konkret gemeint bzw. gefordert ist. Hier einige Bedeutungen (jeweils mit Seitenzahl, falls es jemand nachlesen will):

  • „Aufhören, gegen das zu kämpfen, was man nicht ändern kann“. (90)
  • „Ertragen von Schmerz oder Härten“; geduldig und nachsichtig mit Anderen sein. (132)

Im Sinne dieser Bedeutungen tolerieren wir als Familie z.B. den zeitweise erheblichen Lärm der Familie in der Hochhaus-Wohnung über uns.

  •  „Gestatten oder Erlauben“; „Duldsamkeit“; „begrenzte Widerstandsfähigkeit“; „zulässige Differenz zwischen der angestrebten Norm und den tatsächlichen Maßen oder Mengen“ (132).

Zu letztem Punkt fällt mir meine frühere Schülerferienarbeit in der Getriebebaufirma ein, in der mein Vater Prokurist war. Dort habe ich z.T. auf riesigen Maschinen in Akkordarbeit Zahnräder gefräst. Wie wichtig war es, regelmäßig zu überprüfen, ob man die Toleranz nicht überschritten und teuren Schrott produziert hat!

Insgesamt ist aber festzuhalten, dass es einen großen Unterschied macht, ob man aus der Position des Überlegenen oder des Unterlegenen Toleranz übt. Und dass jede Toleranz notwendigerweise Grenzen hat, die jeweils neu ausgehandelt, ausprobiert und manchmal auch erkämpft werden müssen. Andernfalls ist sie nicht ernstzunehmen. Das Ziel von Toleranz muss doch immer sein, das Leben, den Frieden usw. zu schützen und zu fördern – und nicht durch Laschheit zu gefährden.

Im Konfirmandenunterricht in der Gemeinde in Köln habe ich große Toleranz geübt hinsichtlich dessen, was die Konfis sagen und glauben „durften“. Aber hinsichtlich ihres Beteiligungsverhaltens gab es klare Grenzen. Wer die notorisch überschritt, konnte mich als überraschend ungemütlich erleben. Dabei habe ich aber immer versucht, den schwierigen Konfis als Person mit Respekt zu begegnen. Respekt ist eine bessere Grundlage für Auseinandersetzungen als Toleranz.

Dass Toleranz und lebensdienliche Intoleranz auch eine Menge mit Humor zu tun haben können, sieht man an folgendem historischen Geschehen, von dem Siegfried Kreuzer in seinem Aufsatz „Die josefinische Toleranz – bescheiden aber selbst auferlegt“ berichtet. Die Rede ist toleranzpatent_Josef IIvom Österreichischen Kaiser Josef II., der 1781 mit dem sogenannten Toleranzpatent die Religionsfreiheit einführte.

Ich finde das ebenso aktuell wie köstlich und möchte daraus zum Abschluss einen längeren Abschnitt zitieren:

„Kaiser Josef war also tolerant. In diesem Geiste der Toleranz erließ er weitere Toleranzpatente, nämlich auch für die Juden und für andere Religionsgruppen. Diese Toleranz war für nicht wenige Menschen ein ungeheures Ärgernis. Wie konnte man Ketzern, Juden und irgendwelchen Sektierern erlauben, nicht die alleinige Wahrheit der römisch-katholischen LKirche anzuerkennen? Die Toleranz von Josef II. rief nicht nur Dankbarkeit hervor, sondern auch Protest und Polemik. Zur Polemik gegen den Kaiser gehörte ein Flugblatt, das in Wien verbreitet wurde (…). Auf dem Bild sieht man Christus am Kreuz und an der Spitze der Verehrer den Kaiser, so wie es sich für den Kaiser gehört. Gegenüber stehen die Vertreter der verschiedenen Konfessionen und Religionen (in einer erstaunlichen Vielfalt), denen Josef II. Toleranz gewährt hatte. Dieses Flugblatt verspottete den Kaiser und war üble Majestätsbeleidigung. Maria Theresia und ihre Minister hätten sicher die Geheimpolizei auf die Verfasser dieses Flugblattes angesetzt. – Josef II. verordnete nicht nur Toleranz, er war auch für sich tolerant und hattte wohl auch Humor: Er ließ das Flugblatt nachdrucken und verkaufen. Den Erlös erhielten die Protestanten (d.h. die Lutheraner und die Reformierten…) für den Bau ihrer beiden Kirchen in Wien.

Obwohl der Vorrang der „dominanten“, d.h. der katholischen Religion massiv gewahrt blieb, fanden nicht alle die Toleranz gut, insbesondere der Papst. Nachdem diplomatische Interventionen nichts genützt hatten, macht sich Pius VI. persönlich auf den Weg nach Wien, um den Kaiser umzustimmen. Jetzt war Josef nicht so tolerant. Er ließ den Papst in Schönbrunn, damals weit außerhalb von Wien, Quartier nehmen und ließ ihn einige Zeit warten. Irgendwann kam es dann doch zu einem Gespräch, das nicht sehr erfolgreich war, jedenfalls nicht für den Papst. Nach drei Wochen Untätigkeit und Erfolglosigkeit reiste der Papst wieder ab.“ (S. 64-66).

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Flieg, Mauer, fliieeg!

Leises, fast andächtiges Gemurmel umgibt mich, während ich langsam die Niederkirchnerstraße vom Martin-Gropius-Bau nach Westen in Richtung Stresemannstraße gehe. Schnell vorwärts zu kommen, ist unmöglich, denn Bürgersteig und Staße sind komplett mit Menschen gefüllt. Darüber in gut zwei Meter Höhe  schaukeln die weißen Lichtballons leicht im Abendwind. Nicht nur hier, sondern 15 Kilometer entlang der ehemaligen, innerstädtischen Berliner Mauer zwischen Bornholmer Straße in Pankow und Eastside-Gallery in Friedrichshain: 7000 Ballons, von ebensovielen „Ballonpaten“ betreut; geschätzte 2 Millionen Besucher an diesem Wochenende.

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Die Staße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule ist längst gesperrt. Hier läuft das offizielle Festprogramm mit „Gorbi“ und Beethoven. Wie man nachher hört, soll das ausgesprochen würde- und eindrucksvoll gewesen sein. Aber auch auf der Strecke vom Brandenburger Tor bis zum Potsdamer Platz ist praktisch kein Durchkommen.

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Blick vom Potsdamer Platz Richtung Brandenburger Tor

Uns aber hatte es in Richtung Kreuzberg gezogen. Denn genau an der Ecke Stresemannstraße/Niederkirchnerstr. hat die zusammengewürfelte Gruppe der Berliner Stadtmission nicht nur 35 Ballonpatenschaften übernommen, sondern auch einen kleinen Programm-Spot aufgebaut. Eigentlich ganz schlicht: Einzelne Menschen erzählen, wie sie den Fall der Mauer vor 25 Jahren erlebt – oder auch verpennt haben. Eine einladende Moderation, ein bisschen Live-Musik. Und die Menschen eilen nicht vorbei, wie das an normalen Abenden wäre, sondern bleiben stehen und hören zu.

WP_20141109_18_17_06_Pro  WP_20141109_18_02_29_ProViele bewegende Geschichten hört man in diesen Tagen. Eine Frau aus der Stadtmissiongemeinde Tegel erzählt mir z.B., wie sie damals am 9. November früh ins Bett gegangen ist und nichts mitbekommen hat, weil sie am anderen Morgen auch sehr früh zur Arbeit los musste. In der Frühe am U-Bahnhof die Zeitung gekauft und nur den Kopf geschüttelt: „Die Mauer ist offen“ – was soll denn diese Zeitungsente?! Erst (ich glaube) am Nordbahnhof, bisher von der DDR abgeriegelter Geisterbahnhof, beginnt sie zu begreifen: Wo sonst nur ein paar VoPos Wache standen, war jetzt reges Treiben. Die Mauer ist wahrhaftig offen! – Aber auch von Angst, Mut und Neugier bei den Ostberlinern hört man an diesem Tag viel. Und immer wieder das rückblickende Staunen, dass damals kein einziger Funke in die hochexplosive Situation geflogen ist, die Demonstranten konsequent gewaltfrei blieben, und von den Tausenden hochgerüsteter Soldaten in den Seitenstraßen keiner durchgedreht ist oder aus Versehen abgedrückt hat.

WP_20141109_19_11_00_ProLängst haben Kinder auf den angrenzenden Bäumen optimale Aussichtspositionen bezogen. Endlich ist es soweit: Auf der Großleinwand am Berliner Abgeordnetenhaus kann man erkennen, dass die ersten Ballons am Brandenburger Tor von ihren Ballonpaten per Hebeldruck in die Freiheit entlassen wurden. Es dauert aber noch ca. 10 Minuten, bis die Welle bei uns ankommt. Viele in die Luft gehaltene Smartphones (wie auch meins), etwas Applaus (am meisten bei einem verspäteten Ballon, der es dann doch noch schafft), aber kein Jubel, keine Euphorie. Auch jetzt eher Andacht und Nachdenklichkeit. Irgendwie ist es unspektakulär, wie die von ihrer Lichtquelle getrennten Ballons in den Himmel steigen (vom leichten Ostwind übrigens in Richtung Westen getrieben). Und doch ein  großartiger Abend, gerade so.

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Anschließend gibts noch was zu Essen und zu Trinken in unserer nahe gelegenen St. Lukas-Kirche. Die weit offene Tür lockt nicht nur Stadtmissioner an, sondern auch etliche weitere Gäste.

Flieg, Mauer, Fliieeg? Offene Türen?

In diesen Tagen kommt man nicht darum herum, auch an die Mauern und Stacheldrahtzäune zu denken, die heute nicht mehr mitten durch Europa, sondern außen um die „Festung Europa“ herum verlaufen. An denen viel Tausend mal mehr freiheitsuchende Menschen zu Tode kommen, als während der gesamten DDR-Zeit durch Mauerschützen umgebracht wurden.

Bei der Fernsehdiskussion zum Thema Flüchtlingsflut mit Maybrit Illner sind einige wirklich kompetente Gesprächspartner, die differenziert und realistisch die Lage beschreiben und sich für mutiges Annehmen der Situation einsetzen. Nur die beiden Vertreter der Parteien mit dem C setzen immer noch auf Abschottung und Zurückführung. Der junge Politiker mit deutlich sichtbarem Migrationshintergrund kann einem regelrecht leid tun. Offenbar hatte man ihn in ein Flüchtlingslager nach Italien geschickt, um seiner Kompetenz aufzuhelfen. Aber mit seiner These, man müsse die afrikanischen Flüchtlinge nur richtig fit machen, dann würden sie schon wieder nach Zentralafrika zurück gehen, offenbart er seine ganze Ahnungslosigkeit davon, was in unserer Welt wirklich los ist.

Wie gut, dass die Stimmung in Moabit anders ist und die Bereitschaft groß, die Flüchtlingsnotunterkunft (Traglufthalle) zu akzeptieren und zu unterstützen, die gerade von der Berliner Stadtmission (im Auftrag des Senats) an der Lehrter Straße gebaut wird. Das ist schon ein mutiges Projekt, weil es natürlich viele Besserwisser gibt, die solche eine Unterkunft für „menschenunwürdig“ halten. Aber im Moment hilft Geschwätz noch weniger als sonst, sondern nur konkrete Taten, auch wenn sie bei Weitem nicht den Idealzustand herstellen können, aber doch die größte Not lindern. Und wie schon vor dem LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales, Aufnahmebehörde) versuchen wir von der Stadtmission dem Ganzen nach Kräften ein menschliches Gesicht zu verleihen. Mit der Erfahrung beim LaGeSo hat Christiane die stellvertretende Leitung übernommen. Übernächste Woche geht es los.

Das ist nochmal eine ganz andere Aufgabe, auch – oder gerade – weil die Flüchtlinge dort nur wenige Tage (oder vielleicht auch) Wochen bleiben sollen, bis feste Unterkünfte für sie gefunden sind. Wer weiß schon, wie schnell das wirklich gelingt.

Wie gut, dass unser syrischer Freund und „Lichtgrenze-Musiker“ Jean Samara das schon hinter sich hat und mit gesichertem Aufenthaltsstatus im Sharehouse wohnen kann.

An der „Lichtgrenze“ am 9. November singt er mit seiner Gitarre bewegende Lieder von der Schönheit seiner Heimatlandes…

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„Berlin is nich mehr schön!“

Dieser Satz begegnet uns häufig, seit wir (meine Frau Christiane und ich) hier sind.

Die Gründe und Hintergründe könnten dabei aber kaum gegensätzlicher sein, mal abgesehen davon, dass wir Berlin durchaus schön finden (nicht nur das Wetter, das in diesem Sommer unvergleichlich viel besser war als etwa im Rheinland).

Wir wohnen ja in Reinickendorf-Waidmannslust, sind in wenigen Minuten zu Fuß am Naturschutzgebiet Hermsdorfer See / Tegeler Fließ, selbst die „grüne“ Grenze nach Brandenburg ist fußläufig.

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Wenn wir aus unserer Wohnung im 13. Stock schauen, sehen wir zur einen Seite über ganz Westberlin, der Blick nach Nordwesten und Osten aber geht fast ausschließlich über Wälder und Felder. Oder über Siedlungen, in denen die Straßenbäume höher sind als die Häuser.

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„Reinickendorf, Berlins grüner Norden“, so steht es auch auf den Wanderwegschildern. Zu DDR Zeiten war das schon so. Aber im Unterschied zu Kreuzberg und Neukölln, das immer schon ein verrücktes Pflaster war, und zu den reichen Stadtteilen Wilmersdorf, Charlottenburg und Grunewald war Reinickendorf – wenn ich das richtig aufgefasst habe – das ordentliche, (klein-)bürgerliche Westberlin. Heute ist Reinickendorf, so heißt es, immer noch der Berliner Bezirk mit dem höchsten Anteil an „echten“ Ur-Berlinern. Unser Eindruck ist das ebenfalls, nirgendwo sonst in der Stadt berlinert es so häufig, wie bei uns herum.

Und diese „Alt-Reinickendorfer“ sind es vor allem, von denen wir den Satz immer wieder hören: „Berlin is nich mehr schön.“ Oder: „Dit is nich mer so wie früha!“. Unsere über 80jährige Nachbarin, die im Hochhaus gewohnt hat, seit es steht. Der mehrfach gepiercte Eigenheimbesitzer mit Hund aus der Nachbarstraße. Die Bankerin der Berliner Stadtsparkasse, die uns berät. Der junge Mann, der aus dem Wedding hergezogen ist.

Nach dem Grund gefragt, kommt in der Regel: All die Ausländer, die Türken, die „Zigeuner“, die jetzt hierhin gezogen sind. Der Dreck überall, besonders in unserem Aufzug (siehe Titelbild), der Lärm. Und: „Früha jing et viel freundlicha zu“…

Da fällt mir doch der Titel der Kölner Vokalgruppe Wise Guys ein: „Früher, früher war alles besser.“ Und mir fällt das Lied ein, das der wohl berühmteste Reinickendorfer, Reinhard Mey, schon in den 70er Jahren geschrieben hat: „Es gibt keine Maikäfer mehr“. Ein Lied  voller Bedauern über die verflossene gute Alte Zeit und unbestimmtem Ahnen, dass alles bergab geht:

„Vielleicht ängstigt mich ihr Fortgeh‘n, denn vielleicht schließ‘ ich daraus,
Vielleicht geh‘n uns nur die Maikäfer ein kleines Stück voraus.“

Passt total gut nach Reinickendorf.

Zurück zum Müll im Aufzug: Jeder motzt. Und keiner ist es gewesen. Aber es käme auch keiner auf den Gedanken, ein Tempotaschentuch zu nehmen, sich zu bücken und unten den Pfirsich-Rest eben in den Mülleimer zu werfen. – Oder: „Die Türken sind so unfreundlich“. Merkwürdig, wir erleben was ganz anderes. Ist man vielleicht mal auf den Gedanken gekommen, genauer hinzuschauen, oder zu überlegen, wie die pampige Art der Berliner auf Südländer wirkt? Bekanntlich kommt bei „Herz mit Schnauze“ die Schnauze vor dem Herz.

„Berlin is nich mehr schön“, das kann ein nostalgisches Jammern sein, ohne ernsthaft zu überlegen, was man selbst zum wieder-schön-werden beitragen könnte. Da zieht man lieber nach Brandenburg. Da hat man wenigsten seine Ruhe! (Das íst keine Ironie, sondern auch ein Zitat.)

„Berlin is nich mehr schön“, sagen auch viele z.B. im Prenzlauer Berg oder Neukölln. Hier ist nicht „Türke“ das Stichwort (ganz im Gegenteil), sondern „Gentrifizierung“. Mit anderen Worten, einen Stadtteil so herauszuputzen, die Altbauten so nobel zu sanieren, alles so schön zu  machen, dass der normale Mensch sich keine Wohnung mehr leisten kann. Im „Prenzlberg“ ist es längst so weit. In Neukölln wehrt man sich noch: „Zwangsräumung geht uns alle an!“

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Ein Straßenfest, irgendwie typisch für Kreuzberg und Neukölln, kreativ, anarchisch, etwas versifft, gut drauf und ausgesprochen kommunikativ. Statt zu jammern, werden Spielräume genutzt und offensiv ausgeweitet.

Und dabei versucht man, der Stadtverwaltung und Landespolitik wo es geht ein Schnippchen zu schlagen. Entweder geschieht das durch Bürgerinitiativen, die vollkommen unausgereifte (wie die Bebauung des Tempelhofer Feldes) oder auch plausible (wie den Vorschlag des Bezirksbürgermeisters von Köpenik, in der Altstadt Parkgebühren zu erheben!) Initiativen der Politik erfolgreich abwatschen. Die Parkgebühren wurden in der Volksabstimmung gestern mit 38.040 gegen 6424 Stimmen abgelehnt! Begründung: „Ick lass‘ mir doch nich‘ ausrauben.“

Oder anarchische Initiativen sind so erfolgreich, dass die Behörden sie irgendwann dulden oder sogar zu öffentlichen Einrichtungen machen.

Das wird besonders deutlich, wenn man über das Tempelhofer Feld wandert. Die Gebäude ringsum liegen scheinbar am Horizont. Und auf dieser unfassbar riesigen Fläche mitten in der Stadt hat sich ein „urbanes Landleben“ entwickelt, das seinesgleichen sucht. Ich verzichte jetzt auf Einzelbeschreibungen und zeige euch nur eine Reihe von Fotos:

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Ich muss sagen, dass mir der anarchisch-kreative Ansatz näher liegt. Denn hier werden wenigstens Lösungen gesucht. Allerdings manchmal auch rückwärtsgewandt. Und dadurch werden die Probleme Berlins auch nicht kleiner.

Wenn Jesus sagt: „Wer die Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes“, spricht er eine Weisheit aus, die nicht nur für das Reich Gottes, sondern auch für eine Stadt wie Berlin gilt. Allerdings, das keinem Menschen der Lebensraum entzogen wird, das bleibt in jedem Fall eine zentrale Aufgabe – gerade für den Blick nach vorne .

Übrigens, der Ärger in Neukölln und Reinickendorf – so unterschiedlich er auch ist – hängt unmittelbar zusammen: Gerade weil in den ehemals „verkommenen“ Stadtteilen rasant günstiger Wohnraum vernichtet wird, ziehen die Leute nun in den Berliner Norden, wo die Wohnungspreise noch moderat sind. Unter anderem deshalb sind wir ja auch hier gelandet.

Berlin is nich mehr schön? Ich setz jedenfalls ein dickes Fragezeichen hinter den Satz, ohne die jeweiligen Probleme leugnen oder verharmlosen zu wollen.

Wir jedenfalls lieben den grünen Berliner Norden wie die verrückten Stadtteile. Und sanierte Altbauwohnungen sind nun wirklich nicht zu verachten, auch wenn wir sie uns nicht leisten können. Deshalb jetzt noch ein paar Fotos von unserem schönen Berlin:

Der Köppchensee am Berliner Mauerweg ganz im Norden (bei Alt-Lübars)

Der Köppchensee am Berliner Mauerweg ganz im Norden (bei Alt-Lübars)

Die Ditip-Moschee am Alten Türkischen Friedhof aus dem 19. Jhdt. (Tempelhofer-Feld)

Die Ditip-Moschee am Alten Türkischen Friedhof aus dem 19. Jhdt. (Tempelhofer-Feld)

Sanierte Stuckfassade in Kreuzberg

Sanierte Stuckfassade in Kreuzberg

Abendhimmel über dem Regierungsviertel

Abendhimmel über dem Regierungsviertel

Sommer im Tiergarten

Sommer im Tiergarten

Philharmonie und Potzdamer Platz bei Nacht

Philharmonie und Potzdamer Platz bei Nacht

"Blühender Dom"

„Blühender Dom“

Gaukler-Festival auf dem Alexanderplatz

Gaukler-Festival auf dem Alexanderplatz

Mein schöner Arbeitsplatz: Zentrum am Hauptbahnhof der Berliner-Stadtmission (Modell)

Mein schöner Arbeitsplatz: Zentrum am Hauptbahnhof der Berliner-Stadtmission (Modell)