Archiv der Kategorie: Entdeckungen

Berlin ist eine spannende, dynamische und kontrastreiche Stadt in der es unendlich viel zu entdecken gibt. Einiges, worauf ich stoße, möchte ich hier zeigen.

Berliner Lebenswelten (Ein Sonntag im Winter)

Als ich neulich an einem Winter-Sonntag früh zum Gottesdienst durch die Stadt fuhr – mit blog-42-21dem Auto und das heißt oberirdisch (nicht mit der U-Bahn und auch nicht S-Bahn, wo man vor allem Bahngelände zu sehen bekommt) – als ich so durch Mitte, Friedrichshain und Lichtenberg fuhr, da sprang mich ein Gefühl an, dass ich früher manchmal auch schon in Köln hatte, ein gedanklicher Schwindel wie beim Betrachten des Sternenhimmels in seiner unendlichen Weite und Tiefe: In allen diesen riesigen Wohnblocks gibt es jeweils Hunderte von Wohnungen. Und in jeder dieser Wohnung leben Menschen – als Familie, gepatchworkt,  mit Partner, viele auch allein (aus sehr unterschiedlichen Gründen). Und jeder einzelne Mensch, Mann, Frau, jung, alt, jugendlich oder midlifig, Greis, Säugling, – jeder einzelne Mensch, arm, reich, mittel, bildungsnah, bildungsfern, – jeder einzelne Mensch ist der Mittelpunkt seiner Lebenswelt, seines Universums. Wir können gar nicht anders, das macht ja gerade das Bewusstsein des Menschen aus: als „Ich“ zu sein, zu denken, zu fühlen, zu handeln. Dreikommasechs Millionen individuelle Lebensmittelpunkte allein in Berlin.

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Jeder einzelne Mensch empfindet anders, hat andere Vorlieben und Abneigungen, Alltags- und Freizeitbeschäftigungen, Stärken und Schwächen, Hoffnungen und Angstpunkte, Lieblingsmusik, Lieblingsbücher, Lieblingsspeisen, Lieblingsfarbe, Lieblingsgeschäfte und Lieblingsbeschäftigungen…

Und so habe ich an dem Morgen beschlossen: Ich fotographiere einfach mal die Lebensräume, denen ich an diesem Sonntag begegne. Berliner Lebenswelten. Und zeige euch jetzt einiges davon. Da ist nichts Spektakuläres bei. – Aber lasst die Bilder mal auf euch wirken, mit meiner gerade beschriebenen „Brille“ in Kopf.

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(Hier wohnen wir übrigens im 13. Stock, tolle Aussicht!)

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Und was mich genauso schwindeln lässt wie ein Blick in den Weltraum ist nun, dass Gott diese Aber-Milliarden Lebenswelten extrem genau kennt, versteht, mitten drin ist – auch wenn die wenigsten das wissen oder ahnen. Wir untereinander können immer nur eine sehr begrenzte Zahl von Menschen mehr oder weniger gut kennen und verstehen lernen. Und selbst bei denen, die sich eine Wohnung teilen, ist das gegenseitige Verständnis oft recht begrenzt.

Gottes Kenntnis geht hingegen tiefer als alle unsere Selbsterkenntnisse. „Du sieht mich“, ist das Motto des diesjährigen Kirchentages hier in Berlin (und anderen Lutherstädten auf dem Weg). Als zentralem Bibeltext geht es dabei um die Geschichte der ägyptischen Sklavin von Sarai und Abraham, Hagar, die mehrfach genau diese Erfahrung macht: „Du bist Gott, der mich sieht“.

Und das gilt eben auch für die Dreikommasechsmillionen individueller Lebensmittelpunkte allein in Berlin und die Guteinemillion in Köln usw.! Bei dem Gedanken platzt mir förmlich das Hirn. Aber ich muss – Gott sei Dank – ja auch nicht Gott sein.

Das mal nur ansatztweise durchzubuchstabieren für die unterschiedlichen Menschen in unserer Stadt, finde ich ausgesprochen faszinierend. Z.B. auch für die rund um den Bahnhof Zoo:

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In der Arbeit der Berliner Stadtmission geht es immer wieder darum, Menschen gerade aus den häufig übersehenen Lebenswelten in den Blick zu nehmen.

Und bei Dynamissio, dem Missionarischen Kongress in Berlin vom 23.-25.3., wird es ein Schwerpunkt sein, unterschiedliche Lebenswelten hier in der Stadt kennenzulernen. (Dazu werde ich übrigens eine kurze Einführung im Plenum geben). Man kann sich noch anmelden!

Zum Schluss noch ein Hinweis: Das Büchlein, weshalb ihr im vorigen Jahr so lange auf meinen Blog verzichten musstet, ist jetzt da:

Brunnen-Verlag
144 Seiten, Paperback
13,8 x 20,8 cm
15,00 €
Bestell-Nr.: 192076
ISBN: 978-3-7655-2076-1
EAN: 9783765520761
1. Auflage

 

 

 

 

 

 

Myfest

1. Mai in Berlin. Die Stadt brummt. Mal wieder mehr als eh schon. Erst recht bei diesem Traumwetter. Die Gewerkschaften haben eine Demontration vom Hackischen Markt zum Brandenburger Tor organisiert, woran einige Tausend teilnehmen. Aber richtig voll ist es in Kreuzberg beim sogenannten „Myfest“ (gesprochen wie Maifest, aber mit der englischen Bedeutung: Das ist mein Fest). So richtig Kreuzberg! Schrill. Laut. Links. Die Organisatoren haben in Ihrem Flyer (früher hieß sowas Flugblatt) parolenmäiß formuliert, worum es ihnen geht.

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Das Ganze auf 8 Bühnen zwischen Görlitzer Bahnhof und Moritzplatz, Skalitzer Straße und Mariannenplatz.

Ich habe mich circa drei Stunden lang unters Volk gemischt, die allergrößte Mehrheit davon 20 – 30 Jahre jünger als ich. Allerdings musste ich das Politische dann echt suchen.

Bei dieser Bürgersteig-Kunst hier in der Oranienstraße fällt es mir jedenfalls schwer, das politisch zu interpretieren:

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Also weiter. Ich spar mir jetzt erst mal meine Kommentare und zeige euch statt dessen meine Fotoserie. Macht euch selbst ein Bild.

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Also eigentlich eine Partymeile mit türkisch-arabischer Musik und unzähligen Rauchopfer-Grills. Auf dem Mariannenplatz mischen sich dann unter die Fress-Stände doch ein paar linke Infozelte.

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Was Waffeln mit dem Türkei-Deal zu tun haben, frage ich mich allerdings schon.

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Hinter der Bühne der Linken: Die St.-Thomas-Kirche. So wie Heilig-Kreuz beim Karneval der Kulturen am Pfingstmontag ist auch diese hier jetzt geöffnet. Und permanent gehen Menschen dort ein und aus. Innen ein modern gestaltetes Kirchenschiff (wobei man beim Blick nach oben genau sieht, bis zu welcher Höher das Renovierungsgeld gereicht hat). Deutlich weniger Trubel. Ein Tisch für Gebete, der intensiv genutzt wird.

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Das richtig alternative Kreuzberg gibts natürlich auch noch, wie hier das wilde Camp hinter dem Zaun mit den merkwürdigsten Wohnmobilen.

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Und natürlich darf die Einladung zur Hanfmesse Berlin in dem ebenso wilden Camp an der Schillingbrücke an so einem Tag auch nicht fehlen. (Hier findet man jetzt schon eine Weiterverarbeitung dieses Rohstoffes)

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Genauso wenig darf das riesige Polizeiaufgebot fehlen (Da kommen sogar auch nochmal die grünen Mannschaftsbusse zum Einsatz). In früheren Jahren gab es zum 1. Mai immer heftige Ausschreitungen.

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Dieses Jahr bleibt alles ruhig, jedenfalls zunächst.

Wie revolutionär ist Kreuzberg heute noch? Nicht nur Soziologen beobachten deutliche Verschiebungen. Auch diese Ladenbesitzer in der Oranienstraße, die die Kommerzialisierung und Partysierung des Myfestes als Abfall vom wahren Kreuzbergtum entlarven:

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Immerhin startet gegen 18 Uhr am Oranienplatz dann doch noch eine ziemlich spontane, aber genehmigte „Revolutionäre 1.-Mai-Demo“: Laut, mit Antifa-Fahnen, Böllern, dem Ruf „Refugees are welcome here“. In der Köpeniker Straße zählt die Polizei inzwischen 13.000 Teilnehmer. Am Ende, am Lausitzer Platz, fliegen dann doch noch an die 100 Flaschen auf die Polizei (nicht nur von Demonstranten, sondern auch von Touristen, wie der Tagesspiegel berichtet). Ansonsten gibt es offenbar kaum Übergriffe. Auf der Oberbaumbrücke geht die Musikparty jedenfalls ungestört weiter.

Vernünftig – oder läppsch geworden?

Kontrastprogramm am Morgen:

Heute haben wir vom missionarischen Team der Stadtmission ein neues Veranstaltungsformat gestartet:

Mit_Gott_auf_der_Spree-2016-1_02_9ba01a525dAb dem 1. Mai findet an den ersten Sonntagen im Monat nicht mehr der traditionelle Schiffsgottesdienst statt, sondern diese 90-minütige Bootsfahrt mit überraschenden Entdeckungen, Live-Musik und den eben etwas anderen touristischen Hintergrundinformationen während der Bootsfahrt. Zum Abschluss gibt es ein Friedensgebet und eine Strophe „Geh aus mein Herz“.

Obwohl die Reederei die Werbung verschnarcht hatte, war das Schiff fast voll. Und die Gäste waren von unseren Erklärungen und Anekdoten, der Musik von Sebastian Bailey (Saxofon, z.T. von mir auf Gitarre begleitet), dem Quizz und den geistlichen Inhalten begeistert. Den Löwenanteil der inhaltlichen Vorbereitung hatte Lorenz Bührmann übernommen, der aber als ausgebildeter Domführer auch besonders befähigt ist. Und immer noch ne Story in Reserve hat! Das war auch gut so, denn zwischendurch blieben wir fast eine halbe Stunde am Nikolaiviertel mit Motorschaden liegen – was aber die Stimmung überhaupt nicht trübte.

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Die nächsten Termine (gleiches Programm, aber andere Mitwirkende) findet ihr auf der Homepage: http://www.berliner-stadtmission.de/aktuelles/mit-gott-auf-der-spree/

Dort findet ihr wie immer auch das Spendenkonto, falls ihr diese Veranstaltung finanziell unterstützen mögt.

Zum Schluss noch ein wichtiger Hinweis:

Bis  August werde ich jetzt mit dem Blog pausieren. Sven Lager und ich schreiben gerade an einem Buch mit Geschichten aus unserer Flüchtlingsarbeit mit Erläuterungen zur Praxis und zum theologischen Hintergrund. Und das hat jetzt Vorrang, damit es Anfäng nächsten Jahres erscheinen kann (Brunnen-Verlag). – Meine öffentlichen Termine aktualisiere ich aber weiterhin.

 

„Das Beste an Weihnachten ist…“

Berlin ist immer wieder für eine Überraschung gut. Und zwar nicht nur Überraschungen, die zum „alles-ist-möglich“-Klischee passen oder zum „Berlin-is-ne-riesen-Party“-Klischee. Letzteres wird natürlich auch in der Adventszeit intensiv bedient. So zum Beispiel auf der Kirmes an der Jannowitzbrücke, die zu Recht nicht Weihnachtsmarkt heißt. Wobei ich den offiziellen Titel „Wintertraum“ jetzt auch nicht unbedingt passender finde. Aber das liegt wahrscheinlich an mir.

Blog 37-10Das gnadenlosen Nebeneinanderstellen von sehr unterschiedlicher Bildsprache bei dieser Volksbelustigung hat mich allerdings schon ein bisschen sprachlos gemacht: Gebrannte Mandeln und Horror-Achterbahn, Nikolaus und Revolverheld.

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So grotesk mir das auf den ersten Blick erschien, so kann man genau dieses Aufeinanderprallen aber auch als treffenden Spiegel unserer aktuellen Lage sehen.
Die Welt ist aus den Fugen geraten. Gut und Böse, Krieg und Frieden lassen sich immer weniger auseinander sortieren.

Wir sind im Krieg. So jedenfalls muss man es doch verstehen, wenn jetzt unsere Soldaten und Flugzeuge an der Seite Frankreichs und anderer den Feind IS mit militärischen Mitteln zu vernichten, mindestens zu schwächen versuchen.
Wir sind im Krieg, wenn schwarz-weiß-Propaganda – egal ob von rechts oder links außen – jede differenzierte Wahrnehmung der Wirklichkeit verhindert.
Wir sind im Krieg, wenn wir womöglich fürchten müssen, dass neben uns eine Bombe explodiert. Wenn in einem Jahr über 500 Anschläge auf Flüchtlingswohnheime ausgeübt werden und auf facebook die menschenverachtendsten Dinge gepostet, „geliked“ und geteilt werden.
Wir sind im Krieg, wenn der Hass auch bei uns in die Köpfe einzieht, der Hass, der im Flüchtling nicht mehr den Mitmenschen sieht, sondern nur die Gefahr, oder der ideologische Hass, der im angstbesetzten und überforderten Einheimischen nur noch den Nazi sieht.

Lukas-Kantorei in der St. Lukas Kirche

Adventskonzert der Lukas-Kantorei  in der St. Lukas Kirche

„Tochter Zion, freue dich, jauchze laut Jerusalem … ja er kommt, der Friedefürst“, haben wir in der Adventszeit gesungen, in Gottesdiensten und Adventskonzerten. Aber ist das nicht nur ein Pfeifen im Wald angesichts des zunehmenden Unfriedens – auch zwischen den unterschiedlichen Gruppen in unserem eigenen Land. In der Adventsfeier für die Mitarbeitenden der Stadtmission bin ich in meiner Predigt über Sacharja 9,9-11 zu folgenden Schlüssen gekommen:

Plötzlich wird das Trostwort zu einer klaren Herausforderung: Auf welche Seite stellen wir uns mit unserem Denken, Reden und Handeln?
Auf die Seite derer, die um sich schießen – und sei es mit Worten? Oder auf die Seite des Messias-Königs, dessen Reich sich ganz anders ausbreitet?
Er bedient sich eben nicht der Mittel der anderen Machthaber und Gebieter. Er reitet eben nicht auf einem Ross oder auf einem Kriegswagen ein. Er benutzt nicht Böses zur Eindämmung des Bösen. Er arbeitet nicht mit Druck und Drohung. Und doch hat er die stärkeren Argumente. Weil er selbst frei ist von Hass und Angst, entsteht um ihn herum ein immer größerer hass- und angstfreier Raum.

Durch seine Versöhnung und die Kraft seines Wortes sind Menschen aus allen Völkern zu Liebhabern des Friedens geworden, zu Boten von Gerechtigkeit und Hilfe, die jetzt schon ein messianisches Versöhnungs-Netzwerk bilden „von einem Meer bis zum anderen.“ Und wir dürfen und sollen dazugehören.
An seiner Seite weicht die Angst, auch wenn die Verhältnisse noch beängstigen sind.
An seiner Seite fällt Menschenverachtung ziemlich schwer, selbst wenn andere uns als Hunde bezeichnen.
An seiner Seite wird Hass als Sackgasse enttarnt, weil Liebe den Hass ins Leere laufen lässt.
An seiner Seite entstehen verblüffende Handlungs-Alternativen, auf die die Feinde niemals kommen würden: „Tut wohl denen, die euch hassen.“

Das ist das Beste an Weihnachten, dass wir freien Zugang zu solchen Alternativen bekommen haben, die transformierende Kraft haben. Damit kommen wir vielleicht auch mal über das alljährliche Gejammere über den ganzen Weihnachtskonsum hinaus, das nichts ändert. Nicht ändern kann, solange man sich auch damit immer nur um sich selbst dreht. Blog 37-7Ich finde jedenfalls, der Adventskalender der Geschäfte im Hauptbahnhof hat etwas entwaffnend Ehrliches.

Welche transformierende Kraft die Versöhnungsbotschaft aber haben kann, war vor wenigen Wochen in der neuen von der Stadtmission betriebenen Notunterkunft für etwa 1000 Flüchtlinge in Spandau zu erleben. Zum Hintergrund muss zunächst erklärt werden, dass wir erst ganz frisch die Erlaubnis des Landesamtes haben „unsere Standards“ einbauen zu dürfen, d.h. ausreichend Sanitäranlagen, Waschmaschinen, Raum-in Raum-Kabinen (statt riesiger nur mit Bauzäunen abgetrennter Schlafbereiche), Spiel- und Betreuungsräume für Kinder usw.. Nicht mal das Licht war in der Nacht auszuschalten, weil es keine Notbeleuchtung gab. Also total stressige Umstände. Dazu die Ungewissheit, das Warten, die Fremdheit…

Durch irgendeinen letzten Tropfen lief das Fass über und es gab in der Nacht zum 1. Advent eine Massenschlägerei mit Einsatz von Polizei und Krankenwagen.

(Foto: Berliner Stadtmission)

(Foto: Berliner Stadtmission)

Feuerlöscher wurden zweckentfremdet und einiges ging zu Bruch. Die Einrichtungsleitung und weitere Mitarbeitende der Berliner Stadtmission waren aber vor Ort und begannen sofort mit Deeskalation und Aufräumarbeiten – die ersten, die mit anpackten, waren die Flüchtlinge selbst.

Schon am nächsten Vormittag wurde mit den Instandsetzungsarbeiten begonnen – zusammen mit den Bewohnern. Gemeinsam traten Vertreter aus den verschiedenen Volksgruppen vor die Bewohner und riefen zum Frieden auf. Pakistanis, Syrer, Kurden, Iraker, Afghanen, Männer wie Frauen und Kinder reichten sich die Hände. Beteiligte der Auseinandersetzung entschuldigten sich.

(Foto: Berliner Stadtmission)

Versöhnungsfest (Foto: Berliner Stadtmission)

„Wir alle wollen Frieden. Es gibt immer ein paar Wenige, die Schaden anrichten – in jeder Gruppe“, war die einhellige Meinung in den Gesprächen.

Am Nachmittag, schon 16 Stunden nach Beginn der Aufräumarbeiten, fand ein Fest des Friedens statt, bei dem sich diejenigen, die als erste ausgerastet waren, bei allen entschuldigten.

Zurück zu den Berliner Überraschungen. Im Rheinland waren wir es gewohnt, dass man beim Einkaufen an der Kasse usw. nicht etwa „Frohe Weihnachten“ gewünscht bekam, sondern weltanschaulich neutral „Schöne Feiertage“ (wie auch an Ostern und Pfingsten). Wie überrascht waren wir jetzt in Berlin, beim Brötchenholen oder Wochenendeinkauf oder im Fahrstuhl als Gruß „Einen schönen 1. Advent“ zu hören.

Und man denkt: Ganz so gottlos ist Berlin doch nicht.

afrikanische Krippe beim "Markt der Kontinente" in den Dahlemer Museen

Afrikanische Krippe beim „Markt der Kontinente“ in den Dahlemer Museen

Wobei dann auch schnell wieder eindrückliche Gegenbeispiele kommen. Bei der Weihnachtsfeier der Wohnhilfen (Eingliederungshilfe für ehemalige Obdachlose bzw. von Obdachlosigkeit bedrohte) habe ich gefragt, wer eine Krippe kennt von zu Hause oder aus der Kirche. Von den 25 Personen (einschließlich Mitarbeiter) meldeten sich vielleicht sechs und nur eine, die zu Hause eine Krippe hatten.

Gleichzeitig ist diese geringe religiöse Vorprägung auch immer wieder ein schöne Gelegenheit, Interesse zu wecken, sozusagen brachliegenden Boden zu bestellen.

Daran arbeiten wir, d.h. mein Kollege Andreas Schlamm und ich, auch in den verschiedenen innerbetrieblichen Fortbildungen.

Und darum geht es natürlich auch in der Heilig Abend Feier für Wohnungs- und Obdachlose heute Nachmittag im Zentrum am Hauptbahnhof. Inzwischen sind ca. 60 % der Obdachlosen in Berlin Osteuropäaer, die bei dem Versuch, hier ihr Glück zu machen, gestrandet sind. D.h. in dem Kurzgottesdienst muss möglichst vieles auf Polnisch und Russisch übersetzt werden. Rumänisch wär auch gut. Und die Botschaft von der Nähe Gottes zu unserem Leben muss sichtbar werden. So sieht unsere Bethlehem-Szene zur Weihnachtsgeschichte auch ein bisschen anders aus, als sonst in Krippenspielen.Blog 37-33

Für Obdachlose haben wir übrigens jetzt im Dezember neben der Bahnhofsmission Zoo (wieder einmal finanziert durch die Deutsche Bahn Stiftung sowie den Berliner Senat) ein Hygienezentrum eingerichtet, in dem Menschen von der Straße, zur Toilette gehen, duschen, waschen und sich die Haare schneiden lassen können. Wie viel Wertschätzung liegt darin, so gebeutelten Menschen ein solch edles Ambiente bereitzustellen!

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Im Refugio in Neukölln entwickelt sich inzwischen eine geistliche WeggemeinschaftBlog 37-30 als Keimzelle des geplanten Stadtklosters:

Jeden Dienstag und Freitag gibt es um 8 Uhr ein offenes liturgisches Morgengebet. Einmal im Monat (an einem Abend in der Woche) feiern wir einen internen Abendmahlsgottesdienst mit viel Stille.

Blog 37-31Dann essen wir als Weggemeinschaft mit zur Zeit 8 Personen gemeinsam Abend. Und einer erzählt seine geistliche Lebensgeschichte.

Aber auch die Gemeinschaft von Einheimischen und Neuankömmlingen im Refugio entwickelt sich positiv weiter. Genauso wie das Café und die programmatische Reflexion der Arbeit:

Sharehaus Refugio ist ein Ort, wo man Zuflucht finden kann, d.h. Schutz und Heimat, wo Gemeinschaft in gegenseitiger Wertschätzung und Unterstützung gelebt wird und Raum ist, Erneuerung zu erfahren und zur Erneuerung der Gesellschaft beizutragen.

Zum Schluss noch zwei musikalische Leckerbissen des Advents:

  1. Das Benefizkonzert (für unsere Kältehilfe) der Soulsängerin Jocelyn B. Smith in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche. Sie ist inzwischen nicht mehr die Jüngste, aber verströmt dermaßen viel Energie und Menschenfreundlichkeit, dass die rappelvolle Kirche innerhalb von gefühlten 30 Sekunden auf den Beinen ist, mitsingt und – tanzt.Blog 37-17 Blog 37-19
  1. Ein ganz kleines Format in der S-Bahn. Blog 37-22Häufig gibt es Musiker oder Gruppen, die reinkommen, ganz kurz Musik machen, 36 Takte später schon mit ihrem Becher rumziehen, um Geld zu sammeln, und bei der nächsten Station wieder verschwunden sind. Ein osteuropäischer Gitarrist morgens machte es anders. In aller Ruhe und Bescheidenheit spielte er drei oder vier virtuose klassische Gitarrenstücke. Nach und nach schauten immer mehr von ihren Handys, Zeitungen und Büchern auf, Stöpsel wurden aus Ohren gezogen und man lächelte sich an. Einige verzauberte Minuten. (Übrigens: Ein durchaus geschicktes Geschäftsmodell, wie mir scheint, jedenfalls im Bezug auch auf meine Bereitschaft, nicht nur 50 Cent zu geben.)

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Alles in allem gibt es für uns viel Grund, mit großer Dankbarkeit auf eine Jahr zurückzublicken, das so voller Leben war.

Ich danke Euch fürs Lesen, Anteilnehmen und alle Rückmeldungen. Und wünsche Euch jetzt gesegnete Weihnachten, erfreuliche Jahresrückblicke und Gottes Segen für das Kommende.

Bunter geht Herbst nicht!

Ihr werdet Euch vielleicht schon gewundert haben, dass auf dieser Frequenz so lange Funkstille war. Es lag schlicht daran, dass dieser Herbst für mich dermaßen bunt und gefüllt war, dass ich nicht dazu gekommen bin, mal wieder Blog zu schreiben. Ja, ich kriege es aus dem Kopf auch kaum noch zusammen, zu welchen Anlässen ich außerhalb von Berlin unterwegs war:

Ende September:
Vorstand und Mitgliederversammlung des Gnadauer Verbandes in Bensheim/Bergstraße.

Urlaub im Harz (das Titelfoto habe ich in Quedlinburg aufgenommen) und in Weimar, wo wir eingetaucht sind ins Herz klassischer deutscher Kultur – was für ein Reichtum, an dem wir auch „Neulingen“ in Deutschland Anteil geben können. Wie universal und völkerverständigend hat ein Goethe bereits gedacht.Blog 36-4 Blog 36-3

(Wie beeindruckend auch, vor den Original-Bildern und Skulpturen zu stehen, die ich schon aus Schulbüchern kenne)

12. Oktober:
Fahrt zur Verleihung des Deutschen Architekturpreises für die kölner Immanuel-Kirche nach Hannover ins Schloss Herrenhaus:

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Das hatte schon was: An der Spitze eines Auswahlverfahrens unter 160 vorgeschlagenen Projekten zu landen. Aber wirklich zu Tränen gerührt war ich, als Professor Sauerbruch nachher im kleinen Kreis zu Christiane Friedrich (Presbyteriumsvorsitzende in der Brückenschlag-Gemeinde in Köln) und mir sagte, dass er das Preisgeld in Höhe von 25.000 € je zur Hälfte an die Gemeinde in Stammheim/Flittard und für meine Arbeit bei der Stadtmission spenden wolle. Auch an dieser Stelle ein ganz herzlicher Dank dafür!

Ende Oktober sind wir zunächst ein Wochenende zum 93. Geburtstag meiner Mutter in den „Westen der Republik“ gereist.

Und kurz vor dem Monatswechsel war ich nochmal dienstlich in Kassel – Treffen des Gnadauer Vorstandes mit Vertretern der EKD – und Marburg -Treffen mit den Dozenten der Theologischen Hochschule Tabor, weil wir in Berlin in Kooperation mit Tabor einen neuen Bachelor Studiengang gründen wollen, in dem theologisch- und gemeinwesen-kompetente Gründer von „Neuen Evangelischen Orten“ (NEOs) ausgebildet werden. (Die Idee, solchen Projekten anstelle des englischen „fresh-X“ einen schönen und sinnvoll abkürzbaren Namen zu geben, stammt von meinem Kollegen Andreas Schlamm). Aber natürlich wird der Studiengang nicht nur zu Neugründungen sondern zur Transformation bestehender Arbeit befähigen – ganz im Sinne des Gnadauer Programms „Neues wagen“.

Vorige Woche waren wir dann noch mit der Erweiterten Konvent der Berliner Stadtmission (also auch alle Einrichtungs- und Projektleiter) zu einer dreitägigen Klausur in unserem Luther-Hotel in Wittenberg. Hier der Blick aus meinem (fliegenvergitterten) Hotelfenster auf die Stadtkirche und zwei Fotos aus dem Lutherhaus, einem anderen Herzstück der deutschen Kultur, dessen Besuch bei mir ähnliche Gefühle und Gedanken auslöste, wie Weimar.

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Dieser Spruch von Martin Luther markiert nun zugleich ein hochaktuelles Thema. Denn einerseits ist völlig klar, dass die Kirche es überaus dringend braucht, sich aus ihren Mauern und Scheuklappen nach draußen zu begeben mitten hinein ins Leben, in die Alltagskultur, und das heißt in die kreative Avantgard genauso wie in die „Raucherecken“, in die Plattenbauten wie in die Flüchtlingshallen. Also „Inkulturation“.

Aber das doch immer so, dass zugleich deutlich wird, inwiefern eine von Jesus her geprägte „Denke“ nochmal ganz andere Perspektiven einbringt. Also „Kulturkritik“.

In der Flüchtlingsarbeit z.B.: Der Staat und die politisch eher links geprägten Engagierten würden am liebsten Religion ganz ausklammern (auch die innerhalb der Kirche). PEGIDA und ähnlich gelagerte evangelisch-rechtskonservative nutzen jede Gelegenheit, den Islam vollkommen undifferenziert zu dämonisieren. Und leider gibt es auch bereits respektlose und manipulative Missionierungsversuche, die dem Geist Jesu widersprechen.

Aber „Wo Christus ist, geht er allezeit wider den Strom.“ Man könnte auch sagen: Setzt er sich zwischen alle Stühle. Und genau daran arbeiten wir auch als Berliner Stadtmission fleißig:

Denen, die in den Notunterkünften schon direkt und ungebeten arabische Bibeln verteilen wollen, erteilen wir eine Absage. Zugleich arbeiten wir daran, wie alle Neuankömmlinge in offener Weise kennenlernen „wie Deutschland“ tickt – und das bedeutet natürlich, wie stark das Land aus dem christlichen Glauben heraus geprägt ist und was christlicher Glaube heute bedeutet. 90 % derer, die zu uns kommen, sind religiöse Menschen. Wie verantwortungslos wäre es, dieses Thema zu tabuisieren. Denn erst, wenn wir miteinander darüber ins Gespräch kommen, statt auszublenden oder überzustülpen, kann es gelingen, dass Frieden untereinander wächst und die Flüchtlinge etwas lernen, dass sie zuhause nie haben lernen können: Dass Versöhnung, dass Frieden zwischen Unterschiedlichen möglich ist. Und – oft nicht zu Ende gedacht – suchen sie doch auch deshalb gerade bei uns Zuflucht. Aber wir müssen ihnen beibringen, wie das gelingen kann – sofern wir selbst dazu in der Lage sind. „Wo Christus ist“, sind wir dazu in der Lage. Denn „die Liebe treibt die Furcht aus“.

Zurück zur Berliner Stadtmission:

Vor vier Wochen haben wir – mal wieder in einer unvergleichlichen Hauruck-Aktion – die Trägerschaft für eine neue Flüchtlingsnotunterkunft übernommen: Diesmal im Norden von Spandau in leerstehenden Industriehallen und für eintausend bis eintausendfünfhundert Flüchtlinge.

Leider sind wir – abgesehn von der Schwierigkeit innerhalb weniger Wochen mindestens 60 geeignete Personen für die Arbeit einzustellen –  dort in der Zwickmühle, dass wir die notwendigen Einbauten nicht selbst vornehmen dürfen, sondern das Berliner Immobilienmanagement im Auftrag des LaGeSo (Landesamt) dafür sorgen muss. Man muss leider mal wieder sagen: Wo Berlin drauf steht, ist auch Berin drin :-(.

Dementsprechend sind die sanitären Anlagen auch nach vier Wochen noch unverändert… – ich will nicht zu viel sagen. Auch alles andere, was unseren Standards entspricht und zugesagt wurde, fehlt immer noch. Eine sehr schwierige Situation. Aber mal wieder mit unfassbar engagierten Mitarbeitenden und bereits Hunderten von Freiwilligen. Sonst ginge es gar nicht. Hier ein paar ganz nette Fotos:

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Rund ums Thema Frieden drehte sich auch das große und wunderbar multikulturelle Friedensfest (mit vielen Partnern aus der Straße) vor unserer St. Lukaskirche am 4.10.:

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Friedensfest in der Bernburgerstraße

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Vereinigte Chöre – einschließlich Gebärdenchor der Gehörlosengemeinde (im Foto rechts)

 

 

 

 

 

 

 

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Auf den Spuren von Krieg und Frieden waren wir auch am vorigen Sonntag bei unserer Wanderung durch die Döberitzer Heide, westlich von Spandau . Wahrscheinlich lösen die nächsten beiden Fotos bei euch ähnlich merkwürdige Gefühle aus, wie bei uns.

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Den Bericht über einen Herbst, wie er bunter nicht sein kann, möchte ich aber nun schließen mit ein paar einfach nur schönen Berlinfotos (die letzten beiden von unserm Treppenhaus  bzw. Balkon):

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Berliner Hochsommer

Ich mag den Hochsommer in Berlin. Ehrlich. Viele andere stöhnen über die Hitze. Natürlich ist es heiß. Aber Dank des leichten Ostwindes nicht schwül (nur ganz selten) – und nachts kühlt es meistens ganz schön ab. Wenn man vorher in der Kölner Bucht gelebt hat, ist das hier sehr viel angenehmer.

Angenehm ist auch, dass die S-Bahnen ziemlich leer sind, jedenfalls morgens auf dem Weg zur Arbeit. Keine Schüler – und auch sonst scheint halb Berlin ausgeflogen zu sein. Die zusätzlichen „Touris“ fallen kaum auf. Höchstens, wenn sie in einer orientierungslosen Gruppe mit riesen Rücksäcken und Koffern im Bahnhof Rolltreppen und Bahnsteige blockieren – und dabei nicht im Entferntesten merken, wie sehr sie im Weg sind. Da muss man manchmal richtig die Ellenbogen ausfahren. Und man bekommt am Abend eines heißen Tages in der S-Bahn  Sauna gratis, was auch nicht angenehm ist. Blog Nr 33 - 101Aber dann gibt es andere Erfreulichkeiten, wie dieser Cellist im U-Bahnhof Schönleinstraße (Neukölln), dessen einfühlsame Musik mir dann auch mal 2 Euro wert war.

Aber was macht man im sommerlichen Berlin – zum Beispiel an einem Spätnachmittag oder freien Wochenende (wenn man kein Tagestourist ist). Wir haben (nach unserem Bergurlaub in Tirol) unsere Entdeckungsreise an solche Orte fortgesetzt. Und natürlich möchte ich Euch wieder ein bisschen davon miterleben lassen.

Zwei Adressen für das hippe Berlin sind die Eastside-Galerie – längst berühmtester Mauerrest und natürlich auch ein Touristen-Tipp. In Friedrichshain gelegen, 1,5 km am östlichen Spreeufer entlang zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke nahe der O2-Arena: Nach der Wende haben 118 Künstler das Mauerstück von der Straßenseite aus bemalt, viele der Kunstwerke drehen sich um das Thema Frieden und Verständigung, bzw. die Überwindung von Mauern.

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Inzwischen ist aber nicht nur die Spreeseite mit mehr oder weniger schönen Graffitis verziert, sondern auch die Galerie-Seite ist nicht von zusätzlichen „Eintragungen“ verschont geblieben. Wir beobachten etliche Touristen, die meinen, sich mit Edding auf jedem einzelen Gemälde verewigen zu müssen.

Überhaupt ist es mindestens so interessant, die Kombination aus 25jährigem Kunstwerk und aktuellen Menschen auf sich wirken zu lassen. Hier ein paar Beispiele (klickt die Bilder einzeln an und achtet auf Details!).

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Bald ist man bei der architektonisch hübschen Oberbaumbrücke (1894-96 erbaut und zu DDR-Zeiten ein Grenzübergang) und auf der anderen Seite in Kreuzberg. Aber so richtig!

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Wir schlendern weiter, bis wir zum Görlitzer Park kommen, in Berlin seit Jahren berühmt-berüchtigt für seinen ergiebigen Drogenmarkt. Wohl deshalb macht auch der Baedecker einen großen Bogen um diesen Park, der aber ein echtes Erlebnis ist – jedenfalls an einem Sommernachmittag. Direkt am Parkeingang bekommt man IMG_6918den Eindruck, irgendwo in Schwarzafrika gelandet zu sein. Denn plötzlich sieht man nur noch Grüppchen dunkelhäufiger Männer beisammen stehen. Ein bisschen merkwürdig wirkt das schon. Aber wenn man mal riechen möchte, wie „Gras“ riecht (n‘ Joint), ist man hier an der richtigen Stelle, wie übrigens auch in der Hasenheide oder der Sonnenallee in Neukölln.

Wenn man im „Görli“ weitergeht durch diesen landschaftsarchitektonisch hochinteressanten, aber total verlodderten Park, wird es wieder „richtig Berlin“: Diese Mischung! Da grillt eine türkische oder arabische Familie, dort breitet sich ein Roma-Clan aus. Dazwischen überall – überwiegend junge – Einheimische, sagen wir mal mindestens Mitteleuropäer. Und dann auch immer wieder Gruppen, die in sich kunterbunt sind. Unzählige Fahrräder liegen herum. Und alles Volk ist total entspannt und gut drauf.

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Mitten im Park: Ein Kinderbauernhof mit Hühnern, Schweinen, einem Misthaufen! Natürlich von einer freien Initiative organisiert.

Jeden Morgen macht die neugegründete Laufgruppe vom Sharehaus Refugio, zu der auch unser Sohn Lukas gehört, seine Runden durch den Görlitzer Park. Die ganzen Dealer seien völlig ungefährlich – falls man nicht Drogensüchtig sei, bekomme ich erzählt. –

Noch innerhalb der Stadtgrenzen Berlins, aber eigentlich nicht mehr richtig Berlin, sondern eine Welt-für-sich durchstreifen wir am Samstag: Köpenik und Rahnsdorf ganz weit im Südosten am Müggelsee. In der Nähe der Rahnsdorfer Dorfkirche (und hier ist Dorf auch Dorf) leihen wir uns ein Zweier-Kajak und paddeln auf der Müggelspree in Richtung Neu-Venedig. Zu dieser idyllischen Siedlung, die mit ihren vielen engen Kanälen ihrem Namen alle Ehre macht, muss ich nicht viel erzählen. (Die Bilder sprechen für sich.) Höchstens dass der Boots- und Schiffverkehr einschließlich des dazugehörenden Wellengangs auf der Müggelspree unmittelbar an das Treiben auf dem Canale Grande in der Serenissima erinnert.

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Wieder an Altrahnsdorf vorbei paddeln wir noch zum kleinen Müggelsee: Nicht nur ausgesprochen wasserfahrzeughaltig, sondern auch mit einer tollen, amphietheater-artigen Badestelle (kostenlos). Im echten Venedig sollte man das Baden ja eher sein lassen.

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Dämlicherweise haben wir unsere Badesachen im Auto gelassen. Aber es gibt ja noch den Tegeler See ganz bei uns in der Nähe, in dessen Fluten wir uns gegen Abend noch stürzen werden. Vorher machen wir aber noch einen Abstecher in die Altstadt von Köpenick mit Rathaus, Schloss und: Wasser.

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Das ist dann doch auch wieder echt Berliner Hochsommer, wer sich hier unreglementiert IMG_6958gleichzeitig im Wasser (Dahme-Spree-Mündung) bewegt: Ausflugsdampfer und Schwimmer und sehr unterschiedliche Boote. IMG_6962

Was ist Erholung?, haben wir auf der Rückfahrt aus unserem Urlaub diskutiert: Endlich mal wieder ausgeschlafen sein? Klar, auch ganz wichtig. Aber welche Bedeutung hat der angeblich so wichtige Abstand vom Alltag? Ich habe irgendwo ein paar Gedanken dazu gelesen, die wir weiter denken:

Den Kopf frei bekommen, keine E-Mails lesen, beim Wandern oder Schwimmen mal nichts denken, die täglichen Herausforderungen der Arbeit mal vergessen – und dann auch wieder aus ganz anderer Perspektive anschauen. Ist vieles wirklich so wichtig, wie ich es oft denke? Mache ich mir im „normalen Leben“ einen Kopf um Dinge, die man auch ganz gelassen nehmen könnte? Sind meine Schwerpunkte richtig gesetzt? Usw.

Wie „erholt“ man ist, zeigt sich dann nicht nur an schönen Urlaubserlebnissen, die sich anschließend erzählen lassen. Vielleicht zeigt es sich noch mehr daran, ob und wie lange dieser andere Blick auf den Alltag – im Alltag anhält. „Der Alltag hat mich wieder“ ist womöglich eine viel fatalere Aussage, als es auf den ersten Blick erscheint. Aber habe ich Einfluss darauf, ob und wie lange Erholung im zweiten Sinne anhält? Kann oder muss ich dazu andere Denkmuster für den Alltag regelrecht einüben? Oder ist das einfach ein Geschenk?

Der Alltag hatte Christiane insofern ganz schnell wieder, als in der Notunterkunft für Flüchtlinge, den Traglufthallen am Poststadion schon wieder „Land unter“ war. Vorige Woche hatte das Landesamt mal an einem Tag ca. 1600 Flüchtlinge in der Erstaufnahme. Aber leider hat die Politik im vergangenen Jahr nicht etwa für grundlegende Verbesserungen zum Beispiel durch Einstellung ausreichend vieler neuer Mitarbeiter in den Behörden gesorgt. Und so sind schon nach einem kurzen Verschnaufen im Frühsommer die Verhältnisse jetzt wieder wie im vorigen Herbst oder schlimmer. Nur dass diesmal wirklich keiner sagen kann: „Das kommt aber jetzt unerwartet.“ Statt dessen hat man kostbare Monate mit einem lächerlichen Korruptionsskandälchen vertan, das nicht wirklich eins war.

So werden alle freien Träger (natürlich auch wir) mal wieder angebettelt, irgendwie zu helfen. Mittwoch und Donnerstag hat Christiane (und andere vom Team) bis halb zwei in der Nacht gerödelt, um dem neuen Ansturm Herr zu werden. Am Freitagabend um kurz vor 19 Uhr rief eine verzweifelte Mitarbeiterin vom LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales) bei Matthias Hamann, dem Chef unserer Traglufthallen, an, ob wir – zusätzlich zur überbelegten Halle – irgendwie noch 100 Flüchtlinge unterbringen könnten. Innerhalb von vier Stunden hat dann unser sensationelles Team organisiert, dass ein Teil der Winternotübernachtung geöffnet wird, und 60 Feldbetten zum Moscheeverein transportiert, mit dem wir (seit dem Ramadan) eng kooperieren. Um Mitternacht hatten alle Hundert ein Bett und was zu essen!

Und jetzt überlegen wir in der Stadtmission, wie wir die Hilfsbereitschaft vieler Menschen so nutzen und vernetzen können, dass Privathaushalte für ein zwei Nächte obdachlose Flüchtlinge aufnehmen können. Aber damit sind wir schon mitten im Thema meines nächsten Blogs (der hoffentlich nicht wieder vier Wochen auf sich warten lässt).

Allen Blog-Lesern wünsche ich jetzt erst mal noch einen schönen Hochsommer, ob daheim oder unterwegs. Erholt Euch gut!

Die Entdeckungsreise geht weiter…

… wirklich! –  aber inzwischen deutlich langsamer als in den ersten Monaten. Inzwischen sind wir in unserer Wohnung heimisch. Die Wege zur Arbeit sind vertraut. Auch viele andere Strecken sind zum Standard geworden. Orte, die vor ein paar Monaten noch etwas besonderes waren, werden selbstverständlich. Und: Die Arbeit wird umfangreicher; die Gedanken befassen sich auch unterwegs häufig damit. Dazu kommen bei mir vermehrt Dienstreisen. Das heißt, die Zeiten, in denen ich, in denen wir einfach so auf Entdeckertour sind, werden seltener.

Dabei hat die Neugier keineswegs abgenommen. Denn sobald ein wenig Luft ist, entdecken wir Neues, das wir noch nicht kennen, und stoßen auf „Denkwürdigkeiten“.

Das Titelbild ist einfach wenige 100 Meter von unserem Haus an einem kleinen Wassergraben aufgenommen. Abgesehen von der Schönheit des aufbrechenden Frühlings nicht weiter denkwürdig ;-), außer dass es einen anregen könnte, über die Kraft des Lebens nachzudenken, was ich aber jetzt nicht tun will.

Statt dessen möchte ich heute von zwei Entdeckungsräumen aus den letzten Wochen erzählen.

Zunächst einmal ging’s in den Südwesten von Berlin. Es interessant, wenn einem die Stadtteilnamen schon lange irgendwie schon etwas sagen – und man dann konkret dort hinfährt und mit offenen Augen durch die Straßen läuft. Vor ein paar Wochen also Dahlem und Steglitz.

Dahlem ist in mancherlei Hinsicht ein sehr traditionsreiches und denkwürdiges Pflaster. WP_20150216_13_56_04_Pro

Das fängt schon mit dem U-Bahnhof „Dahlem-Dorf“ an, der 1913 eröffnet wurde und auch wirklich nach Dorf aussieht. Laut Wikipedia wurde er 1987 in Japan zum schönsten U-Bahnhof Europas gekürt.

WP_20150216_14_18_49_ProDas gegenüberliegende ehemalige Rittergut ist heute mit Agrarhistorischem Freilichtmuseum versehen.

Bisher war mir  „Dahlem“ aber vor allem ein Begriff durch den Bekenntnispfarrer Martin Niemöller, unter dessen Leitung 1931 bis zu seiner Inhaftierung 1937 die Evangelische Kirchengemeinde hier zu einem Zentrum der Bekennenden Kirche wurde, die sich gegen die Gleichschaltung durch die Nazis, bzw. gegen die Vorscherrschaft der sog. „Deutschen Christen“ zu Wehr setzte. Das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem alleinigen Wort Gottes, dem wir zu vertrauen und gehorchen haben, war der Anker, um nicht in den ideologischen Sog hineingerissen zu werden.

Und wahrhaftig – auf dem Friedhof neben der ev. St. Annen-Kirche WP_20150216_14_16_04_Profinden wir den Grabstein von Helmut Gollwitzer und seiner Frau. Und gleich rechts daneben das Grab des evangelischen Theologen Friedrich Wilhelm Marquardt, der sich nach dem 2. Weltkrieg zentral dafür einsetzte, die Stimmen der Opfer zu hören, insbesondere das Judentum endlich auf Augenhöhe wahr- und ernstzunehmen. So wurde er zu einem wichtigen evangelischen Gesprächs-Partner im jüdisch-christlichen Dialog und brückenbauendem Talmutgelehrten.

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Auf der Rückseite der Kirche entdecken wir folgendes Grab:

WP_20150216_14_13_45_ProDr. phil. Rudi Dutschke + 24.12.1979 in Aarhus. Wieder mal müssen wir feststellen, dass unsere zeitgeschichtlichen Kenntnisse nicht besonders präzise sind: War das nicht der 68er-Studentenanführer, der bei einem Attentat ums Leben kam?

Bei der anschließendenen Internet-Recherche erfahre ich, dass Rudi Dutschke nach dem Attentat und einer langen, mühsamen Zeit der Rekonvaleszenz schließlich noch promovierte und in Dänemark einen Lehrauftrag erhielt. Zu seinem Tod: „Rudi Dutschkes Tod war tragisch: Er ertrank am 24. Dezember 1979 in Aarhus nach einem epileptischen Anfall in seiner Badewanne. Der Anfall war eine Spätfolge des Attentats.“  (Planet Wissen)

Apropos Lehrauftrag: Etwa 10 Minuten zu Fuß von „Dahlem Dorf“ gelangt man auf den riesigen Campus der Freien Universität Berlin (FU), der nach dem Krieg gegründeten Westberliner Uni.

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Die Berliner Schnauze hat schon längst aus dieser interessanten, zwischen 1967 und 1978 entstandenen Architektur die „Rostlaube“ und die „Silberlaube“ gemacht.

Weiter geht unser Tripp durch den Südwesten nach Berlin Lichterfelde (nicht zu verwechseln mit Lichtenberg oder Lichtenau oder Lichtenrade), das wir bisher nur als weit entfernte Station „unserer“ Waidmannnsluster S 1 kannten.

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Ob wir hier wohl die Miete einer der unseren vergleichbaren Wohnung hätten finanzieren können?

Dritte Station auf unserem „Tagesausflug“ ist Steglitz. Hier fühlt man sich dann auch eher wieder in Berlin mit großstädtischer Bebauung wie dem Rathaus und dem sogenannten Bierpinsel:

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Eine Denkwürdigkeit ist hier die Spiegelwand an der Stelle einer ehemaligen Synagoge, wo jetzt namentlich an die deportierten Berliner Juden erinnert wird.

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Auch wenn man in Bezug auf die vielen Stellen der Welt und nun auch wieder in Europa den Eindruck hat, dass die Menschen einfach nicht aus der Geschichte lernen (wollen), so wird doch gerade dadurch unsere Aufgabe nicht geringer, sondern noch wichtiger: Sich und anderen unermüdlich bewusst zu machen, wie das Schüren von Vorurteilen, Hass und Gewalt unweigerlich in den Abgrund führt und aus Menschen Unmenschen macht, wenn sie anderen das Lebensrecht absprechen oder einfach nehmen. Und was für ein Segen es ist, über Jahrzehnte in einem Frieden zu leben, der in der Lage ist, mindestens ein gewisses Spektrum von Verschiedenheiten nicht nur zu ertragen, sondern dadurch zu gewinnen.

Wie gut, wenn wir durch Gedenkstätten und ähnliches immer wieder darauf gestoßen werden.

So auch am ehemaligen Mauerstreifen, dem zweiten denkwürdigen Entdeckungsraum, von dem ich berichten möchte.

WP_20150308_17_16_21_ProWP_20150308_17_00_13_ProDiesmal bin ich allein unterwegs: mit dem Fahrrad direkt von Zuhause entlang des nördlichsten Mauerstreifens, also rund um Frohnau und Hermsdorf. Wie absurd das Ganze war, merkt man, wenn man heute dem scheinbar willkürlichen Zickzack des Mauerweges folgt. Und wie Menschenverachtend, wenn man dann an die Mahnmale für Maueropfer kommt. Lauter junge Menschen (etwa im Alter unserer beiden größeren Kinder), die in einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung das Unmögliche riskierten, weil sie die dumpfe Perspektivlosigkeit nicht mehr aushielten. Der sogenannte „antiimperialistischer Schutzwall“ wurde für sie zum Grab. Eine weitere – spätestens aus heutiger Sicht zynische Formulierung lerne ich beim Mittagessen in der Kantine von Sven Geisthardt, dem Leiter unserer Liegenschaftsabteilung und gebürtigem Pankower. Er hatte als Jugendlicher die erlaubte Reisefreiheit sogar bis nach Bulgarien genutzt, die Reisefreiheit „im Schutz der sozialistischen Staatengemeinschaft“.  (Ich frage mich natürlich, ob wir heute anderen Formulierungen, die dem aktuellen Mainstream oder der politischen Großwetterlage entsprechen, auch kritisch genug gegenüberstehen und hohle Wortblasen durchschauen.)

WP_20150308_17_03_09_ProZurück in den äußersten Norden Berlins: In einem ehemaligen Wachturm hat sich inzwischen der Bund der deutschen Waldjugend eingenistet. Und insgesamt ist der Mauerweg bei Frohnau heute ein friedliches Naherholungsgebiet, das zum Wandern, Joggen, Radfahren und Reiten einlädt und durch idyllische Sanddünen und Kiefernwälder führt.

Ich denke, wie viel Geschichtsvergessenheit breiter Teile unserer Bevölkerung zu einer gefährlichen Undankbarkeit führt, die keine Ahnung hat, welche Friedenskompetenz uns unsere Schreckensgeschichte eigentlich verliehen hat.

Ich jedenfalls freue mich über jede Denkwürdigkeit, auf die ich bei unseren Entdeckungsreisen stoße.

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„… sah ich goldene Lichtlein sitzen“

Weihnachtszeit – Lichterzeit. Auch in Berlin  leuchtet, glitzert, blinkt und scheint es allüberall.

Und es ist schon interessant, wenn man sich mal genauer anschaut, was da in Einkaufszentren, im Hauptbahnhof, in Fenstern, an Balkonen und in Vorgärten so alles aufgehängt und aufgestellt wird.

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Ist doch merkwürdig, dieser Trend zu den vielen kleinen Lichtchen. Denn es ist ja nicht so, als ob wir nicht genug Beleuchtung hätten in unseren Städten, als ob es uns an Kunstlicht mangeln würde. Im Dunkeln sitzen wir höchsten mal bei totalem Stromausfall. Und das kommt zum Glück bei uns so gut wie nie vor.

In dem Bedürfnis nach besonderer weihnachtlicher Beleuchtung spiegelt sich eine tiefe Sehnsucht wieder, die vermutlich kaum bewusst ist. Was steckt eigentlich dahinter, dass uns die kleinen Lichtlein im Dunkeln, dass uns elektrische und erst recht lebendige Kerzen irgendwie innerlich berühren? Das ist ja etwas völlig anderes als helle, raumfüllende Ausleuchtung. Nein, es sind die schwachen, zerbrechlichen Lichtlein, die mit ihrer kleinen Kraft doch die schier übermächtige Dunkelheit warm durchdringen. IMG_6282Gegenüber einer grellen Neonbeleuchtung ist Kerzenlicht ein weiches Licht mit dem Nimbus des Geheimnisvollen, Warmen, Liebevollen. Da sehen wir mit einem milden Auge auf unsere oft so harte Realität. Und die Nächte unseres Lebens werden irgendwie verzaubert.

Die Nacht ist seit alters her angstbesetzt. Kinder haben Angst vor der Nacht, vor der Dunkelheit, in der sie sich alleingelassen fühlen. Sie haben Angst vor den Träumen, in denen manchmal Bären und Hunde, Schlangen und Löwen auftauchen und sie bedrohen. Sie brauchen daher Gute-Nacht-Rituale, um die Angst vor dem Unbekannten und Bedrohlichen der Nacht zu bannen. In der Antike hatte man Angst vor dem Bösen, das in der Nacht umherschleicht, vor Räubern und Wegelagerern, vor Dämonen, die Nachts in den Träumen ihr Unwesen treiben. Mehr noch: In der Nacht traute man seinem eigenen Herzen nicht. Da fürchtete man sich davor, dass die Dämonen das Herz besetzen und einen zu Taten drängen, deren man sich am Tag schämen würde.

Die Germanen hatten vor allem in den zwölf Rauhnächten zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar Angst vor dem wilden Heer Wodans, das durch die Wälder stürmte, vor den Toten, die umgingen, und vor allerhand unberechenbaren Mächten, die ihr Unwesen trieben.

Heute können wir durch Knopfdruck die Nacht zum hellen Tag werden lassen. Aber dennoch steckt auch in uns noch die Angst vor der Dunkelheit der Nacht. Wer nachts wachliegt, dessen Gedanken drehen sich im Kreis und ziehen nach unten. Die Nacht ist immer auch ein Symbol. Da sagt jemand, um ihn herum sei nur Nacht. Sein Leben sei ihm zusammengebrochen, alles sei sinnlos. Die Nacht steht für die Depression, in die Menschen immer wieder geraten. Auf einmal wird es dunkel wie in einem Tunnel. Man fühlt sich wie gelähmt. Alles ist schwarz, leer sinnlos.

Gerade weil die Nacht etwas so Gefährliches und Bedrohliches ist, haben die Menschen seit jeher versucht, die Nächte in etwas Heiliges zu verwandeln. Schon die Germanen kannten die geweihten, die heiligen Nächte. Für sie waren es die Mittwinternächte. Mitten im Winter, wenn die Nächte am längsten dauern, haben sie die Nacht den Göttern geweiht, haben sie sie heilig gemacht. In den zwölf „Rauhnächten“ haben sie ihre Häuser und Höfe mit Amuletten, Räucherwerk und Beschwörung zu schützen gesucht. Und sie haben die Götter gebeten, sie sollten die gefährlichen Nächte heilen, so dass sie nicht mehr Unglück bringen, sondern Heil, Glück, Gesundheit, Rettung. Das deutsche Wort „heilig“ meint nicht nur heil und ganz, sondern geht vermutlich auf die Vorstellungsinhalte von „Zauber, günstiges Vorzeichen, Glück“ zurück. Wenn man die Nächte weihte, wollte man sie verzaubern, dass sie Glück bringen.

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Den Christen im germanischen Raum fiel es nicht schwer, die biblische Botschaft von der Geburt Christi, von der Geburt des Wunder-Rates, Gott-Heldes, Ewig-Vaters und Friede-Fürsten für ihre Nachbarn zu übersetzen. Wenn Christus mitten in der Nacht geboren wird, dann wird unsere Nacht wirklich verzaubert, dann wird sie zu einer glückbringenden Nacht, zu einer „Weihe-Nacht“. Weil die Christen damals ihre Weihnachtsbotschaft bewußt in die Angst der Germanen vor den Rauhnächten hineingesprochen haben, haben sie die germanische Seele tief berührt. Deshalb ist verständlich, wenn im germanischen Bereich Weihnachten sich tiefer in die Herzen eingegraben hat als Ostern, das doch das höchste christliche Fest ist. Das Bild der einen „Weihe-Nacht“ in der Jesus Christus geboren wurde, in der er als das Licht der Welt in die Dunkelheit kam, war die befreiende Antwort auf die Angst der Germanen vor ihren dämonischen Nächten. Was für eine Befreiung.- Sie brauchten nicht mehr selbst mit Aufbietung aller erdenklicher Rituale ihre Nächte zu verzaubern, das Dunkle zu bannen und das Glück herbei zu beschwören. Christus hat ihre Nacht verwandelt, der „Heil und Leben mit sich bringt“.

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Und damit komme ich wieder zu den Lichterketten  und -sternen, den Wachskerzen, den elektrischen Kerzen, und all den anderen Formen und familiären Ritualen, mit denen wir modernen „Germanen“ versuchen, mit Aufbietung aller unserer Kräfte Licht in unsere Nächte zu bringen und die Weihnachtstage zu verzaubern. Denn gleicht nicht vieles von dem, was wir in diesen Tagen tun, den verzweifelt hilflosen Versuchen unserer Vorfahren, das Unglück von ihren Häusern zu verbannen, den Ungeist auszutreiben und wenigstens eine Spur von Glück zu erhaschen?

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Am 24./25.12., in der Weihe-Nacht feiern wir den neuen Anfang mit diesem Kind, das unsere Nächte lichtet, den neuen Anfang mit diesem Licht der Welt, das uns nicht bloß stellt, sondern wärmt und von innen her erleuchtet. Und wir sind eingeladen, unseren ganzen weihnachtlichen Hokuspokus beiseite zu legen und uns ganz auf Christus zu konzentrieren, ihn in unsere Häuser, in unser Leben, in unsere Herzen, in die Mitte unserer Existenz zu rufen, damit er die Nacht in uns, in unserem Leben, in unseren Häusern verzaubern kann.

(Auf diese Gedanken bin ich gekommen durch das Büchlein von Jörg Zink: Zwölf Nächte).

WP_20141221_16_17_20_ProNun noch ein paar kurze Einblicke in unsere weihnachtliche Arbeit bei der Berliner Stadtmission. Wie schon in den zurückliegenden Jahren gestalten wir am Heiligen Abend um 22 Uhr im Hauptbahnhof unter diesem mehr oder weniger schönen, jedenfalls riesigen Weihnachtsbaum einen offenen Gottesdienst – nicht nur für Reisende. Thema: „Gott kommt zum Zuge“. Layout 1Diesmal singen wir mit dem Flashmob-Chor drei Titel von unserer CD „Unsre Stadt Berlin Berlin“, und – mit einem Gitarristen zusammen – bin ich für die Liedbegleitung zuständig. Das Flashmobvideo haben übrigens zur Zeit schon über 65.000 Menschen angeschaut. (Hier nochmal der link: http://www.berliner-stadtmission.de/aktuelles/gloria-das-flashmob-video-ist-da/2471d65518cacdd680956ee6102eded4 )

Die Traglufthalle für Flüchtlinge ist –  wie schon seit drei Wochen – bis auf den letzten Platz und manchmal darüber hinaus gefüllt. Eine riesige Herausforderung und kaum zu leistende Arbeit für das eigentlich zu kleine Team (das natürlich an Weihnachten nochmal vorübergehend geschrumpft ist.) Allerdings tauchen auch immer mal wieder unverhofft Ehrenamtliche auf, die mit anpacken. Da muss ständig improvisiert werden.

Genau wie an Heilig Abend in der Bahnhofsmission Zoo. Was da so alles abgeht und was man dabei für Diakonie insgesamt lernen kann, haben der Leiter der Bahnhofsmission Dieter Puhl und ich in einem Artikel für „Unsere Kirche“ erzählt: Niemand soll frieren (Unsere Kirche 2014-51-52)  (Ich finde, der Text eignet sich auch zum Vorlesen unter dem Weihnachtsbaum).

Und so wünsche ich Euch ein gesegnetes Weihnachtsfest, an dem ihr dem menschgewordenen „Gott auf Augenhöhe“ begegnet.