Archiv der Kategorie: Entdeckungen

Berlin ist eine spannende, dynamische und kontrastreiche Stadt in der es unendlich viel zu entdecken gibt. Einiges, worauf ich stoße, möchte ich hier zeigen.

Katalonische Silhouetten

„Nichts ist gewonnen – nur Zeit“ heißt es in einem der vielen Kommentare der vergangenen Woche zur Frage der Unabhängigkeit Kataloniens.

Wir sind inzwischen wieder in Berlin, und so kann ich keine aktuellen Eindrücke von dort mehr einfangen. Aber zum Abschluss dieser kleinen Katalonien-blog-Serie möchte ich einfach ein paar – wie ich finde – besondere Fotos von diesem wunderschönen Stück Spaniens mit euch teilen, zum Genießen und vielleicht auch Schmunzeln, wie bei diesem hier:

Alles weitere sind Silhouetten an verschiedenen Orten. (Es lohnt übrigens, sich die Fotos sich in Groß anzuschauen.)

Zunächst Barcelona, 4 x Sagrada Familia:

Weiter gehts an der Costa Dourada runter nach Sidges, wo besonders die Abendstimmung wunderbar ist:

Eine Wanderung auf den rund 1100 m hohen La Mola nördlich von Barcelona bietet gerade bei dunstigem Wetter faszinierende Aussichten:

Blog 53-9

Blog 53-11

In Tarragona gibt es eine Skulptur von der katalanischen Alternative zum spanischen Stierkampf: Die „Castels“, Menschenpyramiden als Mutprobe mit Gemeinschaftssinn – mit Hunderten von Mitwirkenden und im Wettkampf bis zu einer Höhe von 10 Stockwerken! Hier die Spitze des Denkmals:

Das Montsant Gebirge hat unter anderem Weinberge mit Spitzenwein zu bieten („Priorat“), keltische Kreuze und Gänsegeier, mit 2,50 der zweigrößte Vogel Europas. Wir haben einmal sieben von denen gleichzeitig auf der Thermik segeln sehen:

Blog 53-16

Im Ebrodelta findet man Enten, Flamingos und einen natürlichen Zirkel :

Und zum Schluss noch oktobrige Abendstimmung an der Costa Brava nahe Tossa de Mar:

Gute Nacht!

Advertisements

Katalanisches Referendum – der 1. Oktober 2017

Es ist noch dunkel, als schon über unserer Ferienwohnung nahe der Sagrada Familia ein Polizeihubschrauber knattert. Als wir gegen 10.30 aufbrechen, ist bereits die übernächste Straße blockiert durch eine große Menschenansammlung. Offenbar gibt es dort ein Wahllokal, vor dem die Leute schon so früh Schlange stehen. Irgendwo davor steht ein recht entspannter Regionalpolizist und: Tut nichts anderes als den Verkehr zu regeln. Ein Bild, das wir an diesem Tag noch häufig sehen werden.
WP_20171001_002
Wenige Kreuzungen weiter ist die Situation völlig anders. Wir werden von aufgeregt gestikulierenden Verkehrspolizisten gestoppt, und schon kommt von rechts eine schwer gepanzerte Einheit der guardia civil, also der Bereitschaftspolizei der Zentralregierung. Um sie herum laufen zornige Demonstranten, unsortiert und chaotisch das Ganze, guardia civil da schon von einer bedrohlichen Unerbittlichkeit.
WP_20171001_003
Wie sie später auf Menschen jeden Alters eindreschen werden, die in Sitzblockaden Wahllokale schützen wollen, oder gerade ihre Stimme abgegeben haben, sehen wir erst abends im Fernsehen. „Auftragsgemäß und angemessen“ werden die Einsätze von Madrid genannt, durch die fast 500 Menschen verletzt werden. Die Katalanen aber zeigen sich als friedliche Menschen, protestieren gewaltlos mit erhobenen Händen und teilweise singend. Ein beeindruckendes Beispiel gewaltlosen Widerstandes.

Wir fahren die Costa Durada Richtung Tarragona und stellen irritiert fest, dass in den meisten dieser Seebäder jeder Hinweis auf das Referendum fehlt. Keine Fahnen oder si -Tücher. Eher vereinzelte Spanische Flaggen. Ganz anders dann in Tarragona, der wunderschönen Stadt mit den beeindruckenden römischen Bauwerken. Allein in der überschaubaren Altstadt treffen wir auf vier Orte für Stimmabgabe. Und gleich vor der ersten warten die Menschen in zweihundert Meter langen Schlangen von beiden Seiten. Sie warten stolz, ja fröhlich und völlig entspannt. Es hat was von Familienfest.

Bei dem Wahllokal neben den Ruinen des römischen Zirkus erleben wir, wie der erste nach der Stimmabgabe wieder auf die Straße tritt und von den Wartenden mit frenetischem Applaus bejubelt wird: Ein alter, gebeugter Mann, gestützt von zwei jüngeren Menschen.

Auch in den Orten im Parc National Serra de Montsant, wo wir heute noch hinkommen, immer wieder das gleiche Bild: Ansammlung von Menschen, die sich selbst feiern: selbstbewusst und friedlich, auf der Treppe zum Marktplatz zu einem Dorfgemeinschaftfoto wie in Falset oder an einem longtable neben der Kirche wie in dem eng an die Felsen gekauerten Dörfchen La Vilella Baixa.

Inzwischen wird es Abend und die Menschen sitzen zusammen vor einem auf der Straße aufgebauten Fernseher, um die laufenden Berichte im Katalanischen Sender zu verfolgen. Über 3 Millionen Stimmen sind abgegeben worden. Das ist unter den gegebenen Umständen eine enorm hohe Zahl. Dieweil tritt Ministerpräsident Mariano Rajoy vor die Presse und erklärt ungerührt, er sei der Präsident aller Spanier und das Ganz sei einfach nur illegal und eine wiederrechtliche Provokation. Und überhaupt sei das Recht auf seiner Seite und das Referendum undemokratisch. Und deshalb sei er auch weiterhin als Präsident aller Spanier dafür verantwortlich, dass die Einheit der Nation gewahrt bleibe. Usw. 20 Minuten lang immer das Gleiche. Deutlicher kann ein Präsident nicht sagen, dass ihn die Interessen einer Region definitiv nicht interessieren. Er war es übrigens, der 2010 das vier Jahre vorher zwischen Madrid und Barcelona ausgehandelte Abkommen wieder kippte. Und jetzt schickt er seine paramilitärische Polizei in die Region und lässt sie Menschen zusammenschlagen. Kein Wunder, dass die Katalanen sich schrecklich an die Franko- Diktatur erinnert fühlen, die in Spanien wohl bis heute noch nicht ansatzweise aufgearbeitet worden ist. Nach dem heutigen Tag werden die begründeten Aversionen gegen die Spanische Zentralmacht jedenfalls alles andere als kleiner werden. Und das Töpfeschlagen um 22 Uhr geht weiter auch in dem kleinen Bergdorf im Schein eines ungerührten Mondes.
WP_20171001_078

Autonomes Katalonien 2017-09-28

Während in Deutschland die Parteien immer noch heftig mit der Wahl-Katerstimmung zu kämpfen haben, spitzt sich die Lage in Katalonien vor dem Unabhängigkeits-Referendum zu. D.h. In den vorigen beiden Tagen war relative Ruhe – abgesehen vom eindrucksvollen Töpfeschlagen aus unzähligen Fenstern jeden Abend um 22.00.
Heute aber lag plötzlich viel Energie in der Luft. Eigentlich hatten wir nur eine geführte Fahrradtour durch Barcelona gebucht. IMG-20170928-WA0010

Juliano, unser prima deutsch sprechender Guide hatte allerdings gleich zu Beginn angekündigt, auch über „das Problem zwischen Katalonien und Spanien“ berichten zu wollen. Aber kaum unterwegs, gerieten wir auch mitten hinein: Zunächst in eine Demo gegen die Unabhängigkeit (endlich mal wahrnehmbar). Auf dem Place de Sant Jaume, dort, wo vor drei Tagen noch die katalonische Folklore aufgeführt wurde, demonstrierten vielleicht zwei bis dreihundert Anhänger der Partei DiP vor dem Gebäude der Regionalregierung lautstark gegen die Abspaltung.

Unterwegs erklärt uns Juliano, dass die Katalanische Flagge eigentlich nur gelb rot gestreift sei (und in der Form die älteste der Welt). Das blaue Dreieck mit dem Stern aber sei von der Kubanischen Revolutionsfahne abgeschaut und als Symbol für die Unabhängigkeit verboten. Jedenfalls an öffentlichen Gebäuden.
IMG-20170928-WA0012
Nach einem Abstecher in den Innenhof des frühesten Krankenhauses in Barcelona (heute u.a. ein Kulturzentrum), wo wir die „erlaubte Fahne“ sehen, nähern wir uns der Placa Universität. Und plötzlich ist der Bär los: Der Platz ist schon weitgehend gefüllt mit Tausenden junger Menschen, die die „verbotene“ Fahne schwenken oder sich darin eingehüllt haben. Von der Großbühne dröhnt Rockmusik. Und von allen Seiten strömen unablässig weitere Jugendliche hinzu.

Die Polizei wird später 10.000 Schüler und Studenten zählen. Wahrscheinlich sind es eher 15.000. Partystimmung. Unabhängigkeits -hype. Untermalt von ausgelassenem Hupkonzert in den umgebenden Straßen. (Dabei hat Barca gestern Abend doch gegen Sporting Lissabon in der Championsleague 0:1 verloren). Die ganze Woche schon machen Oberstufenschüler und Studenten blau „aus Protest gegen die Haltung Madrids“.
Juliano kann darüber nur den Kopf schütteln.IMG-20170928-WA0011 Er sei ein unpolitischer Mensch. Und ihn interessiere das Referendum eigentlich nicht, so wie die meisten anderen. Ob er denn dagegen stimmen würde, frage ich ihn. Aber er zuckt nur mit den Schultern.
Problem dabei ist, dass der katalanische Ministerpräsident Charles Puigdemont das Ergebnis werten will, egal wie hoch oder niedrig die Wahlbeteiligung ist und seien es nur 20%. Auf der anderen Seite fällt der Regierung in Madrid auch nichts anderes ein, als alles zu verbieten. Man könnte ja auch mal miteinander reden…
Katalonien, das seit 500 Jahren immer wieder von Spanien unterdrückt und kleingehalten wurde, zuletzt unter der FrankoDiktatur bis 1975!
Die Bürgermeisterin von Barcelona hat heute die EU aufgerufen, in diesem schweren Konflikt zu vermitteln. Und jedem, der ein bisschen weiterdenkt, ist klar, dass ggf. eine Unabhhängigkeitserklärung nächsten Dienstag ein noch ganz anderes Desaster auslösen würde als der Brexit vor einem Jahr.

Am Nachmittag in einer Tappas-Bar lesen wir in einer Zeitung, dass die Unabhängigkeits-Aktivisten Freiwillige suchen, um Schulen als Wahllokale zu besetzen, bevor die Polizei sie sperren kann. Oder wenn das nicht gelingt, wenigstens demonstrative lange Schlangen vor jedem der 2600 geplanten Wahllokale zu bilden.
IMG-20170928-WA0014

(Auch diesen Beitrag habe ich nur auf dem Handy erstellt und bitte erneut etwaige Fehler und technische Pannen zu entschuldigen.)

Berliner Lebenswelten (Ein Sonntag im Winter)

Als ich neulich an einem Winter-Sonntag früh zum Gottesdienst durch die Stadt fuhr – mit blog-42-21dem Auto und das heißt oberirdisch (nicht mit der U-Bahn und auch nicht S-Bahn, wo man vor allem Bahngelände zu sehen bekommt) – als ich so durch Mitte, Friedrichshain und Lichtenberg fuhr, da sprang mich ein Gefühl an, dass ich früher manchmal auch schon in Köln hatte, ein gedanklicher Schwindel wie beim Betrachten des Sternenhimmels in seiner unendlichen Weite und Tiefe: In allen diesen riesigen Wohnblocks gibt es jeweils Hunderte von Wohnungen. Und in jeder dieser Wohnung leben Menschen – als Familie, gepatchworkt,  mit Partner, viele auch allein (aus sehr unterschiedlichen Gründen). Und jeder einzelne Mensch, Mann, Frau, jung, alt, jugendlich oder midlifig, Greis, Säugling, – jeder einzelne Mensch, arm, reich, mittel, bildungsnah, bildungsfern, – jeder einzelne Mensch ist der Mittelpunkt seiner Lebenswelt, seines Universums. Wir können gar nicht anders, das macht ja gerade das Bewusstsein des Menschen aus: als „Ich“ zu sein, zu denken, zu fühlen, zu handeln. Dreikommasechs Millionen individuelle Lebensmittelpunkte allein in Berlin.

blog-42-22     blog-42-26

Jeder einzelne Mensch empfindet anders, hat andere Vorlieben und Abneigungen, Alltags- und Freizeitbeschäftigungen, Stärken und Schwächen, Hoffnungen und Angstpunkte, Lieblingsmusik, Lieblingsbücher, Lieblingsspeisen, Lieblingsfarbe, Lieblingsgeschäfte und Lieblingsbeschäftigungen…

Und so habe ich an dem Morgen beschlossen: Ich fotographiere einfach mal die Lebensräume, denen ich an diesem Sonntag begegne. Berliner Lebenswelten. Und zeige euch jetzt einiges davon. Da ist nichts Spektakuläres bei. – Aber lasst die Bilder mal auf euch wirken, mit meiner gerade beschriebenen „Brille“ in Kopf.

blog-42-58 blog-42-49

blog-42-51 blog-42-30

blog-42-28 blog-42-36

blog-42-54 blog-42-33

(Hier wohnen wir übrigens im 13. Stock, tolle Aussicht!)

blog-42-25 blog-42-42

blog-42-2 blog-42-44

blog-42-37 blog-42-32

blog-42-19 blog-42-13

blog-42-17 blog-42-15

Und was mich genauso schwindeln lässt wie ein Blick in den Weltraum ist nun, dass Gott diese Aber-Milliarden Lebenswelten extrem genau kennt, versteht, mitten drin ist – auch wenn die wenigsten das wissen oder ahnen. Wir untereinander können immer nur eine sehr begrenzte Zahl von Menschen mehr oder weniger gut kennen und verstehen lernen. Und selbst bei denen, die sich eine Wohnung teilen, ist das gegenseitige Verständnis oft recht begrenzt.

Gottes Kenntnis geht hingegen tiefer als alle unsere Selbsterkenntnisse. „Du sieht mich“, ist das Motto des diesjährigen Kirchentages hier in Berlin (und anderen Lutherstädten auf dem Weg). Als zentralem Bibeltext geht es dabei um die Geschichte der ägyptischen Sklavin von Sarai und Abraham, Hagar, die mehrfach genau diese Erfahrung macht: „Du bist Gott, der mich sieht“.

Und das gilt eben auch für die Dreikommasechsmillionen individueller Lebensmittelpunkte allein in Berlin und die Guteinemillion in Köln usw.! Bei dem Gedanken platzt mir förmlich das Hirn. Aber ich muss – Gott sei Dank – ja auch nicht Gott sein.

Das mal nur ansatztweise durchzubuchstabieren für die unterschiedlichen Menschen in unserer Stadt, finde ich ausgesprochen faszinierend. Z.B. auch für die rund um den Bahnhof Zoo:

blog-42-8 blog-42-7

blog-42-9 blog-42-5

blog-42-4 blog-42-11

In der Arbeit der Berliner Stadtmission geht es immer wieder darum, Menschen gerade aus den häufig übersehenen Lebenswelten in den Blick zu nehmen.

Und bei Dynamissio, dem Missionarischen Kongress in Berlin vom 23.-25.3., wird es ein Schwerpunkt sein, unterschiedliche Lebenswelten hier in der Stadt kennenzulernen. (Dazu werde ich übrigens eine kurze Einführung im Plenum geben). Man kann sich noch anmelden!

Zum Schluss noch ein Hinweis: Das Büchlein, weshalb ihr im vorigen Jahr so lange auf meinen Blog verzichten musstet, ist jetzt da:

Brunnen-Verlag
144 Seiten, Paperback
13,8 x 20,8 cm
15,00 €
Bestell-Nr.: 192076
ISBN: 978-3-7655-2076-1
EAN: 9783765520761
1. Auflage

 

 

 

 

 

 

Myfest

1. Mai in Berlin. Die Stadt brummt. Mal wieder mehr als eh schon. Erst recht bei diesem Traumwetter. Die Gewerkschaften haben eine Demontration vom Hackischen Markt zum Brandenburger Tor organisiert, woran einige Tausend teilnehmen. Aber richtig voll ist es in Kreuzberg beim sogenannten „Myfest“ (gesprochen wie Maifest, aber mit der englischen Bedeutung: Das ist mein Fest). So richtig Kreuzberg! Schrill. Laut. Links. Die Organisatoren haben in Ihrem Flyer (früher hieß sowas Flugblatt) parolenmäiß formuliert, worum es ihnen geht.

Myfest-Flyer-01

Myfest-Flyer-02 Myfest-Flyer-03 Myfest-Flyer-04

Das Ganze auf 8 Bühnen zwischen Görlitzer Bahnhof und Moritzplatz, Skalitzer Straße und Mariannenplatz.

Ich habe mich circa drei Stunden lang unters Volk gemischt, die allergrößte Mehrheit davon 20 – 30 Jahre jünger als ich. Allerdings musste ich das Politische dann echt suchen.

Bei dieser Bürgersteig-Kunst hier in der Oranienstraße fällt es mir jedenfalls schwer, das politisch zu interpretieren:

Myfest 14

Also weiter. Ich spar mir jetzt erst mal meine Kommentare und zeige euch statt dessen meine Fotoserie. Macht euch selbst ein Bild.

Myfest 8 Myfest 9 Myfest 10 Myfest 12 Myfest 16

Myfest 20 Myfest 21 Myfest 23Myfest 27

Myfest 28Myfest 26Myfest 19 Myfest 30 Myfest 33 Myfest 36 Myfest 37

Also eigentlich eine Partymeile mit türkisch-arabischer Musik und unzähligen Rauchopfer-Grills. Auf dem Mariannenplatz mischen sich dann unter die Fress-Stände doch ein paar linke Infozelte.

Myfest 38 Myfest 39 Myfest 40

Myfest 41

Was Waffeln mit dem Türkei-Deal zu tun haben, frage ich mich allerdings schon.

Myfest 42 Myfest 43

Hinter der Bühne der Linken: Die St.-Thomas-Kirche. So wie Heilig-Kreuz beim Karneval der Kulturen am Pfingstmontag ist auch diese hier jetzt geöffnet. Und permanent gehen Menschen dort ein und aus. Innen ein modern gestaltetes Kirchenschiff (wobei man beim Blick nach oben genau sieht, bis zu welcher Höher das Renovierungsgeld gereicht hat). Deutlich weniger Trubel. Ein Tisch für Gebete, der intensiv genutzt wird.

Myfest 52  Myfest 48

Myfest 47 Myfest 51

Das richtig alternative Kreuzberg gibts natürlich auch noch, wie hier das wilde Camp hinter dem Zaun mit den merkwürdigsten Wohnmobilen.

Myfest 53

Und natürlich darf die Einladung zur Hanfmesse Berlin in dem ebenso wilden Camp an der Schillingbrücke an so einem Tag auch nicht fehlen. (Hier findet man jetzt schon eine Weiterverarbeitung dieses Rohstoffes)

Myfest 69 Myfest 66 Myfest 68

Myfest 71

Genauso wenig darf das riesige Polizeiaufgebot fehlen (Da kommen sogar auch nochmal die grünen Mannschaftsbusse zum Einsatz). In früheren Jahren gab es zum 1. Mai immer heftige Ausschreitungen.

Myfest 59

Dieses Jahr bleibt alles ruhig, jedenfalls zunächst.

Wie revolutionär ist Kreuzberg heute noch? Nicht nur Soziologen beobachten deutliche Verschiebungen. Auch diese Ladenbesitzer in der Oranienstraße, die die Kommerzialisierung und Partysierung des Myfestes als Abfall vom wahren Kreuzbergtum entlarven:

Myfest 18

Myfest 17

Immerhin startet gegen 18 Uhr am Oranienplatz dann doch noch eine ziemlich spontane, aber genehmigte „Revolutionäre 1.-Mai-Demo“: Laut, mit Antifa-Fahnen, Böllern, dem Ruf „Refugees are welcome here“. In der Köpeniker Straße zählt die Polizei inzwischen 13.000 Teilnehmer. Am Ende, am Lausitzer Platz, fliegen dann doch noch an die 100 Flaschen auf die Polizei (nicht nur von Demonstranten, sondern auch von Touristen, wie der Tagesspiegel berichtet). Ansonsten gibt es offenbar kaum Übergriffe. Auf der Oberbaumbrücke geht die Musikparty jedenfalls ungestört weiter.

Vernünftig – oder läppsch geworden?

Kontrastprogramm am Morgen:

Heute haben wir vom missionarischen Team der Stadtmission ein neues Veranstaltungsformat gestartet:

Mit_Gott_auf_der_Spree-2016-1_02_9ba01a525dAb dem 1. Mai findet an den ersten Sonntagen im Monat nicht mehr der traditionelle Schiffsgottesdienst statt, sondern diese 90-minütige Bootsfahrt mit überraschenden Entdeckungen, Live-Musik und den eben etwas anderen touristischen Hintergrundinformationen während der Bootsfahrt. Zum Abschluss gibt es ein Friedensgebet und eine Strophe „Geh aus mein Herz“.

Obwohl die Reederei die Werbung verschnarcht hatte, war das Schiff fast voll. Und die Gäste waren von unseren Erklärungen und Anekdoten, der Musik von Sebastian Bailey (Saxofon, z.T. von mir auf Gitarre begleitet), dem Quizz und den geistlichen Inhalten begeistert. Den Löwenanteil der inhaltlichen Vorbereitung hatte Lorenz Bührmann übernommen, der aber als ausgebildeter Domführer auch besonders befähigt ist. Und immer noch ne Story in Reserve hat! Das war auch gut so, denn zwischendurch blieben wir fast eine halbe Stunde am Nikolaiviertel mit Motorschaden liegen – was aber die Stimmung überhaupt nicht trübte.

Myfest 1 Myfest 2 Myfest 3

Die nächsten Termine (gleiches Programm, aber andere Mitwirkende) findet ihr auf der Homepage: http://www.berliner-stadtmission.de/aktuelles/mit-gott-auf-der-spree/

Dort findet ihr wie immer auch das Spendenkonto, falls ihr diese Veranstaltung finanziell unterstützen mögt.

Zum Schluss noch ein wichtiger Hinweis:

Bis  August werde ich jetzt mit dem Blog pausieren. Sven Lager und ich schreiben gerade an einem Buch mit Geschichten aus unserer Flüchtlingsarbeit mit Erläuterungen zur Praxis und zum theologischen Hintergrund. Und das hat jetzt Vorrang, damit es Anfäng nächsten Jahres erscheinen kann (Brunnen-Verlag). – Meine öffentlichen Termine aktualisiere ich aber weiterhin.

 

„Das Beste an Weihnachten ist…“

Berlin ist immer wieder für eine Überraschung gut. Und zwar nicht nur Überraschungen, die zum „alles-ist-möglich“-Klischee passen oder zum „Berlin-is-ne-riesen-Party“-Klischee. Letzteres wird natürlich auch in der Adventszeit intensiv bedient. So zum Beispiel auf der Kirmes an der Jannowitzbrücke, die zu Recht nicht Weihnachtsmarkt heißt. Wobei ich den offiziellen Titel „Wintertraum“ jetzt auch nicht unbedingt passender finde. Aber das liegt wahrscheinlich an mir.

Blog 37-10Das gnadenlosen Nebeneinanderstellen von sehr unterschiedlicher Bildsprache bei dieser Volksbelustigung hat mich allerdings schon ein bisschen sprachlos gemacht: Gebrannte Mandeln und Horror-Achterbahn, Nikolaus und Revolverheld.

Blog 37-9

So grotesk mir das auf den ersten Blick erschien, so kann man genau dieses Aufeinanderprallen aber auch als treffenden Spiegel unserer aktuellen Lage sehen.
Die Welt ist aus den Fugen geraten. Gut und Böse, Krieg und Frieden lassen sich immer weniger auseinander sortieren.

Wir sind im Krieg. So jedenfalls muss man es doch verstehen, wenn jetzt unsere Soldaten und Flugzeuge an der Seite Frankreichs und anderer den Feind IS mit militärischen Mitteln zu vernichten, mindestens zu schwächen versuchen.
Wir sind im Krieg, wenn schwarz-weiß-Propaganda – egal ob von rechts oder links außen – jede differenzierte Wahrnehmung der Wirklichkeit verhindert.
Wir sind im Krieg, wenn wir womöglich fürchten müssen, dass neben uns eine Bombe explodiert. Wenn in einem Jahr über 500 Anschläge auf Flüchtlingswohnheime ausgeübt werden und auf facebook die menschenverachtendsten Dinge gepostet, „geliked“ und geteilt werden.
Wir sind im Krieg, wenn der Hass auch bei uns in die Köpfe einzieht, der Hass, der im Flüchtling nicht mehr den Mitmenschen sieht, sondern nur die Gefahr, oder der ideologische Hass, der im angstbesetzten und überforderten Einheimischen nur noch den Nazi sieht.

Lukas-Kantorei in der St. Lukas Kirche

Adventskonzert der Lukas-Kantorei  in der St. Lukas Kirche

„Tochter Zion, freue dich, jauchze laut Jerusalem … ja er kommt, der Friedefürst“, haben wir in der Adventszeit gesungen, in Gottesdiensten und Adventskonzerten. Aber ist das nicht nur ein Pfeifen im Wald angesichts des zunehmenden Unfriedens – auch zwischen den unterschiedlichen Gruppen in unserem eigenen Land. In der Adventsfeier für die Mitarbeitenden der Stadtmission bin ich in meiner Predigt über Sacharja 9,9-11 zu folgenden Schlüssen gekommen:

Plötzlich wird das Trostwort zu einer klaren Herausforderung: Auf welche Seite stellen wir uns mit unserem Denken, Reden und Handeln?
Auf die Seite derer, die um sich schießen – und sei es mit Worten? Oder auf die Seite des Messias-Königs, dessen Reich sich ganz anders ausbreitet?
Er bedient sich eben nicht der Mittel der anderen Machthaber und Gebieter. Er reitet eben nicht auf einem Ross oder auf einem Kriegswagen ein. Er benutzt nicht Böses zur Eindämmung des Bösen. Er arbeitet nicht mit Druck und Drohung. Und doch hat er die stärkeren Argumente. Weil er selbst frei ist von Hass und Angst, entsteht um ihn herum ein immer größerer hass- und angstfreier Raum.

Durch seine Versöhnung und die Kraft seines Wortes sind Menschen aus allen Völkern zu Liebhabern des Friedens geworden, zu Boten von Gerechtigkeit und Hilfe, die jetzt schon ein messianisches Versöhnungs-Netzwerk bilden „von einem Meer bis zum anderen.“ Und wir dürfen und sollen dazugehören.
An seiner Seite weicht die Angst, auch wenn die Verhältnisse noch beängstigen sind.
An seiner Seite fällt Menschenverachtung ziemlich schwer, selbst wenn andere uns als Hunde bezeichnen.
An seiner Seite wird Hass als Sackgasse enttarnt, weil Liebe den Hass ins Leere laufen lässt.
An seiner Seite entstehen verblüffende Handlungs-Alternativen, auf die die Feinde niemals kommen würden: „Tut wohl denen, die euch hassen.“

Das ist das Beste an Weihnachten, dass wir freien Zugang zu solchen Alternativen bekommen haben, die transformierende Kraft haben. Damit kommen wir vielleicht auch mal über das alljährliche Gejammere über den ganzen Weihnachtskonsum hinaus, das nichts ändert. Nicht ändern kann, solange man sich auch damit immer nur um sich selbst dreht. Blog 37-7Ich finde jedenfalls, der Adventskalender der Geschäfte im Hauptbahnhof hat etwas entwaffnend Ehrliches.

Welche transformierende Kraft die Versöhnungsbotschaft aber haben kann, war vor wenigen Wochen in der neuen von der Stadtmission betriebenen Notunterkunft für etwa 1000 Flüchtlinge in Spandau zu erleben. Zum Hintergrund muss zunächst erklärt werden, dass wir erst ganz frisch die Erlaubnis des Landesamtes haben „unsere Standards“ einbauen zu dürfen, d.h. ausreichend Sanitäranlagen, Waschmaschinen, Raum-in Raum-Kabinen (statt riesiger nur mit Bauzäunen abgetrennter Schlafbereiche), Spiel- und Betreuungsräume für Kinder usw.. Nicht mal das Licht war in der Nacht auszuschalten, weil es keine Notbeleuchtung gab. Also total stressige Umstände. Dazu die Ungewissheit, das Warten, die Fremdheit…

Durch irgendeinen letzten Tropfen lief das Fass über und es gab in der Nacht zum 1. Advent eine Massenschlägerei mit Einsatz von Polizei und Krankenwagen.

(Foto: Berliner Stadtmission)

(Foto: Berliner Stadtmission)

Feuerlöscher wurden zweckentfremdet und einiges ging zu Bruch. Die Einrichtungsleitung und weitere Mitarbeitende der Berliner Stadtmission waren aber vor Ort und begannen sofort mit Deeskalation und Aufräumarbeiten – die ersten, die mit anpackten, waren die Flüchtlinge selbst.

Schon am nächsten Vormittag wurde mit den Instandsetzungsarbeiten begonnen – zusammen mit den Bewohnern. Gemeinsam traten Vertreter aus den verschiedenen Volksgruppen vor die Bewohner und riefen zum Frieden auf. Pakistanis, Syrer, Kurden, Iraker, Afghanen, Männer wie Frauen und Kinder reichten sich die Hände. Beteiligte der Auseinandersetzung entschuldigten sich.

(Foto: Berliner Stadtmission)

Versöhnungsfest (Foto: Berliner Stadtmission)

„Wir alle wollen Frieden. Es gibt immer ein paar Wenige, die Schaden anrichten – in jeder Gruppe“, war die einhellige Meinung in den Gesprächen.

Am Nachmittag, schon 16 Stunden nach Beginn der Aufräumarbeiten, fand ein Fest des Friedens statt, bei dem sich diejenigen, die als erste ausgerastet waren, bei allen entschuldigten.

Zurück zu den Berliner Überraschungen. Im Rheinland waren wir es gewohnt, dass man beim Einkaufen an der Kasse usw. nicht etwa „Frohe Weihnachten“ gewünscht bekam, sondern weltanschaulich neutral „Schöne Feiertage“ (wie auch an Ostern und Pfingsten). Wie überrascht waren wir jetzt in Berlin, beim Brötchenholen oder Wochenendeinkauf oder im Fahrstuhl als Gruß „Einen schönen 1. Advent“ zu hören.

Und man denkt: Ganz so gottlos ist Berlin doch nicht.

afrikanische Krippe beim "Markt der Kontinente" in den Dahlemer Museen

Afrikanische Krippe beim „Markt der Kontinente“ in den Dahlemer Museen

Wobei dann auch schnell wieder eindrückliche Gegenbeispiele kommen. Bei der Weihnachtsfeier der Wohnhilfen (Eingliederungshilfe für ehemalige Obdachlose bzw. von Obdachlosigkeit bedrohte) habe ich gefragt, wer eine Krippe kennt von zu Hause oder aus der Kirche. Von den 25 Personen (einschließlich Mitarbeiter) meldeten sich vielleicht sechs und nur eine, die zu Hause eine Krippe hatten.

Gleichzeitig ist diese geringe religiöse Vorprägung auch immer wieder ein schöne Gelegenheit, Interesse zu wecken, sozusagen brachliegenden Boden zu bestellen.

Daran arbeiten wir, d.h. mein Kollege Andreas Schlamm und ich, auch in den verschiedenen innerbetrieblichen Fortbildungen.

Und darum geht es natürlich auch in der Heilig Abend Feier für Wohnungs- und Obdachlose heute Nachmittag im Zentrum am Hauptbahnhof. Inzwischen sind ca. 60 % der Obdachlosen in Berlin Osteuropäaer, die bei dem Versuch, hier ihr Glück zu machen, gestrandet sind. D.h. in dem Kurzgottesdienst muss möglichst vieles auf Polnisch und Russisch übersetzt werden. Rumänisch wär auch gut. Und die Botschaft von der Nähe Gottes zu unserem Leben muss sichtbar werden. So sieht unsere Bethlehem-Szene zur Weihnachtsgeschichte auch ein bisschen anders aus, als sonst in Krippenspielen.Blog 37-33

Für Obdachlose haben wir übrigens jetzt im Dezember neben der Bahnhofsmission Zoo (wieder einmal finanziert durch die Deutsche Bahn Stiftung sowie den Berliner Senat) ein Hygienezentrum eingerichtet, in dem Menschen von der Straße, zur Toilette gehen, duschen, waschen und sich die Haare schneiden lassen können. Wie viel Wertschätzung liegt darin, so gebeutelten Menschen ein solch edles Ambiente bereitzustellen!

Blog 37-12 Blog 37-14 Blog 37-11 WP_20151206_007

 

Im Refugio in Neukölln entwickelt sich inzwischen eine geistliche WeggemeinschaftBlog 37-30 als Keimzelle des geplanten Stadtklosters:

Jeden Dienstag und Freitag gibt es um 8 Uhr ein offenes liturgisches Morgengebet. Einmal im Monat (an einem Abend in der Woche) feiern wir einen internen Abendmahlsgottesdienst mit viel Stille.

Blog 37-31Dann essen wir als Weggemeinschaft mit zur Zeit 8 Personen gemeinsam Abend. Und einer erzählt seine geistliche Lebensgeschichte.

Aber auch die Gemeinschaft von Einheimischen und Neuankömmlingen im Refugio entwickelt sich positiv weiter. Genauso wie das Café und die programmatische Reflexion der Arbeit:

Sharehaus Refugio ist ein Ort, wo man Zuflucht finden kann, d.h. Schutz und Heimat, wo Gemeinschaft in gegenseitiger Wertschätzung und Unterstützung gelebt wird und Raum ist, Erneuerung zu erfahren und zur Erneuerung der Gesellschaft beizutragen.

Zum Schluss noch zwei musikalische Leckerbissen des Advents:

  1. Das Benefizkonzert (für unsere Kältehilfe) der Soulsängerin Jocelyn B. Smith in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche. Sie ist inzwischen nicht mehr die Jüngste, aber verströmt dermaßen viel Energie und Menschenfreundlichkeit, dass die rappelvolle Kirche innerhalb von gefühlten 30 Sekunden auf den Beinen ist, mitsingt und – tanzt.Blog 37-17 Blog 37-19
  1. Ein ganz kleines Format in der S-Bahn. Blog 37-22Häufig gibt es Musiker oder Gruppen, die reinkommen, ganz kurz Musik machen, 36 Takte später schon mit ihrem Becher rumziehen, um Geld zu sammeln, und bei der nächsten Station wieder verschwunden sind. Ein osteuropäischer Gitarrist morgens machte es anders. In aller Ruhe und Bescheidenheit spielte er drei oder vier virtuose klassische Gitarrenstücke. Nach und nach schauten immer mehr von ihren Handys, Zeitungen und Büchern auf, Stöpsel wurden aus Ohren gezogen und man lächelte sich an. Einige verzauberte Minuten. (Übrigens: Ein durchaus geschicktes Geschäftsmodell, wie mir scheint, jedenfalls im Bezug auch auf meine Bereitschaft, nicht nur 50 Cent zu geben.)

________________________

Alles in allem gibt es für uns viel Grund, mit großer Dankbarkeit auf eine Jahr zurückzublicken, das so voller Leben war.

Ich danke Euch fürs Lesen, Anteilnehmen und alle Rückmeldungen. Und wünsche Euch jetzt gesegnete Weihnachten, erfreuliche Jahresrückblicke und Gottes Segen für das Kommende.

Bunter geht Herbst nicht!

Ihr werdet Euch vielleicht schon gewundert haben, dass auf dieser Frequenz so lange Funkstille war. Es lag schlicht daran, dass dieser Herbst für mich dermaßen bunt und gefüllt war, dass ich nicht dazu gekommen bin, mal wieder Blog zu schreiben. Ja, ich kriege es aus dem Kopf auch kaum noch zusammen, zu welchen Anlässen ich außerhalb von Berlin unterwegs war:

Ende September:
Vorstand und Mitgliederversammlung des Gnadauer Verbandes in Bensheim/Bergstraße.

Urlaub im Harz (das Titelfoto habe ich in Quedlinburg aufgenommen) und in Weimar, wo wir eingetaucht sind ins Herz klassischer deutscher Kultur – was für ein Reichtum, an dem wir auch „Neulingen“ in Deutschland Anteil geben können. Wie universal und völkerverständigend hat ein Goethe bereits gedacht.Blog 36-4 Blog 36-3

(Wie beeindruckend auch, vor den Original-Bildern und Skulpturen zu stehen, die ich schon aus Schulbüchern kenne)

12. Oktober:
Fahrt zur Verleihung des Deutschen Architekturpreises für die kölner Immanuel-Kirche nach Hannover ins Schloss Herrenhaus:

Blog 36-b3 Blog 36-b2

Blog 36-b4 Blog 36-b1

Das hatte schon was: An der Spitze eines Auswahlverfahrens unter 160 vorgeschlagenen Projekten zu landen. Aber wirklich zu Tränen gerührt war ich, als Professor Sauerbruch nachher im kleinen Kreis zu Christiane Friedrich (Presbyteriumsvorsitzende in der Brückenschlag-Gemeinde in Köln) und mir sagte, dass er das Preisgeld in Höhe von 25.000 € je zur Hälfte an die Gemeinde in Stammheim/Flittard und für meine Arbeit bei der Stadtmission spenden wolle. Auch an dieser Stelle ein ganz herzlicher Dank dafür!

Ende Oktober sind wir zunächst ein Wochenende zum 93. Geburtstag meiner Mutter in den „Westen der Republik“ gereist.

Und kurz vor dem Monatswechsel war ich nochmal dienstlich in Kassel – Treffen des Gnadauer Vorstandes mit Vertretern der EKD – und Marburg -Treffen mit den Dozenten der Theologischen Hochschule Tabor, weil wir in Berlin in Kooperation mit Tabor einen neuen Bachelor Studiengang gründen wollen, in dem theologisch- und gemeinwesen-kompetente Gründer von „Neuen Evangelischen Orten“ (NEOs) ausgebildet werden. (Die Idee, solchen Projekten anstelle des englischen „fresh-X“ einen schönen und sinnvoll abkürzbaren Namen zu geben, stammt von meinem Kollegen Andreas Schlamm). Aber natürlich wird der Studiengang nicht nur zu Neugründungen sondern zur Transformation bestehender Arbeit befähigen – ganz im Sinne des Gnadauer Programms „Neues wagen“.

Vorige Woche waren wir dann noch mit der Erweiterten Konvent der Berliner Stadtmission (also auch alle Einrichtungs- und Projektleiter) zu einer dreitägigen Klausur in unserem Luther-Hotel in Wittenberg. Hier der Blick aus meinem (fliegenvergitterten) Hotelfenster auf die Stadtkirche und zwei Fotos aus dem Lutherhaus, einem anderen Herzstück der deutschen Kultur, dessen Besuch bei mir ähnliche Gefühle und Gedanken auslöste, wie Weimar.

Blog 36-33 Blog 36-32 Blog 36-31

Dieser Spruch von Martin Luther markiert nun zugleich ein hochaktuelles Thema. Denn einerseits ist völlig klar, dass die Kirche es überaus dringend braucht, sich aus ihren Mauern und Scheuklappen nach draußen zu begeben mitten hinein ins Leben, in die Alltagskultur, und das heißt in die kreative Avantgard genauso wie in die „Raucherecken“, in die Plattenbauten wie in die Flüchtlingshallen. Also „Inkulturation“.

Aber das doch immer so, dass zugleich deutlich wird, inwiefern eine von Jesus her geprägte „Denke“ nochmal ganz andere Perspektiven einbringt. Also „Kulturkritik“.

In der Flüchtlingsarbeit z.B.: Der Staat und die politisch eher links geprägten Engagierten würden am liebsten Religion ganz ausklammern (auch die innerhalb der Kirche). PEGIDA und ähnlich gelagerte evangelisch-rechtskonservative nutzen jede Gelegenheit, den Islam vollkommen undifferenziert zu dämonisieren. Und leider gibt es auch bereits respektlose und manipulative Missionierungsversuche, die dem Geist Jesu widersprechen.

Aber „Wo Christus ist, geht er allezeit wider den Strom.“ Man könnte auch sagen: Setzt er sich zwischen alle Stühle. Und genau daran arbeiten wir auch als Berliner Stadtmission fleißig:

Denen, die in den Notunterkünften schon direkt und ungebeten arabische Bibeln verteilen wollen, erteilen wir eine Absage. Zugleich arbeiten wir daran, wie alle Neuankömmlinge in offener Weise kennenlernen „wie Deutschland“ tickt – und das bedeutet natürlich, wie stark das Land aus dem christlichen Glauben heraus geprägt ist und was christlicher Glaube heute bedeutet. 90 % derer, die zu uns kommen, sind religiöse Menschen. Wie verantwortungslos wäre es, dieses Thema zu tabuisieren. Denn erst, wenn wir miteinander darüber ins Gespräch kommen, statt auszublenden oder überzustülpen, kann es gelingen, dass Frieden untereinander wächst und die Flüchtlinge etwas lernen, dass sie zuhause nie haben lernen können: Dass Versöhnung, dass Frieden zwischen Unterschiedlichen möglich ist. Und – oft nicht zu Ende gedacht – suchen sie doch auch deshalb gerade bei uns Zuflucht. Aber wir müssen ihnen beibringen, wie das gelingen kann – sofern wir selbst dazu in der Lage sind. „Wo Christus ist“, sind wir dazu in der Lage. Denn „die Liebe treibt die Furcht aus“.

Zurück zur Berliner Stadtmission:

Vor vier Wochen haben wir – mal wieder in einer unvergleichlichen Hauruck-Aktion – die Trägerschaft für eine neue Flüchtlingsnotunterkunft übernommen: Diesmal im Norden von Spandau in leerstehenden Industriehallen und für eintausend bis eintausendfünfhundert Flüchtlinge.

Leider sind wir – abgesehn von der Schwierigkeit innerhalb weniger Wochen mindestens 60 geeignete Personen für die Arbeit einzustellen –  dort in der Zwickmühle, dass wir die notwendigen Einbauten nicht selbst vornehmen dürfen, sondern das Berliner Immobilienmanagement im Auftrag des LaGeSo (Landesamt) dafür sorgen muss. Man muss leider mal wieder sagen: Wo Berlin drauf steht, ist auch Berin drin :-(.

Dementsprechend sind die sanitären Anlagen auch nach vier Wochen noch unverändert… – ich will nicht zu viel sagen. Auch alles andere, was unseren Standards entspricht und zugesagt wurde, fehlt immer noch. Eine sehr schwierige Situation. Aber mal wieder mit unfassbar engagierten Mitarbeitenden und bereits Hunderten von Freiwilligen. Sonst ginge es gar nicht. Hier ein paar ganz nette Fotos:

Blog 36-20 Blog 36-22

Blog 36-24 Blog 36-23

Rund ums Thema Frieden drehte sich auch das große und wunderbar multikulturelle Friedensfest (mit vielen Partnern aus der Straße) vor unserer St. Lukaskirche am 4.10.:

Blog 36-10

Friedensfest in der Bernburgerstraße

Blog 36-13

Blog 36-9

Vereinigte Chöre – einschließlich Gebärdenchor der Gehörlosengemeinde (im Foto rechts)

 

 

 

 

 

 

 

Blog 36-11

 

 

Auf den Spuren von Krieg und Frieden waren wir auch am vorigen Sonntag bei unserer Wanderung durch die Döberitzer Heide, westlich von Spandau . Wahrscheinlich lösen die nächsten beiden Fotos bei euch ähnlich merkwürdige Gefühle aus, wie bei uns.

Blog 36-34 Blog 36-36

Den Bericht über einen Herbst, wie er bunter nicht sein kann, möchte ich aber nun schließen mit ein paar einfach nur schönen Berlinfotos (die letzten beiden von unserm Treppenhaus  bzw. Balkon):

Blog 36-17 Blog 36-16

Blog 36-5Blog 36-b5      Blog 36-2