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„Das Beste an Weihnachten ist…“

Berlin ist immer wieder für eine Überraschung gut. Und zwar nicht nur Überraschungen, die zum „alles-ist-möglich“-Klischee passen oder zum „Berlin-is-ne-riesen-Party“-Klischee. Letzteres wird natürlich auch in der Adventszeit intensiv bedient. So zum Beispiel auf der Kirmes an der Jannowitzbrücke, die zu Recht nicht Weihnachtsmarkt heißt. Wobei ich den offiziellen Titel „Wintertraum“ jetzt auch nicht unbedingt passender finde. Aber das liegt wahrscheinlich an mir.

Blog 37-10Das gnadenlosen Nebeneinanderstellen von sehr unterschiedlicher Bildsprache bei dieser Volksbelustigung hat mich allerdings schon ein bisschen sprachlos gemacht: Gebrannte Mandeln und Horror-Achterbahn, Nikolaus und Revolverheld.

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So grotesk mir das auf den ersten Blick erschien, so kann man genau dieses Aufeinanderprallen aber auch als treffenden Spiegel unserer aktuellen Lage sehen.
Die Welt ist aus den Fugen geraten. Gut und Böse, Krieg und Frieden lassen sich immer weniger auseinander sortieren.

Wir sind im Krieg. So jedenfalls muss man es doch verstehen, wenn jetzt unsere Soldaten und Flugzeuge an der Seite Frankreichs und anderer den Feind IS mit militärischen Mitteln zu vernichten, mindestens zu schwächen versuchen.
Wir sind im Krieg, wenn schwarz-weiß-Propaganda – egal ob von rechts oder links außen – jede differenzierte Wahrnehmung der Wirklichkeit verhindert.
Wir sind im Krieg, wenn wir womöglich fürchten müssen, dass neben uns eine Bombe explodiert. Wenn in einem Jahr über 500 Anschläge auf Flüchtlingswohnheime ausgeübt werden und auf facebook die menschenverachtendsten Dinge gepostet, „geliked“ und geteilt werden.
Wir sind im Krieg, wenn der Hass auch bei uns in die Köpfe einzieht, der Hass, der im Flüchtling nicht mehr den Mitmenschen sieht, sondern nur die Gefahr, oder der ideologische Hass, der im angstbesetzten und überforderten Einheimischen nur noch den Nazi sieht.

Lukas-Kantorei in der St. Lukas Kirche

Adventskonzert der Lukas-Kantorei  in der St. Lukas Kirche

„Tochter Zion, freue dich, jauchze laut Jerusalem … ja er kommt, der Friedefürst“, haben wir in der Adventszeit gesungen, in Gottesdiensten und Adventskonzerten. Aber ist das nicht nur ein Pfeifen im Wald angesichts des zunehmenden Unfriedens – auch zwischen den unterschiedlichen Gruppen in unserem eigenen Land. In der Adventsfeier für die Mitarbeitenden der Stadtmission bin ich in meiner Predigt über Sacharja 9,9-11 zu folgenden Schlüssen gekommen:

Plötzlich wird das Trostwort zu einer klaren Herausforderung: Auf welche Seite stellen wir uns mit unserem Denken, Reden und Handeln?
Auf die Seite derer, die um sich schießen – und sei es mit Worten? Oder auf die Seite des Messias-Königs, dessen Reich sich ganz anders ausbreitet?
Er bedient sich eben nicht der Mittel der anderen Machthaber und Gebieter. Er reitet eben nicht auf einem Ross oder auf einem Kriegswagen ein. Er benutzt nicht Böses zur Eindämmung des Bösen. Er arbeitet nicht mit Druck und Drohung. Und doch hat er die stärkeren Argumente. Weil er selbst frei ist von Hass und Angst, entsteht um ihn herum ein immer größerer hass- und angstfreier Raum.

Durch seine Versöhnung und die Kraft seines Wortes sind Menschen aus allen Völkern zu Liebhabern des Friedens geworden, zu Boten von Gerechtigkeit und Hilfe, die jetzt schon ein messianisches Versöhnungs-Netzwerk bilden „von einem Meer bis zum anderen.“ Und wir dürfen und sollen dazugehören.
An seiner Seite weicht die Angst, auch wenn die Verhältnisse noch beängstigen sind.
An seiner Seite fällt Menschenverachtung ziemlich schwer, selbst wenn andere uns als Hunde bezeichnen.
An seiner Seite wird Hass als Sackgasse enttarnt, weil Liebe den Hass ins Leere laufen lässt.
An seiner Seite entstehen verblüffende Handlungs-Alternativen, auf die die Feinde niemals kommen würden: „Tut wohl denen, die euch hassen.“

Das ist das Beste an Weihnachten, dass wir freien Zugang zu solchen Alternativen bekommen haben, die transformierende Kraft haben. Damit kommen wir vielleicht auch mal über das alljährliche Gejammere über den ganzen Weihnachtskonsum hinaus, das nichts ändert. Nicht ändern kann, solange man sich auch damit immer nur um sich selbst dreht. Blog 37-7Ich finde jedenfalls, der Adventskalender der Geschäfte im Hauptbahnhof hat etwas entwaffnend Ehrliches.

Welche transformierende Kraft die Versöhnungsbotschaft aber haben kann, war vor wenigen Wochen in der neuen von der Stadtmission betriebenen Notunterkunft für etwa 1000 Flüchtlinge in Spandau zu erleben. Zum Hintergrund muss zunächst erklärt werden, dass wir erst ganz frisch die Erlaubnis des Landesamtes haben „unsere Standards“ einbauen zu dürfen, d.h. ausreichend Sanitäranlagen, Waschmaschinen, Raum-in Raum-Kabinen (statt riesiger nur mit Bauzäunen abgetrennter Schlafbereiche), Spiel- und Betreuungsräume für Kinder usw.. Nicht mal das Licht war in der Nacht auszuschalten, weil es keine Notbeleuchtung gab. Also total stressige Umstände. Dazu die Ungewissheit, das Warten, die Fremdheit…

Durch irgendeinen letzten Tropfen lief das Fass über und es gab in der Nacht zum 1. Advent eine Massenschlägerei mit Einsatz von Polizei und Krankenwagen.

(Foto: Berliner Stadtmission)

(Foto: Berliner Stadtmission)

Feuerlöscher wurden zweckentfremdet und einiges ging zu Bruch. Die Einrichtungsleitung und weitere Mitarbeitende der Berliner Stadtmission waren aber vor Ort und begannen sofort mit Deeskalation und Aufräumarbeiten – die ersten, die mit anpackten, waren die Flüchtlinge selbst.

Schon am nächsten Vormittag wurde mit den Instandsetzungsarbeiten begonnen – zusammen mit den Bewohnern. Gemeinsam traten Vertreter aus den verschiedenen Volksgruppen vor die Bewohner und riefen zum Frieden auf. Pakistanis, Syrer, Kurden, Iraker, Afghanen, Männer wie Frauen und Kinder reichten sich die Hände. Beteiligte der Auseinandersetzung entschuldigten sich.

(Foto: Berliner Stadtmission)

Versöhnungsfest (Foto: Berliner Stadtmission)

„Wir alle wollen Frieden. Es gibt immer ein paar Wenige, die Schaden anrichten – in jeder Gruppe“, war die einhellige Meinung in den Gesprächen.

Am Nachmittag, schon 16 Stunden nach Beginn der Aufräumarbeiten, fand ein Fest des Friedens statt, bei dem sich diejenigen, die als erste ausgerastet waren, bei allen entschuldigten.

Zurück zu den Berliner Überraschungen. Im Rheinland waren wir es gewohnt, dass man beim Einkaufen an der Kasse usw. nicht etwa „Frohe Weihnachten“ gewünscht bekam, sondern weltanschaulich neutral „Schöne Feiertage“ (wie auch an Ostern und Pfingsten). Wie überrascht waren wir jetzt in Berlin, beim Brötchenholen oder Wochenendeinkauf oder im Fahrstuhl als Gruß „Einen schönen 1. Advent“ zu hören.

Und man denkt: Ganz so gottlos ist Berlin doch nicht.

afrikanische Krippe beim "Markt der Kontinente" in den Dahlemer Museen

Afrikanische Krippe beim „Markt der Kontinente“ in den Dahlemer Museen

Wobei dann auch schnell wieder eindrückliche Gegenbeispiele kommen. Bei der Weihnachtsfeier der Wohnhilfen (Eingliederungshilfe für ehemalige Obdachlose bzw. von Obdachlosigkeit bedrohte) habe ich gefragt, wer eine Krippe kennt von zu Hause oder aus der Kirche. Von den 25 Personen (einschließlich Mitarbeiter) meldeten sich vielleicht sechs und nur eine, die zu Hause eine Krippe hatten.

Gleichzeitig ist diese geringe religiöse Vorprägung auch immer wieder ein schöne Gelegenheit, Interesse zu wecken, sozusagen brachliegenden Boden zu bestellen.

Daran arbeiten wir, d.h. mein Kollege Andreas Schlamm und ich, auch in den verschiedenen innerbetrieblichen Fortbildungen.

Und darum geht es natürlich auch in der Heilig Abend Feier für Wohnungs- und Obdachlose heute Nachmittag im Zentrum am Hauptbahnhof. Inzwischen sind ca. 60 % der Obdachlosen in Berlin Osteuropäaer, die bei dem Versuch, hier ihr Glück zu machen, gestrandet sind. D.h. in dem Kurzgottesdienst muss möglichst vieles auf Polnisch und Russisch übersetzt werden. Rumänisch wär auch gut. Und die Botschaft von der Nähe Gottes zu unserem Leben muss sichtbar werden. So sieht unsere Bethlehem-Szene zur Weihnachtsgeschichte auch ein bisschen anders aus, als sonst in Krippenspielen.Blog 37-33

Für Obdachlose haben wir übrigens jetzt im Dezember neben der Bahnhofsmission Zoo (wieder einmal finanziert durch die Deutsche Bahn Stiftung sowie den Berliner Senat) ein Hygienezentrum eingerichtet, in dem Menschen von der Straße, zur Toilette gehen, duschen, waschen und sich die Haare schneiden lassen können. Wie viel Wertschätzung liegt darin, so gebeutelten Menschen ein solch edles Ambiente bereitzustellen!

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Im Refugio in Neukölln entwickelt sich inzwischen eine geistliche WeggemeinschaftBlog 37-30 als Keimzelle des geplanten Stadtklosters:

Jeden Dienstag und Freitag gibt es um 8 Uhr ein offenes liturgisches Morgengebet. Einmal im Monat (an einem Abend in der Woche) feiern wir einen internen Abendmahlsgottesdienst mit viel Stille.

Blog 37-31Dann essen wir als Weggemeinschaft mit zur Zeit 8 Personen gemeinsam Abend. Und einer erzählt seine geistliche Lebensgeschichte.

Aber auch die Gemeinschaft von Einheimischen und Neuankömmlingen im Refugio entwickelt sich positiv weiter. Genauso wie das Café und die programmatische Reflexion der Arbeit:

Sharehaus Refugio ist ein Ort, wo man Zuflucht finden kann, d.h. Schutz und Heimat, wo Gemeinschaft in gegenseitiger Wertschätzung und Unterstützung gelebt wird und Raum ist, Erneuerung zu erfahren und zur Erneuerung der Gesellschaft beizutragen.

Zum Schluss noch zwei musikalische Leckerbissen des Advents:

  1. Das Benefizkonzert (für unsere Kältehilfe) der Soulsängerin Jocelyn B. Smith in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche. Sie ist inzwischen nicht mehr die Jüngste, aber verströmt dermaßen viel Energie und Menschenfreundlichkeit, dass die rappelvolle Kirche innerhalb von gefühlten 30 Sekunden auf den Beinen ist, mitsingt und – tanzt.Blog 37-17 Blog 37-19
  1. Ein ganz kleines Format in der S-Bahn. Blog 37-22Häufig gibt es Musiker oder Gruppen, die reinkommen, ganz kurz Musik machen, 36 Takte später schon mit ihrem Becher rumziehen, um Geld zu sammeln, und bei der nächsten Station wieder verschwunden sind. Ein osteuropäischer Gitarrist morgens machte es anders. In aller Ruhe und Bescheidenheit spielte er drei oder vier virtuose klassische Gitarrenstücke. Nach und nach schauten immer mehr von ihren Handys, Zeitungen und Büchern auf, Stöpsel wurden aus Ohren gezogen und man lächelte sich an. Einige verzauberte Minuten. (Übrigens: Ein durchaus geschicktes Geschäftsmodell, wie mir scheint, jedenfalls im Bezug auch auf meine Bereitschaft, nicht nur 50 Cent zu geben.)

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Alles in allem gibt es für uns viel Grund, mit großer Dankbarkeit auf eine Jahr zurückzublicken, das so voller Leben war.

Ich danke Euch fürs Lesen, Anteilnehmen und alle Rückmeldungen. Und wünsche Euch jetzt gesegnete Weihnachten, erfreuliche Jahresrückblicke und Gottes Segen für das Kommende.

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Eine Woche voller Höhepunkte

Wie viele besondere Ereignisse, wie viele Highlights passen in eine Woche?

Die zurückliegende war jedenfalls für die Berliner Stadtmission so voll, dass es kaum zu glauben ist; und das jeweils mit hohem öffentlichen Interesse. Allein am Samstagabend kam unsere Arbeit in der Abendschau des RBB (Radio Berlin Brandenburg) gleich zweimal vor und rahmten sozusagen die Fernsehsendung. Aber der Reihe nach:

WP_20141124_10_07_01_ProGleich am Montag ging es los mit der Eröffnung der großartigen und bewegenden Fotoausstellung „Die Unsichtbaren“ im Hauptbahnhof. Obdachlose Gäste unserer Bahnhofmission am Zoo sind darin mit einfühlsamen Fotos und eindrücklichen Geschichten protraitiert worden. Zur Ausstellung gibt es auch einen entsprechenden Bildband.

Das Ganze wurde (mal wieder) finanziell in erheblichem Maße von der Deutschen-Bahn-Stiftung WP_20141124_10_08_00_Prounterstützt. Und so ließ es sich Bahnchef Grube auch nicht nehmen, bei der großen Vernissage mit Presse, Fernsehen und vielen Gästen eine Laudatio zu halten auf die Arbeit der Bahnhofsmission und der vielen Freiwilligen auch von der Bahn, die das Thema Obdachlosigkeit nicht verdrängen, sondern mit Herz annehmen.

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Weiter ging es schon am Montagabend, wenn auch nicht mit einer eigenen Veranstaltung, aber doch einem wichtigen „networking-Termin“: Die Eröffnungsfeier der „Wertestarter“, einer Stiftung zur Förderung christlicher Werte, ins Leben gerufen von dem namhaften Unternehmer Friedhelm Loh:WP_20141124_15_22_48_Pro WP_20141124_15_17_00_Pro

Im Zentrum steht dabei die Förderung von Bildungsprogrammen für benachteiligte Kinder und Jugendliche, vor allem auch solche, die sonst keine Möglichkeit hätten, den christlichen Glauben kennenzulernen. Wie sehr aber wird unsere Gesellschaft in Zukunft junge Menschen brauchen, die gelernt haben, sich in einer optionalen Welt der 1000 Wahlmöglichkeiten (jedenfalls theoretisch) mit geklärten Kriterien zu bewegen und Verantwortung zu übernehmen.

Ganz bewegend: Der Auftritt der Kinder- und Jugend Gruppe von der „blue:box berlin“, wo ebensolche Kinder gefördert, ermutigt und aufgebaut werden: „Du kannst, wenn du nur willst!“

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Der Dienstagvormittag begann dann damit, dass die gesamte Belegschaft unseres Zentrums am Hauptbahnhof („ZaH“ – Lehrterstraße 68), also die Mitarbeitenden der Geschäftsstelle und der Einrichtungen zur anderen Seite des Poststadions pilgerten, wo inzwischen die beiden Traglufthallen unserer Notunterkunft für Flüchtlinge aufgebaut sind.

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WP_20141125_10_05_45_ProDort, zwischen den schon fertigen 6-Personen-Kabinen und dem noch nicht fertig aufgebauten Begegnungsbereich, haben wir unsere wöchentliche Mitarbeiterandacht „Glocke“ gefeiert. Das war schon bewegend, als das bunte Team dieses Projektes vorgestellt und eingesegnet wurde: Fast so bunt, wie die Menschen, die hier für kurze Zeit unterkommen.

Christiane hat ja mit einer halben Stelle die stellvertretende Leitung. Wie alle anderen  – und die Mitarbeitenden der Liegenschaftsabteilung schon seit Anfang November – gab es für sie die ganze Woche ohne Ende Arbeit: Hier musste ja das Rad wirklich neu erfunden werden, weil es so etwas – mindestens in Berlin – noch nicht gibt: Eine Flüchtlings-Notunterkunft mit sozialer und pädagogischer Betreuung, mit Winterspielplatz für die Kinder, Bistrotischen zum Zusammensitzen, Reden oder Spielen usw. Ich kann jetzt nicht in die Einzelheiten gehen. So konnten die ersten Flüchtlinge erst am Freitag aufgenommen werden. Aber die Freigabe seitens der Stadt erfolgte da auch erst.

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Vorher, nämlich am Donnerstag, gab es das nächste Highlight: Die Eröffnung unseres neuen „Komm & Sieh“-Ladens in den Wilmersdorfer Arcaden: Vintage und upcicling-Produkte (also Stilvolle Kleidung aus den 60er und 70er Jahren und aus Altkleidung hergestellte Designerprodukte unseres „water to whine“-Teams). Das Besondere an unseren „Komm & Sieh“-Läden ist zudem, das sie einen gGmbH – Integrationsbetrieb darstellen, in dem Menschen eine Arbeit und Aufgabe bekommen, die im Ersten Arbeitsmarkt mindestens zunächst keine Chance hätten. Mal schauen, ob der Laden hier in einer typisch stylischen Einkaufs-Arkade wirklich Fuß fassen kann. Aber einen Versuch ist es wert.

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Am Freitag wurde dann die Traglufthalle mit der Flüchtlings-Notunterkunft geöffnet. Zunächst kamen aber erst mal alle möglichen Berliner Polit-Promis und staunten darüber, wie wohnlich man so ein Ding einrichten kann.

Foto: Team Traglufthalle

Ein heller, freundlicher Raum Foto: Team Traglufthalle

Foto: Team Traglufthalle
Kinderspielfläche Foto:  Team Traglufthalle
Foto: Team Traglufthalle

Bistrotische zum Reden und Spielen                               Foto: Team Traglufthalle

 

 

 

Foto: Team Traglufthalle

Sofaecke zum Entspannen Foto: Team Traglufthalle

 

 

 

 

 

 

Am Nachmittag kamen dann auch die ersten Flüchtlinge. Zum Glück noch nicht der Riesenansturm, weil sich ganz viele Dinge erst noch einspielen müssen. Je nach Herkunft ist es z.B. für die „Gäste“ eine Selbstverständlichkeit, ihre Betten selbst zu beziehen und wieder abzuziehen (ordentlich und gefaltet) – oder sie haben so etwas noch nie gesehen und sammeln sich in der kühlen Nacht einfach alle möglichen unbezogenen Decken zusammen.

Einer ist am Arm verletzt. Die Wunde ist seit zwei Wochen Flucht nicht versorgt worden. Dann eine alleinerziehende Mutter aus Afrika. Das jüngste der drei Kinder unmittelbar nach der Ankunft in Berlin geboren…

Schon die ersten Beispiele sprechen Bände. Im Laufe der jetzigen Woche aber  wird die Halle wohl voll werden.

Angesichts unserer wachsenden Detail-Kenntnisse über die Flüchtlinge, die jetzt in Deutschland ankommen, wächst das Kopfschütteln und der Ärger über den Anteil in der Bevölkerung, der ernsthaft meint, die Politik sollte uns das Problem vom Hals halten. Mit jedem „Ich hab nichts gegen Flüchtlinge, aber…“ offenbart sich eine Unkenntnis, ein Desinteresse und ein Egoismus, der zum Himmel schreit. Die wirkliche Bedrohung für Deutschland sind doch nicht etwa die Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan, Zentralafrika…, von denen viele gebildete Menschen mit Kultur und Bildung sind. Die wirkliche Bedrohung stellen die dar, die die mühsam gewonnenen Werte wie Freiheit und Menschenwürde mit ihren Springerstiefeln in den Schmutz treten, oder schlipstragend mit unsäglich dummem Geschwafel aufs Spiel setzen. Von Dietrich Bonhoeffer stammt der Satz, dass Dummheit „nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist.“

Zurück zur vergangenen Woche: Am Samstag früh kam dann auch das Fernsehen hierher, um zu berichten. Unsere Chefin der Öffentlichkeitsarbeit, Ortrud Wohlwend, hat das Kamerateam dann gleich danach in die Kaufhof Galeria am Alexander Platz geschickt. Denn da haben wir um 13.00 und 14.00 Uhr unseren vorweihnachtlichen Musik-Flashmob aufgeführt:

WP_20141129_14_13_46_ProPlötzlich ertönt aus einem Lautsprecher Instrumentalmusik und einige Frauen auf der Rolltreppe von der 3. hinunter in die 2. Etage beginnen zu singen. „Hörst du, wie die Engel singen? In dem Lärm der lauten Stadt singen sie von großen Dingen, die die Stadt vergessen hat. Gloria in excelsis Deo.“ Bei der nächsten Strophe tauchen plötzlich singende Männer auf, die gerade noch nach Hemden oder Sakkos geschaut hatten. Es werden immer mehr, und schließlich schallen vom Lichthof-Geländer im 3. Stock die Klänge von Blechbäsern (Mitglieder des Stadtmissions-Posaunenchors in Friedrichshagen). Unzählige Handies werden in die Luft gehalten, viele Menschen wippen mit oder stimmen sogar in den Refrain ein. Ab Ende begeisterter Applaus.

Das Ganze haben wir übrigens 4 mal gemacht, und aus allen Durchgängen sowie der Tonspur der CD hat Martin Buchholz mit seinem Team ein tolles Musikvideo erstellt, das ab heute Nachmittag (3.12.) auf YouTube zu sehen ist:

http://youtu.be/pSEdQGGjB8Y

Die zugehörige CD ist auch rechtzeitig fertig WP_20141129_17_16_38_Pro ausschnittgeworden mit insgesamt drei Songs von Martin Buchholz (arrangiert und aufgenommen von Helmut Jost) und als viertem Titel meinem neuen Lied zum Leitbild der Stadtmission (arrangiert und aufgenommen von Andreas Rehbein in Köln). „Suchet das Beste, das Beste der Stadt“. Alle Titel gibt´s in der Vollversion und als Playback zum selber Singen, zuhause oder in der Gemeinde.

 

Der letzte Höhepunkt der Woche fand am Sonntag statt mit dem Fusionsgottesdienst der Gemeinden Blankenburg und Karow. Vorausgegangen war ein Fußmarsch einer Gruppe von Blankenburg (wo in Zukunft keine Gottesdienste mehr sind), dem eine Gruppe aus Karow entgegenging, um sich in der Mitte zu treffen. Ein symbolischer Akt, der aber viel von dem widerspiegelt, was hier in den vergangenen Monaten miteinander gelungen ist.

So kann man aufeinander zugehen!

So kann man aufeinander zugehen!

Mit meinen Kölner Fusionserfahrungen konnte ich da ganz gut unterstützen und ermutigen. So wurde dieser Beginn des neuen Kirchenjahres auf dem Gemeindehof Karow zu einem wunderschönen Gemeindefest. Und ich bin ziemlich sicher, dass diese vereinigte Gemeinde (noch mehr) zu einem Leuchtturm im Berliner Nordosten wird mit Ausstrahlung bis nach Brandenburg.

Stefen Seidel, als Stadtmissionar neu in dieser Gemeinde, und seine Frau

Stefen Seidel, als Stadtmissionar neu in dieser Gemeinde, und seine Frau

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Allerdings läuft auch bei uns nicht alles so erfreulich. Und manches scheitert auch kläglich. So mussten wir einen Sonntag vorher (am Totensonntag) die Gemeinde Neukölln in der Lenaustraße „beerdigen“. Trotz mancherlei Bemühungen der kleinen, unglaublich treuen Restgruppe in der Lenaustraße war die Möglichkeit eines „Wiederbelebens“ nicht mehr in Reichweite. Manches war da in der Vergangenheit wohl schief gelaufen, auch durch  dysfunktionale Konzepte für das gesamte Gebäude und halbherzige Maßnahmen. Aber es war wohl auch noch nicht der richtige Zeitpunkt. Für die, die bis zuletzt ausgeharrt und sich eingesetzt haben, schon bitter. Aber manchmal muss man auch Arbeitsformen begraben, damit etwas Neues entstehen kann. Und daran arbeiten wir jetzt. In der Hoffnung, dass auch hier im nächsten Jahr wieder Neues wächst und Gottes Segen erfahrbar wird. Aber halt in ganz anderer Form als bisher.

Ihr seht, bei all dem, was sehr schön ist: Hier wird auch nur mit Wasser gekocht. Und der Himmel kommt nur sehr punktuell auf der Erde.

Aber der Auftrag des Advents soll unseren Einsatz prägen, auch wenn wir mit manchem scheitern: „Bereitet dem Herrn den Weg“.

In diesem Sinne eine gesegnete Adventszeit.