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„Das Beste an Weihnachten ist…“

Berlin ist immer wieder für eine Überraschung gut. Und zwar nicht nur Überraschungen, die zum „alles-ist-möglich“-Klischee passen oder zum „Berlin-is-ne-riesen-Party“-Klischee. Letzteres wird natürlich auch in der Adventszeit intensiv bedient. So zum Beispiel auf der Kirmes an der Jannowitzbrücke, die zu Recht nicht Weihnachtsmarkt heißt. Wobei ich den offiziellen Titel „Wintertraum“ jetzt auch nicht unbedingt passender finde. Aber das liegt wahrscheinlich an mir.

Blog 37-10Das gnadenlosen Nebeneinanderstellen von sehr unterschiedlicher Bildsprache bei dieser Volksbelustigung hat mich allerdings schon ein bisschen sprachlos gemacht: Gebrannte Mandeln und Horror-Achterbahn, Nikolaus und Revolverheld.

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So grotesk mir das auf den ersten Blick erschien, so kann man genau dieses Aufeinanderprallen aber auch als treffenden Spiegel unserer aktuellen Lage sehen.
Die Welt ist aus den Fugen geraten. Gut und Böse, Krieg und Frieden lassen sich immer weniger auseinander sortieren.

Wir sind im Krieg. So jedenfalls muss man es doch verstehen, wenn jetzt unsere Soldaten und Flugzeuge an der Seite Frankreichs und anderer den Feind IS mit militärischen Mitteln zu vernichten, mindestens zu schwächen versuchen.
Wir sind im Krieg, wenn schwarz-weiß-Propaganda – egal ob von rechts oder links außen – jede differenzierte Wahrnehmung der Wirklichkeit verhindert.
Wir sind im Krieg, wenn wir womöglich fürchten müssen, dass neben uns eine Bombe explodiert. Wenn in einem Jahr über 500 Anschläge auf Flüchtlingswohnheime ausgeübt werden und auf facebook die menschenverachtendsten Dinge gepostet, „geliked“ und geteilt werden.
Wir sind im Krieg, wenn der Hass auch bei uns in die Köpfe einzieht, der Hass, der im Flüchtling nicht mehr den Mitmenschen sieht, sondern nur die Gefahr, oder der ideologische Hass, der im angstbesetzten und überforderten Einheimischen nur noch den Nazi sieht.

Lukas-Kantorei in der St. Lukas Kirche

Adventskonzert der Lukas-Kantorei  in der St. Lukas Kirche

„Tochter Zion, freue dich, jauchze laut Jerusalem … ja er kommt, der Friedefürst“, haben wir in der Adventszeit gesungen, in Gottesdiensten und Adventskonzerten. Aber ist das nicht nur ein Pfeifen im Wald angesichts des zunehmenden Unfriedens – auch zwischen den unterschiedlichen Gruppen in unserem eigenen Land. In der Adventsfeier für die Mitarbeitenden der Stadtmission bin ich in meiner Predigt über Sacharja 9,9-11 zu folgenden Schlüssen gekommen:

Plötzlich wird das Trostwort zu einer klaren Herausforderung: Auf welche Seite stellen wir uns mit unserem Denken, Reden und Handeln?
Auf die Seite derer, die um sich schießen – und sei es mit Worten? Oder auf die Seite des Messias-Königs, dessen Reich sich ganz anders ausbreitet?
Er bedient sich eben nicht der Mittel der anderen Machthaber und Gebieter. Er reitet eben nicht auf einem Ross oder auf einem Kriegswagen ein. Er benutzt nicht Böses zur Eindämmung des Bösen. Er arbeitet nicht mit Druck und Drohung. Und doch hat er die stärkeren Argumente. Weil er selbst frei ist von Hass und Angst, entsteht um ihn herum ein immer größerer hass- und angstfreier Raum.

Durch seine Versöhnung und die Kraft seines Wortes sind Menschen aus allen Völkern zu Liebhabern des Friedens geworden, zu Boten von Gerechtigkeit und Hilfe, die jetzt schon ein messianisches Versöhnungs-Netzwerk bilden „von einem Meer bis zum anderen.“ Und wir dürfen und sollen dazugehören.
An seiner Seite weicht die Angst, auch wenn die Verhältnisse noch beängstigen sind.
An seiner Seite fällt Menschenverachtung ziemlich schwer, selbst wenn andere uns als Hunde bezeichnen.
An seiner Seite wird Hass als Sackgasse enttarnt, weil Liebe den Hass ins Leere laufen lässt.
An seiner Seite entstehen verblüffende Handlungs-Alternativen, auf die die Feinde niemals kommen würden: „Tut wohl denen, die euch hassen.“

Das ist das Beste an Weihnachten, dass wir freien Zugang zu solchen Alternativen bekommen haben, die transformierende Kraft haben. Damit kommen wir vielleicht auch mal über das alljährliche Gejammere über den ganzen Weihnachtskonsum hinaus, das nichts ändert. Nicht ändern kann, solange man sich auch damit immer nur um sich selbst dreht. Blog 37-7Ich finde jedenfalls, der Adventskalender der Geschäfte im Hauptbahnhof hat etwas entwaffnend Ehrliches.

Welche transformierende Kraft die Versöhnungsbotschaft aber haben kann, war vor wenigen Wochen in der neuen von der Stadtmission betriebenen Notunterkunft für etwa 1000 Flüchtlinge in Spandau zu erleben. Zum Hintergrund muss zunächst erklärt werden, dass wir erst ganz frisch die Erlaubnis des Landesamtes haben „unsere Standards“ einbauen zu dürfen, d.h. ausreichend Sanitäranlagen, Waschmaschinen, Raum-in Raum-Kabinen (statt riesiger nur mit Bauzäunen abgetrennter Schlafbereiche), Spiel- und Betreuungsräume für Kinder usw.. Nicht mal das Licht war in der Nacht auszuschalten, weil es keine Notbeleuchtung gab. Also total stressige Umstände. Dazu die Ungewissheit, das Warten, die Fremdheit…

Durch irgendeinen letzten Tropfen lief das Fass über und es gab in der Nacht zum 1. Advent eine Massenschlägerei mit Einsatz von Polizei und Krankenwagen.

(Foto: Berliner Stadtmission)

(Foto: Berliner Stadtmission)

Feuerlöscher wurden zweckentfremdet und einiges ging zu Bruch. Die Einrichtungsleitung und weitere Mitarbeitende der Berliner Stadtmission waren aber vor Ort und begannen sofort mit Deeskalation und Aufräumarbeiten – die ersten, die mit anpackten, waren die Flüchtlinge selbst.

Schon am nächsten Vormittag wurde mit den Instandsetzungsarbeiten begonnen – zusammen mit den Bewohnern. Gemeinsam traten Vertreter aus den verschiedenen Volksgruppen vor die Bewohner und riefen zum Frieden auf. Pakistanis, Syrer, Kurden, Iraker, Afghanen, Männer wie Frauen und Kinder reichten sich die Hände. Beteiligte der Auseinandersetzung entschuldigten sich.

(Foto: Berliner Stadtmission)

Versöhnungsfest (Foto: Berliner Stadtmission)

„Wir alle wollen Frieden. Es gibt immer ein paar Wenige, die Schaden anrichten – in jeder Gruppe“, war die einhellige Meinung in den Gesprächen.

Am Nachmittag, schon 16 Stunden nach Beginn der Aufräumarbeiten, fand ein Fest des Friedens statt, bei dem sich diejenigen, die als erste ausgerastet waren, bei allen entschuldigten.

Zurück zu den Berliner Überraschungen. Im Rheinland waren wir es gewohnt, dass man beim Einkaufen an der Kasse usw. nicht etwa „Frohe Weihnachten“ gewünscht bekam, sondern weltanschaulich neutral „Schöne Feiertage“ (wie auch an Ostern und Pfingsten). Wie überrascht waren wir jetzt in Berlin, beim Brötchenholen oder Wochenendeinkauf oder im Fahrstuhl als Gruß „Einen schönen 1. Advent“ zu hören.

Und man denkt: Ganz so gottlos ist Berlin doch nicht.

afrikanische Krippe beim "Markt der Kontinente" in den Dahlemer Museen

Afrikanische Krippe beim „Markt der Kontinente“ in den Dahlemer Museen

Wobei dann auch schnell wieder eindrückliche Gegenbeispiele kommen. Bei der Weihnachtsfeier der Wohnhilfen (Eingliederungshilfe für ehemalige Obdachlose bzw. von Obdachlosigkeit bedrohte) habe ich gefragt, wer eine Krippe kennt von zu Hause oder aus der Kirche. Von den 25 Personen (einschließlich Mitarbeiter) meldeten sich vielleicht sechs und nur eine, die zu Hause eine Krippe hatten.

Gleichzeitig ist diese geringe religiöse Vorprägung auch immer wieder ein schöne Gelegenheit, Interesse zu wecken, sozusagen brachliegenden Boden zu bestellen.

Daran arbeiten wir, d.h. mein Kollege Andreas Schlamm und ich, auch in den verschiedenen innerbetrieblichen Fortbildungen.

Und darum geht es natürlich auch in der Heilig Abend Feier für Wohnungs- und Obdachlose heute Nachmittag im Zentrum am Hauptbahnhof. Inzwischen sind ca. 60 % der Obdachlosen in Berlin Osteuropäaer, die bei dem Versuch, hier ihr Glück zu machen, gestrandet sind. D.h. in dem Kurzgottesdienst muss möglichst vieles auf Polnisch und Russisch übersetzt werden. Rumänisch wär auch gut. Und die Botschaft von der Nähe Gottes zu unserem Leben muss sichtbar werden. So sieht unsere Bethlehem-Szene zur Weihnachtsgeschichte auch ein bisschen anders aus, als sonst in Krippenspielen.Blog 37-33

Für Obdachlose haben wir übrigens jetzt im Dezember neben der Bahnhofsmission Zoo (wieder einmal finanziert durch die Deutsche Bahn Stiftung sowie den Berliner Senat) ein Hygienezentrum eingerichtet, in dem Menschen von der Straße, zur Toilette gehen, duschen, waschen und sich die Haare schneiden lassen können. Wie viel Wertschätzung liegt darin, so gebeutelten Menschen ein solch edles Ambiente bereitzustellen!

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Im Refugio in Neukölln entwickelt sich inzwischen eine geistliche WeggemeinschaftBlog 37-30 als Keimzelle des geplanten Stadtklosters:

Jeden Dienstag und Freitag gibt es um 8 Uhr ein offenes liturgisches Morgengebet. Einmal im Monat (an einem Abend in der Woche) feiern wir einen internen Abendmahlsgottesdienst mit viel Stille.

Blog 37-31Dann essen wir als Weggemeinschaft mit zur Zeit 8 Personen gemeinsam Abend. Und einer erzählt seine geistliche Lebensgeschichte.

Aber auch die Gemeinschaft von Einheimischen und Neuankömmlingen im Refugio entwickelt sich positiv weiter. Genauso wie das Café und die programmatische Reflexion der Arbeit:

Sharehaus Refugio ist ein Ort, wo man Zuflucht finden kann, d.h. Schutz und Heimat, wo Gemeinschaft in gegenseitiger Wertschätzung und Unterstützung gelebt wird und Raum ist, Erneuerung zu erfahren und zur Erneuerung der Gesellschaft beizutragen.

Zum Schluss noch zwei musikalische Leckerbissen des Advents:

  1. Das Benefizkonzert (für unsere Kältehilfe) der Soulsängerin Jocelyn B. Smith in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche. Sie ist inzwischen nicht mehr die Jüngste, aber verströmt dermaßen viel Energie und Menschenfreundlichkeit, dass die rappelvolle Kirche innerhalb von gefühlten 30 Sekunden auf den Beinen ist, mitsingt und – tanzt.Blog 37-17 Blog 37-19
  1. Ein ganz kleines Format in der S-Bahn. Blog 37-22Häufig gibt es Musiker oder Gruppen, die reinkommen, ganz kurz Musik machen, 36 Takte später schon mit ihrem Becher rumziehen, um Geld zu sammeln, und bei der nächsten Station wieder verschwunden sind. Ein osteuropäischer Gitarrist morgens machte es anders. In aller Ruhe und Bescheidenheit spielte er drei oder vier virtuose klassische Gitarrenstücke. Nach und nach schauten immer mehr von ihren Handys, Zeitungen und Büchern auf, Stöpsel wurden aus Ohren gezogen und man lächelte sich an. Einige verzauberte Minuten. (Übrigens: Ein durchaus geschicktes Geschäftsmodell, wie mir scheint, jedenfalls im Bezug auch auf meine Bereitschaft, nicht nur 50 Cent zu geben.)

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Alles in allem gibt es für uns viel Grund, mit großer Dankbarkeit auf eine Jahr zurückzublicken, das so voller Leben war.

Ich danke Euch fürs Lesen, Anteilnehmen und alle Rückmeldungen. Und wünsche Euch jetzt gesegnete Weihnachten, erfreuliche Jahresrückblicke und Gottes Segen für das Kommende.

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Bunter geht Herbst nicht!

Ihr werdet Euch vielleicht schon gewundert haben, dass auf dieser Frequenz so lange Funkstille war. Es lag schlicht daran, dass dieser Herbst für mich dermaßen bunt und gefüllt war, dass ich nicht dazu gekommen bin, mal wieder Blog zu schreiben. Ja, ich kriege es aus dem Kopf auch kaum noch zusammen, zu welchen Anlässen ich außerhalb von Berlin unterwegs war:

Ende September:
Vorstand und Mitgliederversammlung des Gnadauer Verbandes in Bensheim/Bergstraße.

Urlaub im Harz (das Titelfoto habe ich in Quedlinburg aufgenommen) und in Weimar, wo wir eingetaucht sind ins Herz klassischer deutscher Kultur – was für ein Reichtum, an dem wir auch „Neulingen“ in Deutschland Anteil geben können. Wie universal und völkerverständigend hat ein Goethe bereits gedacht.Blog 36-4 Blog 36-3

(Wie beeindruckend auch, vor den Original-Bildern und Skulpturen zu stehen, die ich schon aus Schulbüchern kenne)

12. Oktober:
Fahrt zur Verleihung des Deutschen Architekturpreises für die kölner Immanuel-Kirche nach Hannover ins Schloss Herrenhaus:

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Das hatte schon was: An der Spitze eines Auswahlverfahrens unter 160 vorgeschlagenen Projekten zu landen. Aber wirklich zu Tränen gerührt war ich, als Professor Sauerbruch nachher im kleinen Kreis zu Christiane Friedrich (Presbyteriumsvorsitzende in der Brückenschlag-Gemeinde in Köln) und mir sagte, dass er das Preisgeld in Höhe von 25.000 € je zur Hälfte an die Gemeinde in Stammheim/Flittard und für meine Arbeit bei der Stadtmission spenden wolle. Auch an dieser Stelle ein ganz herzlicher Dank dafür!

Ende Oktober sind wir zunächst ein Wochenende zum 93. Geburtstag meiner Mutter in den „Westen der Republik“ gereist.

Und kurz vor dem Monatswechsel war ich nochmal dienstlich in Kassel – Treffen des Gnadauer Vorstandes mit Vertretern der EKD – und Marburg -Treffen mit den Dozenten der Theologischen Hochschule Tabor, weil wir in Berlin in Kooperation mit Tabor einen neuen Bachelor Studiengang gründen wollen, in dem theologisch- und gemeinwesen-kompetente Gründer von „Neuen Evangelischen Orten“ (NEOs) ausgebildet werden. (Die Idee, solchen Projekten anstelle des englischen „fresh-X“ einen schönen und sinnvoll abkürzbaren Namen zu geben, stammt von meinem Kollegen Andreas Schlamm). Aber natürlich wird der Studiengang nicht nur zu Neugründungen sondern zur Transformation bestehender Arbeit befähigen – ganz im Sinne des Gnadauer Programms „Neues wagen“.

Vorige Woche waren wir dann noch mit der Erweiterten Konvent der Berliner Stadtmission (also auch alle Einrichtungs- und Projektleiter) zu einer dreitägigen Klausur in unserem Luther-Hotel in Wittenberg. Hier der Blick aus meinem (fliegenvergitterten) Hotelfenster auf die Stadtkirche und zwei Fotos aus dem Lutherhaus, einem anderen Herzstück der deutschen Kultur, dessen Besuch bei mir ähnliche Gefühle und Gedanken auslöste, wie Weimar.

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Dieser Spruch von Martin Luther markiert nun zugleich ein hochaktuelles Thema. Denn einerseits ist völlig klar, dass die Kirche es überaus dringend braucht, sich aus ihren Mauern und Scheuklappen nach draußen zu begeben mitten hinein ins Leben, in die Alltagskultur, und das heißt in die kreative Avantgard genauso wie in die „Raucherecken“, in die Plattenbauten wie in die Flüchtlingshallen. Also „Inkulturation“.

Aber das doch immer so, dass zugleich deutlich wird, inwiefern eine von Jesus her geprägte „Denke“ nochmal ganz andere Perspektiven einbringt. Also „Kulturkritik“.

In der Flüchtlingsarbeit z.B.: Der Staat und die politisch eher links geprägten Engagierten würden am liebsten Religion ganz ausklammern (auch die innerhalb der Kirche). PEGIDA und ähnlich gelagerte evangelisch-rechtskonservative nutzen jede Gelegenheit, den Islam vollkommen undifferenziert zu dämonisieren. Und leider gibt es auch bereits respektlose und manipulative Missionierungsversuche, die dem Geist Jesu widersprechen.

Aber „Wo Christus ist, geht er allezeit wider den Strom.“ Man könnte auch sagen: Setzt er sich zwischen alle Stühle. Und genau daran arbeiten wir auch als Berliner Stadtmission fleißig:

Denen, die in den Notunterkünften schon direkt und ungebeten arabische Bibeln verteilen wollen, erteilen wir eine Absage. Zugleich arbeiten wir daran, wie alle Neuankömmlinge in offener Weise kennenlernen „wie Deutschland“ tickt – und das bedeutet natürlich, wie stark das Land aus dem christlichen Glauben heraus geprägt ist und was christlicher Glaube heute bedeutet. 90 % derer, die zu uns kommen, sind religiöse Menschen. Wie verantwortungslos wäre es, dieses Thema zu tabuisieren. Denn erst, wenn wir miteinander darüber ins Gespräch kommen, statt auszublenden oder überzustülpen, kann es gelingen, dass Frieden untereinander wächst und die Flüchtlinge etwas lernen, dass sie zuhause nie haben lernen können: Dass Versöhnung, dass Frieden zwischen Unterschiedlichen möglich ist. Und – oft nicht zu Ende gedacht – suchen sie doch auch deshalb gerade bei uns Zuflucht. Aber wir müssen ihnen beibringen, wie das gelingen kann – sofern wir selbst dazu in der Lage sind. „Wo Christus ist“, sind wir dazu in der Lage. Denn „die Liebe treibt die Furcht aus“.

Zurück zur Berliner Stadtmission:

Vor vier Wochen haben wir – mal wieder in einer unvergleichlichen Hauruck-Aktion – die Trägerschaft für eine neue Flüchtlingsnotunterkunft übernommen: Diesmal im Norden von Spandau in leerstehenden Industriehallen und für eintausend bis eintausendfünfhundert Flüchtlinge.

Leider sind wir – abgesehn von der Schwierigkeit innerhalb weniger Wochen mindestens 60 geeignete Personen für die Arbeit einzustellen –  dort in der Zwickmühle, dass wir die notwendigen Einbauten nicht selbst vornehmen dürfen, sondern das Berliner Immobilienmanagement im Auftrag des LaGeSo (Landesamt) dafür sorgen muss. Man muss leider mal wieder sagen: Wo Berlin drauf steht, ist auch Berin drin :-(.

Dementsprechend sind die sanitären Anlagen auch nach vier Wochen noch unverändert… – ich will nicht zu viel sagen. Auch alles andere, was unseren Standards entspricht und zugesagt wurde, fehlt immer noch. Eine sehr schwierige Situation. Aber mal wieder mit unfassbar engagierten Mitarbeitenden und bereits Hunderten von Freiwilligen. Sonst ginge es gar nicht. Hier ein paar ganz nette Fotos:

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Rund ums Thema Frieden drehte sich auch das große und wunderbar multikulturelle Friedensfest (mit vielen Partnern aus der Straße) vor unserer St. Lukaskirche am 4.10.:

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Friedensfest in der Bernburgerstraße

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Vereinigte Chöre – einschließlich Gebärdenchor der Gehörlosengemeinde (im Foto rechts)

 

 

 

 

 

 

 

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Auf den Spuren von Krieg und Frieden waren wir auch am vorigen Sonntag bei unserer Wanderung durch die Döberitzer Heide, westlich von Spandau . Wahrscheinlich lösen die nächsten beiden Fotos bei euch ähnlich merkwürdige Gefühle aus, wie bei uns.

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Den Bericht über einen Herbst, wie er bunter nicht sein kann, möchte ich aber nun schließen mit ein paar einfach nur schönen Berlinfotos (die letzten beiden von unserm Treppenhaus  bzw. Balkon):

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Refugio eröffnet!

Mit einem tollen Fest haben wir gestern das Sharehaus Refugio der Berliner Stadtmission in Neukölln eingeweiht.

Hausteam und Bewohner unter Leitung von Sven Lager hatten sich in den letzten zwei Wochen nochmal so richtig ins Zeug gelegt. Die Treppenhäuser wurden entrümpelt, das Refugio-Logo angebracht und auch das in Eigenleistung gezimmerte Refugio-Café ist fertig geworden.

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Da ging es schon eine Stunde vor dem Gottesdienst hoch her. Mit gestifteten Kuchen und kunstvoll gefertigten Heißgetränken (Andy Romeike, unser Café-Chef, ist immerhin gelernter Barrista).

Andy Romeike (2.v.r.) mit seinem Team

Andy Romeike (2.v.r.) mit seinem Team

Zusammen mit dem Kreuzbergprojekt einer jungen FEG-Gemeindegründung, die seit einem Jahr das Haus nutzt und mit dem wir jetzt kooperieren, wurde der Gottesdienst eine sehr lebendige Angelegenheit. Da reichten die Plätze im Kirchensaal bei weitem nicht. Und parallel dazu war das Café die ganze Zeit auch noch ausgelastet.

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Meine schöne Aufgabe war die Eröffnungspredigt, die ich Euch hier vollständig einfüge, verknüpft mit Fotos vom Eröffnungstag. So bekommt Ihr nicht nur einen Eindruck von dem tollen Fest, sondern auch von der „Denke“, die uns dabei bewegt.

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Predigt im Einweihungsgottesdienst des Sharehaus Refugio 20.9.2015

Liebe Refugioeröffnungsgemeinde,

d.h. liebe Bewohner – einheimische und geflüchtete. Liebe Mitarbeitende – berufliche und ehrenamtliche. Liebe Stadtmissionsleute und Kreuzbergprojektler. Liebe Freunde, Unterstützer und Nachbarn, Neuköllner, Kreuzberger und sonstige Berliner.

Allein diese Aufzählung zeigt schon, dass wir heute ein ganz besonderes Projekt feierlich eröffnen. Ein Projekt, das für alle Beteiligten etwas ganz Neues ist. Ein Projekt in dem wir versuchen, auf ganz viele spannende Herausforderungen unserer Zeit zu antworten. Nicht als Besserwisser, sondern als Menschen, die etwas wagen, sich Ziele setzen und gemeinsam Wege finden wollen. Die meisten von uns im Vertrauen auf den lebendigen Gott. Denn der ist brennend daran interessiert, dass es Versöhnung gibt und nicht Hass, Frieden und nicht Krieg, Vertrauen und nicht Misstrauen, Gastfreundschaft und nicht Vertreibung, Heilung und nicht Verletzung. Wie sehr er daran interessiert ist, hat er in Jesus von Nazareth gezeigt, der mit seinem Leben genau dafür eingetreten ist und seinen Kopf hingehalten hat.

Als Sven Lager im vorigen Jahr in Kreuzberg das erste Sharehaus bei der Berliner Stadtmission als Versuchsballon startete, gab er ihm irgendwann den Untertitel: „Werkstatt für himmlische Gesellschaft.“ Und diesen Titel wollen wir uns jetzt im Refugio erst recht auf die Fahnen schreiben. „Werkstatt für himmlische Gesellschaft.“ Aber was soll man sich darunter vorstellen? Wie sich die Bibel solch eine himmlische Gesellschaft vorstellt, können wir im letzten Buch der Bibel lesen. Und vielleicht schon beim Zuhören oder Mitlesen ahnen, wieviel das mit unserem Leben hier und jetzt zu tun hat.

Offenbarung 21
1 Danach sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen; auch das Meer gab es nicht mehr. 2 Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, schön wie eine Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat. 3 Und vom Thron her hörte ich eine mächtige Stimme rufen: »Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen! Gott wird in ihrer Mitte wohnen; sie werden sein Volk sein – ein Volk aus vielen Völkern, und er selbst, ihr Gott, wird immer bei ihnen sein. 4 Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein. Denn was früher war, ist vergangen.« (…)

22 Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Der Herr selbst, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm. 23 Auch sind weder Sonne noch Mond nötig, um der Stadt Licht zu geben. Sie wird von der Herrlichkeit Gottes erhellt; das Licht, das ihr leuchtet, ist das Lamm. 24 Die Völker werden in dem Licht leben, das von der Stadt ausgeht, und von überall auf der Erde werden die Könige kommen und ihren Reichtum in die Stadt bringen. 25 Die Tore der Stadt werden den ganzen Tag geöffnet sein; mehr noch: Weil es dort keine Nacht gibt, werden sie überhaupt nie geschlossen. 26 Die herrlichsten Schätze und Kostbarkeiten der Völker werden in die Stadt gebracht. 27 Aber etwas Unreines wird dort niemals Einlass finden.     (Neue Genfer Übersetzung)

 Eine Werkstatt für himmlische Gesellschaft sollte ja wohl wahrscheinlich Dinge entwickeln, die jetzt schon etwas vom Himmel sichtbar machen. Deshalb will ich kurz vier „Produkte“ der Werkstatt beschreiben, die sich aus der Beschreibung der himmlischen Gesellschaft in der Johannesoffenbarung ergeben.

Sonnenuntergang auf dem Refugiodach

Sonnenuntergang auf dem Refugiodach

1. Das erste verblüffende „Produkt“ ist, dass Gott offenbar überhaupt kein Interesse hat an einem Himmel, der mit der Erde nichts mehr zu tun hat, einen Himmel, der nur als ewige Belohnung auf die Gerechten wartet. Da will Gott überhaupt nicht wohnen. Sondern er zieht um, höchst persönlich: Vom Himmel auf die Erde. »Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen! Gott wird in ihrer Mitte wohnen; sie werden sein Volk sein. «

Genau durch diesen Umzug Gottes wird die Erde rundum erneuert. Am Ende der Zeiten. Blog 35-9Und zwar endgültig. Aber damit bringt er ja nur zu Ende, was er längst schon angefangen hat. Einer der Berichte über Jesus, das Johannesevangelium, sagt: In Jesus ist Gottes Wort schon in die Welt gekommen und „wohnte unter uns.“

Wir merken: Himmlische Gesellschaft hat eine Menge damit zu tun, wo Gott wohnt. Und deshalb wünschen wir uns von Herzen, dass Gott auch hier im Refugio wohnt. Nein, eigentlich haben wir es in den zurückliegenden Wochen schon erleben dürfen, dass er das längst tut.

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Aber wer wohnt da denn noch?
Damit kommen wir zum

  1. „Produkt“. Wir lesen V 3 und 4: „Sie werden sein Volk sein – ein Volk aus vielen Völkern, und er selbst, ihr Gott, wird immer bei ihnen sein. 4 Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen, und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein.“
Zimmernachbarn im Refugio

Zimmernachbarn im Refugio

Ein Volk aus vielen Völkern. Auch in diesem Sinne wollen und dürfen wir uns „Werkstatt für himmlische Gesellschaft“ nennen. Was diese Gesellschaft aber vor allen anderen auszeichnet, ist folgendes: Hier werden Traumata geheilt. Geschichten angehört, egal wie erschütternd sie sind. Familientragödien und Fluchtgeschichten. Geschichten von Chancenlosigkeit und Verzweiflung. Von Verfolgung und Gewalt. Da dürfen Tränen fließen und werden dann behutsam abgewischt. Und die Angst weicht – langsam aber sicher.

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Sven Lager (rechts) stellt einige Refugiobewohner vor

3. Produkt oder Merkmal der himmlischen Gesellschaft

„Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Der Herr selbst, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm.“ (V. 22):

Das ist eine hoch interessante Aussage. Der Tempel ist das Symbol für Religionen. Bei dem Stichwort denken viele direkt an Religionskriege. Leider zu Recht. Religionen können grausamen Unfrieden säen. Wenn jede darauf beharrt, allein recht zu haben.

Nach der Vorstellung der Bibel werden am Ende die Religionen abgeschafft. Und an die Stelle tritt eine unmittelbare Beziehung zum lebendigen Gott. Wir Christen können dabei nicht anders als an Jesus denken, dass Lamm Gottes, der mit seinem Leben und Sterben die grenzenlose Hingabe Gottes gezeigt hat. Jedenfalls wird dann keine Religion mehr nötig sein. – Wenn zum Refugio auch eine Art Stadtkloster gehört und Gottesdienste usw., dann nicht etwa, weil wir die christliche Religion anderen überstülpen wollten, sondern weil wir Raum schaffen wollen, in dem Menschen jetzt schon dem lebendigen Gott selbst begegnen können.

(4.) Ein letzter Punkt, was wir aus der Offenbarung als Werkstatt für himmlische Gesellschaft lernen können:

24 Die Völker werden in dem Licht leben, das von der Stadt ausgeht, und von überall auf der Erde werden die Könige kommen und ihren Reichtum in die Stadt bringen. 26 Die herrlichsten Schätze und Kostbarkeiten der Völker werden in die Stadt gebracht. 27 Aber etwas Unreines wird dort niemals Einlass finden.    

Alle Völker haben etwas einzubringen. Da wird auch nicht mehr in Hilfsbedürftige und Helfer eingeteilt, sondern jeder hat etwas beizusteuern in die himmlische Gesellschaft. Aber! Nicht alles hat dort Platz. Was die Gemeinschaft untereinander und mit Gott stört, bekommt da keinen Raum zur Entfaltung mehr: Das gehört da nicht hin. Darf nichts mehr kaputt machen.

Sharehaus Refugio, eine Werkstatt für himmlische Gesellschaft. Noch vieles muss sich da entwickeln. Aber hoffentlich wird genau das geschehen unter Gottes Segen.

Amen

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Blog 35-14Im Anschluss an den Gottesdienst gab es arabisches Essen aus der Küche im vierten Stock – und dann interkulturelle live-Musik auf verschiedenen „Bühnen“, jeweils heftig umjubelt: z.B. die Singer-Songwriterin vom Kreuzbergprojekt, die auch den Gottesdienst mitgestaltet hatte.

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Und ganz besondere Begeisterung kam auf, als Jean Samara, unser erster Syrienflüchtling im Sharehaus 1 – ein begnadeter Musiker -, mit einer spontan zusammengestellten Musikgruppe syrische Lieder sang – und andere junge Syrer dazu klatschten, mitsangen, tanzten und übers ganze Gesicht strahlten. Was muss das für ein Gefühl sein, fern der zerstörten Heimat und nach unsäglicher Flucht so angekommen zu sein!Blog 35-12

Sharehaus Refugio. Ein bisher in Deutschland einzigartiges Projekt, wie RTL in seinem fast 6-minütigen Fernsehbeitrag vorige Woche feststellte.

Und für mich nach fast einjähriger intensiver Planungsarbeit ein echtes Erfolgserlebnis. Erst recht im Vergleich zu dem gespenstischen Ambiente, das hier noch vor drei Monaten in dem zum großen Teil leerstehenden düsteren Gebäude herrschte. Jetzt brummt das Haus vor Leben! Eine Werkstatt für himmlische Gesellschaft eben.