Befreiungstheologie im Berliner Dom ?

Vor einigen Wochen habe ich ja schon mal von den verschiedenen Andachten berichtet, die wir von der Berliner Stadtmission gestalten.
Dabei haben die Domandachten den größten und breitesten Zuhörerkreis (bei meinen letzten Domandachten zw. 70 und 150). Die besondere Herausforderung dabei ist es, im Rahmen eines kurzen liturgischen Ablaufs mit sehr schöner Orgelmusik und einem gemeinsamen Lied innerhalb von 3 – 5 Minuten einen Gedanken des christlichen Glaubens (ich halte mich in der Regel die Tageslosung) so auszulegen, dass er für Touristen wie Menschen aus der Gemeinde, für bewusste Christen wie für rein kulturell Interessierte verständlich und im besten Fall sogar relevant ist. Für alle sollte etwas von der befreienden Kraft des Evangeliums deutlich werden. Und die Nicht-Deutschsprechenden sollten wenigstens atmosphärisch etwas mitbekommen und den Segen Gottes spüren.  Das Ganze im Rahmen eines kurzen liturgischen Ablaufs mit sehr schöner Orgelmusik und einem gemeinsamen Lied.

Inwieweit mir das jeweils gelingt, weiß ich nicht. Immerhin gibt es nach der Andacht immer ein paar Leute, die ein kurzes Gespräch suchen.
Den beeindruckenden, spätromantischen Klang der riesigen Sauer-Orgel von 1905 mit ihren 4 Manualen, 113 Registern und 7269 Pfeifen kann ich Euch natürlich nicht übermitteln.
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Aber ich will Euch wenigstens die Gelegenheit geben, mal eine Andacht zu lesen (wobei sich natürlich das gesprochene und das geschrieben Wort auch nochmal unterscheidet): Die Abendandacht zur Tageslosung am Mittwoch, 13.August, mit dem Versuch einer kleinen „Befreiungstheologie“ für Berlin:

Wenn man das erste Mal auf dem „Lustplatz“ vor dem Berliner Dom steht und erst recht, wenn man dann hier in die „Predigtkirche“ hereinkommt und sich umschaut, kann man den Eindruck bekommen: Kirche gehört zu den Reichen und Mächtigen dieser Welt. So viel Pracht, soviel Gold…
In der Tat: der Berliner Dom wurde gebaut, um für das Deutsche Kaiser-Reich „ein repräsentatives Gotteshaus“ zu erhalten, „das sich mit den großen Kirchen der Welt messen“ könnten sollte. Alles andere entsprach nicht mehr den damaligen Ansprüchen vor 120 Jahren. 1905 wurde er von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht. Heute zählt das Gebäude zu den berühmten Kulturgütern Berlins, und um das alles zu erhalten, werden Tag für Tag große Geldsummen benötigt.
Ist das nicht ein Widerspruch zur Lehre Jesu, zur Lehre der Bibel?

Der Spruch für den heutigen Tag, die sog. Tageslosung, ist ein Vers aus dem Propheten Jesaja, den Jesus 500 Jahre später ausdrücklich für sich in Anspruch genommen hat. Es war der Bibeltext für seine Antrittspredigt in Nazareth:
Jes 61,1: „Der Herr hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit.“

Die Befreiungstheologen besonders in Lateinamerika und Asien haben während der zurückliegenden etwa 50 Jahre entdeckt, dass das Evangelium von Jesus Christus eine klare Option für die Armen darstellt. Und das man nicht über christlichen Glauben reden darf, wenn man nicht zugleich anprangert, wo Menschenrechte und Menschenleben mit Füßen getreten werden. Wo die Konzerne den Grund und Boden an sich reißen, die Menschen von ihrem Land vertreiben und die Regenwälder abholzen. Wo sich alles nur um die Zuwachsraten der Besitzenden dreht. Reichtum erscheint hier als das Bösen, das alles Leid verursacht.
Papst Franziskus hat diesen Gedanken ja aufgegriffen und predigt und lebt ihn in beeindruckender Weise.

Umgekehrt sagt eine große Kirche in Westafrika: Armut ist das Böse, von dem die Menschen zu befreien sind. Und zwar, indem die Reichen spenden und die Armen lernen, wie man reich wird.
Was für ein Gegensatz der Deutungen!
Ich glaube aber, dass Jesus noch etwas anderes gemeint hat und gar nicht so sehr materielle Armut oder Reichtum im Blick hatte, sondern ein Elend, eine Unfreiheit, die quer durch alle Schichten geht: „Zerbrochene Herzen“ sind keine Frage von sozialer Stellung. Gefangenschaft etwa in Sucht, findet sich bei Reichen wie bei Armen. Nicht Reichtum oder Armut an sich ist Böse, aber beides führt häufig in großes Elend, auch wenn dieses Elend ganz verschiedene Gesichter trägt.

Jesus möchte die versklavenden Mechanismen, die krankmachenden Strukturen und die dazugehörigen desaströsen Entscheidungen überwinden, durchbrechen und heilen. Mit seinem Leben und Sterben hat er die Macht des scheinbar Zwangsläufigen entlarvt und entkräftet. In seinen Fußspuren finden wir Alternativen zu dem, was uns und andere kaputt macht. Ein alternatives Lebenskonzept, das uns befreien kann.
Und genau das können sie auch hier im Dom finden:
Dort oben in der Kuppel steht es zwischen den Bildern und den farbigen Fenstern der Laterne, die Seligpreisungen Jesu:
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich. – Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. – Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden. – Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. … Befreiung für Arme und Reiche.

Selig, wer sich dafür öffnet.
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Gebet
Herr Jesus Christus,
du siehst all das Elend, unter dem Menschen leiden und das wir uns oft gegenseitig zufügen. Du kennst all die Unfreiheiten und Sklavereien. Du fühlst mit jedem zerbrochenen Herzen, in der Weite der Welt und auch bei uns.
Heile und stärke, entlarve und befreie du durch dein Wort und deinen Geist.
Und bewege uns, dir zu folgen, du Heiland der Welt.

Amen

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Für die Studio-Produktion meines neuen Liedes zum Leitbild der Berliner Stadtmission (siehe vorletzter Blog „Werkstatt für Himmlische Gesellschaft“) sind schon die ersten beiden Spenden eingegangen. Herzlichen Dank dafür!

 

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