Toleranz und Intoleranz

Theaterbesuch im „Berliner Ensemble“. Kurz vor Weihnachten hatten wir es endlich geschafft, den Abschiedsgutschein vom Arbeitskreis Stadtteilbüro in Köln-Flittart einzulösen. Denn die bekannten Stücke sind in diesem traditionsreichen Brecht-Theater schnell ausgebucht.

WP_20141216_19_20_16_Pro-comprNun also: Nathan der Weise von Schiller.

Das große, klassische Stück zum Thema Toleranz, berühmt u.a. durch die Ringparabel, die der Jude Nathan – trotz schlimmsten Pogromerfahrungen durch christliche Tempelherren nicht zynisch geworden – dem Sultan erzählt: Drei Königssöhne haben von ihrem sterbenden Vater jeder einen baugleichen Ring erhalten. Dabei dürfte es doch nur einen echten Königsring geben, der „vor Gott und Menschen angenehm macht“. Mit ihrem Streit gehen sie zum weisen Richter, der ihnen sagt, jeder dürfe sich der Liebe des Vaters gewiss sein und die Echtheit seines Ringes annehmen. Ihre Aufgabe sei es nun einfach, „den Beweis des Geistes und der Kraft“ anzutreten.

Zurück ins Berliner Ensemble. Zu unserer sehr begrenzten Begeisterung füllen sich Parkett und Logen zu ca. 2/3 mit Schülern. Oberstufenschülern, aber was heißt das schon. Fünf Minuten vor Beginn tritt ein Mann – vermutlich der Intendant – vor die Bühne und bittet in das Getöse hinein um Ruhe. Es dauert, bis er gehört wird. Und dann hält er eine flammende Rede an die Schülerinnen und Schüler, von denen, wie er sagt, die meisten wohl nicht freiwillig da seien. Aber nun sollten sie die Handies ausmachen, alles andere beiseite schieben und sich auf das Theaterstück einlassen. Es  könne für ihr Leben große Bedeutung bekommen. Wer sich darauf aber nicht einstellen wolle, solle lieber direkt nach Hause gehen! Werbende, aber zugleich kompromisslos klare Worte vorneweg: Läppisches, unangemessenes Verhalten, mit dem man sich und anderen den Abend verdirbt, wird hier beim großen Toleranz-Theater nicht toleriert.

WP_20141216_19_20_44_Pro comprIst das nicht ein Widerspruch? Aber: siehe da, es wird still. Und nicht nur wir, sondern auch die Schüler verfolgen eine eindrückliche, z.T. humoristische, aber oft auch unter die Haut gehende Inszenierung, bei der die Botschaft sehr deutlich wird.

Ein Theaterbesuch, der sich gelohnt hat aus mehreren Gründen.

Toleranz ohne Intoleranz ist eine unbrauchbare, ja gefährliche Tugend. Aber Intoleranz ohne Toleranz ist Diktatur.

MAUER-Panorama im asisi Panometer beim Checkpoint Charlie

MAUER-Panorama im asisi Panometer beim Checkpoint Charlie

Ich lese gerade einen hochinteressanten, neuen Aufsatzband der Kirchlichen Hochschule Wuppertal: „Was heißt hier Toleranz. Interdisziplinäre Zugänge“ (Hg. von A. Bieler / H. Wrogemann). Vieles davon finde ich sehr hilfreich für das, was in diesen Wochen in Deutschland und erst recht in Frankreich los ist. Ereignisse, die uns alle wohl sehr beschäftigen, die ich hier aber nicht direkt kommentieren will. Es wird m.E. dazu genug gesagt und geschrieben.

Statt dessen will ich ein paar Auszüge aus dem Buch zitieren bzw. zusammenfassen.

1. Begriffsbestimmungen:

Der Begriff Toleranz ist mehr als schillernd. Deshalb macht es Sinn sich jeweils klar zu machen, was gerade konkret gemeint bzw. gefordert ist. Hier einige Bedeutungen (jeweils mit Seitenzahl, falls es jemand nachlesen will):

  • „Aufhören, gegen das zu kämpfen, was man nicht ändern kann“. (90)
  • „Ertragen von Schmerz oder Härten“; geduldig und nachsichtig mit Anderen sein. (132)

Im Sinne dieser Bedeutungen tolerieren wir als Familie z.B. den zeitweise erheblichen Lärm der Familie in der Hochhaus-Wohnung über uns.

  •  „Gestatten oder Erlauben“; „Duldsamkeit“; „begrenzte Widerstandsfähigkeit“; „zulässige Differenz zwischen der angestrebten Norm und den tatsächlichen Maßen oder Mengen“ (132).

Zu letztem Punkt fällt mir meine frühere Schülerferienarbeit in der Getriebebaufirma ein, in der mein Vater Prokurist war. Dort habe ich z.T. auf riesigen Maschinen in Akkordarbeit Zahnräder gefräst. Wie wichtig war es, regelmäßig zu überprüfen, ob man die Toleranz nicht überschritten und teuren Schrott produziert hat!

Insgesamt ist aber festzuhalten, dass es einen großen Unterschied macht, ob man aus der Position des Überlegenen oder des Unterlegenen Toleranz übt. Und dass jede Toleranz notwendigerweise Grenzen hat, die jeweils neu ausgehandelt, ausprobiert und manchmal auch erkämpft werden müssen. Andernfalls ist sie nicht ernstzunehmen. Das Ziel von Toleranz muss doch immer sein, das Leben, den Frieden usw. zu schützen und zu fördern – und nicht durch Laschheit zu gefährden.

Im Konfirmandenunterricht in der Gemeinde in Köln habe ich große Toleranz geübt hinsichtlich dessen, was die Konfis sagen und glauben „durften“. Aber hinsichtlich ihres Beteiligungsverhaltens gab es klare Grenzen. Wer die notorisch überschritt, konnte mich als überraschend ungemütlich erleben. Dabei habe ich aber immer versucht, den schwierigen Konfis als Person mit Respekt zu begegnen. Respekt ist eine bessere Grundlage für Auseinandersetzungen als Toleranz.

Dass Toleranz und lebensdienliche Intoleranz auch eine Menge mit Humor zu tun haben können, sieht man an folgendem historischen Geschehen, von dem Siegfried Kreuzer in seinem Aufsatz „Die josefinische Toleranz – bescheiden aber selbst auferlegt“ berichtet. Die Rede ist toleranzpatent_Josef IIvom Österreichischen Kaiser Josef II., der 1781 mit dem sogenannten Toleranzpatent die Religionsfreiheit einführte.

Ich finde das ebenso aktuell wie köstlich und möchte daraus zum Abschluss einen längeren Abschnitt zitieren:

„Kaiser Josef war also tolerant. In diesem Geiste der Toleranz erließ er weitere Toleranzpatente, nämlich auch für die Juden und für andere Religionsgruppen. Diese Toleranz war für nicht wenige Menschen ein ungeheures Ärgernis. Wie konnte man Ketzern, Juden und irgendwelchen Sektierern erlauben, nicht die alleinige Wahrheit der römisch-katholischen LKirche anzuerkennen? Die Toleranz von Josef II. rief nicht nur Dankbarkeit hervor, sondern auch Protest und Polemik. Zur Polemik gegen den Kaiser gehörte ein Flugblatt, das in Wien verbreitet wurde (…). Auf dem Bild sieht man Christus am Kreuz und an der Spitze der Verehrer den Kaiser, so wie es sich für den Kaiser gehört. Gegenüber stehen die Vertreter der verschiedenen Konfessionen und Religionen (in einer erstaunlichen Vielfalt), denen Josef II. Toleranz gewährt hatte. Dieses Flugblatt verspottete den Kaiser und war üble Majestätsbeleidigung. Maria Theresia und ihre Minister hätten sicher die Geheimpolizei auf die Verfasser dieses Flugblattes angesetzt. – Josef II. verordnete nicht nur Toleranz, er war auch für sich tolerant und hattte wohl auch Humor: Er ließ das Flugblatt nachdrucken und verkaufen. Den Erlös erhielten die Protestanten (d.h. die Lutheraner und die Reformierten…) für den Bau ihrer beiden Kirchen in Wien.

Obwohl der Vorrang der „dominanten“, d.h. der katholischen Religion massiv gewahrt blieb, fanden nicht alle die Toleranz gut, insbesondere der Papst. Nachdem diplomatische Interventionen nichts genützt hatten, macht sich Pius VI. persönlich auf den Weg nach Wien, um den Kaiser umzustimmen. Jetzt war Josef nicht so tolerant. Er ließ den Papst in Schönbrunn, damals weit außerhalb von Wien, Quartier nehmen und ließ ihn einige Zeit warten. Irgendwann kam es dann doch zu einem Gespräch, das nicht sehr erfolgreich war, jedenfalls nicht für den Papst. Nach drei Wochen Untätigkeit und Erfolglosigkeit reiste der Papst wieder ab.“ (S. 64-66).

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